Schule und Corona : Mein 1. Schuljahr

Erklärungen über YouTube, Singen verboten und die Angst um die Oma: Wie Erstklässler in Leipzig den Beginn ihrer Schulzeit erlebten.

Dieser Artikel erschien am 14.07.2021 in DIE ZEIT
Linda Tutmann
Grundschüler:innen rennen auf Fußweg
©Getty Images

Das Besondere heute Morgen sind die Lücken. Klassen­lehrerin von Erst­klässlern zu sein bedeutet auch, den Kindern beim Zähne­verlieren zuzuschauen. Das Wackeln, die Lücken, das stolze Sammeln und Präsentieren der Milch­zähne in Boxen und Brief­umschlägen. In diesem Jahr hat Stefanie Kinting viele Wackel­zähne verpasst. Weil die Münder ihrer Klasse 1 b oft von Masken verdeckt waren, weil sie die Kinder nur alle zwei Wochen sah oder per Video im Online-Unterricht, bei unscharfem Bild.

Doch jetzt, am Ende dieses Schuljahres, sieht Stefanie Kinting die Kinder der 1 b wieder jeden Tag, alle 19, von Angesicht zu Angesicht, ohne Masken, auf dem Pausen­hof und im Unterricht. Nun ist zu erkennen, wo die bleibenden Zähne durch­gebrochen sind und sich die Gesichter für immer verändert haben, während die Erst­klässler Schreiben und Rechnen gelernt haben.

Elisa: Ich finde Masken blöd, weil das so warm ist.

Marietta: Man hat nicht so viel Sauerstoff.

Adam: Man musste immer alles zweimal sagen.

Emma: Ich konnte keinen sehen.

In den letzten anderthalb Jahren wurde viel über Kinder wie Elisa, Marietta, Adam und Emma geredet – über ihre Probleme, den fehlenden digitalen Unterricht. Es ging um Lücken im Stoff, das Versagen der Kultus­minister, psychische Belastungen und drohende Ansteckungen. Selten wurde mit den Kindern gesprochen: Wie haben sie dieses erste Schul­jahr in der Pandemie erlebt? Was haben sie gelernt? Haben sie Freunde gefunden?

Wie viele andere kennen auch die Erstklässler der Grund­schule am Auwald, im Leipziger Südwesten, Schule nur im Ausnahme­zustand. Sie haben hinter sich: 24 Tage Wechsel­unterricht, unzählige Corona-Selbst­tests, sechs Wochen Home­schooling, Not­betreuung, Video­konferenzen, Arbeits­blätter. Hygiene­regeln, Abstand­halten, kaum Sport-, Musik- und Kunst­unterricht. In ihrer Stadt gab es 22.414 Covid-19-Infektionen und 533 Todes­fälle.

Draußen an die Tür des Klassenzimmers hat Stefanie Kinting den Schriftzug „Klasse 1 b“ geklebt und die Buch­staben bunt angemalt. Zwei Bären­gesichter hat sie darunter­gepinnt – damit die Kinder, die Ende August 2020 noch nicht lesen konnten, den Raum finden, ein Bären­gesicht vergisst man nicht so schnell wie ein „b“. Denn in diesem besonderen Jahr mussten die Eltern ihre Erst­klässler morgens, abhängig von der Inzidenz, an der Schul­eingangs­tür oder manchmal auch schon am Tor los­schicken, über den Schulhof, hoch in den zweiten Stock – und hoffen, dass sie sich in dem Labyrinth aus Türen und Treppen zurecht­finden würden. Ein langer Weg für Kinder, die vorher jeden Morgen in der Kita einer Erzieherin übergeben wurden. Die Schule am Auwald ist keine kleine Schule, mehr als 400 Schüler gehen hier in normalen Zeiten ein und aus.

Im Klassenzimmer läutet Stefanie Kinting, 48, ein Glöckchen. Eine neue Stunde beginnt. Die 1 b, das sind 19 Kinder zwischen sieben und acht Jahren. Ihre Eltern arbeiten als Maler, Erzieher – oder Lehrer. Manche von ihnen wachsen zwei- oder drei­sprachig auf, manche konnten schon vor der Einschulung lesen, manchen fällt es auch nach einem Jahr noch schwer. Die Fenster sind weit geöffnet – regel­mäßiges Lüften, klar. Wenn man hinaus­schaut, blickt man auf schmale Reihen­häuser aus den Dreißiger­jahren. Früher wohnten hier im Stadt­teil Schleußig, 15 Tram-Minuten vom Leipziger Haupt­bahnhof, Arbeiter, die in den umliegenden Fabriken schufteten. Heute leuchtet die rostrote Farbe der kleinen Häuser wieder, in den Vorgärten wachsen Rosen­sträucher.

