Deutsches Schulbarometer : „Der Innovationsdruck ist zu groß, um zu alten Mustern zurückzukehren“

Viele Schulen und Lehrkräfte sind seit Beginn der Corona-Krise trotz vieler Widrigkeiten über sich selbst hinausgewachsen und haben Neues gelernt und entwickelt. Das zeigt die Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial. Und das zeigt auch die große Zahl der Bewerberschulen für die Sonderausgabe des Deutschen Schulpreises 20I21. Die Jury-Mitglieder für die diesjährige Ausschreibung haben bei der ersten Sichtung der eingereichten Konzepte interessante Einblicke in die Bewerberschulen und deren Innovationskraft in der aktuellen Situation erhalten. Hier beschreiben sechs Jury-Mitglieder, in welchen Bereichen sie Potenzial für eine nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung sehen und wie sich die neuen Konzepte über die Corona-Krise hinaus verstetigen lassen.

Annette Kuhn 15. Januar 2021 Aktualisiert am 27. Oktober 2021
Schule verändern Unterricht mit Tablet im Klassenraum
In der Corona-Krise haben Schulen viele neue Erfahrungen gemacht und sich vor allem im Umgang mit digitalen Medien weiterentwickelt. Wie werden daraus nachhaltige Schulkonzepte?
©Gregor Fischer/dpa

Die Ergebnisse der Folgebefragung des Deutschen Schulbarometers Spezial zeigen, dass sich seit Beginn der Corona-Krise im März 2020 an den Schulen viel entwickelt und verändert hat. Pädagogische Beziehungen sind durch die Erfahrungen seit März auch im Fernunterricht stärker in den Fokus gerückt. Und viele Lehrkräfte nutzen heute – trotz weiter unzureichender digitaler Ausstattung – häufiger digitale Formate und Tools auch im Präsenzunterricht.

78 Prozent stimmten in der Umfrage dem Satz zu: „An meiner Schule wurden seit März 2020 einige Dinge im Hinblick auf digitale Lernformate oder die digitale Kommunikation umgesetzt, die ohne die Schulschließungen vermutlich erst später oder gar nicht umgesetzt worden wären.“

Die Offenheit, Schulen zu verändern, spiegelt sich in der großen Bewerberzahl für den Deutschen Schulpreis 20I21

Wie stark die Aufbruchstimmung an Schulen derzeit ist und wie groß die Bereitschaft, sich in der Corona-Krise zu verändern und eine nachhaltige Schul- und Unterrichtsentwicklung anzustoßen, spiegelt sich auch in der Vielzahl der Bewerbungen, die für die Sonderausgabe des Deutschen Schulpreises 20I21 eingegangen sind. 366 Konzepte wurden eingereicht. Wochenlang hat die Jury die eingereichten Konzepte studiert, mit Beteiligten der Bewerberschulen Interviews geführt und schließlich 121 Schulen in die nächste Runde geschickt.

Die Jury-Mitglieder für den Deutschen Schulpreis haben bei diesem Prozess interessante Einblicke in die Innovationskraft der Schulen erhalten. 44 Prozent der für das Schulbarometer befragten Lehrkräfte sagen: „Die Corona-Krise wird, insgesamt betrachtet, langfristig zu positiven Veränderungen an meiner Schule führen.“ In den vergangenen Wochen haben die Jurorinnen und Juroren zahlreiche Schulen kennengelernt, die sich auf den Weg gemacht haben, um das Lernen und Lehren an ihren Schulen zu verändern. Hier stellen sechs Jury-Mitglieder dar, welche Trends ihnen bei den Bewerberschulen aufgefallen sind:

 

„Schulen haben nicht gewartet, bis etwas von oben passiert“

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes
©Michael Fuchs

„Es ist schon überraschend, dass sich so viele Schulen in der Corona-Zeit beworben haben. Ich war anfangs skeptisch, ob sich überhaupt jemand bewerben würde. Was mich auch beeindruckt hat, ist die große Motivation, Verantwortung und Professionalität, mit der viele Schulen auf die Situation reagiert haben. Sie haben das aufgegriffen, was sie vorher schon gut gemacht haben, und sich von dort weiterentwickelt. Und sie haben nicht gewartet, bis etwas von oben passiert, sondern sie haben es einfach gemacht. Dazu braucht es natürlich ein Kollegium, das in einer solchen Situation nicht die Segel streicht, sondern – im Gegenteil – Segel setzt.

