Dieser Artikel erschien am 23.01.2019 in DIE ZEIT
Autorin: Anne Backhaus

Inklusion : „Man kann Vielfalt nicht verordnen“

Gehören Schüler mit Behinderung ans Gymnasium? Auch wenn sie das Abitur nie schaffen werden? Zwei Schulleiter im Streit­gespräch

Abiturienten vor der Englisch-Prüfung. Wie kommen Schüler am Gymnasium an, die gar kein Abitur machen können?
Abiturienten vor der Englisch-Prüfung. Wie kommen Schüler am Gymnasium an, die gar kein Abitur machen können?
©dpa

DIE ZEIT: Herr Stroh, Herr Meidinger, wir wollen mit Ihnen über Inklusion sprechen, über behinderte Schüler am Gymnasium. Über die Frage: Gehören die dahin? Zwei Schul­leiter für das Thema zu finden war sehr schwierig. Was ist so schlimm daran?

Heinz-Peter Meidinger: Das Thema ist hoch­gradig emotionalisiert. Ich kenne sogar Schulen, bei denen es deswegen Konflikte im Kollegium gibt, die sich gar nicht mehr beruhigen. Dass da ein Schul­leiter an die Öffentlich­keit geht, oder auch jemand wie ich als Vor­sitzender des Deutschen Lehrer­verbandes, und sagt: „Nicht jedes Kind ist am Gymnasium inkludierbar“ – das ist nicht einfach. Man fürchtet, als jemand dazustehen, der ausgrenzt.

Alexej Stroh: Man wird auch schnell in eine Ecke gestellt, wenn man die Inklusion am Gymnasium befürwortet. Die Inklusion wird schließlich gerne mal als Hebel genutzt, um die exklusive Schul­form Gymnasium als solche infrage zu stellen.

Meidinger: So ein exklusiver Club ist das Gymnasium schon lange nicht mehr.

Stroh: Die Diskussion ist auch absurd. Wenn ich Inklusions­kinder an meiner Schule aufnehme, will ich damit nicht das Gymnasium abschaffen. Es geht darum, Menschen mit Behinderungen einzubeziehen.

ZEIT: Sie haben an Ihrem Gymnasium sechs Kinder mit dem Förder­schwer­punkt geistige Entwicklung aufgenommen. Diese Schüler können kein Abitur machen. Sind sie an einem Gymnasium richtig aufgehoben?

Stroh: Auf jeden Fall. Wir entscheiden ja nicht allein, wer zu uns kommt. Das geschieht in Absprache mit dem Förder­zentrum. Wir haben auch festgelegt, nur solche Kinder auf­zunehmen, die keinen Schul­abschluss anstreben, den wir mühsam vorbereiten müssten. Unsere Inklusions­kinder, darunter zum Beispiel auch einige mit Down-Syndrom, sind nun in der 9. Klasse und seit der 5. bei uns. Das Ganze haben wir gut eineinhalb Jahre vorbereitet. Es gab damals eine politische Initiative in Schleswig-Holstein, die gezielt Gymnasien in die Inklusion einbinden wollte – und zwar auch bei Schülern, die ziel­different unter­richtet werden.

ZEIT: Also mit individuell festgelegten Lern­zielen.

Stroh: Genau. Wir haben dafür ein eigenes Modell entwickelt, Förder­zentrum und Kultus­ministerium haben uns unter­stützt. Mir war es wichtig, dass kein Lehrer gezwungen wird, in einer Inklusions­klasse zu unter­richten – und dass die Klasse immer mit zwei Lehr­kräften besetzt ist. Die Schul­konferenz hat dann ein­stimmig beschlossen, dass wir das machen wollen.

Meidinger: Und warum wollten Sie es machen?

Stroh: Das Leben ist bunt und die Gesellschaft auch. Wir wollen uns daran beteiligen, Verantwortung zu über­nehmen.

