Dieser Artikel erschien am 01.04.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Oliver Klasen

Gewalt an Schulen : Mit dem Messer in der Schultasche

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen zeigt in einer neuen Studie, das Gewalt unter Jugendlichen erstmals seit Jahren wieder gestiegen ist. Auch hätten immer mehr Schüler das Gefühl, Waffen zur Selbstverteidigung mitführen zu müssen. Vor allem die Häufigkeit von Cyber-Mobbing steigt.

Schüler hält Klappmesser
Auch wenn Messer selten tatsächlich eingesetzt werden, empfinden sie offenbar viele Jugendliche als Bedrohung, gegen die sie sich nur wappnen können, indem sie sich selbst ein Messer zulegen.
©dpa

Die Gewalt eskaliert am Ende der großen Pause. Es wird beleidigt, geschubst, geschlagen, getreten und gespuckt. Dutzende Schüler sind beteiligt, Hunderte schauen zu. Lehrer, die schlichten wollen, schaffen es fast nicht, sich durch die Menschen­traube der Gaffer zu den prügelnden Schülern vorzu­arbeiten. Auch danach kommt die Schule nicht zur Ruhe, es gibt weitere Vor­fälle, bei denen es zu massiver Gewalt kommt. Prügelnde Schüler werden von Dutzenden Kameraden angefeuert, in einem Fall sollen sich sogar Eltern eingemischt haben.

All das soll sich Ende vergangenen Jahres an einer Gesamt­schule in Mönchengladbach zugetragen haben, die SZ berichtete. Werden solche Gewalt­exzesse publik, hieß es in den vergangenen Jahren stets, das seien Einzel­fälle. Forscher verwiesen auf Studien und Polizei­statistiken, denen zufolge Jugend­kriminalität und Jugend­gewalt tendenziell rück­läufig seien.

9000 Neunt­klässler befragt

Doch jetzt haben Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungs­instituts Niedersachsen (KFN) andere Erkenntnisse gewonnen. Ihren Zahlen zufolge sind die Kriminalität und speziell die Gewalt­delikte bei Jugendlichen erstmals seit Jahren wieder gestiegen. Die Forscher haben im Jahr 2017 fast 9000 Neunt­klässler befragt. Die detaillierte Auswertung liegt der SZ vor. Zwar wurden nur Schüler in Nieder­sachsen erfasst, die Forscher sagen jedoch, dass sich daraus wertvolle Erkenntnisse ableiten lassen, weil Nieder­sachsen ein Flächen­land mit acht Millionen Einwohnern ist, mit sowohl städtischen als auch ländlichen Strukturen. Da es, nach den Jahren 2013 und 2015, bereits die dritte Unter­suchung dieser Art ist, sind Zeit­vergleiche gut möglich.

Mehr als 27 Prozent der Jugendlichen haben bei der Erhebung 2017 angegeben, bereits mindestens einmal Opfer eines Gewalt­deliktes geworden zu sein. Mehr als 14 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten eine Gewalttat erlebt. Das ist ein signifikanter Anstieg im Vergleich zu den beiden früheren Befragungen (siehe Grafik). Erfasst haben die Forscher Raub, Erpressung, sexuelle Gewalt und mehrere Arten von Körper­verletzung. Am häufigsten genannt wurde die Körper­verletzung durch eine einzelne Person, mehr als 19 Prozent der Jugendlichen haben das bereits einmal erlebt. Deutlich seltener kommen Raub, Erpressung, sexuelle Gewalt, Körper­verletzung mit Waffe oder Körper­verletzung durch mehrere Personen vor. Aus der Studie ergibt sich, dass der Anteil der Gewalt­taten, die in der Schule verübt werden, über die Jahre 2013 bis 2017 leicht rück­läufig ist. Der Anteil der Gewalttaten, die an außer­schulischen Orten passieren, steigt hingegen.

