Nachgefragt : Was macht das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt heute?

Christiane Alt ist seit der Gründung 1991 Direktorin des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt. Dort kamen am 26. April 2002 bei dem Amoklauf eines ehemaligen Schülers 16 Menschen ums Leben. Christiane Alt, die sich in ihrem Büro einschloss und den Rettungsdienst informierte, überlebte das Schulattentat. Im Interview mit dem Schulportal spricht sie darüber, wie es dem Gutenberg-Gymnasium 16 Jahre danach geht.

Antje Tiefenthal / 18. September 2018
Eine Person legt weiße Rosen nieder
Jedes Jahr am 26. April gedenkt Erfurt dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium vor inzwischen 16 Jahren.
©dpa

Schulportal: Beim Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium sind am 26. April 2002 16 Menschen ermordet worden. Danach gab es Überlegungen, die Schule aufzulösen. Sie selbst haben sich für den Erhalt eingesetzt. Wie geht es dem Gutenberg-Gymnasium heute?
Christiane Alt: Der Einsatz um den Erhalt der Schule mit ihrer Geschichte war für die Schulgemeinde von 2002 wichtig für die Aufarbeitung und den Weg jedes und jeder Einzelnen, mit dem Erlebten zu leben. Die Kraft der Gemeinschaft hat getragen. Dieser Einsatz hat sich gelohnt. Das Gutenberg-Gymnasium hat seit 1991 – seiner Gründung nach der Wende – seinen festen Platz in der Erfurter Schullandschaft. Der Zulauf ist ungebrochen. Das Schulprofil spricht viele Eltern und Schüler an.

Wie hat die Schule den 26. April 2002 verarbeitet?
Der 26. April gehört zur Schulgeschichte. 16 Jahre nach dem Schulattentat vom 26. April 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium arbeiten 16 Lehrkräfte an der Schule, die das Ereignis unmittelbar erlebt haben. Der letzte betroffene Schülerjahrgang verließ 2010 die Schule.
Das jährlich stattfindende Erinnerungsritual erinnert an die Opfer – bietet aber auch der jeweiligen Schülergeneration Möglichkeiten zur Partizipation. Seine Gestaltung unterliegt dem Prozess der Wandlung. Anfangs war es das Anliegen der unmittelbar betroffenen Schüler-, Eltern- und Lehrergeneration, der Trauer um die bekannten Personen Ausdruck zu verleihen. Heute sind es neben dem Erinnern die Fragen der Zeit, die den Inhalt des Rituals verkörpern.
Die Rolle der Zeitzeugen ist dabei von großer Bedeutung – und ein Potenzial in der Werteerzielung, das es „auszubeuten“ gilt.

In einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”  haben Sie vor einem Jahr gesagt, dass Jugendliche heute vor allem Zeit brauchen. Wie versuchen Sie und Ihr Kollegium, diesem Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden?
Die Frage nach der Zeit für Kinder und Jugendliche ist von besonderer Bedeutung. Die Struktur des schulischen Lebens spricht vielfach dagegen. Hier gilt es, Prioritäten zu setzen.  Unser „Raum der Stille“ bietet den Schülerinnen und Schülern einen Moment der Entschleunigung und gibt ihnen die Möglichkeit, sich allein oder mit Gesprächspartnern zurückzuziehen. Zu unserem Konzept gehören neben gemeinsamer Arbeit in sozialen Projekten auch Schülerpatenschaften, um im Gespräch die kleinen oder größeren Sorgen ansprechen zu können. Einen wichtigen Platz nehmen außerdem Veranstaltungen mit Begegnungscharakter ein – wie an jedem 26. April, an dem das Haus nach der Gedenkveranstaltung Stätte der Begegnung der Generationen wird. Wir versuchen, dem Gegenüber zu signalisieren: Ich höre dir zu – ich bin für dich da.

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