Aerosole : Lüften oder Luftreiniger?

Wie kann der Unterrichtsbetrieb im kommenden Schuljahr sicher werden? Wie lässt sich die Ausbreitung des Coronavirus über die Luft im Klassenraum verhindern? Im vergangenen Herbst gab es schon Forderungen nach Luftreinigern an Schulen – insbesondere als die Temperaturen fielen und sich das Stoßlüften alle 20 Minuten als wenig praktikabel erwies. Geschehen ist seitdem in Sachen Luftreinigungsgeräte allerdings in vielen Bundesländern nur wenig. Und Einigkeit darüber, was mehr bringt – Lüften oder Luftfilter – gibt es auch nicht. Das Schulportal beantwortet die wichtigsten Fragen rund ums Lüften und den Einsatz von Luftreinigern.

Annette Kuhn 13. Juli 2021 Aktualisiert am 27. Juli 2021 2 Kommentare
Luftreiniger in einem Klassenraum
Bisher sind nur wenige Klassenräume mit Luftfiltern ausgestattet.
©Sven Hoppe/dpa

Die Angst vor einer vierten Corona-Welle wächst angesichts der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante. Luftfilter oder Luftreinigungsgeräte sind aus Sicht vieler Expertinnen und Experten daher unumgänglich, um im Herbst einen sicheren Schulbetrieb zu gewährleisten. Andere setzen auf eine gute Lüftungsstrategie und sehen in den mobilen Luftfiltern höchstens eine Ergänzung. Die Diskussion um Luftfilter gibt es bereits seit einem Jahr – passiert ist aber bislang nur wenig. Außerdem fehlt ein einheitliches Vorgehen der Länder.

Wie ist die Ausstattung der Schulen mit Luftfiltern in den Ländern?

Bei der Anschaffung von Luftreinigungsgeräten in den Ländern gibt es große Unterschiede. Manche Bundesländer setzen stark auf mobile Luftfilter oder fest installierte Luftreinigigungsanlagen, andere wollen vor allem beim Lüften bleiben und nur wenig in Luftfilteranlagen für Klassenräume investieren.