Drinnen wuseln die Kinder noch durch die Reihen, ein Füller braucht neue Tinte, eine Brotdose fällt runter, ein Heft ist verschwunden. Es ist Viertel vor neun, die zweite Stunde läuft – das ganz normale Chaos einer ersten Klasse. Fast alle sind da, nur drei Kinder fehlen. „Erst mal Ruhe rein­bringen“, seufzt Kinting und tippt auf den CD-Player, leise Klänge ertönen. Solange die Musik läuft, sollen die Kinder Schreib­schrift üben. Sie drücken ihre Füller aufs Papier, konzentriert und mit etwas zu viel Kraft, die Tinte verschmiert und tropft, die Schrift ist krakelig. Dass viele von ihnen in dem halben Jahr vor Schul­beginn seltener zur Kita gingen, haben Kinting und ihre Kollegen gemerkt. Eine Schere oder einen Stift zu halten fällt den Kindern bis heute schwerer, die Anleitung und Routine aus der Kita fehlte.

Vor knapp einem Jahr, am 29. August, dem Tag der Einschulung, sah es noch gut aus für das erste Schuljahr: Damals lagen die Inzidenzen in Leipzig – wie jetzt wieder – im einstelligen Bereich. Dennoch, so erzählt es Kinting, lief dieser Tag anders ab als all die Jahre zuvor. Kein Theater­stück in der Aula, kein Singen des Kinder­chors, getrennte Ein- und Ausgänge, Eltern durften das Gebäude nicht betreten. Die Schul­leiterin hielt ihre Rede auf dem Schulhof unter freiem Himmel. Von Corona sprach sie nicht. Sie redete vom Großwerden und Loslassen, von einem neuen Lebens­abschnitt, sie hatte dabei Tränen in den Augen. Die Kinder hätten nah bei ihren Eltern gestanden, erinnert sich die Klassen­lehrerin, die Arme eng um ihre Zucker­tüten geschlungen.

„Die Kinder lernen nicht für sich oder fürs Leben“

Vincent: Ich fand es toll, in die Schule zu kommen, da kann man was lernen.

Milda: Ich hatte schon ein bisschen Angst. Am ersten Tag mussten wir auch eine Maske tragen. Aber draußen nicht, da haben meine Eltern gewartet. Und dann haben wir nach­mittags Eis gegessen im Garten.

Frida: Ich habe, als ich in die Schule gekommen bin, vor allem meine alten Freunde vermisst. Aus dem Kinder­garten. Die sehe ich nämlich total selten.

Tim: Ich war froh, weil ich kannte schon Vincent aus dem Kindergarten.

Die zehn Minuten sind um, die Melodie verstummt. Die restliche Schul­stunde über dürfen die Kinder selber entscheiden, was sie machen möchten: ob sie noch einen Übungs­zettel ausfüllen, weiter Schreib­schrift üben oder Rechen­aufgaben lösen. Kinting hockt sich vor Mildas Tisch, „das wird schon sehr schön“, sagt sie. Das zarte Mädchen führt langsam ihren Stift übers Papier. Emma schlingt von hinten ihre Arme um die Hüften ihrer Lehrerin und drückt sich an sie. Die Erst­klässler, zumindest darin waren sich die Kultus­minister einig, brauchen ihren Lehrer, ihre Lehrerin – mehr als Sechst- oder Neuntklässler. Auch deshalb durften sie in allen Bundes­ländern früher aus dem Lockdown an die Schulen zurück­kehren.

Adam: Ich fand Homeschooling manchmal schön, manchmal nicht so schön. Ich fand es gut, dass man länger schlafen konnte. Das Blöde war, dass man seine Freunde nicht gesehen hat.

Anton: Einmal war es ein bisschen cool. Da hatte ich alles ganz schnell gemacht. Weil ich mit meinem Papa zusammen­gearbeitet habe. Ich musste Aufgaben machen, und gleich­zeitig hat Papa gearbeitet.

Emma: Ich fand es manchmal anstrengend, weil meine kleine Schwester kam und mitmachen wollte.

Vivan: Homeschooling fand ich nicht so schön. Mein Papa arbeitet zu Hause und hat immer Termine, und ich finde es für meinen Papa schade, weil er dann immer reden, reden und reden muss.

„Die Kinder lernen nicht für sich oder fürs Leben – ihr Lernen braucht eine emotionale Anbindung“, sagt Kinting. Es klingt banal, aber nichts motiviert Kinder in diesem Alter mehr als eine gute Beziehung zur Lehrerin. Manchmal sagen die Kinder „Mama“ zu ihr – und immer Du. Während der Schul­schließung nahm Kinting kleine Filme auf und lud sie für die 1 b bei YouTube hoch. Irgend­wann war ihre ganze Familie in die Produktion involviert. Ihr Sohn filmte, ihr Mann half mit den Requisiten. Sie selbst ließ die Kuschel­tiere Mi und Mo das Alphabet sprechen, jede Woche einen neuen Buch­staben. Dreimal die Woche verabredete sie sich zu einer Video­sprech­stunde mit den Schülern und Schülerinnen. Die Kinder sagten Zungen­brecher auf, erzählten von ihrem Wochen­ende oder hielten das neue Meer­schweinchen in die Kamera.

Vincent: Ich mag Frau Kinting, weil sie so gut erklären kann. Sie hilft uns bei schwierigen Sachen. Wenn Papa mir was erklärt, verstehe ich nur Bahnhof.

Emma: Ich find das Gleiche wie Vincent.

