Nebenfächer : Gemeinsame Unterrichtsplanung als „Fernbeziehung“

Lehrerinnen und Lehrer, die Nebenfächer unterrichten, sind an ihrer Schule oft auf sich allein gestellt und haben kaum Möglichkeiten, sich auszutauschen und Unterricht gemeinsam zu planen. Zwei Lehrkräfte aus Nordrhein-Westfalen haben daher eine Kooperation über die eigenen Schulgrenzen hinweg begonnen und gemeinsam eine Unterrichtseinheit für Chemie entwickelt. Die nutzen sie nun in beiden Schulen. Und ganz nebenbei bringt dieser Blick über den Tellerrand auch neue Impulse für die Schulkultur.

Annette Kuhn 12. Oktober 2021
Chemieunterricht Schülerinnen bei einem Experiment
Gerade in Nebenfächern wie Chemie ist eine Kooperation von Lehrkräften verschiedener Schulen sinnvoll. Sie kann neue Impulse für den Unterricht geben.
©Portra/Getty Images

Die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die an einer Schule ein Nebenfach unterrichten, ist meist überschaubar. Gerade Nebenfächer, die in nur in wenigen Klassenstufen unterrichtet werden, sind in den Kollegien unterrepräsentiert. Entsprechend überschaubar sind die Möglichkeiten, sich auszutauschen oder gar Unterricht gemeinsam zu planen.

Thomas Toczkowski kennt das. Er ist Lehrer für Mathematik und Chemie an der Schiller-Schule in Bochum. Im Fach Mathematik gibt es an dem Gymnasium mit etwa 1.000 Schülerinnen und Schülern viele Kolleginnen und Kollegen, mit denen er jederzeit fachlich in Austausch gehen kann.

Für Nebenfächer gibt es im Kollegium oft wenige Lehrkräfte

Aber in Chemie? Da gibt es an der Schiller-Schule nur fünf Fachlehrerinnen und Fachlehrer, die schwerpunktmäßig oftmals auch noch andere Aufgaben an der Schule übernehmen müssen.

„Eine gemeinsame Unterrichtsentwicklung fand bislang nicht wirklich statt“, sagt Toczkowski. Manchmal liege es an der Zeit, manchmal passe die Arbeitsweise nicht zusammen. „Und wenn ich jemanden gefunden habe, mit dem ich vielleicht gut zusammenarbeiten kann, muss der ja auch noch in einer ähnlichen oder am besten in derselben Jahrgangsstufe unterrichten.“

Sein Bedürfnis nach mehr Austausch und Kooperation für Nebenfächer wie Chemie blieb. Die Lösung kam dann eher zufällig. Im vergangenen Jahr lernte er bei einer Fortbildung Sandra Schulte kennen. Wie Toczkowski unterrichtet sie Chemie, am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn im Sauerland, und wie er hatte sie gerade eine achte Klasse.

Im eigenen Kollegium hat man manchmal das Gefühl, man ist in einem eigenen Universum.
Thomas Toczkowski, Chemielehrer an der Schiller-Schule in Bochum

Die beiden blieben nach der Fortbildung in Kontakt, tauschten sich regelmäßig über Telefon oder Video aus – und tauschten dabei auch ihren jeweiligen Fundus an selbst erstelltem Unterrichtsmaterial aus. „Aber wir mussten erst mal sehen, wie der andere tickt, bevor wir dann den Entschluss gefasst haben, wirklich zusammenzuarbeiten und gemeinsam eine Unterrichtseinheit zu entwickeln“, so Toczkowski.

Und sie mussten auch erst erproben, inwieweit Kooperation als „Fernbeziehung“ überhaupt funktioniert. Schließlich liegen 85 Kilometer zwischen Bochum und Attendorn. Treffen vor Ort wären viel zu zeitaufwendig gewesen – die Zusammenarbeit musste digital stattfinden. Aber das ging wegen der Corona-Pandemie ohnehin nicht anders.

Wöchentlich eine Stunde oder mehr für den Austausch

Nach ein paar Wochen entschlossen sich beide dann dazu, gemeinsam eine Unterrichtseinheit in Chemie zu entwickeln, die sie jeweils in ihren Klassen umsetzen konnten. Seit Ostern haben sie dafür fast jede Woche eine Stunde oder länger miteinander telefoniert, sich über Videokonferenzen getroffen und gemeinsam an Dateien gearbeitet.