  • Baden-Württemberg hat im Juli ein Förderprogramm von 60 Millionen Euro vorgelegt, um Kommunen bei der Anschaffung mobiler Lüftungsanlagen zur Hälfte zu unterstützen. Die Luftfilter sollen vorrangig in Klassenräumen der Stufen 1 bis 6 aufgestellt werden.
  • In Bayern wurden bislang Anträge für Filteranlagen für 14.000 Räume in Schulen gestellt und bereits rund 37 Millionen Euro Fördergelder ausgegeben. Ziel von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist, dass es bis zum Herbst in allen Klassenzimmern in Bayern einen Luftreiniger gibt. Die Staatsregierung hatte zugesagt, für die Luftfilter insgesamt 190 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Mit diesem Geld sollen rund 60.000 Klassenzimmer und 50.000 Räume in Kindertagesstätten mit diesen mobilen Anlagen versorgt werden können. Bis zu 50 Prozent der Kosten seien förderfähig, den Rest müssten die Kommunen selbst zahlen.
  • Berlin hat bislang nach eigenen Angaben die Anschaffung von rund 8.000 mobilen Luftfiltern mit 14,6 Millionen Euro gefördert. In den Sommerferien hat die Bildungsbehörde angekündigt, weitere 3.000 mobile Luftreinigungsgeräte zusätzlich anzuschaffen. Sie sollen im Herbst in den Schulen sein. Damit wäre dann die Hälfte der Klassenräume ausgestattet.
  • Bremen kann zum kommenden Schuljahr mehr als 60 Prozent der Schulen mit Luftfiltern zur Abwehr von Coronaviren ausstatten. 2.500 mobile Luftreinigungsanlagen wurden bereits für Klassenzimmer beschafft. Der 1,2 Milliarden Euro große Bremen-Fonds zur Bekämpfung der Corona-Pandemie hat auch einen 48,6 Millionen Euro großen Topf für technische Beschaffung. Daraus werden die Luftfilteranlagen bezahlt.
  • Auch die Schulen in Hamburg sollen nun mit mobilen Luftfilteranlagen ausgestattet werden. Spätestens bis zu dem Herbstferien sollen 10.000 Geräte in den Unterrichtsräumen aufgestellt werden. 30 bis 40 Millionen Euro will die Stadt den Angaben zufolge investieren. Bisher hatte sich Schulsenator Ties Rabe (SPD) gegen den flächendeckenden Einsatz von Luftfilteranlagen in Klassenräumen ausgesprochen, weil nicht feststehe, ob mobile Raumluftfilter wirklich Sinn machen.
  • In Hessen gibt es einen Fördertopf mit 75 Millionen Euro für Maßnahmen zur Luftreinigung an Schulen. Bislang sind 60 Millionen Euro Fördergeld des Landes in einen besseren Corona-Schutz an Schulen und Kitas geflossen seien. Unter anderem wurden mehr als 9 Millionen Euro in mobile Luftreinigungsgeräte investiert. Für 4,4 Millionen Euro wurden CO2-Ampeln zur Luftüberwachung angeschafft.
  • In Mecklenburg-Vorpommern hat das Bildungsministerium ein zwei Millionen Euro schweres Programm für bessere Luftqualität in den Schulklassenräumen auf den Weg gebracht. Damit können etwa mobile Luftreiniger oder CO2-Messgeräte gekauft werden. Das Land beteiligt sich mit bis zu 60 Prozent an der Finanzierung der Geräte.
  • Niedersachsen hat angekündigt, mehr Geld in Luftfilteranlagen zu investieren. Zusätzlich zu der bisherigen Förderung von Luftfilteranlagen in eingeschränkt belüftbaren Unterrichtsräumen sollen die niedersächsischen Schulträger nun 20 Millionen Euro vom Land erhalten. Damit könnte bei einer 80-prozentigen Förderung rein rechnerisch für jedes der rund 25.000 Klassenzimmer der Schuljahrgänge 1 bis 6 in Niedersachsen eine sogenannte Zu- und Abfluftanlage angeschafft werden.
  • In Nordrhein-Westfalen steht jetzt ein zweites Lüftungsprogramm an Schulen und Kitas in Höhe von 90,4 Millionen Euro bereit. Aus dem NRW-Rettungsschirm kommen 48,2 Millionen, der Bund gibt 42,2 Millionen Euro. Davon können Schul- und Kitaträger Luftfilter für Räume anschaffen, in denen die Lüftung eingeschränkt möglich ist. Nach Angaben des Ministeriums liegt der Anteil dieser Räume zwischen 15 und 25 Prozent. Die Schulen können Lüfter bereits jetzt kaufen, damit die Geräte zum neuen Schuljahr stehen. Mit Hilfe eines ersten Programms waren in Nordrhein-Westfalen bereits 5.500 Räume mit Lüftern ausgestattet worden.
  • In Rheinland-Pfalz unterstützt die Anschaffung von Luftfilteranlagen an Schulen mit zusätzlichen zwölf Millionen Euro. Gefördert wird nach den Empfehlungen des Umweltbundesamts unter anderem der Umbau von Fenstern, die Anschaffung von CO2-Messgeräten, der Einbau von ventilatorgestützten Zu- und Abluftsystemen und die Anschaffung von mobilen Luftreinigungsgeräten.
  • Das Saarland fördert die Anschaffung von Luftfiltern oder Luftfilteranlagen „bedarfsorientiert” mit rund 4 Millionen Euro. Bis Mitte Mai seien rund 200 Klassenräume mit Geräten ausgestattet worden, so das Bildungsministerium. Rund 480.000 Euro der Fördersumme wurden von Schulträgern bereits abgerufen.
  • Die Schulen in Sachsen-Anhalt sollen im kommenden Schuljahr mit CO2-Messgeräten und Lüftungsanlagen ausgestattet werden, kündigte das Bildungsministerium Mitte Juli an. Luftfilter sollen Klassenräume bekommen, die schlecht oder gar nicht lüftbar sind.
  • In Thüringen haben die Schulträger bis jetzt Anfang Juli gut 3,6 Millionen Euro aus einem entsprechenden Programm abgerufen.