Meidinger: Wir reden so leicht über Inklusion. Als könnten wir die Kinder, die Sie da jetzt ziel­different unter­richten, alle komplett inkludieren, und die, die am Förder­zentrum sind, werden weiter exkludiert. Die Wirklichkeit ist aber komplexer. Wir haben bei Kindern mit körperlicher oder geistiger Behinderung ein viel­fältiges Geflecht von gleich­zeitiger Inklusion und Exklusion in unter­schiedlichen Lebens­lagen. Sie trennen die Kinder wahr­scheinlich in bestimmten Fächern?

Stroh: Richtig. Wir inkludieren sie nicht überall. Am Fremd­sprachen­unter­richt nehmen sie gar nicht teil.

Meidinger: Auch im Mathe­unterricht der Oberstufe würden die Schüler sicher schnell merken, dass sie über­fordert sind. Das heißt, Sie schaffen also auch einen gewissen Schonraum.

Stroh: Anders geht es ja gar nicht. Natürlich spielen unsere Inklusions­schüler eine besondere Rolle, sie werden ja auch nicht benotet. Sie lernen hier aber Dinge, die sie nicht lernen würden, wenn sie allein am Förder­zentrum wären. Sie machen teil­weise erstaunliche Fort­schritte, und das Mit­einander bei uns ist wirklich schön.

Meidinger: Ich habe meine Zweifel, dass das, was Sie an Ihrer Schule machen, generell der richtige Weg ist. Sicher ist es gut, Förder­schülern möglichst viele Partizipations­möglich­keiten zu geben. Aber sollten diese Kinder nicht eher lernen, selbst­ständig einzukaufen oder einen Haushalts­plan zu machen, eine gewisse Lebens­tüchtig­keit und Eigen­ständig­keit zu entwickeln? Das kann eine Förder­schule besser.

ZEIT: Sie haben doch selbst seit einigen Jahren Schüler mit besonderem Förderbedarf an Ihrem Gymnasium.

Meidinger: Allerdings machen wir ziel­gleiche Inklusion, bei der am Ende alle das Abitur schaffen sollen. An meiner Schule sind mehrere Schüler mit Hör­schädigungen und dann noch einige Kinder mit verschiedenen Autismus­diagnosen. Autismus ist sehr viel­fältig, doch die Förderung von autistischen Kindern am Gymnasium ist eine absolute Erfolgs­geschichte. Aber es gibt in unserem Land­kreis auch hörgeschädigte Schüler, die von den Eltern in das entsprechend ausgestattete Spezial­gymnasium nach München geschickt werden, weil sie da eine noch bessere Förderung erhalten. Es ist nicht leicht, selbst allen, die ein Abitur schaffen können, das ortsnah auch zu ermöglichen.

ZEIT: Bayern macht es den Schülern da vielleicht auch besonders schwer. Als einziges Bundesland hat es bestimmte Schulen ausgewählt, die die Inklusion vorantreiben sollen. Von 430 Gymnasien sind das nur zehn. Fast genauso viele bieten in Bayern Förder­klassen für Hochbegabte an. Sie, Herr Meidinger, haben im vergangenen Jahr selbst noch ein Moratorium bei der Inklusion gefordert.

Meidinger: Mein Anliegen war, den Fuß vom Gas zu nehmen. In manchen Bundes­ländern wurden ja erst die Förder­schulen geschlossen und dann quasi die Regel­schulen gezwungen, die Schüler aus den Förder­schulen aufzunehmen. Das hat in Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Hamburg, aber auch in Teilen Nordrhein-Westfalens zu großem Unmut geführt. Als Schul­leiter habe ich nur begrenzte Ressourcen. Jeder Schwer­punkt, den ich an meiner Schule setze, nimmt Ressourcen woanders weg. Deswegen bin ich so skeptisch gegenüber der ziel­differenten Inklusion am Gymnasium, denn wir wissen ja gar nicht, ob sie dem eigentlichen Ziel der Inklusion in die Gesellschaft wirklich nutzt.

Stroh: Wir zapfen keine Ressourcen vom normalen Unterricht ab.

Meidinger: Sie kriegen zusätzliche?