Herausgekommen ist ein Online-„BreakoutEdu“-Room, in dem es um die Entstehung von Salzen und die Bildung von Ionen geht – das steht in Gymnasien in NRW in den achten Klassen für Chemie auf dem Lehrplan.

Ein „BreakoutEdu“ ist eine Art Escape-Room fürs Klassenzimmer, in dem die Schülerinnen und Schüler, am besten im Team, Schritt für Schritt Aufgaben und Rätsel lösen müssen, um zum Ziel zu gelangen. Toczkowski und Schulte haben codierte PDFs oder QR-Codes genutzt, mit deren Hilfe die Schülerinnen und Schüler Stück für Stück einen fiktiven Kriminalfall lösen müssen. Vor allem aber erschließen sie sich dabei das Unterrichtsthema „Ionen“.

Zu zweit mehr Ideen für Nebenfächer

„Die gemeinsame Arbeit war sehr inspirierend und kreativ“, sagt Thomas Toczkowski im Rückblick. Zu zweit hätten sie viel mehr Ideen entwickeln können als jeder allein, und sie konnten sich die Arbeit aufteilen. Nun haben sie eine Unterrichtseinheit geschaffen, die sie sowohl im Präsenz- als auch im Fernunterricht verwenden und deren Struktur sie auf andere Themen übertragen könnten.

Außerdem haben sie über den Horizont der eigenen Schule hinausgeschaut. „Im eigenen Kollegium hat man manchmal das Gefühl, man ist in einem eigenen Universum.“ Erst im Austausch mit Sandra Schulte hat Toczkowski das gemerkt – und sich mit neuen Herausforderungen auseinandergesetzt. Die Schiller-Schule in Bochum ist schon voll digital ausgestattet – hier haben die Schülerinnen und Schüler schon vor der Corona-Pandemie mit Tablets gearbeitet. Im Gymnasium in Attendorn war das nicht der Fall. Die beiden Lehrkräfte mussten die Unterrichtseinheit also auch auf die jeweiligen Gegebenheiten abstimmen.

Soziale Netzwerke als erste Anlaufstelle

Nebenbei hätten sie sich gegenseitig auch bei anderen Themen im Schulalltag unterstützen können. „Einmal hat Frau Schulte erzählt, dass das Klassenbuch mal wieder verschwunden sei. Da war ich erst mal erstaunt, dass sie noch nicht mit einem digitalen Klassenbuch arbeitet, und konnte ihr erklären, wie das an unserer Schule funktioniert.“ Umgekehrt hat Thomas Toczkowski die langjährige Erfahrung seiner Kollegin geholfen, die Fähigkeiten und Ideen der Schülerinnen und Schüler einzuschätzen.

Die größte Herausforderung bei der Kooperation sei, geeignete Partnerinnen oder Partner zu finden. „Es braucht schon eine gewisse Risikobereitschaft – und auch die Bereitschaft, eine Extrameile zu drehen“, sagt Toczkowski. Eine niedrigschwellige Anlaufstelle seien soziale Netzwerke. Er hat allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass es in sozialen Netzwerken über einen Ideenaustausch oft nicht hinausgeht. „Von der Idee zur konkreten Umsetzung im Unterricht ist der Weg aber lang, und eins zu eins lässt sich eine Unterrichtsidee gar nicht umsetzen.“ Mit den Fragen, die dabei aufkommen, bleibe man bei Twitter, Instagram oder Facebook allerdings oft allein.

Schulartübergreifende Zusammenarbeit für Nebenfächer

Denkbar wäre für Thomas Toczkowski auch, einfach mal Kontakt zu einer Nachbarschule aufzunehmen. Kurze Wege, übereinstimmende Lehrpläne und ein ähnliches Umfeld könnten die Zusammenarbeit erleichtern. Aber auch Lehrkräfte verschiedener Bundesländern könnten in Nebenfächern zusammenarbeiten: „Es ist ja interessant, zu sehen, wo anderswo Schwerpunkte gesetzt werden.“

Ebenso kann er sich eine schulartübergreifende Kooperation für Nebenfächer vorstellen: Denkbar sei zum Beispiel, eine Unterrichtseinheit in Chemie zu entwickeln, die in einer achten Klasse im Gymnasium und in einer neunten Klasse in einer Gesamtschule genutzt werden können. Allerdings müssten die kooperierenden Lehrkräfte dabei beachten, dass in beiden Schularten unterschiedliche Kompetenzen angesteuert werden und dass in nichtgymnasialen Schularten einzelne MINT-Fächer häufig nicht „rein“, sondern fächerübergreifend nur als „Naturwissenschaften“ auf dem Lehrplan stehen.