Luftfiltergeräte sollen vor allem in den Schulräumen stehen, in denen jüngere Kinder bis 12 Jahre unterrichtet werden, weil es für sie noch keine Impfmöglichkeiten gibt und sie daher besonders gefährdet sind.

Wer ist verantwortlich für die Anschaffung von Luftfiltern für Schulen?

Für die Anschaffung von Luftfiltern und die möglicherweise nötigen Baumaßnahmen in den Schulen sind die Schulträger, also meistens die Kommunen, zuständig. Bei ihnen liegt daher auch die Entscheidung, ob sie in Luftreinigungsgeräte investieren oder nicht. Doch die Verantwortung wollen die Kommunen nicht allein bei sich sehen. Sie erwarten mehr finanzielle Unterstützung, um die Schulen auf eine neue Corona-Welle im Herbst vorzubereiten. „Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert eine weitere Ertüchtigung der Schulen, um einen möglichen weiteren Schul-Lockdown im Herbst zu vermeiden”, sagte der Städtebund-Geschäftsführer Gerd Landsberg im Juni der „Augsburger Allgemeinen”. Der Deutsche Städtetag warnte außerdem vor übertriebenen Erwartungen an die Ausrüstung der Schulen mit Luftfiltern. „Die Idee, umfangreiche Luftfilteranlagen während der Sommerferien einzubauen, ist eine Illusion”, so Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy.

Neben den Eigeninvestitionen durch die Kommunen gibt es auch in den Ländern Förderprogramme. Außerdem unterstützt der Bund Anschaffungen und Baumaßnahmen zur Installation von festen Luftreinigungsanlagen. Der Bund will 50 Prozent der Kosten übernehmen. Insgesamt stehen dafür 500 Millionen Euro für Schulen und Kitas bereit. Seit Mitte Juni können die Einrichtungen oder ihre Träger beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eine finanzielle Förderung beantragen, um ihre Gebäude mit Luftfilteranlagen auszustatten. Bis zu 500.000 Euro werden pro Einrichtung bewilligt. 75 Millionen sind bislang abgeflossen.

Seit Mitte Juli werden vom Bund außerdem auch mobile Luftfilter für schlecht belüftbare Räume finanziert. Den Ländern sollen 200 Millionen Euro für Kitas und Schulen zur Verfügung gestellt werden, wie das Wirtschaftsministerium nach einem Beschluss des Kabinetts mitteilte. Allerdings können nur Einrichtungen einen Antrag stellen, in denen Kinder unter 12 Jahren betreut werden. Das gilt auch für Schulen, die aber zugleich auch von älteren Kindern besucht werden. Derzeit werden noch die genauen Modalitäten verhandelt – unter welchen Bedingungen der Einbau mobiler Anlagen gefördert werden kann.

Das Umweltbundesamt hatte sich in Studien zunächst skeptisch gegenüber Luftfiltern gezeigt, im Juli aber seine Angaben konkretisiert. Nun empfiehlt das Amt mobile Geräte in den Räumen, die nicht anderweitig gut belüftbar sind. Damit könne die Virenlast bis zu 90 Prozent reduziert werden. «Es wird sicherlich an der ein oder anderen Schule solche Räume geben, die infrage kommen», sagte der Kultusminister. Mit einer hohen Nachfrage rechnet Piwarz zwar nicht, wolle sich aber mit den kommunalen Verbänden als Schulträger verständigen. Bisher seien die meisten Schulträger angesichts der Kosten eher skeptisch, was Luftfilteranlagen angeht. Einige könnten sich jedoch den Einsatz im Testbetrieb oder auch regulär vorstellen. «Die Frage ist, ob es den Aufwand wert ist, den wir hier betreiben.»

Was kosten Luftfilter?

Ein mobiler Luftreiniger mit einem Filter der Klassen H13 oder H14 kostet etwa zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Preisgünstigere Modelle würden die Anforderungen meist nicht in gleichem Maße erfüllen und die Aerosol-Partikel nicht vollständig aufnehmen, so Christian Kähler. Jede Schule bräuchte allerdings eine Vielzahl von Luftfiltern. Eine flächendeckende Ausstattung von Klassenräumen in Deutschland mit Luftfilteranlagen würde 1,5 bis zwei Milliarden Euro kosten.

