Dieser Artikel erschien am 23.09.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Sascha Zoske

Inklusion in der Schule : Ohne Kontrolle und Disziplin geht es nicht

Inklusion kann gelingen, ist aber mit Schwierigkeiten verbunden, gerade bei besonders aggressiven oder unkonzentrierten Kindern. Ein Frankfurter Uni-Psychologe gibt Ratschläge für den inklusiven Unterricht.

Pappmänchen bilden einen Kreis
Wie gelingt die Inklusion?
©iStock

Dass Inklusion funktionieren kann, weiß Frank Borsch aus eigener Anschauung. Seine beiden Töchter sind auf Schulen gegangen, in denen behinderte und nicht­behinderte Kinder gemeinsam unter­richtet werden. Auch ist der Akademische Ober­rat der Goethe-Universität des Öfteren selbst in Schulen mit inklusivem Anspruch zu Gast: Als Aus­bilder betreut er Studenten, die sich in Praktika auf den Lehrer­beruf vor­bereiten. Erst kürzlich hat Borsch die Römer­stadt­schule besucht – die Frank­furter Grund­schule war 2014 für ihr Inklusions­modell im Wett­bewerb um den Deutschen Schulpreis mit einem zweiten Preis aus­gezeichnet worden.

Dem Dozenten sind aber auch die Schwierig­keiten nicht verborgen geblieben, die das gemeinsame Lernen sehr unter­schiedlich begabter Schüler mit sich bringt. Gerade wenn Team­arbeit gefordert ist, stoßen die Bemühungen der Lehrer öfter an Grenzen. Um angehenden und schon im Beruf stehenden Pädagogen Hilfen an die Hand zu geben, hat Borsch, der am Institut für Psycho­logie lehrt, ein Buch geschrieben: In dem kleinen Band erklärt er, wie inklusiver Unterricht in der Praxis aussehen kann und wie sich dessen Erfolg beurteilen lässt.

Schon im Vorwort gibt sich Borsch als „großer Befür­worter“ der Inklusion zu erkennen. Er gibt aber zu, dass es „noch ein langer Weg bis zu einer wirklich inklusiven Gesell­schaft ist“. Die Effektivität des gemeinsamen Lernens wissen­schaftlich zu beurteilen sei nicht einfach – vor allem, weil es an Studien fehle, die Ursache-Wirkungs-Zusammen­hänge nach­wiesen und standardisierte Tests verwendeten. Inter­nationale Forschungs­resultate deuteten aber darauf hin, dass zum Beispiel lern­beeinträchtigte Kinder an inklusiven Schulen ebenso gute, teils sogar bessere Leistungen erbrächten als an Förder­schulen.

Sorge der Eltern

In seinem Buch „aus Platzgründen“ ausgelassen hat Borsch nach eigenen Worten die Frage, wie sich Inklusion auf die Leistungen der nicht förder­bedürftigen Schüler auswirkt – ein Aspekt, der ihren Eltern oft Sorge bereitet. Auf Nach­frage teilt der Autor mit, die Sach­lage erscheine ihm ein­deutig: Normal oder hoch leistungs­fähige Schüler würden im inklusiven Unter­richt nicht benachteiligt, wenn die Lehrer ausreichend auf deren Bedürfnisse eingingen. Studien zu diesem Thema wiesen darauf hin, dass die oft bessere Aus­stattung und das stärkere Bemühen um schüler­orientierten Unter­richt in solchen Klassen allen Kindern zugute kämen.

Damit wird auch klar, woran Inklusion allzu oft scheitert – an den personellen und materiellen Vor­aus­setzungen. Borsch hebt aber hervor, dass auch günstige Rahmen­bedingungen noch keinen guten Unterricht garantierten. Entscheidend sei, dass die Lehrer das theoretische Rüst­zeug für diese Aufgabe mitbrächten. Dazu gehört für ihn das Wissen über die Anwendung von Lern­diagnostik. Nur die regel­mäßige Über­prüfung der Fortschritte stelle sicher, dass Schwierig­keiten recht­zeitig erkannt würden.

Sein Buch befasst sich auch ausführlich mit den Möglich­keiten, die ein Lehrer hat, um in seiner Klasse für ein gutes Lern­klima, aber ebenso für Disziplin und Struktur zu sorgen. Gerade Letzteres ist gefordert, wenn sozial oder emotional schwer gestörte Kinder in einer Regel­schule unter­richtet werden sollen. Hier stellt sich die Frage des Vertret­baren am dringlichsten, während der inklusive Unter­richt von Körper­behinderten mittler­weile praktisch unumstritten ist und auch die Integration von Schülern mit intellektuellen Defiziten nach Borschs Eindruck immer besser gelingt.

Kann ein Kind, das hochaggressiv oder extrem unkonzentriert ist, eine normale Schule besuchen, oder ist hier nicht doch die Förder­schule die bessere Wahl? „Ich glaube, dass es Fälle gibt, in denen Inklusion sehr schwierig ist“, sagt Borsch. Er bezweifle aber trotz­dem, dass der Besuch einer Förder­schule dann zwingend sei. Ihm erscheint es denkbar, auch solche Kinder an einer regulären Schule zu unter­richten, aller­dings womöglich getrennt von den anderen Schülern. In Skandinavien werde das so praktiziert. „Bedeutet Inklusion, dass alle immer im gleichen Raum unter­richtet werden? Ich meine, nein.“

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