Dieser Artikel erschien am 16.07.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Birk Grüling

Fehlende Schulpsychologen : Mangelverwaltung schulischer Probleme

Ein Schulpsychologe für knapp 7000 Schüler – das ist der mickrige Schnitt in Deutschland. Eine ausreichende Unter­stützung von Kindern, Eltern und Lehrkräften ist da kaum möglich. Und in einigen Bundes­ländern ist es noch schlimmer.

Gewalt auf dem Schulhof – nur eines der Handlungsfelder von Schulpsychologen (gestelltes Symbolfoto)
Gewalt auf dem Schulhof – nur eines der Handlungsfelder von Schulpsychologen (gestelltes Symbolfoto)
©dpa

Das Dezernat „Schulpsychologie“ residiert in einem modernen, schmucklosen Büro­komplex am Lüneburger Bahnhof. Weiße Rau­faser­tapete, eine Fenster­front mit Blick auf einen Park­platz. Der frische Kaffee ist inzwischen kalt geworden, so lange braucht Achim Aschenbach, um seine ganzen Aufgaben als Schul­psychologe zu erklären.

Aschenbach ist Ansprechpartner für Eltern und Kindern mit Schul­problemen, die von schlechten Noten bis zu Schul­angst reichen. Er bildet Lehr­kräfte fort und berät Schulen. Und er ist Teil eines nieder­sächsischen Notfall­teams, das gerufen wird, wenn Schüler plötzlich versterben oder ein schwerer Unfall eine gesamte Schule aus ihrem Trott reißt.

Auch die Supervision für Sozialarbeiter und die Ausbildung von Beratungs­lehrern fallen in seinen Aufgaben­bereich. „Jeder von uns ist für einen Teil von Nieder­sachsen zuständig. In unserer Region sind wir viel unter­wegs und unterstützen die Schulen und Pädagogen vor Ort. Zusätzlich sind wir für Beratungen und Sprech­stunden im Büro erreichbar“, erklärt Achim Aschenbach.

Mehr als Mangel­verwaltung kaum möglich

Eine beeindruckende Aufgabenvielfalt – denn in Niedersachsen ist ein Schul­psychologe für etwa 15.000 Schüler und 1000 Lehr­kräfte zuständig. Das geht aus den aktuellen Zahlen des Berufs­verbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen hervor. Im Bundes­schnitt sind es „nur“ rund 7000 Schülerinnen und Schüler und etwa 450 Lehr­kräfte.

Einzig in den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen ist die Quote mit etwa 1 zu 4500 etwas besser. Zum Vergleich: In Dänemark betreut ein Schul­psychologe etwa 800 Schüler. Mehr als Mangel­verwaltung ist in Deutschland deshalb kaum möglich, an eine lang­fristige Begleitung von verhaltens­auffälligen Kindern oder gestressten Lehr­kräften ist kaum zu denken.

Schulen, Lehrkräfte und Eltern spüren den Mangel deutlich. Erst­gespräche finden zwar inner­halb weniger Tage statt. Ein schnelles Eingreifen ist aber nur in sehr dringlichen Fällen möglich – Mobbing, Gewalt, Schul­vermeidung oder eine Suizid­androhung. Wer mit Fragen rund um schlechte Noten, Lern­schwierigkeiten oder einer Schul­lauf­bahn­beratung auf die Schul­psychologen zukommt, muss Geduld mit­bringen.

Betreuungsverhältnisse in den Bundesländern

Platz Bundesland
1 Niedersachsen 15.062
2 Sachsen 14.139
3 Sachsen-Anhalt 13.415
4 Schleswig-Holstein 11.197
5 Brandenburg 9577
6 Rheinland-Pfalz 8783
7 Nordrhein-Westfalen 7358
8 Hessen 7308
Deutschland (Durchschnitt) 7258
9 Baden-Württemberg 7175
10 Mecklenburg-Vorpommern 6888
11 Thüringen 6871
12 Saarland 5465
13 Bayern 5084
14 Berlin 4576
15 Hamburg 4533
16 Bremen 4413
Quelle: Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, Sektion Schulpsychologie, Stand: 2018

Wartezeiten von mehreren Wochen oder gar Monaten sind keine Selten­heit. Gleiches gilt auch für Schulen auf der Suche nach Fort­bildungen und Beratung. „Umso größer ist die Verantwortung der schul­eigenen Hilfs­angebote, Sozial­pädagogen, Vertrauens­lehrern, das offene Ohr des Klassen­lehrers“, erklärt Kirsten Schuchardt. Als Forscher am Institut für Psychologie an der Uni Hildesheim ist sie für die Weiter­bildung von Beratungs­lehr­kräften zuständig.

