Nachgefragt : Was macht das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt heute?

Christiane Alt ist seit der Gründung 1991 Direktorin des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt. Dort kamen am 26. April 2002 bei dem Amoklauf eines ehemaligen Schülers 16 Menschen ums Leben. Christiane Alt, die sich in ihrem Büro einschloss und den Rettungsdienst informierte, überlebte das Schulattentat. Im Interview mit dem Schulportal sprach sie 2018 darüber, wie es dem Gutenberg-Gymnasium heute geht.

Antje Tiefenthal 18. September 2018 Aktualisiert am 25. April 2022
Eine Person legt weiße Rosen nieder
Jedes Jahr am 26. April gedenkt Erfurt dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium vor inzwischen 20 Jahren.
©dpa

Am 26. April 2002 tötete ein Ex-Schüler am GutenbergGymnasium 16 Menschen. Der 19-Jährige erschoss zwölf Lehrkräfte, eine Schülerin und einen Schüler, eine Sekretärin, einen Polizisten und letztlich sich selbst. Es war das erste Schulmassaker eines solchen Ausmaßes an einer deutschen Schule. Das Interview mit der Schulleiterin Christiane Alt erschien 2018:

Schulportal: Beim Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium sind am 26. April 2002 16 Menschen ermordet worden. Danach gab es Überlegungen, die Schule aufzulösen. Sie selbst haben sich für den Erhalt eingesetzt. Wie geht es dem Gutenberg-Gymnasium heute?
Christiane Alt: Der Einsatz um den Erhalt der Schule mit ihrer Geschichte war für die Schulgemeinde von 2002 wichtig für die Aufarbeitung und den Weg jedes und jeder Einzelnen, mit dem Erlebten zu leben. Die Kraft der Gemeinschaft hat getragen. Dieser Einsatz hat sich gelohnt. Das Gutenberg-Gymnasium hat seit 1991 – seiner Gründung nach der Wende – seinen festen Platz in der Erfurter Schullandschaft. Der Zulauf ist ungebrochen. Das Schulprofil spricht viele Eltern und Schüler an.

Wie hat die Schule den 26. April 2002 verarbeitet?
Der 26. April gehört zur Schulgeschichte. 16 Jahre nach dem Schulattentat vom 26. April 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium arbeiten 16 Lehrkräfte an der Schule, die das Ereignis unmittelbar erlebt haben. Der letzte betroffene Schülerjahrgang verließ 2010 die Schule.
Das jährlich stattfindende Erinnerungsritual erinnert an die Opfer – bietet aber auch der jeweiligen Schülergeneration Möglichkeiten zur Partizipation. Seine Gestaltung unterliegt dem Prozess der Wandlung. Anfangs war es das Anliegen der unmittelbar betroffenen Schüler-, Eltern- und Lehrergeneration, der Trauer um die bekannten Personen Ausdruck zu verleihen. Heute sind es neben dem Erinnern die Fragen der Zeit, die den Inhalt des Rituals verkörpern.
Die Rolle der Zeitzeugen ist dabei von großer Bedeutung – und ein Potenzial in der Werteerzielung, das es „auszubeuten“ gilt.

In einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”  haben Sie gesagt, dass Jugendliche heute vor allem Zeit brauchen. Wie versuchen Sie und Ihr Kollegium, diesem Bedürfnis der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden?
Die Frage nach der Zeit für Kinder und Jugendliche ist von besonderer Bedeutung. Die Struktur des schulischen Lebens spricht vielfach dagegen. Hier gilt es, Prioritäten zu setzen.  Unser „Raum der Stille“ bietet den Schülerinnen und Schülern einen Moment der Entschleunigung und gibt ihnen die Möglichkeit, sich allein oder mit Gesprächspartnern zurückzuziehen. Zu unserem Konzept gehören neben gemeinsamer Arbeit in sozialen Projekten auch Schülerpatenschaften, um im Gespräch die kleinen oder größeren Sorgen ansprechen zu können. Einen wichtigen Platz nehmen außerdem Veranstaltungen mit Begegnungscharakter ein – wie an jedem 26. April, an dem das Haus nach der Gedenkveranstaltung Stätte der Begegnung der Generationen wird. Wir versuchen, dem Gegenüber zu signalisieren: Ich höre dir zu – ich bin für dich da.

Update

Zwanzig Jahre nach dem Schulmassaker am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt will die Schule 2022 an dem Gedenktag die Biografien der Opfer in den Fokus stellen. In diesem Jahr ist der Tag etwas anders als in den Jahren zuvor gestaltet, sagt Schulleiterin Christiane Alt heute. Mit Teilen ihrer Biografie sollen die Opfer in den Ansprachen detaillierter porträtiert werden. Wir haben die Gruppe der aktuellen Schüler, für die ist es ja so ähnlich wie aus dem Geschichtsbuch und wir müssen versuchen, da Leben einzuhauchen in diese Thematik und besonders die Opfer aus ihrer Anonymität rausholen, indem wir über sie erzählen. Jährlich versammeln sich am Jahrestag der Tat Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte von heute und damals, Angehörige der Opfer und jene, die sie kannten, an den Stufen vor der Schule zum stillen Gedenken. Vor zwei Jahren fand der Gedenktag coronabedingt gar nicht statt, voriges Jahr unter scharfen Auflagen. In diesem Jahr sollen sich Angehörige, Ehemalige, Förderer und Freunde im Anschluss an der Gedenkveranstaltung wieder in der Schule begegnen können. dpa