Das KFN hat auch Daten zum Täterverhalten erhoben. Fast 18 Prozent der Jugendlichen gaben im Jahr 2017 an, mindestens eine Gewalt­tat in ihrem Leben begangen zu haben. Knapp acht Prozent wurden in den zwölf Monaten vor der Erhebung gewalt­tätig. Das sind jeweils deutliche Steigerungen im Vergleich zu der Studie von 2015. Im Vergleich zu 2013 ergibt sich eine leichte Steigerung. Die alleine begangene Körper­verletzung ist das bei Weitem am häufigsten vor­kommende Delikt. Fast 16 Prozent der Befragten gaben an, damit bereits mindestens einmal auffällig geworden zu sein. Andere abgefragte Delikte sind der Befragung zufolge zehn- bis 25-mal seltener, aber auch für Raub und sexuelle Gewalt haben die Forscher zwischen 2015 und 2017 signifikante Zuwächse feststellen können.

Immer mehr Schüler führen Waffen mit sich

„Der Anstieg im Gewaltverhalten geht einher mit anderen negativen Entwicklungen: die Zunahme von Schul­absentismus, vermehrter Drogen­konsum sowie ein genereller Anstieg von Opfer­erfahrung Jugendlicher in verschiedenen sozialen Kontexten“, sagt Sören Kliem vom Kriminologischen Forschungs­institut Nieder­sachsen, der dort die Arbeits­gruppe Dunkel­feld­monitoring leitet. Von Dunkel­feld sprechen Kriminologen dann, wenn die Polizei keine Kenntnis von den Straf­taten erhält. Gerade Jugend­gewalt­delikte werden häufig nicht angezeigt. Im Hellfeld, also in der Polizeilichen Kriminal­statistik, die in Nieder­sachsen vor einigen Wochen veröffentlicht wurde, ist die registrierte Gewalt­kriminalität jugendlicher Täter von 2017 bis 2018 um 3,4 Prozent zurück­gegangen. Im Vergleich mit dem Jahr 2015 ergibt sich allerdings ein Anstieg von 18 Prozent, eine Tendenz also, die sich mit den Zahlen des KFN deckt.

Auffällig ist, dass immer mehr Schüler Waffen mit sich führen – meist Messer, Tränen­gas oder Pfeffer­spray. „Dieses Phänomen betrifft sowohl den Freizeit­bereich als auch die Schule“, sagt Kliem. Auch wenn die Messer selten tatsächlich eingesetzt werden, empfinden sie offenbar viele Jugendliche als Bedrohung, gegen die sie sich nur wappnen können, indem sie sich selbst ein Messer zulegen.

Jugendkriminalität steigt unabhängig von Schul­typ oder Herkunft

Auch Jutta Anton kennt das Problem, vor allem durch Gespräche mit der Polizei. Anton ist Schul­sozial­arbeiterin an einer Ober­schule in Oldenburg und sitzt im Vorstand der Landes­arbeits­gemein­schaft Schul­sozial­arbeit Nieder­sachsen, die Fort­bildungen organisiert, Schulen und Schulämter berät und alle beteiligten Stellen mit­einander vernetzt. „Ich kann nicht sagen, dass die Zahl der Gewalt­fälle an meiner Schule gestiegen wäre, aber bei den Jugendlichen das Bewusst­sein für gewalt­freie Konflikt­lösungs­strategien zu schärfen, ist dennoch wichtig. Zwar ist in den vergangenen Jahren eine Menge passiert, aber wir müssen die Kompetenzen im präventiven Bereich noch weiter stärken, gerade in sogenannten Brenn­punkt­schulen“, sagt Anton.

Die Forscher des KFN weisen zwar darauf hin, dass die Jugend­kriminalität unabhängig von Schul­typ, Herkunft und Geschlecht gestiegen ist. Aller­dings gibt es zum Beispiel zwischen Jungen und Mädchen drastische Unter­schiede. So gaben nur 3,6 Prozent der Mädchen an, in den vergangenen zwölf Monaten eine Gewalttat verübt zu haben, aber 12,2 Prozent der Jungen. „Risiko­suche, Gewalt­affinität und gewalt­legitimierende Männlich­keits­normen“, so heißt es in der Studie, seien stärker verbreitet als in früheren Jahren.