Stroh: Inzwischen ist die Anschub­finanzierung weg, und wir bekommen genauso viele Ressourcen wie andere inklusive Schulen auch. Pro Kind mit dem Förder­schwer­punkt geistige Entwicklung sind das drei Stunden.

Meidinger: Drei Stunden? Dann können Sie mit sechs Kindern gerade mal eine Zweidrittel-Lehrkraft einstellen.

Stroh: Das ist nicht viel. Wir bauen komplizierte Stunden­pläne, um mit unseren Lehrern auszukommen. Wir legen zum Beispiel den Fremd­sprachen­unter­richt zwischen der 7. und 9. Klasse parallel, sodass alle Inklusions­kinder während­dessen gemeinsam das Förder­schul­programm absolvieren können. Das ist viel Aufwand, aber so ist in vielen Fächern dann doch eine Doppel­besetzung möglich. Unsere Inklusions­kinder lernen übrigens auch lebens­kundliche Dinge. Sie üben einkaufen gehen, den Tisch decken, das Übliche.

„Die Gesellschaft ist heterogen, das sollte bei uns sichtbar sein“

ZEIT: Zweifeln Sie auch ab und zu an der Inklusion, wie Herr Meidinger?

Stroh: Na ja, manche Zweifel sind ja nicht von der Hand zu weisen. Die teile ich sogar. Ich halte auch nichts davon, zu sagen, wir müssen die Schul­formen alle öffnen und die Inklusions­kinder auf Teufel komm raus irgendwo unter­bringen. Man kann Inklusion nicht verordnen – und wer sie will, muss wissen, dass sie Geld kostet, für Räume, Personal, Schulungen.

Meidinger: Ich würde mir auch wünschen, dass unter­sucht wird, inwiefern so eine ziel­differente Inklusion den Kindern tatsächlich hilft, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Klar, man erlebt, dass das Verantwortungs­bewusst­sein bei Gymnasiasten für behinderte Mitschüler zeitweise wächst. Aber warum gibt es keine Studien, die untersuchen, wie es den Inklusions­kindern geht? Steigern sie ihre Leistungen, fühlen sie sich weniger ausgegrenzt, sind sie am Schluss besser auf die Gesellschaft vorbereitet?

Stroh: Ich widerspreche Ihnen, dass wir solche Studien brauchen. Die Schulen haben neben dem Fach­unter­richt, der natürlich am Gymnasium sehr wichtig ist, immer auch die Aufgabe, soziales Lernen zu vermitteln. Es ist ein wesentliches Bildungs­ziel, die Vielfalt in der Gesellschaft über die Begrenzungen des Gymnasiums hinaus abzubilden.

Meidinger: Inwiefern müssen Sie im Gymnasium die gesamte Vielfalt der Gesellschaft abbilden? Wie meinen Sie das?

Stroh: Natürlich schließt der Bildungs­kanon einige aus. Wir laufen aber Gefahr, die gymnasiale Schüler­schaft als homogene Gruppe zu sehen. Die Gesellschaft ist jedoch heterogen, und das sollte bei uns sichtbar sein. Als wir mit der Inklusion angefangen haben, hatte ich es mit zum Teil unsäglichen Äußerungen und großen Bedenken innerhalb von Teilen der Schul­leiter­schaft der Gymnasien zu tun. Was sollen wir als Gymnasium mit diesen Leuten machen?, hieß es da. Das hat mich erschreckt.

Meidinger: Die viel beschworene Heterogenität, die wir übrigens schon lange am Gymnasium haben, hat aber eine klare Leistungs­grenze. Wenn wir diese Grenze nicht mehr ernst nehmen, schlägt sich das auf die Lern­erfolge der gesamten Klasse nieder. Man soll ja den jeweiligen Schüler da abholen, wo er steht. Ist der Weg aber zu lang, müssen alle warten und verpassen den Zug. Das was Sie machen, Herr Stroh, ist deshalb ja auch keine voll­ständige Inklusion.