Mehr Freiräume für Kooperation an Schulen gewünscht

Damit die Kooperation gelinge, brauche es aber vor allem: Zeit. Daher würden sich Sandra Schulte und Thomas Toczkowski wünschen, dass die Schulen mehr Freiräume für Kooperationen zur Verfügung stellen. „Meine Schule versucht schon, die Teamstrukturen zu stärken“, sagt der Lehrer aus Bochum, aber insgesamt hält er, gerade an Gymnasien, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Kolleginnen und Kollegen für noch ausbaufähig: „Es sind noch viele Einzelkämpfer unterwegs, und das System ist noch ein bisschen träge.“

Diese Einschätzung deckt sich auch mit den Ergebnissen einer forsa-Umfrage von 2018 für die Deutsche Schulakademie. Danach bekundeten 57 Prozent aller Lehrkräfte, sie würden gern mit anderen bei der Unterrichtsgestaltung zusammenarbeiten – an den Gymnasien lag das Interesse dafür allerdings bei nur 45 Prozent.

Weitere gemeinsame Projekte sollen folgen

Und auch in der Qualität der Zusammenarbeit gibt es noch viel Luft nach oben. Eine Studie zur Kooperation von 2016, die unter anderem die Robert Bosch Stiftung in Auftrag gegeben hat, zeigt, dass nur 24 Prozent der Lehrkräfte regelmäßig Unterrichtseinheiten oder Projekte gemeinsam planen – an Gymnasien machen dies sogar nur 14 Prozent.

Für Sandra Schulte und Thomas Toczkowski hat sich die Zusammenarbeit auf jeden Fall gelohnt. Und sie möchten auch anderen Lehrkräften Mut machen, sich gerade für Nebenfächer über die eigene Schule hinaus zu vernetzen. Nach der ersten guten Erfahrung wollen die beiden ihre Kooperation auf jeden Fall fortsetzen. Motiviert hat sie dabei auch das positive Feedback der Schülerinnen und Schüler. „Die waren so neugierig, mit wem ich denn zusammengearbeitet habe“, erzählt Toczkowski. Dadurch sind die beiden Lehrkräfte nun auf die Idee gekommen, beim nächsten gemeinsamen Projekt die Schülerinnen und Schüler ihrer Klassen, zum Beispiel per Videokonferenz, zusammenzubringen und sie gemeinsam arbeiten zu lassen.

Tipps aus der Praxis

Thomas Toczkowski und Sandra Schulte, die an zwei verschiedenen Gymnasien in Nordrhein-Westfalen Chemie unterrichten, beschreiben hier, was bei einer schulübergreifenden Kooperation zu beachten ist:

  • Team: Die beiden Lehrkräfte haben gute Erfahrungen mit der Kooperation zu zweit gemacht. In einem größeren Team sei die Koordination wahrscheinlich viel aufwendiger. Denkbar ist für sie auch ein Netzwerk von Lehrkräften verschiedener Nebenfächer und verschiedener Schulen, in denen sich Tandems immer wieder neu zusammenfinden könnten. Interessierte für solch einen Austausch und Neugierige, die den BreakoutEdu-Room besichtigen möchten, können sich via Twitter mit Thomas Toczkowski vernetzen.
  • Aufwand: Den zeitlichen Aufwand sollten Interessierte nicht zu knapp kalkulieren. Sandra Schule und Thomas Toczkowski haben sich jede Woche 1 bis 1,5 Stunden ausgetauscht. Und es bedarf zunächst mal einer gewissen Vorarbeit, um abzustecken, wie eine Kooperation aussehen kann. Außerdem müsse man herausfinden, ob man von der Arbeitsweise zusammenpasst.
  • Voraussetzungen: Bei einer Kooperation über Schularten und/oder Bundesländer hinweg sollten die Beteiligten prüfen, inwieweit die geplante Unterrichtseinheit mit dem jeweiligen Lehrplan kompatibel ist. „Das kann aber auch bereichernd sein“, versichert Thomas Toczkowski.