Dieser Artikel erschien am 10.12.2019 auf ZEIT Online
Autor: Jurik Caspar Iser

Waldorfschule : Mal langsam!

Waldorfschulen haben eine große Stärke. Das staatliche Bildungssystem sollte sich etwas von ihnen abschauen – und sie überflüssig machen.

Schülerinnen der fünften Klasse der Dresdner Waldorfschule üben beim Zirkusunterricht in einer Turnhalle mit Hula-Hoop.
Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf. Vor allem im Osten.
©Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Speed für Waldorfschüler. Mit diesem Spruch warb die Getränkemarke Fritz Kola in diesem Jahr auf großen Werbetafeln für ihre koffeinhaltige Limonade. Sie spielte mit dem Klischee des allzu entspannten Schülers, der an der Waldorfschule vor sich hin bastelt. Der Träumer, der wohl mal einen kräftigen Schluck Kola bräuchte, um so richtig in Fahrt zu kommen.

Ja, Waldorfschülerinnen und -schüler haben mehr Zeit zum Träumen. Sie basteln tatsächlich viel, haben Zeit, ihren Namen zu tanzen (tun sie tatsächlich), und beschäftigten sich mit einigen Inhalten erst später als Schülerinnen und Schüler einer Regelschule. Nur ist das kein Nachteil. Als ehemaliger Waldorfschüler halte ich es für die große Stärke der viel gescholtenen Waldorfschulen, wie sie den Druck rausnehmen. Trotzdem ist dies kein Aufruf an Eltern, ihre Kinder alle an die Waldorfschule zu schicken. Nein, das staatliche Bildungssystem sollte von ihnen lernen.

Seit der Gründung der ersten Schule vor 100 Jahren ist die Zahl der Waldorfschulen in Deutschland auf 249 gestiegen. Sie unterrichten heute knapp 88.000 Schülerinnen und Schüler. Oft bekommen Eltern kaum einen Platz für ihr Kind – selbst an jungen Waldorfschulen in Ostdeutschland. Und einer Studie aus dem Jahr 2012 zufolge sind Waldorfschülerinnen und -schüler entspannter als die anderen: Nach einer Befragung von etwa 800 Jungen und Mädchen bescheinigten die Forscherinnen und Forscher Waldorfschülerinnen und -schülern größere Lernfreude, höheres Selbstbewusstsein, weniger Schulstress und geringere Probleme mit Schlafstörungen oder Schulangst.

Der Waldorf-Trick

Wie das gelingt? Die Gründe sind unter anderem: weniger Druck, mehr Wertschätzung, großer Zusammenhalt. Waldorfschülerinnen und -schüler können nicht sitzenbleiben, bekommen erst in der Oberstufe Noten, machen immer noch erst in der 13. Klasse Abitur – der Druck wird also langsamer aufgebaut. Ich habe damit jedenfalls gelernt, dass ich ohne den ständigen Vergleich mit anderen besser entdecken kann, was ich wirklich gut kann. Und dass nicht alles davon abhängt, wenn ich etwas nicht perfekt beherrsche. Eine Statistikklausur etwa hat mich später im Studium nicht allzu sehr unter Druck gesetzt. Bestanden hab ich trotzdem.

Waldorflehrerinnen und -lehrer versuchen nämlich, alle Talente gleichermaßen zu würdigen. Mathe ist nicht zwangsläufig wichtiger als Werken. Für einen Stuhl, den ich im zehnten Schuljahr im Handwerksunterricht baute und auf dem ich anschließend im Unterricht sitzen sollte, erhielt ich ähnlich viel Anerkennung wie für eine Bestnote in Geschichte. Als ich im obligatorischen Sozialpraktikum mehrere Wochen mit behinderten Menschen zusammenlebte und in Werkstätten arbeitete, fühlte sich das mindestens genauso bedeutsam an wie ein guter Aufsatz im Deutschunterricht. Die Inszenierung des Theaterstücks Einer flog über das Kuckucksnest in der zwölften Klasse, bei der ich Regie führte, war für mich damals der größte schulische Erfolg.

Auch der starke Zusammenhalt trägt bei zur größeren Gelassenheit. Klar, auch an Regelschulen ist nicht nur miese Stimmung. Aber an der Waldorfschule verbrachte ich fast die gesamte Schulzeit mit denselben Schulfreundinnen und -freunden in einer Klasse. Bei den Proben für die Theaterstücke, im Feldmess- oder Landwirtschaftspraktikum beispielsweise arbeiteten wir über mehrere Wochen an gemeinsamen Projekten, was uns eng zusammenbrachte. Ohne Noten haben wir uns seltener miteinander verglichen, der Konkurrenzdruck war geringer. Auch bei uns gab es Außenseiter und Mobbing. Aber Fragen wie, wer das neuste Handy und wer die teuersten Klamotten hat, spielten eine geringere Rolle, da sich die meisten Eltern und Lehrerinnen und Lehrer einig waren, den Konsumwünschen der Kinder erst so spät wie möglich.

