Gesundheitskonzept : „Niemand muss Scheu haben, über Stress zu sprechen“

Wie schaffen es Lehrkräfte und Lernende, möglichst gesund durch die Corona-Krise zu kommen? Das Willy-Brandt-Berufskolleg in Duisburg hat ein eingespieltes Gesundheitskonzept, das sich in der Pandemie besonders bewährt. Wichtige Eckpfeiler: Stressfaktoren werden offen benannt und Zuständigkeiten klar geregelt. Und da die Gesundheit Vorrang hat, unterrichten die Lehrerinnen und Lehrer hier während der Pandemie mit Abstand und geteilten Lerngruppen.

Florentine Anders / 22. Oktober 2020
Gruppenbild mit Schulleiter
Das Willy-Brandt-berufskolleg gehörte zu den 15 nominierten Schulen für den Deutschen Schulpreis 2020. Das besondere Gesundheitskonzept sorgt für ein angenehmes Arbeitsklima für die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler.
©Dominik Asbach

Der Krankenstand des Kollegiums am Willy-Brandt-Berufskolleg liegt seit Jahren unter dem Durchschnitt von Nordrhein-Westfalen – selbst jetzt, wo die Corona-Pandemie und Grippezeit zusammenkommen, sind nur 2,3 Prozent des Kollegiums krankgeschrieben. Auch Schülerinnen und Schüler fehlen selten. Dabei wäre die berufliche Schule in Duisburg mit mehr als 1.000 Schülerinnen und Schülern im jungen Erwachsenenalter geradezu dafür prädestiniert, zu einem Corona-Hotspot zu werden.

Für die ungewöhnlich starke Resilienz an dieser Schule sorgt ein spezielles Gesundheitskonzept. Das Konzept gibt es bereits seit fünf Jahren, und seither hat sich der Krankenstand kontinuierlich verringert. Jetzt, während der Corona-Pandemie, konnte das Konzept seine volle Wirkung entfalten. Gleichzeitig machen es die vorhandenen Strukturen einfacher, flexibel auf die Krise zu reagieren.

Gesunde Schule beginnt beim Führungsstil

Bereits 2015 hatte die Schule mit dem Gesundheitsmanagement begonnen. „Ausschlaggebend war damals die Erkenntnis, dass generell viele Erkrankungen mit dem Führungsstil und dem Schulklima zusammenhängen“, sagt Schulleiter Helmut Richter. Deshalb habe die Schule zunächst auf allen Leitungsebenen eine sogenannte „salutogene Führungskultur“ eingeführt. Eine solche gesundheitsfördernde Führungskultur bezieht alle Beteiligten in Entscheidungen ein, jeder werde nicht nur informiert, sondern auch angehört und mit seinen Bedürfnissen ernst genommen, erklärt der Schulleiter. Wenn es zum Beispiel neue Stundenpläne gibt, kann jede Lehrkraft einen Wunsch für ihren persönlichen Stundenplan abgeben, der bestmöglich berücksichtigt wird.

Zusätzlich wurde dann schrittweise ein Gesundheitskonzept entwickelt. Das Besondere daran ist, dass dieses Konzept alle Gruppen an der Schule mit einbezieht, also auch die Schülerinnen und Schüler.

Der Vorteil auch jetzt in der Corona-Krise ist, dass jeder einen Ansprechpartner hat, wenn es zum Beispiel um Ängste, Hygieneregeln, den Einsatz von Ventilatoren oder auch um Überforderung geht.
Christoph Köhler, verantwortlich für Schulgesundheit am Willy-Brandt-Berufskolleg

Das Willy-Brandt-Berufskolleg gehört zu den wenigen Schulen, die eine Funktionsstelle für Schulgesundheit im Schulleitungsteam besetzt hat. Seit einem Jahr ist der Lehrer Christoph Köhler dort für die Schulgesundheit verantwortlich. „Der Vorteil auch jetzt in der Corona-Krise ist, dass jeder einen Ansprechpartner hat, wenn es zum Beispiel um Ängste, Hygieneregeln, den Einsatz von Ventilatoren oder auch um Überforderung geht“, sagt Köhler. Natürlich gebe es gerade jetzt, in Zeiten von Corona, zusätzliche Stressfaktoren. Aber niemand müsse Scheu haben, darüber zu sprechen. Im Gegenteil. Neue Herausforderungen wie zum Beispiel das Einführen digitaler Konferenz-Tools würden dann gemeinsam angegangen.