Inhaltlich sind mir vor allem zwei Bereiche aufgefallen, in denen sich die Schulen entwickelt haben: Viele sind im Bereich digitale Tools unterwegs. Dabei geht es aber immer auch um die Frage: Was bringen die digitalen Möglichkeiten für den Unterricht? Außerdem haben viele Schulen die Notwendigkeit gesehen, dass Lehrkräfte und Eltern in einem Boot sitzen – auch dazu gibt es viele Konzepte.“

„Innovationen betreffen vor allem die Beziehungskultur“

„Bei den Bewerbungen für den Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial wurde deutlich, dass die Schulen weniger Konzepte für den Umgang mit der Krise entwickelt haben, sondern vor allem eine Reihe von Maßnahmen im Vordergrund standen, um die Krise zu meistern. Dabei sind einige Innovationen entstanden, die das Potenzial haben, auch nach der Krise die Unterrichts- und Schulkultur dauerhaft zu verändern. Beispielsweise hat eine Schule iPad-Koffer für Videokonferenzen entwickelt, die zum Einsatz kommen, um Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel in Quarantäne sind, die Möglichkeit zu geben, trotzdem am Unterricht teilzunehmen. An einer anderen Schule haben Lehrkräfte mittels digitaler Werkzeuge ,Lerngemeinschaften‘ gebildet, um sich über Unterrichtsformate auszutauschen und den digitalen Unterricht gemeinsam zu planen. Die Innovationen betreffen also vor allem Aspekte der Lehrer-Schüler-Interaktion und der Beziehungskultur in der kollegialen Zusammenarbeit oder der Kommunikation mit Eltern.“

Alexander Gröschner
Alexander Gröschner, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Unterrichtsforschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
©Michael Fuchs

„Schüler als Mitgestaltende, nicht als Betroffene einbeziehen“

Pierre Tulowitzki, Professor für Bildungsmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz

„Viele Bewerberschulen haben sich darauf konzentriert, Klarheit in unklaren Zeiten zu schaffen. Also verlässliche Abläufe für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schülern zu erstellen, Kommunikationskanäle und Ansprechpartner zu schaffen und insgesamt Verlässlichkeit für alle zu bieten.

Überrascht hat mich, wie kreativ und flexibel viele Schulen dabei vorgegangen sind.  Beispielsweise fanden sie vielfältige Wege, um mit den Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben und sie in den Distanzunterricht einzubeziehen – nicht als Betroffene, sondern als Mitgestaltende.“

„Vermittlung von reinem Fachwissen trat in den Hintergrund“

„Gemeinsam hatten die Bewerberschulen, dass sie in der Zeit der Pandemie – in der sie mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert waren – besonders mutig wurden, Dinge aktiv in die Hand zu nehmen. Maßnahmen, die möglicherweise schon längst einmal angegangen werden wollten, wurden nun in Angriff genommen und schlichtweg ausprobiert. Veränderung wurde dabei nicht als Bedrohung, sondern als Chance betrachtet.

Faszinierend dabei war, dass nicht der Umfang der technischen Ausstattung oder das vorhandene Know-how dabei Indikatoren für den erfolgreichen Umgang mit der Corona-Krise waren. Vielmehr spielten die Vernetzung des Systems Schule und der Mut zur Veränderung eine große Rolle. Die Vermittlung von reinem Fachwissen trat in den Hintergrund. Dafür haben Aspekte wie ganzheitliches Lernen, individualisiertes Lernen, Zukunftsskills, Well-Being in Zeiten räumlichen Abstands an Bedeutung gewonnen.“

Nicole Dierks, stellvertretende Schulleiterin der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm
©privat

„Die Schulen haben den einzelnen Schüler entdeckt“

Thomas Häcker
Thomas Häcker, Professor für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Schulpädagogik und empirischen Bildungsforschung an der Universität Rostock
©Michael Fuchs

„Die Themenfelder, in denen Entwicklungsprozesse an den Bewerberschulen stattfinden, liegen vor allem in der Digitalisierung und in der Beziehungsarbeit. Viele Schulen haben berichtet, dass die längst überfälligen Schritte in Richtung Digitalisierung ohne diese Pandemie niemals in diesem Ausmaß und niemals so schnell erfolgt wären.

Außerdem haben viele die Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen in Arbeits- wie auch in pädagogischen Kontexten stark unterschätzt. Gerade an zahlreichen Gymnasien sind die einzelnen Schülerinnen und Schüler beim Distanzlernen mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit getreten. Eine Lehrerin eines Gymnasiums brachte dies mit der Formulierung auf den Punkt: ,Wir haben den einzelnen Schüler, die einzelne Schülerin entdeckt. Vorher waren wir viel stärker auf das Arbeiten mit Klassen orientiert.‘“

„Zusammenarbeit der Lehrkräfte als Schlüssel zum Erfolg“

Ich habe mit großer Freude wahrgenommen, dass sich die Zusammenarbeit der Lehrkräfte offenbar als ein Schlüssel zum Erfolg erwiesen hat, dass es um ein Voneinander- und Miteinander-Lernen geht, damit die Kinder und Jugendlichen beim Lernen gut unterstützt und die Herausforderungen der Digitalität gemeistert werden können.

