Dieser Artikel erschien am 03.05.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Matthais Trautsch

Digitale Schulen in Frankfurt : Mit W-Lan dem Figaro auf der Spur

Lange haben die Schulen auf Funknetz und Tablets gewartet. Jetzt wird die Digitaltechnik nach und nach in Frankfurt eingeführt. Ein Besuch an einer Schule, die voran geht.

Schüler am Laptop
Pioniere: Schüler in Frankfurt dürfen mit der Digitaltechnik lernen. (Symbolbild)
©Getty Images

Im Geschichts-Kurs geht es heute um die „Hochzeit des Figaro“. Das heißt, eigentlich geht es um die Französische Revolution. Doch anhand der Mozart-Oper und deren Vorlage, der Komödie von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais von 1778, sollen sich die Schüler mit der gesellschaftlichen Situation im vor­revolutionären Europa aus­einander­setzen. Keine einfache Aufgabe, die sich Lehrer Steve Götz da für die Elft­klässler der Carl-Schurz-Schule aus­gedacht hat. Immer­hin haben sie eine Hilfe: Sie dürfen und sollen das Internet nutzen, zum Beispiel recherchieren, warum Mozart die Form der Opera buffa gewählt hat, inwiefern Beaumarchais’ Werde­gang typisch für das Jahr­hundert war und warum er seine Kritik am Ancien Régime aus­gerechnet am „ius primae noctis“ fest­machte.

Das Sachsenhäuser Gymnasium gehört zu den stadtweit 13 Pilot­schulen, die in diesem Schul­jahr mit draht­losem Internet und portablen Computern aus­gestattet werden. Nach den Plänen von Bildungs­dezernentin Sylvia Weber (SPD) sollen in den folgenden Jahren jeweils bis zu 35 Bildungs­stätten hinzu­kommen, so dass nach fünf Jahren alle Schulen versorgt sind. Hier­für wolle die Kommune insgesamt acht Millionen Euro aus­geben. Außerdem hoffe die Stadt auf eine „zwei­stellige Millionen­summe“ aus dem Digital­pakt, die zur weiteren technischen Auf­rüstung genutzt werden könnte. Am Donner­stag schaute sich Weber mit Vertretern des Stadt­eltern­beirats an, wie die Digital­technik in der Carl-Schurz-Schule genutzt wird.

Elf W-Lan-Router in der Schule

Auf Seiten des Gymnasiums kümmert sich der stell­vertretende Schul­leiter Hans Bender um die Einführung von W-Lan und Mobil­geräten im Unter­richt. Den EDV-Raum habe man auf­gelöst, sagt er. „Der war achtziger Jahre.“ Damit meint Bender nicht nur die veralteten Desktop-Computer, sondern auch die Idee, Digital­technik in einem eigenen Raum für besondere Anlässe vorzuhalten. Internet, Smart­phones und Tablets gehörten inzwischen zum Alltag und eben auch zum ganz normalen Unter­richt in jedem Fach.

Zu diesem Zweck verfügt die Carl-Schurz-Schule seit ein paar Wochen über drei kühl­schrank­große Wagen, in denen dicht an dicht je 30 sogenannte Convertibles stecken, also Note­books mit Touch­screen, die durch Umklappen der Tastatur zu Tablets werden. Lehr­kräfte, die eine Stunde mit Digital­technik halten wollen, können sich die Wagen aus­leihen und mit in die Klasse nehmen. Die portablen Rechner verbinden sich mit insgesamt elf W-Lan-Routern, die nach Benders Worten stark genug sind, um in etwa 30 Klassen­räumen ins Netz gehen zu können. Am Ende der Stunde werden die Geräte wieder in den Schrank und dessen Anschlüsse gesteckt, so dass sie auf­geladen und bei Bedarf gewartet werden können.

Wie Bender sagt, sind die Schränke ständig im Einsatz, mehr als drei Viertel der Lehrer nutzten die Technik, auf die das Gymnasium lange gewartet habe. Die Anwendungs­möglich­keiten reichten weit über die Internet­recherche hinaus, sagt der Mathematik­lehrer. In seinem Fach sei zum Beispiel an inter­aktive Darstellungen mathematischer Funktionen zu denken. Nachdem Hardware und kabellose Anschlüsse jetzt vorhanden seien, sei es wichtig, die didaktische Soft­ware weiter­zu­entwickeln.

Kritischen Umgang lernen

Auch Direktor Ulrich Wyneken zeigt sich zufrieden. Die Schule erlebe einen „Modernisierungs­schub“, die Schüler könnten selbständiger alleine und in Gruppen arbeiten, es eröffneten sich neue Wege der Kommunikation unter­einander und mit den Lehrern. Dabei werde die Technik die bisherigen Lehr-Medien nicht ablösen, sondern ergänzen. „Tafel und Schulbuch sind praktisch, verlässlich und schnell einzu­setzen – es ist sinn­los, das eine gegen das andere auszu­spielen.“

Im Geschichts­kurs von Lehrer Steve Götz sitzen die knapp dreißig Schüler an zusammen­gestellten Tischen, je zwei teilen sich einen Computer. Die 15 Jahre alte Valerie und die ein Jahr ältere Lara haben das Online-Lexikon Wikipedia geöffnet. Ihre Notizen machen die beiden aber per Hand auf einem Zettel, erst am Ende wollen sie die Ergebnisse in einer Computer-Präsentation zusammen­führen. Dass sich die Arbeits­gruppen so gegen­seitig ihre Aufgaben zeigen könnten, sei ein Vorteil der Digital­technik, sagt Valerie.

Auf der Rückseite des Arbeits­blatts, das Götz ausgeteilt hat, stehen Hinweise zur systematischen Internet-Recherche. Dazu gehören technische Tipps, zum Beispiel, bei der Suche Platz­halter zu verwenden, Such­begriffe zu verknüpfen und nicht immer nur die obersten Such­maschinen­ergebnisse zu beachten, aber auch Leit­linien wissen­schafts­propädeutischen Arbeitens: So sollen die Schüler die Seriosität von Quellen prüfen und sich Links notieren, um in der eigenen Darstellung korrekt zitieren zu können.

Ein kritischer, reflektierter Umgang mit modernen Medien ist nach Meinung Wynekens das eigentliche Ziel des Computer-Einsatzes. Bildungs­dezernentin Weber pflichtet ihm bei: Die „Hochzeit des Figaro“ sei doch ein schönes Beispiel, welchen Einfluss Medien – im 18. Jahr­hundert eben Oper und Theater – haben könnten. Dass der Unterricht mit W-Lan zur nächsten Revolution führen wird, meint die Sozial­demokratin damit wahr­scheinlich nicht. Aber etwas zum Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen kann die Digital­technik sicher beitragen.