Fragen an Experten

Corona und Schule : Maskenpflicht: Wie Schulen mit Maskenverweigerern umgehen können

In der Corona-Pandemie stehen Lehrkräfte und Schulleitungen vor neuen Herausforderungen. Das Schulportal hat Lehrkräfte anonym befragt, in welchen Situationen sie unsicher sind oder an ihre Grenzen stoßen. In der Rubrik „Fragen an Experten” geben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen vorgehen könnten. Hier erklärt der Berliner Schulpsychologe Matthias Siebert, wie Schulen reagieren können, wenn sich Schülerinnen und Schüler oder Eltern weigern, eine Maske zu tragen, auch wenn dies verpflichtend vorgeschrieben ist. Und hier gibt es mehr über den aktuellen Stand zur Maskenpflicht und zu weiteren Regeln im Umgang mit Corona an Schulen.

Annette Kuhn 16. Juni 2021 Aktualisiert am 17. Oktober 2021 8 Kommentare
Schild weist auf Maskenpflicht hin
An vielen Schulen weisen Schilder auf die Maskenpflicht hin. Die meisten Schülerinnen und Schüler halten sich daran. Aber es kommt auch immer wieder zu Konflikten.
©Hauke-Christian Dittrich/dpa

Die Expertenfrage ist zuerst im November 2020 erschienen:

Schulleiterin an einem Gymnasium: Ich bin Schulleiterin eines Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen. Seit Beginn des neuen Schuljahres haben wir in der Schule immer wieder Probleme mit Schülerinnen und Schülern, die nicht bereit sind, eine Maske zu tragen. Seit den Sommerferien ist das bei uns immer wieder ein Problem. Unsere Lehrkräfte haben schon viele Elterngespräche geführt, aber dort ist der Widerstand oft noch stärker. Was kann ich tun?

Matthias Siebert: Die angeordneten Maßnahmen gegen die Verbreitung des COVID-19-Virus, wie zum Beispiel die Pflicht, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, stellt für uns alle eine Belastung dar. Diese Belastung bildet sich entsprechend in den Schulen ab. Dabei sind die Ausnahmeregelungen, zum Beispiel bei Vorlage eines Attests, und die rechtlichen Möglichkeiten bei einer Missachtung mittlerweile in den Bundesländern klar geregelt (siehe Infokasten unten). Die Schulen haben dazu auch in vielen Bundesländern Handreichungen mit Informationen bekommen.

Bevor Ordnungsmaßnahmen angedroht werden, sollte in einem persönlichen Gespräch mit den Betroffenen die Unverhandelbarkeit der verordneten Regeln in der Schule klar vermittelt werden.

Allerdings ist dabei das Beachten der Verhältnismäßigkeit unverzichtbar. Bevor also Ordnungsmaßnahmen angedroht werden, sollte in einem persönlichen Gespräch mit den Betroffenen die Unverhandelbarkeit der verordneten Regeln in der Schule klar vermittelt werden.

In so einem Gespräch geht es aber nicht darum, über den Sinn und Zweck einer Maskenpflicht zu diskutieren. Jeder kann dazu seine private Meinung haben, aber die muss jetzt in der Schule – wie in vielen anderen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens auch – zurücktreten.

Es ist verständlich, dass in einer stark individualisierten Gesellschaft und vor allem bei Jugendlichen, die gerade nach Autonomie streben, die auferlegten Zwänge Widerstand hervorrufen. Der Ausdruck von Individualität kann sich aber auch durch unterschiedlich gestaltete Masken seinen Weg suchen. Die Verweigerungshaltung kann also einfach nur ein oppositionelles Verhalten sein, bei dem es weniger um die Sache als um einen Machtkampf geht. Viele pädagogische Fachkräfte kennen solche Machtkämpfe aus dem Schulalltag. Manchmal geht es um eine Sonnenbrille, die nicht abgesetzt wird, oder um die Nutzung eines Handys während des Unterrichts.

Auch unter den pädagogischen Fachkräften einer Schule kann es zum Thema Maskenpflicht unterschiedliche Auffassungen geben. Es wäre daher zu wünschen, dass es einen kollegialen Konsens gibt, das Tragen der Maske als ein Zeichen von Solidarität zu verstehen.

Die wenigen Ausnahmeregelungen für Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung von dem Tragen einer Maske befreit werden, können unter dem Aspekt der Diversität der Schulgemeinschaft erläutert werden. Dies bleibt ein Abwägungsprozess, der auch dazu führen kann, dass die betroffene Schülerin, der betroffene Schüler in einem anderen Rahmen unterrichtet werden muss.

Aus psychologischer Sicht ist grundsätzlich ein Belohnungssystem einem Bestrafungssystem vorzuziehen. Wenn sich die Aufmerksamkeit immer auf die richtet, die sich hier rücksichtslos und unachtsam verhalten, gehen die Schülerinnen und Schüler unter, die gewissenhaft immer an ihre Maske denken und sie selbstverständlich tragen.

Selbstverständlich kann man die Regelungen in der Pandemie auch zum Anlass nehmen, um mit älteren Schülerinnen und Schülern über demokratische Entscheidungsprozesse zu diskutieren. In einem Krisenmanagement werden in der Regel Entscheidungen hierarchisch gefällt. Endlose Diskussionen können Maßnahmen zur Krisenbewältigung blockieren.

