Motivation : Wie Schulen in der Krise durchhalten

Bis zu den Sommerferien wird der Unterricht nur eingeschränkt laufen. Die meisten Kinder und Jugendlichen besuchen ihre Schule nur noch an wenigen Tagen. Lehrkräfte müssen Fernunterricht und Präsenztage parallel gestalten. Eine große Herausforderung für alle Seiten. Wie lässt sich die Motivation trotzdem halten? Das Schulportal hat bei zwei Schulen nachgefragt.

Annette Kuhn / 19. Mai 2020
Kinder gehen auf Abstand über das Schulgelände
Auch wenn die ersten Klassen jetzt wieder an die Schulen zurückkehren, hat das mit normalem Unterrichtsalltag nur wenig zu tun. Die meiste Zeit verbringen Kinder weiter mit Fernunterricht.
©Peter Kneffel/dpa

Die einen kommen tage-, die anderen wochenweise, manche nur für wenige Stunden, andere den ganzen Tag. Und viele Schülerinnen und Schüler waren seit dem Shutdown im März noch gar nicht wieder in der Schule. Zwar hat der Unterrichtsbetrieb in allen Bundesländern inzwischen wieder begonnen, aber noch längst nicht in vollem Umfang und für alle Jahrgänge. „Es wird vor den Sommerferien kein reguläres Unterrichtsgeschehen mehr stattfinden“, hatte Stefanie Hubig (SPD), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ende April gesagt.

Für alle Beteiligten ist diese Situation eine große Herausforderung. Die Schulleitungen und Lehrkräfte stehen jetzt vor der Doppelbelastung, einerseits den Fernunterricht weiterzuführen, andererseits den Präsenzunterricht unter schwierigen Bedingungen wieder aufzunehmen. Kinder und Jugendliche müssen mit den für sie ungewohnten Lernbedingungen weiter zurechtkommen. Eltern müssen ihre Kinder weiter beim Lernen zu Hause begleiten und gleichzeitig ihre Arbeit organisieren. Bei all dem ist es schwer, die Motivation zu halten.

Guter Zusammenhalt im Kollegium gibt Motivation

Dabei sind die Voraussetzungen nicht überall gleich. Manche Eltern haben Zeit und Kompetenz, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen und sie zu motivieren, andere können das nicht. Wie das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise gezeigt hat, glauben 86 Prozent der Lehrkräfte, dass die soziale Ungleichheit zwischen den Schülerinnen und Schülern durch die Schulschließungen noch größer wird. Wie gelingt es Schulen dennoch, unter diesen schwierigen Voraussetzungen die Motivation zu halten?

„Es ist der gute Zusammenhalt im Kollegium und in der ganzen Schulgemeinschaft“, sagt Mandy Rauchfuß, die die Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle leitet. Die Kolleginnen und Kollegen würden aufeinander achten und sich gegenseitig unterstützen. Ein Kollege, der sich mit der neu etablierten Lernplattform bereits gut auskannte, hat spontan allen anderen einen Aufbaukurs gegeben.

Arbeiten nach dem Motto „Geht nicht, gibt’s nicht!“

Die Schulleiterin selbst, die jetzt eigentlich die 140 zukünftigen Fünftklässlerinnen und Fünftklässler zu einem Kennenlernen in die Schule eingeladen hätte, hat stattdessen mithilfe des Kollegiums an alle einen persönlichen Brief geschrieben. Allein hätte sie das nicht geschafft. Zumal sie momentan ohnehin viele Dinge zusätzlich organisieren muss: zum Beispiel die Einteilung der Klassen an den Präsenztagen, die Abstimmung von Präsenz- und Fernunterricht, das Einhalten der Abstandsregeln, Stornierungen des geplanten Abschlussballs und der ursprünglich in allen Jahrgängen für September geplanten Klassenreisen.