Gerade bei „kleineren“ Problemen wie Schul­stress, Streitig­keiten unter Schülern oder Prüfungs­ängsten sind die Beratungs­lehrer immer häufiger gefragt. Gleich­zeitig können und dürfen diese Beratungs­angebote keine Ausrede für zu wenige Schul­psychologen sein. „Es gibt genug Fälle, in denen die Pädagogen vor Ort an ihre Grenzen stoßen – schweren Formen von Mobbing, sexueller Gewalt oder Suizid­androhungen. Hier ist die psychologische Unter­stützung dringend nötig“, sagt Schuchardt. Dazu komme, dass längst nicht alle Schulen ausreichend mit Sozial­pädagogen und Beratungs­lehrern aus­gestattet sind.

Der Mangel an Schulpsychologen bedeutet natürlich nicht automatisch, dass Kinder und Jugendliche im Ernst­fall ohne psychologische Unter­stützung dastehen. Schließlich gibt es auch noch andere Anlauf­stellen und Hilfs­angebote – Therapeuten, Psychiater oder Beratungs­stellen für Gewalt.

Doch die Zahl der Probleme, die die Unter­stützung durch Schul­psychologen nötig macht, hat an den Schulen stark zugenommen. „Es gibt grund­legende Probleme, die Schule schon lange beschäftigen – Schul­angst, Gewalt oder auch Mobbing. Verändert haben sich aber die Rahmen­bedingungen und die Intensität“, bestätigt Achim Aschenbach.

So sorgt die Digitalisierung für mehr Fälle von Cyber­mobbing oder Spiel­sucht. Auch der Umgang mit Kindern mit traumatischen Flucht­erfahrungen oder verschiedenen Formen von Behinderung stellen die Lehrer vor neue Heraus­forderungen. Dazu komme der hohe Erwartungs­druck inner­halb des Bildungs­systems.

Immer mehr Lehrkräfte, aber auch Schüler fühlen sich gestresst, über­fordert und hadern mit den Rahmen­bedingungen von Schulen. Das Thema „Psychische Gesundheit“ gehört längst mit zum Aufgaben­bereich der Schul­psychologen. Therapeutische Aufgaben inner­halb der Schulen über­nehmen sie allerdings nicht. Statt­dessen arbeiten sie „systemisch“.

Was das konkret bedeutet, erklärt Cornelia Heinz von der Landes­stelle Schul­psychologie und schul­psychologisches Krisen­management Nordrhein-Westfalen: „Wenn ein Schüler kurz vor dem Abschluss mit extremer Prüfungs­angst zu mir kommt, ist es meine Aufgabe, nach schulischen Lösungen zu suchen und ihn zu stabilisieren.“ Wenn Depressionen im Spiel sind, verweist die Psychologin an Therapeuten.

Auch in der Schule arbeiten Heinz und ihre Kollegen eher im Hintergrund. Sie sprechen mit Lehr­kräften und Eltern, klären auf oder helfen bei der Entwicklung von Präventionskonzepten. „Hilfe zur Selbst­hilfe“ lautet die Strategie – aus gutem Grund, wie die Psychologin erklärt: „Bei einem Mobbing-Fall bringt es wenig, wenn ich mich für einen Vortrag vor die Schüler stelle. Die Pädagogen vor Ort kennen die Klasse und ihre Sozial­struktur viel besser. Diese Beziehungs­ebene ist wichtig, um eine Lösung für das Problem zu finden.“

Kaum Ressourcen für Prävention

Dazu kommt: Schulpsychologen fehlen schlicht die Ressourcen, um einen solchen Prozess länger zu begleiten. Oftmals bleibt es deshalb bei allgemeinen Fortbildungen zu Strategien gegen Mobbing, Wegen für ein besseres Schul­klima oder der Burnout-Prävention. Ihre Umsetzung ist am Ende die Aufgabe der Pädagogen vor Ort.

„Es geht nicht darum, auch noch therapeutische und beraterische Verantwortung auf die Lehr­kräfte abzuwälzen. Sie sollten aber offen auf Schüler zugehen, Gesprächs­angebote machen und sich eben Hilfe holen, wenn sie spüren, dass es nicht stimmt“, sagt Cornelia Heinz. Der geschulte Blick auf die Schüler­schaft ist für die tägliche Arbeit der Schul­psychologen immens wichtig. Ohne aufmerksame Pädagogen vor Ort würden sie von den meisten Fällen nichts erfahren. Und ohne das Engagement einzelner Schulen wäre eine Präventions­arbeit über­haupt nicht möglich.

Aus Sicht von Kirsten Schuchardt ist das keine Dauerlösung. „Es braucht mehr Stellen für Sozial­arbeiter und Schul­psychologen, um schneller reagieren zu können, um näher an den Schulen zu sein“, erklärt die Forscherin der Uni Hildesheim.

Ein kleiner Hoffnungs­schimmer besteht immerhin: In Nordrhein-Westfalen sollen Cornelia Heinz und ihre Kollegen bald mehr Unter­stützung bekommen. Die Landes­regierung diskutiert zurzeit über die Schaffung von 100 neuen Stellen für Schul­psychologen.

Der Sinneswandel kommt nicht ganz freiwillig. Nach dem Anstieg von Gewalt­delikten an Schulen in den vergangenen beiden Jahren war der Handlungs­druck auf die Landes­regierung deutlich gewachsen.