Noch effektiver, allerdings auch noch mal deutlich teurer sind Geräte, bei denen Klassenräume mit frischer Außenluft versorgt werden. Die Nachrüstung eines Klassenraums mit einem Luftreiniger kostet zwischen 20.000 und 30.000 Euro. Unrealistisch ist die Umsetzung aber nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch wegen des Aufwands. Bis die Bauarbeiten überall abgeschlossen wären, könnten wohl Jahre vergehen.

Gibt es günstigere Alternativen zu Luftfilteranlagen?

Das Max-Planck-Institut (MPI) für Chemie in Mainz hat ein Belüftungssystem entwickelt, das mit etwa 1000 Euro pro Stück deutlich günstiger ist als Luftreinigungsanlagen. Das System unterstützt das Lüften durch einen Ventilator. Untersuchungen am Institut bescheinigen dieser Kombination eine hohe Wirksamkeit.

Die Forscher haben in einer Vergleichsstudie ventilatorgestützte Fensterlüftungssysteme und normales Fensterlüften (Stoß- und Dauerlüften) mit Lüftungs- und Luftreinigungsgeräten verglichen. Dabei hat sich gezeigt: Fensterlüften, ergänzt durch einfache technische Hilfsmittel wie Ventilatoren und Abzugshauben, eignet sich sehr gut zum Schutz vor SARS-CoV-2-Infektionen durch Aerosolübertragung – auch im Vergleich zu konventionellen raumlufttechnischen Anlagen sowie zu filter- oder UV-strahlungsbasierten Luftreinigungsgeräten, so die Überzeugung des Expertenteams. Zudem sorge das Fensterlüften auch für gute Raumluftqualität, so das Fazit des Expertenteams.

Konkret funktioniert das Belüftungssystem folgendermaßen: Frischluft strömt durch ein gekipptes Fenster bodennah in das Klassenzimmer, die warme Atemluft der Schülerinnen und Schüler wiederum wird nach oben abgesaugt und durch einen Abluftventilator, der an einem weiteren Fenster angebracht ist, nach draußen befördert. Das System wurde laut MPI bereits in Mainz an vielen Schulen getestet.

Die Materialien für die entsprechende Ausstattung der Klassenräume seien im Fachhandel und im Internet erhältlich. „Die Installation können beispielsweise Hausmeister, Lüftungs- und Haustechniker, Messebaufirmen und andere Dienstleister durchführen“, heißt es in der Veröffentlichung zur Studie.

Modell zur Luftreinigung in Klassenzimmern
So funktoniert das Fensterlüftungssystem mit einfachem Abluftventilator, das am Max Planck Institut für Chemie entwickelt wurde.
©A. Koppenburg/Max Planck Institut für Chemie

Was sagt die Wissenschaft zu Luftreinigern in Klassenräumen?

Unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gibt es verschiedene Ansichten zu Luftreinigungsgeräten. Mehrere Studien von 2020 haben durchaus einen positiven Effekt von Luftfiltern feststellen können. Atmosphärenforscher der Goethe-Universität Frankfurt haben zum Beispiel ermittelt, dass Luftreiniger die Aerosolkonzentration in einem Klassenzimmer innerhalb einer halben Stunde um 90 Prozent senken können. Für ihre Studie haben sie vier Luftfilter in einer Schulklasse mit 27 Schülerinnen und Schülern getestet. Wichtig sei allerdings, dass ein Gerät mit der Filterklasse HEPA 13 oder 14 verwendet werde. Luftreiniger ohne einen solchen Filter könnten die entsprechende Wirkung nicht erzielen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Wissenschaftler der Universität der Bundeswehr in München. „Alle Schulen in Deutschland müssen mit einem ordentlichen Raumluftreiniger und Trennwänden gegen die direkte Infektion ausgestattet werden“, so der Strömungsmechaniker Christian Kähler von der Universität der Bundeswehr.