Bei einer Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern sollte ebenfalls nicht der Eindruck erweckt werden, dass über die Maskenpflicht in der Schule verhandelt wird. Es geht hier ja nicht um eine schulinterne Regelung mit Beteiligung der Schülerschaft, wie es zum Beispiel beim Umgang mit dem Handy oder bei der Entscheidung für oder gegen eine Schuluniform der Fall sein kann. Die Maske sollte wie ein wesentliches Kleidungsstück, welches man selbstverständlich trägt, betrachtet werden. Niemand kommt ohne Hose in die Schule, also eben jetzt auch nicht ohne Maske.

Gut ist, wenn das Thema Maskenpflicht in der Schule gar nicht erst eine zu große Bedeutung erhält. Damit es nicht zu einer Problemfokussierung kommt, können ganz praktische Dinge helfen: So sollte es im Sekretariat immer ausreichend Ersatzmasken geben, die an Schülerinnen und Schüler verteilt werden können, die angeben, ihre Maske verloren zu haben. Es kann auch von vornherein festgelegt werden, dass Schülerinnen und Schüler immer zwei Masken dabeihaben müssen.

Ich kenne außerdem Schulen, in denen schon gleich am Eingang die Schülerinnen und Schüler begrüßt werden. So kann jeden Morgen die Schulleitung selbst überprüfen, ob alle ihre Maske beim Betreten der Schule aufsetzen. Wenn in der Grundschule ein Kind ohne Maske kommt und sich diese auch nicht in der Schultasche befindet, kann dann zum Beispiel das Sekretariat informiert werden, das entweder eine Maske zur Verfügung stellt oder – wenn ein Kind häufiger ohne Maske kommt – die Eltern anruft und sie auffordert, eine Maske vorbeizubringen. Dieses konsequente Vorgehen führt in der Regel dazu, dass Masken zukünftig mitgebracht werden.

Aus psychologischer Sicht ist grundsätzlich ein Belohnungssystem einem Bestrafungssystem vorzuziehen. Wenn sich die Aufmerksamkeit immer auf die richtet, die sich hier rücksichtslos und unachtsam verhalten, gehen die Schülerinnen und Schüler unter, die gewissenhaft immer an ihre Maske denken und sie selbstverständlich tragen.

Wenn es gelingt, mit Eltern ins Gespräch zu kommen, die aus ideologischen Gründen ihrem Kind untersagen, eine Maske zu tragen, versuche ich ihnen bewusst zu machen, dass sie ihr Kind mit ihrer Haltung instrumentalisieren und in einen Loyalitätskonflikt bringen.

Oft steckt hinter der Weigerung von Kindern und Jugendlichen, die Maske zu tragen, aber eine oppositionelle Haltung der Eltern, die häufig über das Thema Maskenpflicht hinausgeht und sich auf das ganze System Schule oder die politischen Entscheidungsträger bezieht. Ich bin schon oft in den vergangenen Wochen von Schulleitungen zu Beratungsgesprächen gerufen worden.

Oft gibt es die Erwartung, dass die Schulpsychologie vermitteln kann. Dabei ist zu beachten, dass Beratungen immer freiwillig sind. Eine Zwangsberatung hat wenig Aussicht auf Erfolg. Ein weiterer Grundsatz ist die Allparteilichkeit, wobei bei diesem Anliegen das Wohlergehen der Schulgemeinschaft und des betroffenen Kindes eine Richtung vorgeben.

Wenn es gelingt, mit Eltern ins Gespräch zu kommen, die aus ideologischen Gründen ihrem Kind untersagen, eine Maske zu tragen, versuche ich ihnen bewusst zu machen, dass sie ihr Kind mit ihrer Haltung instrumentalisieren und in einen Loyalitätskonflikt bringen. Kinder werden häufig von der Meinung und Haltung ihrer Eltern gegenüber der Schule beeinflusst. Selbst wenn sich die Kinder eher in die Schule anpassen möchten, geraten sie durch diesen unausgesprochenen Auftrag ihrer Eltern in einen inneren Konflikt.

Die Loyalität zu den Eltern kann dann auch so weit gehen, dass Schülerinnen und Schüler in Kauf nehmen, von Mitschülerinnen und Mitschülern ausgegrenzt oder von Aktivitäten der Schule ausgeschlossen zu werden. Ein Perspektivwechsel, bei dem sich die Eltern die Situation ihres Kindes bewusst machen, hilft ihnen häufig dabei, einzulenken. Wenn kein Umdenken eintritt, helfen tatsächlich oft nur noch rechtliche Schritte.

Zur Person

  • Matthias Siebert ist Vorsitzender des Landesverbandes Schulpsychologie Berlin.
  • Außerdem ist er Fachbereichsleiter Schulpsychologie im Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) Steglitz-Zehlendorf.
  • Er hat in der aktuellen Situation schon viele Schulen dazu beraten, wie sie mit Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern umgehen können, wenn sie sich weigern, in der Schule eine Maske zu tragen.

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