Dieser Artikel erschien am 31.07.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Heike Klovert

#MeTwo in der Schule : Wenn Lehrer zu Rassisten werden

Jeder Vierte fühlt sich im Bildungsbereich diskriminiert, wegen seiner Herkunft, seines Alters oder Geschlechts. Die #MeTwo-Berichte zeigen auch: Manche Lehrer verstören ihre Schüler auf Jahre. Was Pädagogen wissen sollten.

Ein Lehrer im Gruppengespräch mit seinen Schülern
Lehrer im Klassenraum: Wo fängt Rassismus an?
©Getty Images

„Schule. Mein Freund fragt etwas. Mathe­lehrer antwortet: Lern erst mal Deutsch, bevor du etwas fragst.“

„’Sind Sie sicher, dass Sie studieren wollen? Machen Sie doch lieber eine Ausbildung!’ (Professor während meines Studiums).“

„’Ist doch egal, auf welche Schule Ihr Sohn geht. Er über­nimmt doch sowieso später die Bar.’ Die Lehrerin meines Nachhilfe­schülers zu den italienisch-polnischen Eltern.“

Es sind Kommentare wie diese, die Menschen mit Migrations­hinter­grund in den vergangenen Tagen zuhauf unter dem Hashtag #MeTwo getwittert haben. Sie zeigen, dass Diskriminierung an deutschen Schulen und Hoch­schulen ein Problem ist. Es gehört zur Aufgabe eines Lehrers, Kinder und Jugendliche zu bewerten. Leistung sollte dafür das einzige Kriterium sein – und ist es offenbar häufig nicht.

Studien offenbaren seit Jahren, dass es Kinder mit Migrations­hinter­grund an deutschen Schulen schwerer haben. In der vergangenen Woche zeigte eine Untersuchung der Universität Mannheim, dass Lehr­amts­studenten Grund­schul­kinder schlechter benoteten, wenn sie türkische Vornamen hatten – obwohl sie im Diktat die gleiche Fehler­anzahl hatten.

Und im vergangenen Jahr stellten Berliner Forscher fest, dass Lehrer Kindern aus türkisch­stämmigen Familien weniger zutrauen, selbst wenn sich deren Leistungen nicht von denen der anderen unter­scheiden.

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozial­forschung kam hingegen vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass Kinder aus zugewanderten Familien, die vergleich­bare Noten und einen ähnlichen sozialen Hinter­grund hatten, ebenso oft eine Gymnasial­empfehlung erhielten wie deutsch­stämmige Schüler.

Es ist schwer zu beziffern, wie oft Lehrer Schüler wegen ihrer familiären Wurzeln benachteiligen. Manche Studien scheinen sich zu wider­sprechen und nicht alle sind repräsentativ. So lassen sich zum Beispiel die Mannheimer Ergebnisse zur Noten­gebung nicht einfach auf alle deutschen Lehrer und Lehrerinnen über­tragen. Generell ist das Thema Diskriminierung an Schulen bei uns weit weniger erforscht als etwa in den USA.

Lehrer zu wenig ausgebildet

Das ändert jedoch nichts daran, dass Schüler immer wieder Diskriminierung im Unter­richt erleben – und die Sprüche danach oft viele Jahre lang mit sich herum­tragen. Vor drei Jahren ließ die Anti­diskriminierungs­stelle des Bundes deutschland­weit rund 1000 Menschen befragen. Rund jeder Vierte gab an, sich in den vergangenen zwei Jahren im Bildungs­bereich benachteiligt gefühlt zu haben – aufgrund der Herkunft, oder auch aufgrund von Geschlecht, Alter oder Behinderung.

Ein großes Problem: Angehende Lehrkräfte werden an den Hochschulen wenig darin geschult, wie sie mit Hetero­genität im Klassen­zimmer umgehen können. Die Kultusminister­konferenz hat zwar 2014 beschlossen, dass Lehramts­studenten in allen akkreditierten Studien­gängen vermittelt werden müssen, „wie wesentlich Anerkennung von Diversität für das Gelingen von Lern­prozessen ist“.

Doch Nathalie Schlenzka von der Anti­diskriminierungs­stelle des Bundes reicht das nicht. „Wir drängen seit Jahren darauf, dass das Thema Diskriminierung an Schulen als eigenes Element verpflichtend in die Lehrer­ausbildung aufgenommen wird”, sagt sie. “Doch das ist immer noch in keinem Bundes­land passiert.“

Zudem: Manche Sprüche sind fraglos intolerant, menschen­feindlich, herab­würdigend. Andere Bemerkungen sind gut gemeint – und trotzdem schlecht gemacht. Offenbar bemerken einige Lehrer gar nicht, wenn sie Schüler diskriminieren. Darauf sollten Pädagogen achten:

Wo fängt Rassismus an?

Es ist nur auf den ersten Blick ein Unterschied, ob ein Lehrer sagt: „Du schaffst es nicht auf dem Gymnasium“ oder „An der Haupt­schule wirst du dich bestimmt wohler fühlen“. Letzteres klingt zwar zunächst nach Anteil­nahme. Doch der Effekt ist in beiden Fällen ähnlich: Der Schüler spürt, dass der Lehrer ihm das Gymnasium nicht zutraut.

Pädagogen sollten sich deshalb stets fragen, wie ihre Bemerkung ankommen könnte und ob sie wirklich alle Schüler nur nach ihrer Leistung beurteilen. „Niemand ist frei von Vorurteilen“, sagt Nathalie Schlenzka, die seit fünf Jahren zu Rassismus an Schulen forscht. „Es ist ein erster Schritt, sich das einzu­gestehen.“

Wie sollten Lehrer kommunizieren?

Trägt eine Schülerin plötzlich ein Kopftuch, weil sie das muss? Bekommt ihr Klassen­kamerad Ärger vom autoritären Vater, wenn er eine schlechte Note nach Hause bringt? Es gehört zur Aufgabe eines Lehrers, genau hin­zuschauen. Es ist jedoch ebenso wichtig, nicht vorschnell ein Urteil zu fällen.

„Pädagoginnen und Pädagogen sollten zuerst mit anderen Lehrenden oder Schul­sozial­arbeitern sprechen oder die Eltern persönlich kennen­lernen, um den Kontext besser einschätzen zu können“, rät Schlenzka. Außer­dem sollten sie einen Schüler lieber offen und empathisch fragen, ob er wegen der Fünf in Mathe Ärger bekommen könnte – statt in dieser Hinsicht subtile Mut­maßungen anzustellen.

Lehrer sollten auch klarmachen, wenn sie sich selbst unsicher sind, wie sie ein Thema ansprechen können. „Ich mag mit meiner Beobachtung komplett daneben liegen, aber ich habe die Sorge, dass dich deine Eltern vielleicht nicht mit auf Klassen­fahrt lassen“, wäre ein besserer Satz als „Du darfst sicher nicht mit auf Klassen­fahrt, oder?“

Was tun, wenn ein Spruch einen Schüler verletzt hat?

„Es reicht nicht zu sagen: ‘Das habe ich doch nicht so gemeint’“, sagt Schlenzka. Nicht jeder Schüler reagiere gleich – und Jugendliche, die Bemerkungen sensibler aufnähmen, müssten ebenso ernst­genommen werden. „Am besten sprechen Lehrer gleich an, wenn ihnen ein Spruch heraus­gerutscht ist, der vielleicht falsch ankam.“

Das gilt übrigens nicht nur für Lehrer: Jeder, der sich in der Schule diskriminiert fühlt, sollte das ansprechen. Schlenzka mahnt: „Wir dürfen nicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen, ins Schweigen verfallen“.

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