Meiner Erfahrung nach ist an Waldorfschulen die Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerinnen und Lehrern oft besser, weil es eben nicht nur um Leistung und Noten geht. Als Waldorfschüler hatte ich über viele Jahre dieselbe Klassenlehrerin, die sich in dieser Zeit zu einer Verbündeten entwickelte.

Auch Waldorfschulen sind nicht perfekt

Deutschland braucht deshalb nicht mehr Waldorfschulen, die haben schließlich viele eigene Probleme. Sie erreichen oft nur privilegierte, bildungsnahe Familien. Zumindest im Westen Deutschlands sind die Schulen schon lange sehr homogen. Vor allem das Schulgeld, das sie als private Schulen erheben müssen, schreckt offenbar viele Familien ab, obwohl sich die tatsächliche Höhe meist am Einkommen der Eltern orientiert. Zudem sind die selbst verwalteten Einrichtungen mit ihren flachen Hierarchien oft ineffizient. Auch kritisiert mancher Experte, dass Waldorfschulen immer noch zu stark auf die Methode des Frontalunterrichts setzen und die Lehrkräfte teilweise schlecht ausgebildet sind.

Unter Waldorflehrerinnen und -lehrern gibt es außerdem immer noch einige Traditionalistinnen und Traditionalisten, die sich etwas zu sehr an der Anthroposophie, der esoterischen Lehre Rudolf Steiners, orientieren. Dem Gründer der Schule wird auch vorgeworfen, seine Ideen beruhten auf einem rassistischen und antisemitischen Menschenbild. Der Bund der Freien Waldorfschulen räumt ein, dass er in seinen Schriften tatsächlich rassistische Begriffe verwendete, die “aus heutiger Sicht völlig inakzeptabel” seien. Selbst wenn die Lehre Steiners im Unterricht kaum eine Rolle spielt, ringen viele Schulen damit, sich weiter von dem Urvater der Waldorfpädagogik zu distanzieren.

Deshalb sollten die Regelschulen sich an den Stärken der Waldorfschulen orientieren. Sie sollten jungen Menschen beibringen, dass auch handwerkliche Fähigkeiten einen Wert haben. Das stärkt die Kinder und kann dazu beitragen, wieder mehr Jugendliche für Ausbildungsberufe zu begeistern. Und: Warum sollen Lehrerinnen und Lehrer auf dem Weg zum Abschluss nicht vor allem Verbündete sein statt strenge Richterinnen und Richter, die auf die Fehler fixiert sind?

Da geht noch mehr

Einige Ansätze, die auch an anderen reformpädagogischen Schulen praktiziert werden, sind ohnehin schon an einigen Regelschulen populär geworden. Etliche Grundschulen in Deutschland verzichten zumindest in den ersten Schuljahren auf Noten. In Hessen haben CDU und Grüne vereinbart, auch weiterführenden Schulen versuchsweise zu erlauben, Schülern statt Noten schriftliche Bewertungen zu erteilen. Sitzenbleiben wurde etwa in Hamburg weitgehend abgeschafft, es kostet vor allem Geld, motiviert aber nicht zu größeren Leistungen, zeigen Untersuchungen. Auch sind an vielen Regelschulen heute sogenannte Facharbeiten obligatorisch, die mit den an Waldorfschulen üblichen Jahresarbeiten vergleichbar sind. Dabei sollen sich Schülerinnen und Schüler langfristiger mit einem Thema beschäftigen und einen Einblick in wissenschaftliches Arbeiten gewinnen.

Doch da ginge noch mehr. Dem Bildungswissenschaftler Jost Schieren zufolge braucht es an Regelschulen mehr Mut, neue Wege zu gehen. “Die Schulen stehen unter zu großem politischem Druck”, kritisiert Schieren, der an der Alanus Hochschule bei Bonn auch Waldorflehrer ausbildet. Die Angst vor schlechten Pisa-Ergebnissen sei weiter groß und verhindere, dass Schulen den Druck auf Schülerinnen und Schüler reduzieren. Dabei schneiden Waldorfschülerinnen und -schüler Studien zufolge in den zentralen Abiturprüfungen nicht schlechter ab als Regelschülerinnen und -schüler. Der Bildungswissenschaftler Heiner Barz, der unter anderem zu Waldorfpädagogik forscht, berichtet zwar, dass manche dazu “unerwartet viel” Nachhilfe brauchen und sich am Ende der Schulzeit dann doch stark belastet fühlen. “Aber die meisten schaffen die Prüfungen gut, weil sie ein gesundes Selbstbewusstsein haben”, sagt der Hochschulprofessor aus Düsseldorf.

Unter vielen Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sei längst unumstritten, dass Schülerinnen und Schüler, die wenig unter Druck und Prüfungsstress leiden, leichter lernen und konstruktiver bei der Sache sind, sagt Barz. Wenn dabei junge Menschen heranwachsen, die ausgeglichen und selbstbewusst sind und gleichzeitig Leistung erbringen können, dürfte kaum jemand etwas einzuwenden haben. Warum nicht also ein bisschen weniger Speed für alle? Wenn Regelschulen sich trauen, den Kindern mehr Zeit zu geben zum Werken, Inszenieren und Forschen – und ja zum Träumen. Dann könnten sie Waldorfschulen sogar überflüssig machen.