Ich habe auch wahrgenommen, dass Schülerinnen und Schüler im Distanzunterricht offenbar vorhandene Hemmungen gegenüber Lehrkräften abgebaut haben. Fragen scheinen sich für manche im Chat leichter stellen zu lassen als im Präsenzunterricht. Auch hier geht es verstärkt um Zusammenarbeit und eine gemeinsame Verantwortungsübernahme für den Lernfortschritt.“

Carola Gnadt, Schulrätin für weiterführende allgemeinbildende Schulen in Potsdam, ehemalige Schulleiterin des Humboldt-Gymnasiums in Potsdam
©privat

Wie gelingt es, Schulen nachhaltig zu verändern?

Die Befragung für das Schulbarometer hat auch gezeigt, wie groß die Herausforderung ist, aus den vielen Ideen und Ansätzen, die die Schulen in der Corona-Krise entwickelt haben, nachhaltig wirksame Konzepte werden zu lassen, die auch nach der Pandemie und nach der Rückkehr zum regulären Präsenzunterricht noch Bestand haben. „Ich glaube, dass wir nach der Pandemie schnell wieder zu alten Routinen und Lehr-/Lernformen zurückkehren werden“, gaben 49 Prozent der Befragten im Schulbarometer an.

Alte Routinen müssen nicht schlecht sein – sie sind häufig das Produkt bewährter Praxis. Eine Herausforderung wird es vielmehr sein, neue Ansätze und Konzepte mit dieser bewährten Praxis so zu verknüpfen, dass dadurch der Unterricht verbessert und weiterentwickelt werden kann. Die Juroren haben sich auch damit beschäftigt, unter welchen Voraussetzungen es gelingen kann, Schulen nachhaltig zu verändern:

„Maßnahmen umfassend evaluieren, um sie zu verstetigen“

Alexander Gröschner:
„Ich denke, dass wir gegenwärtig noch kein vollständiges Bild von der Nachhaltigkeit haben können, weil dazu die Erfahrungen zu frisch sind – die Krise dauert noch an. Allerdings zeigt sich, dass ein gewisses Umdenken stattfindet. Viele Aspekte des Unterrichts, die früher selbstverständlich waren, sind es nicht mehr. ,Wie kann der Austausch mit Schülerinnen und Schülern und Schülerinnen und Schülern untereinander gestaltet werden, wenn diese zu Hause lernen?‘ Oder: ‚Wie lassen sich Leistungen der Schülerinnen und Schüler mit neuen Formaten überprüfen?‘ Solche Fragen sind zum Beispiel neu aufgekommen und haben bei Lehrkräften, Schulleitungen und in der Bildungsverwaltung etwas in Gang gesetzt, um neue Praxis zu entwickeln.

Allerdings – und das ist eine wichtige Voraussetzung – muss dafür eine Infrastruktur vorhanden sein, die diese neuen Formate auch unterstützt, damit daraus Schul- und Unterrichtskonzepte werden, die Nachhaltigkeit erzeugen. Ein relevanter Aspekt dabei ist auch, die Maßnahmen umfassend zu evaluieren. Schulen, die hier am Ball bleiben, werden die Erfahrungen der vergangenen Monate über die Krise hinaus fortführen. Andere Schulen, die im Modus des ‚Verwaltens der Krise‘ sind, werden händeringend nach den ‚alten Bedingungen‘ und Zuständen streben.“

 

„Auf bestehende Systeme aufbauen“

Nicole Dierks:
„Die Maßnahmen sind dann nachhaltig und zukunftsweisend, wenn es sich dabei nicht um reine Einzelmaßnahmen handelt. Besonders überzeugend sind die Konzepte der Bewerberschulen, wenn Systeme aufeinander aufbauen und die Schwerpunkte der jeweiligen Schule weiterdenken. Wenn Digitalisierung zum Beispiel nicht als reiner Selbstzweck verfolgt wird, sondern systematisch in den Dienst der eigenen Schulentwicklung gestellt wird. Gemeinsame Strukturen und die Vernetzung im Team sind dabei ebenso wichtig wie die Haltung dem Lernen, aber auch der Veränderung selbst gegenüber. Die Begeisterung für die Veränderung, die sich bei so vielen Bewerberschulen zeigt, wird Motor für die Fortführung des begonnenen Weges sein und ansteckend wirken.“