Mandy Rauchfuß ist ein zupackender Typ. An Motivation mangelt es ihr nicht, und sie lebt nach dem Motto „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Sie fühlt sich durch die Situation eher herausgefordert. Zum Beispiel hat sie in der Schule ein Kinderzimmer für den jüngsten Nachwuchs der Lehrkräfte eingerichtet, damit diese flexibler arbeiten können. Und sie betont, dass sie viel Hilfe von Eltern und Kooperationspartnern bekommt. „Dieses Miteinander ist eingespielt. Das hilft jetzt ungemein“, sagt die Schulleiterin. Und der Zusammenhalt stärkt auch die Motivation. 

Viel Kommunikation und Unterricht läuft über digitale Kanäle

Schon gleich am Tag, nachdem die Schulschließung verkündet wurde, boten Eltern ihre Unterstützung an und schrieben in ihren E-Mails: „Zögere nicht, wenn ihr uns braucht!“ oder „Einer für alle, alle für einen!“ Die Hilfsangebote hat sie auch schon genutzt. Zum Beispiel brachten Eltern 50 Computerarbeitsplätze in Familien, die ihren Kindern keinen eigenen Platz zum Lernen bieten können. Ein Computer ist für die Kinder und Jugendlichen jetzt aber wichtig, denn der Fernunterricht findet an der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine zum größten Teil über digitale Kanäle statt. „Wir sind schon relativ weit in der digitalen Entwicklung, das erleichtert die Arbeit erheblich“, sagt Rauchfuß. Ihre Schule gehörte drei Jahre zum Netzwerk „bildung.digital“, im Unterricht wird viel mit Tablets gearbeitet, die Schülerinnen und Schüler haben schon viel Erfahrung mit der Recherche im Netz.

Klar geht jetzt viel Stoff verloren, und wir werden im nächsten Schuljahr viel aufholen müssen. Aber es ist doch kein Untergang, wenn jetzt neun Wochen weniger stattfindet.
Mandy Rauchfuß, Leiterin der Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle

Davon profitieren sie beim Lernen zu Hause. Und dass auch die Kinder und Jugendlichen dabei ihre Motivation nicht verlieren, ist wichtig, denn bis Pfingsten kommen nur die 10. Klassen jeden Tag in die Schule. Bei den Klassen 8 und 9 sind es zwei Tage, bei den Klassen 5 bis 7 ist es sogar nur ein Tag.

Die Schule setzt jetzt stark auf Projektarbeit. Zum Beispiel haben die Kinder zu Hause Biotope selbst gemacht, die sie an den Präsenztagen in die Schule gebracht haben. „Klar geht jetzt viel Stoff verloren, und wir werden im nächsten Schuljahr viel aufholen müssen. Aber es ist doch kein Untergang, wenn jetzt neun Wochen weniger stattfindet“, sagt die Schulleiterin. Gelassenheit ist auch eine Eigenschaft, die ihr und der Schulgemeinschaft durch die Krise hilft.

Probleme für die mittleren Jahrgänge der Sekundarstufe I an den Real- und Hauptschulen

Jürgen Böhm, der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Realschullehrer, befürchtet dennoch gerade für die mittleren Jahrgänge der Sekundarstufe I an Haupt- und Realschulen große Probleme: „Die sozialen Disparitäten sind hier besonders groß, viele haben hier ohnehin Lernschwierigkeiten. Die Schülerinnen und Schüler stehen daher vor besonderen Herausforderungen.“ Einige von ihnen seien über den Fernunterricht auch nur schwer zu erreichen.  „Ich fürchte, wir werden bis weit ins nächste Schuljahr brauchen, um die durch die Krise entstandenen Defizite wieder aufzuholen.“ Teilweise sei die Rückkehr an die Schulen in einigen Bundesländern nicht durchdacht gewesen und hätten zu großen organisatorischen Problemen geführt, was eine strukturierte und geordnete Wiederaufnahme des Unterrichts sehr erschwert habe.

Aber auch an den Grundschulen ist es schwierig, im Fernunterricht zu allen Kindern Kontakt zu halten. Stärker als die weiterführenden Schulen sind sie auch auf die Kooperation mit den Eltern angewiesen. An der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm haben die Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler daher während des Shutdowns zweimal in der Woche angerufen.