Keine E-Mails am Wochenende

Köhler ist Lehrer für die Fächer Wirtschaft sowie Sport und Gesundheitsförderung und sieht darin auch seinen Bildungsauftrag. „Wir versuchen, den Jugendlichen zu vermitteln, wie sie einen gesunden Arbeitsplatz gestalten – und das sollten wir schon in der Schule vorleben. Das reicht von der Arbeitsorganisation über die Bewegung bis hin zum Essen“, sagt er. Während des Wechsels von Präsenzunterricht und Distanzlernen hilft beispielsweise die bereits seit Langem bestehende Vereinbarung, dass E-Mails grundsätzlich am Wochenende und nach Feierabend nicht gelesen werden müssen. Das habe sich die Schule vom VW-Konzern abgeschaut. Wer ohne Not E-Mails außerhalb der festgelegten Zeiten verschickt, wird freundlich an diese Vereinbarung erinnert. Das gilt ebenso für die Schülerinnen und Schüler – eine Vermischung von Freizeit und Schule sollte es auch für sie möglichst nicht geben. Natürlich gelingt das nicht immer. „Gerade jetzt gibt es dringende Fälle, die sofort entschieden werden müssen, zum Beispiel bei Fragen zur Quarantäne“, sagt der Schulleiter.

Das Willy-Brandt-Berufskolleg hat beschlossen, in großen Klassen bei Bedarf zeitweise den Hybrid-Unterricht durchzuführen, obwohl landesweit seit Beginn des Schuljahres wieder der Regelunterricht gilt. „Wir haben große Klassen mit bis zu 30 Schülerinnen und Schülern, die im Normalfall auf 65 Quadratmetern zusammensitzen“, sagt Schulleiter Richter. Wichtig für das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler sei, dass sie regelmäßig in der Schule sind und auch feste Zeiten für den Unterricht zu Hause haben. 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler hätten sich in einer Befragung Präsenzunterricht gewünscht. Dass die Jugendlichen hier so genau wissen, was ihnen guttut, liege auch an der Arbeitsgemeinschaft „Glück“, in der sie lernen, ihren Alltag zu managen und einen Lebensplan für sich selbst zu entwerfen. Ein Beratungsteam aus Vertrauenslehrerinnen und Vertrauenslehrern steht den jungen Menschen zur „Lebens- und Konfliktberatung“ bereit.

Veränderte Unterrichtsorganisation während der Pandemie

„Wir können im Bedarfsfall die normalen Unterrichtszeiten und Stundenpläne beibehalten – nur dass eben immer nur die Hälfte der Gruppe abwechselnd in der Schule vor Ort ist und die andere Hälfte die Stunde per Videokonferenz verfolgt“, sagt der Schulleiter. Abstände können so eingehalten werden, die Gruppen sind kleiner, und trotzdem gibt es den Austausch mit den Mitschülerinnen und Mitschülern. Dadurch ist es auch möglich, bei einem Corona-Verdachtsfall sofort flexibel zu reagieren – das gebe allen mehr Sicherheit. Dabei gilt  auch für die Schülerinnen und Schüler zu Hause Präsenzpflicht zu den Unterrichtszeiten. Die feste Tagesstruktur bleibe erhalten, und genau dieser Punkt sei den Jugendlichen wichtig gewesen.

Als Nächstes wird sich die Schule nun mit dem Lüftungskonzept und dem Einsatz von Ventilatoren beschäftigen – geplante Projekte wie der „Gesundheitstag“ oder der „Blutspendetag“ liegen erst mal auf Eis.

Auf einen Blick

Vor fünf Jahren wurde am Willy-Brandt-Berufskolleg in Duisburg ein umfassendes Konzept der Schulgesundheit mit allen Beteiligten vereinbart. Durch regelmäßige Befragungen wird das Konzept evaluiert. Wichtige Elemente des Gesundheitskonzepts:

  • Entlastung von Verwaltungsaufgaben durch Dokumentenmanagement und Minimierung von Verwaltungsaufgaben
  • Vereinbarungen zur internen Kommunikation, die helfen sollen, psychische Belastungen zu minimieren (z. B. „keine Dienst-Mails am Wochenende ab Freitag, 15 Uhr“)
  • pausenfreundliches Lehrerzimmer und Ruheraum
  • Konzept „Gesunde Schule“ mit Blick auf Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte
  • salutogene Führungsprinzipien, die die Gesundheit der Lehrkräfte nicht beeinträchtigen
  • nach Möglichkeit Berücksichtigung der Einsatz- und Zeitwünsche der Kolleginnen und Kollegen bei der Stundenplanung u. v. m.
  • regelmäßige Lehrerbefragungen zu Aspekten der Lehrergesundheit und Gesundheitsfürsorge, der psychischen Belastung und des Arbeitsklimas