Dieser Artikel erschien am 19.06.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Lisa Duhm

Rechtsstreit mit der Schule : „Oft geht es um die Eitelkeiten der Eltern“

Die Tochter kriegt in Deutsch eine Sechs – und natürlich ist die Schule schuld. Wann sich eine Klage lohnt, erklärt Rechts­experte Thomas Böhm im Interview.

Lehrerin teilt Arbeiten aus
©Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Herr Böhm, Sie sind Spezialist für Schulrecht. Wann würden Sie die Schule Ihres Kindes verklagen?
Böhm: Ich würde sehr genau abwägen. Es sollte um wirklich wichtige Dinge gehen, einen Schulverweis oder eine Versetzung etwa. Wenn ich dann die Begründung der Schul­leitung auch noch für unplausibel halte, würde ich eine Klage in Betracht ziehen. Am wichtigsten ist aber, dass es tatsächlich um eine rechtliche Angelegenheit geht.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es um eine einzelne Note geht, raten Sie also von einer Klage ab?
Böhm: Rechts­mittel ergeben nur Sinn, wenn es sich um eine Rechtsfrage handelt. Ein Beispiel: Wenn ein Lehrer eine Klassen­arbeit meines Kindes nicht in die Halb­jahres­note einrechnet, dann ist das rechts­widrig. Dagegen kann ich also mit rechtlichen Mitteln vorgehen. Wie der Lehrer diese Arbeit aber beurteilt hat, lässt sich nicht anfechten. Wenn ich als Vater etwa finde, er hat zu wenige Punkte vergeben, ist das eine pädagogische Einschätzung. Kein Grund für eine Klage.

SPIEGEL ONLINE: Das sehen viele Eltern wahrscheinlich anders.
Böhm: Bei dem Thema sind viele Emotionen im Spiel. Das ist ganz normal, wenn es um das eigene Kind geht. Manchmal fragt man sich aber schon: Wer macht denn so was? In so einem Fall gelingt es selbst Anwälten nicht, Eltern klar­zu­machen, dass eine Klage keine Erfolgs­aus­sichten hat. Wie in dem Fall einer Schülerin, die ihren Abschluss wegen zu vieler Fehl­stunden nicht geschafft hatte. Ihre Eltern klagten auf Schadens­ersatz gegen einen Lehrer, der die Tochter vor längerer Zeit des Unterrichts verwiesen hatte – wegen dieser emotionalen Beeinträchtigung sei sie nicht mehr in der Lage gewesen, regel­mäßig den Unterricht zu besuchen, so die Argumentation der Eltern. Sie haben das Verfahren natürlich verloren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Fälle, in denen sich eine Klage eindeutig lohnt?
Böhm: Natürlich. Wenn die Schule einen klaren Rechtsbruch begangen hat, dann sollte ich dagegen vorgehen. Wenn also mein Kind seine Versetzung nicht geschafft hat und sich heraus­stellt, dass die Versetzungs­konferenz gar nicht in Betracht gezogen hat, eine schlechte Note durch eine andere auszugleichen. Schlechter Unterricht oder ungerechte Behandlung dagegen sind keine Rechtsprobleme. Einige Eltern haben da ihre elterlichen Aufgaben meiner Meinung nach nicht ganz verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Was verstehen diese Eltern falsch?
Böhm: Es geht da um die Grundeinstellung. Der elterliche Auftrag ist, in vertrauens­voller Zusammen­arbeit mit der Schule das Beste für das Kind zu erreichen. Und nicht, vorrangig nach rechtlichen Ansprüchen zu suchen. Konflikte gibt es immer, das ist klar, wenn ein Kind zwölf oder dreizehn Jahre lang zur Schule geht. Die Frage ist, wie ich als Elternteil damit umgehe. Oftmals nutzen Eltern den Konflikt mit dem Lehrer als Schau­platz. Sie haben das Gefühl, sich mehr um das Kind kümmern zu müssen, es fehlt ihnen aber die Zeit dafür. In diesem Moment wollen sie beweisen, wie sehr sie sich für ihre Tochter oder ihren Sohn engagieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Emotionen der Eltern sind also das eigentliche Problem?
Böhm: Bei rechtlichen Auseinandersetzungen geht es oft auch um die Eitelkeiten der Eltern, ja. Wer eine Klage in Betracht zieht, sollte so sachlich wie möglich die eigenen Beweggründe klären und sich die Frage stellen: Geht es hier wirklich um das Wohl meines Kindes? Oder nur darum, meine eigenen Ziele durch­zu­setzen? Das eigene Kind ist da übrigens häufig ein hilfreiches Korrektiv. Ein Unterrichts­aus­schluss kann für die Eltern ein Drama sein. Das betroffene Kind sieht die Sache mitunter deutlich entspannter – und findet vielleicht sogar, dass die Schule mit der Strafe nicht ganz Unrecht hat.