 

„Erfahrungen mit der Krise gemeinsam auswerten“

Thomas Häcker:
„Es fällt auf, dass Schulen, die sich schon vor der Corona-Pandemie erkennbar in einem systematischen, strukturierten Schulentwicklungsprozess befanden, die spezifischen Herausforderungen der Pandemie und des Lockdowns eher als eine weitere Entwicklungsaufgabe betrachten. Bereits vorhandene konflikttaugliche Managementstrukturen haben einen zielorientierten Umgang mit diesen Herausforderungen offensichtlich erleichtert. Die Nachhaltigkeit krisenbedingter Veränderungen von Handlungsstrategien lässt sich allerdings nur schwer einschätzen. Es ist zu vermuten, dass viele Routinen aus der Vor-Corona-Zeit mit Ende der Pandemie auch wieder greifen werden.

Auf institutioneller Ebene wird die Frage nach der Nachhaltigkeit der pandemiebedingten Änderungen sehr stark mit der Frage verbunden sein, ob eine Schule grundlegende strukturelle Veränderungen vorgenommen hat oder vornehmen will. Ohne strukturelle Veränderungen lassen sich auch Handlungsroutinen kaum verändern. Auf individueller Ebene wird viel davon abhängen, ob die Akteure an den Schulen ihre Erfahrungen mit dieser Krise gemeinsam auswerten, Ziele verabreden und Strategien entwickeln, wie die veränderte Praxis aufrechterhalten werden soll.“

 

„Wichtig ist die Bereitschaft, Blockadehaltungen aufzugeben“

Carola Gnadt:
„Ich bin überzeugt davon, dass Schule insgesamt nicht zu alten Mustern zurückkehren wird und kann. Dafür ist der Innovationsdruck zu groß. Dafür haben vor allem die Bewerberschulen die Kraft innovativer Konzepte gespürt – sei es von neuen zeitlichen Strukturen oder von Modellen wie Blended Learning.

Worauf kommt es in Zukunft an? Auf den Mut, ungewöhnliche Wege zu gehen, auf das Vertrauen der Schulaufsicht in Schulleitungen und Lehrkräfte, auf die Bereitschaft, Blockadehaltungen aufzugeben, und auf die Bereitstellung geeigneter digitaler Lernumgebungen.“

 

„Schulen, die offen für Veränderungen sind, haben es leichter“

Pierre Tulowitzki:
„Damit die vielen Änderungen, die unter großem Druck entstanden sind, nachhaltig werden können, braucht es aus meiner Sicht die passende Haltung an der Schule: Schulen, die ohnehin regelmäßig innovieren, scheint es leichtergefallen zu sein, sich den veränderten Rahmenbedingungen zu stellen und viel daraus zu machen.
Auch die bereits vorhandenen Kompetenzen rund um Digitalisierung spielen aus meiner Sicht eine große Rolle: Schulleitungen und Lehrkräfte, die sich zuvor bereits intensiv damit auseinandergesetzt hatten, müssen hierfür vergleichsweise wenig Zeit investieren. So können sie sich schneller den Schülerinnen und Schülern sowie den Lerninhalten zuwenden.“

 

„Wenn Wissen nicht geprüft wird – ist Wissen nichts wert?“

Simone Fleischmann:
„Wichtig ist, jetzt die Diskussion darüber zu führen, was eigentlich der Auftrag von Schule ist. Geht es wirklich darum, dass Schülerinnen und Schüler Aufgaben machen, dafür Noten kassieren, ein Zeugnis bekommen, den Übertritt schaffen und vorrücken? Heißt das: Wenn Wissen nicht geprüft ist – ist Wissen nichts wert?
Oder ist der Auftrag von Schule nicht eigentlich ein anderer? Muss es jetzt nicht darum gehen, die Lehrpläne und Lerngegenstände zu fokussieren sowie die pädagogischen Beziehungen stärker in den Fokus zu rücken?

Viele Schulen und Lehrkräfte haben sich für ihre Schülerinnen und Schüler in der Corona-Krise passgenau auf den Weg gemacht, dabei viel Professionalität gezeigt und Verantwortung übernommen. Das sollten wir über die Krise hinaus retten. Es darf nicht passieren, dass die Kultusministerien nach der Corona-Krise die Zügel wieder anziehen, um all das, was Schulen jetzt professionell in die Wege geleitet haben, wieder zurückzuholen.“