Integration in der Schule stagniert

Zwei weitere Differenzierungen ergeben sich aus den Daten: Jugendliche, die einen niedrigen Bildungs­abschluss anstreben, werden deutlich häufiger Gewalt­opfer oder Gewalt­täter als Jugendliche, die einen höheren Bildungs­abschluss anstreben. Außer­dem sind Schüler mit Migrations­hinter­grund in beiden Statistiken über­repräsentiert. Die Forscher haben auch versucht, die Ergebnisse nach einzelnen Migranten­gruppen zu differenzieren, allerdings waren hier die Fall­zahlen zum Teil so klein, dass sich keine verlässlichen Aussagen ableiten lassen. „Unsere Zahlen zeigen aller­dings deutlich, dass die Integration von Jugendlichen mit Migrations­hinter­grund stagniert. Hier besteht Handlungs­bedarf, etwa durch eine Verbesserung der Bildungs­chancen“, sagt Forschungs­gruppen­leiter Kliem. Seine Vermutung, für die er jedoch weitere Forschungen für nötig hält: Gerade in Migranten­gruppen, die schlecht integriert sind, steigt die Neigung zu kriminellen Handlungen.

Während die Zahl der Jugendlichen, die angeben, physische Gewalt zu erfahren, nur leicht angestiegen ist, nehmen psychische Gewalt und das sogenannte Cyber­bullying zu. Darunter fallen Methoden der Ausgrenzung und Bloß­stellung, bei denen das Internet und soziale Medien eine Rolle spielen. Fast die Hälfte der Jugendlichen gab an, das in den vergangenen sechs Monaten mindestens einmal erlebt zu haben. Fast 20 Prozent litten unter sexuellem Cyber­bullying. Unter diesen Begriff fassen die Forscher etwa die Verbreitung entblößender Fotos, Videos oder die Aufforderung zu sexuellen Handlungen, durch Mitschüler oder durch Personen außer­halb der Schul­umfelds.

Falsche Freunde führen zu mehr Straf­taten

Experten beobachten das zunehmende Cyberbullying mit Sorge, denn anders als beim klassischen Mobbing hört die Qual für die Betroffenen nach der Schule nicht auf, sondern setzt sich online fort. Ein Konzept, um Cyber­mobbing entgegen­zutreten, ist der sogenannte „No Blame Approach“, den auch Schul­sozial­arbeiter in Nieder­sachsen anwenden. Dieser Ansatz will eine klare Täter-Opfer-Frontstellung vermeiden und statt­dessen alle Beteiligten in einen Austausch mit­einander bringen. „Aus jahre­langer Praxis wissen wir, dass es hilfreich ist, bei der Auflösung von Mobbing-Dynamiken alle Beteiligten einzubinden: Die Opfer, Mitläufer, Unbeteiligte und eben auch diejenigen, die das Mobbing betreiben“, sagt Sozialpädagogin Anton.

Die Forderung, Problemschüler zu integrieren, ergibt sich auch aus der Studie des KFN. Immer mehr Jugendliche bewegten sich in problematischen Peer-Groups, also in Freundes­kreisen, in denen Straftaten ein Mittel sind, um sich in der Gruppe Anerkennung zu verschaffen. Mehr als acht Prozent der Befragten haben mindestens fünf kriminelle Freunde. Die Forscher alarmiert das, weil aus den nieder­sächsischen Daten hervor­geht, dass Jugendliche, die in delinquente Freundes­kreise eingebunden sind, selbst ebenfalls oft straf­rechtlich in Erscheinung treten.

„Auch wenn Niedersachsen meist recht gut dem Bundes­durch­schnitt entspricht“, wie Kliem sagt, regen er und sein Team eine Unter­suchung für alle Bundes­länder an. „Wir würden uns freuen, wenn es von Seiten der Politik Unter­stützung dafür gäbe. Die letzte größere, bundes­weite Unter­suchung zur Jugend­kriminalität ist schon mehr als zehn Jahre alt.“