Frida: Ich habe es vermisst, dass Frau Kinting mir schwierige Aufgaben gegeben hat, wenn mir welche zu leicht waren. 

Auch in der 1 b gibt es Schülerinnen und Schüler, die mit dem Stoff nicht hinter­her­gekommen sind, Kinder, denen es schwerfiel, während des Lockdowns zu Hause zu lernen, die weniger Unterstützung hatten als andere. Doch Kinting ist optimistisch. Der Vorteil im ersten Schuljahr sei, dass die Kernfächer Mathe und Deutsch bei ihnen immer von der Klassen­lehrerin unterrichtet würden. Sie weiß also genau, wer im zweiten Jahr mehr Förderung braucht, wer wo steht, wem was fehlt. Manchmal wurde sie auch überrascht: Schüler, von denen sie dachte, dass sie es zu Hause nicht packen würden, lernten fleißig; anderen, auch sehr guten Schülern, ging die Motivation verloren. „Wir hatten alle unsere Tiefs“, sagt Kinting. Wieso sollte es Kindern anders gehen als Erwachsenen?

Die Klassenlehrerin versuchte das ganze Jahr über, wenn es Präsen­zunterricht gab, „keine Angst­atmos­phäre entstehen zu lassen“, wie sie es nennt: Sie bestellte sich keinen Spuckschutz, die Plastik­scheibe, die manche ihrer Kolleginnen vor sich aufbauten. Wenn ein Kind sein Pausen­brot vergessen hatte, durften die anderen Kinder ihre Brote teilen, beim Hände­waschen verzichtete die 1 b auf scharfes Desinfektions­mittel. Doch im gesamten Schuljahr war das Thema Corona präsent – auch im Unterricht ging es oft darum.

„Die Kinder haben gelernt, sich selbst zurecht­zu­finden“

Tim: Ich hatte immer Angst um meine Oma und meinen Opa, weil sie sind alt. Wenn sie Corona haben, dann sterben sie. Aber heute sehe ich sie.

Jurek: Ich hatte keine Angst, weil ich weiß, dass das Kindern nichts ausmacht.

Vivan: Ich habe auch keine Angst, nur dass meine Oma stirbt. Meine Oma geht nie raus. Weil in Indien ist Corona noch schlimmer als hier. Und ich darf da nicht hin. Mein Papa geht alleine im Dezember. Ich will auch nach Indien. Wir haben mit meiner Oma oft telefoniert.

Was bleibt von diesem außer­gewöhnlichen Schuljahr? Kinting sagt, die Kinder aus der 1 b hätten in diesem Jahr mehr gelernt, als Buchstaben zu schreiben und Zahlen zu addieren. „Es ist eine wichtige Erfahrung für Kinder, eine schwierige Zeit zu überstehen und zu merken, dass es wieder besser wird“, sagt Kinting. Natürlich habe die Klasse 1 b auch Glück gehabt. Niemand in ihrem engeren Umkreis ist an Corona gestorben, niemand wurde sehr schwer krank.

Die Schulleiterin Jane Hart hat beobachtet, dass die Erstklässler in diesem Jahr selbst­ständiger waren als in anderen Jahren. Viele Eltern erzählten ihr, dass die Kinder allein zur Schule gehen. Vor Corona habe es manchmal tränenreiche Abschiede im Klassenraum gegeben, jetzt waren die Kinder schneller auf sich allein gestellt und sind gut damit klar­gekommen. „Die Kinder haben gelernt, sich selbst zurecht­zu­finden“, sagt Hart.

Und noch etwas ist gelungen: In der Klasse ist eine Gemeinschaft entstanden. Die Beziehungen unter­einander seien flexibler, die Kinder offener. Normaler­weise würden schon in den ersten Schulwochen die Rollen im Klassen­gefüge festgelegt, Hierarchien ausgemacht, Abneigungen geäußert – dann stehe fest, wer der Klassen­clown und wer die Außen­seiterin ist. Die Wochen des Lockdowns, des Wechsel­unterrichts, die Trennungen und die Wieder­sehen müsse man sich wie einen Mixer für das Klassen­gefüge der 1 b vor­stellen: Immer wieder wurde alles durch­einander­gewirbelt. Bei jedem Wiedersehen gab es neben der großen Freude auch ein neues Auf­einander­zu­gehen. „Für manche Kinder war das eine große Chance“, sagt Kinting.

Marietta: Ich habe am ersten Tag Emma und Elisa kennen­gelernt. Das war schön. Manchmal haben wir uns im Garten getroffen, als die Schule zu war.

Milda: Ich habe Arthur getroffen, und dann sind wir Freunde geworden.

Tim: Ich fand es gut, dass ich so richtig viele Freunde gefunden habe …

Emma: … und Frau Kinting natürlich.

Vergangene Woche waren sie das erste Mal Eis essen, die ganze 1 b. Das hatte es im ganzen Schuljahr noch nicht gegeben. Sie saßen zusammen mit ihrer Klassen­lehrerin in der Sonne. Ohne Masken, ohne Corona-Tests. Schön sei das gewesen, weil sie einfach mal alle zusammen waren.