Stroh: Das stimmt. Ich habe noch kein besseres Modell gefunden. Sonst müssten wir ja alle Inklusions­kinder nehmen, die es gibt. Das können wir nicht leisten. Und ich habe übrigens auch die Erfahrung gemacht, dass einige Kollegen aus den Förder­zentren Vorbehalte gegen­über den Gymnasien haben.

Meidinger: Ob wir das überhaupt können?

Stroh: Ob die Förderkinder wirklich gut unter­gebracht sind. Es wurde durchaus unter­stellt, dass die Lehrer am Gymnasium gar nicht so gut in der Lage sind, mit Hetero­genität umzugehen. Bisher ist es ja auch so, dass sich Gymnasien kaum beteiligen und die Inklusions­klassen vor allem an Gesamt­schulen, Stadt­teil­schulen und Sekundar­schulen eingerichtet sind. Unsere Zusammen­arbeit mit dem Förder­zentrum war dann aber immer sehr angenehm. Und das ist vielleicht die tollste Erfahrung aus den letzten Jahren. Wir haben tatsächlich Vor­urteile abgebaut, auf allen Seiten. Wenn uns das verordnet worden wäre, wäre es sicher schief­gegangen.

ZEIT: Herr Meidinger, wie empfinden Sie als Präsident des Deutschen Lehrerverbands die Stimmung in den Lehrer­zimmern der Gymnasien? Wie hält man es da mit der Inklusion?

Meidinger: Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass wir uns für die ziel­gleiche Inklusion, also ausgerichtet auf einen Abschluss, noch mehr engagieren müssen. Bei der ziel­differenten Inklusion gibt es dagegen sicher berechtigte Bedenken. Nicht weil man nichts mit denen zu tun haben will oder die schwierigen Schüler wegschiebt. Wir haben genügend schwierige Schüler, das Gymnasium ist kein Hort der Seligkeit. Wir sind aber keine ausgebildeten Sonder­schul­pädagogen. Wir bereiten auf das Abitur vor, und damit haben wir alle Hände voll zu tun. Es gibt außerdem einen ganz massiven Lehrer­mangel und Stadt­staaten wie Berlin, die nicht mal sicher­stellen können, dass jede Grund­schul­klasse einen Lehrer hat.

Stroh: Es kommt da immer auf das Engagement des Einzelnen an. Der Inklusions­gedanke an sich ist immer auch ein bisschen ein utopischer Gedanke. Alles ist für alle zugänglich, und alle machen gerne dabei mit, das gibt es nicht.

Meidinger: Es hat beispielsweise etwas gedauert, bis sich meine Lehr­kräfte auf den Umgang mit autistischen Schülern ein­gestellt haben. Denn sobald irgendetwas Unvorher­gesehenes passiert, wenn eine Lehr­kraft zum Beispiel krank ist oder im Sport ein Foul gepfiffen wurde, dann tickten einige dieser Kinder halt aus. Sie werden vielleicht nicht aggressiv, aber man muss in solchen Momenten wissen, was zu tun ist. Inklusion lässt die Behinderung ja nicht verschwinden. Sie müssen da einen Blick drauf haben, denn sonst können Sie das Kind ja gar nicht entsprechend fördern. Und bereits in diesem Augen­blick unterscheiden wir natürlich schon wieder zwischen dem einen und dem anderen. Die Auf­merk­samkeit, die der eine erhält, fehlt dem anderen. Letztlich brauchen wir zwei Lehrer in einer solchen Klasse.

Stroh: Man muss sich von manchen Illusionen verabschieden. Mir ist es wichtig, zu sehen, dass die Kinder gut klarkommen. Und wir tun alles, damit das so ist. Wir schauen sehr aufs Individuum, und ich hoffe, dass das für das spätere Leben der Inklusions­schüler etwas verändert. Was ich auf jeden Fall beobachte: Dass auch unsere Regel­schüler, die sich übrigens alle frei­willig entscheiden, ob sie in eine Inklusions­klasse wollen, eine Menge für sich mitnehmen. Deshalb bin ich fest von der Sinn­haftig­keit der Inklusion über­zeugt.