Gegen den Konsens der Ministers : Niedersachsens Schüler dürfen bei Abiturprüfungen gendern

Niedersachsens Kultusministerium will bei Abiturprüfungen gegenderte Schreibweisen mit Binnenzeichen zulassen. Damit geht das Bundesland einen Sonderweg.

Dieser Artikel erschien am 24.02.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Niedersächsische Abiturienten in einem Klassenzimmer
Niedersächsische Abiturienten in einem Klassenzimmer
©dpa

Nach den traumatischen Erfahrungen mit der Rechtschreibreform hat die Kultusministerkonferenz (KMK) den Rat für deutsche Rechtschreibung etabliert, um die Einheitlichkeit der Orthographie für Verwaltung und Schule im deutschsprachigen Raum zu sichern. Doch die Autorität des Rates, der sich im vergangenen Frühjahr ausdrücklich gegen gegenderte Schreibweisen mit Doppelpunkten, Sternchen (Asterisk) et cetera entschieden hatte, scheint zu schwinden. Nachdem Baden-Württemberg es den Schulen freigestellt hatte, Genderzeichen in Klassenarbeiten und Prüfungen zuzulassen, ist auch Niedersachsen aus dem Rechtschreibkonsens der KMK ausgeschert.

„Aufgrund mehrfacher Anfragen möchten wir klarstellen, dass gegenderte Texte (z. B. Schüler:innen) in den unterschiedlichsten Schreibweisen zwar nicht dudenkonform sind, in Abiturprüfungen jedoch nicht als Fehler gewertet werden“, heißt es in einer Verlautbarung der niedersächsischen Kultusbürokratie. Der Vorsitzende des Rats für deutsche Rechtschreibung, Josef Lange, wies gegenüber der F.A.Z. darauf hin, dass das Regelwerk von den staatlichen Stellen beschlossen wurde und für Schule und Verwaltung bindend ist.

„Wenn ein Land sich vom amtlichen Regelwerk verabschiedet, verabschiedet es sich auch von der Einheitlichkeit der Rechtschreibung im deutschen Sprachraum“, das sei ein Rückfall in die Zeit vor 1903. Gegenderte Schreibweisen mit Sonderzeichen erfüllten nicht die Kriterien, die der Rat im Blick auf Verständlichkeit, Lesbarkeit und Übertragbarkeit empfohlen habe. „Wenn staatliche Stellen sich nicht an selbst beschlossene Regeln halten“, wie solle dann Schülern und Bürgern vermittelt werden, „dass staatliche Regeln im Gemeinwesen verbindlich sind“, kritisiert Lange.

Das niedersächsische Kultusministerium hat sein Vorgehen gegenüber der F.A.Z. verteidigt und sich dabei auf die Leitlinien zur Sicherung der Chancengleichheit der KMK aus dem Jahr 2016 berufen, in denen von geschlechtersensiblen Formulierungen die Rede ist. Das Kultusministerium habe gegenüber den Regionalen Landesämtern für Schule und Bildung klargestellt, dass gegenderte Texte nicht im amtlichen Regelwerk vorgesehen sind, aber nicht als Fehler gewertet werden sollen.

„Die linguistische Debatte um geschlechtergerechte Sprache, die oftmals nahtlos in eine weltanschauliche Debatte übergeht, sollte nicht auf dem Rücken der Prüflinge ausgetragen werden“, teilte das Ministerium der F.A.Z. mit. Verbindlich „im schulischen Kontext ist und bleibt allerdings das vom Rat für deutsche Rechtschreibung herausgegebene amtliche Regelwerk“, bekräftigt es gleichzeitig. In anderen Ländern geht man mit Verstößen gegen sprachliche Normen klarer um: Unter Verweis auf den Rat für deutsche Rechtschreibung wertet Schleswig-Holstein Genderschreibweisen mit Binnensonderzeichen als Rechtschreibfehler in Klassenarbeiten und Prüfungen.