Präsenztage geben den Kindern Struktur und Motivation

Das war wichtig für die Beziehung, hat sich aber zu einer großen Herausforderung entwickelt, weil oft weder die Kinder noch die Eltern zu erreichen waren. Schulleiter Frank Wagner ist froh, dass sein Kollegium diese Anrufe jetzt reduzieren kann, weil die Kinder seit vergangener Woche in einem rollierenden System wieder in der Schule sind. Alle Jahrgänge wechseln sich tageweise ab, jedes Kind ist also an jedem vierten Tag in der Schule.Diese Regelung gibt der Schule wieder mehr Planungssicherheit und den Kindern eine Struktur.

„Wir nutzen die Tage auch dafür, den Kindern die Grundlagen für Video-Chats und Video-Unterricht zu vermitteln“, sagt Wagner. Dazu gehört die Recherche mit dem iPad, das Einhalten von Gesprächsregeln bei Video-Treffen und der Umgang mit dem Schulserver IServ, damit die Schülerinnen und Schüler auch zu Hause ihre Lernaufgaben finden.

Vieles müssten sie erst noch lernen, etwa zu einer vereinbarten Zeit mit dem digitalen Endgerät bereit zu sein, wenn eine Video-Konferenz beginnt. Die sollen jetzt öfter stattfinden, weil die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer die Kinder in Kleingruppen per Video zu gemeinsamen Lerneinheiten treffen wollen.

Ich kann noch so eine tolle, herausfordernde Aufgabe stellen – das Miteinander fehlt einfach.
Frank Wagner, Leiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm

Wagner hält dieses digitale Training auch über die Corona-Krise hinaus für wichtig. „Es wäre doch schade, wenn die Kinder ihre jetzt entwickelten digitalen Kompetenzen dann nicht mehr nutzen und darauf aufbauen könnten“, so der Schulleiter. Und dieses neue Lernen sorge auch bei den Kindern für mehr Motivation. Inzwischen würde die Schule fast alle Kinder auf digitalem Weg erreichen: „Für acht Wochen läuft das schon ganz gut“, findet er.

Steuerungsgruppen sparen Zeit und Energie

Auch für die Kommunikation im Kollegium setzt die Schule jetzt stärker auf digitale Kanäle. Es gibt eine eigene Steuerungsgruppe fürs Digitale. Überhaupt gebe es inzwischen mehr Steuerungsgruppen, damit sich nicht immer alle mit allem beschäftigten müssten, erklärt Frank Wagner. Das spare Zeit und vor allem Energie, die dann wieder der Arbeit mit den Kindern zugutekommt.

Denn die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern stehe weiterhin im Vordergrund und sei das Wichtigste, um die Kinder zum Durchhalten in dieser schwierigen Situation zu motivieren. „Ich kann noch so eine tolle, herausfordernde Aufgabe stellen – das Miteinander fehlt einfach“, sagt Frank Wagner.

Mehr zu den Schulen

  • Die Gemeinschaftsschule Heinrich Heine in Halle hat 840 Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 und 72 Lehrkräfte.
  • Die Schule befindet sich im Stadtteil Halle-Neustadt und ist umgeben von Hoch- und Einfamilienhäusern. Sie versteht sich als Schule für alle – unabhängig von sozialer Herkunft oder besonderen Förderbedarfen.
  • Die Schule ist im Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises.
  • Für das Schulportal hat Mandy Rauchfuß die erste Woche der Schulschließung protokolliert. Ihr Protokoll können Sie hier nachlesen.

 

  • An der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm lernen derzeit 230 Schülerinnen und Schüler in insgesamt acht Klassen. Die Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt.
  • Die Grundschule ist Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises 2019.
  • Im Interview mit dem Schulportal hat Schulleiter Frank Wagner am Anfang der Corona-Krise geschildert, wie die Lehrkräfte den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern aufrechterhalten. Hier geht es zum Artikel.