Eine Studie der Universität Stuttgart, deren Ergebnisse, im Juli 2021 vorgestellt wurden, hält die Wirkung mobiler Luftfilter in Klassenräumen zum Schutz gegen das Coronavirus allerdings für begrenzt. Die Experten sprechen sich in ihrer Analyse im Auftrag der Stadt Stuttgart dagegen aus, solche Geräte für alle Schulen anzuschaffen. In der Studie, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es: „Basierend auf den Erkenntnissen aus dem Pilotprojekt ist der flächendeckende Einsatz von Luftreinigungsgeräten nicht indiziert.” In einzelnen Klassenräumen, die zu kleine oder zu wenige Fenster haben, sollte aber der Einsatz mobiler Geräte oder der Einbau stationärer Filter geplant werden.

Die Experten des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung hatten für die Studie ein halbes Jahr lang an zehn Stuttgarter Schulen die Wirkung der Filter gemessen. Sie warnen nun, die Geräte seien kein Ersatz für das Stoßlüften in Pausen. „Beim Einsatz von Luftreinigungsgeräten sollte generell beachtet werden, dass diese keine Alternative zu einem Außenluftwechsel darstellen, sondern lediglich als Unterstützung zur Partikel- und potenziellen Virenreduktion im Raum eingesetzt werden sollten.” Zusammenfassend stellen die Fachleute fest, der Einsatz von Luftreinigungsgeräten könne nicht die anderen Schutzmaßnahmen wie das Tragen von Masken oder Corona-Tests zur Eindämmung der Infektionsausbreitung ersetzen.

Sind Luftfilter eine Alternative zum Lüften?

Luftreinigungsgeräte saugen die Raumluft an, schicken sie durch einen mehrlagigen Filter und stoßen sie gereinigt wieder aus. Diese Geräte arbeiten mit motorgetriebenen Ventilatoren, sodass je nach Gerät ein Geräuschpegel entsteht, der im Unterricht auch störend sein kann. In der Stuttgarter Studie heißt es, die Luftreinigungsgeräte hätten beim Betrieb mit den höchsten Volumenströmen die niedrigsten Aerosolkonzentrationen. Allerdings seien die Geräte dann zu laut und die Luftgeschwindigkeiten zu hoch, als dass sie voraussichtlich langfristig von Menschen im Raum akzeptiert würden. Grundsätzlich empfehlen die Fachleute der Uni Stuttgart daher, es zu ermöglichen, dass Fenster so weit wie möglich geöffnet werden können.

Das Umweltbundesamt (UBA) hatte zunächst erklärt, Luftfilter seien allenfalls eine Ergänzung, aber kein Ersatz fürs Lüften. „Mobile Luftreinigungsgeräte sind nicht dafür ausgelegt, verbrauchte Raumluft abzuführen bzw. Frischluft von außen heranzuführen; sie leisten daher keinen nennenswerten Beitrag, das entstehende Kohlendioxid (CO2), überschüssige Luftfeuchte und andere Stoffe aus dem Klassenraum zu entfernen“, heißt es in der Handreichung des Umweltbundesamts.

Anfang Juli 2021 hat das Umweltbundesamt seine Bewertung zu mobilen Luftfiltergeräten in Schulen dann konkretisiert. Nun empfiehlt das Amt mobile Geräte in den Räumen, die nicht anderweitig gut belüftbar sind. Damit könne die Virenlast bis zu 90 Prozent reduziert werden. „Natürlich helfen mobile Luftfilter gegen Viren – wenn es sich um geprüfte Geräte handelt und sie richtig im Klassenraum aufgestellt sind”, sagte Heinz-Jörn Moriske, Geschäftsführer der Innenraumlufthygiene-Kommission des UBA dem „Handelsblatt”. „Das Aufstellen und Einrichten sollte aber von Fachleuten gemacht werden. Es macht keinen Sinn, wenn Eltern ungeprüfte Geräte im Baumarkt kaufen und willkürlich im Raum verteilen.”

Langfristig sprechen sich die Expertinnen und Experten des Umweltbundesamtes dafür aus, Schulen mit Wärmetauschanlagen auszustatten. Bei solchen Lüftungsanlagen wird Frischluft von außen angesaugt und gleichzeitig durch die nach außen strömende Abluft erwärmt. Das sei die nachhaltigste Lösung für den Abtransport von Viren, verbrauchter Luft und Feuchte. In Neubauten ist das mit einer zentralen Lüftungsanlage am einfachsten umzusetzen, in bestehenden Schulgebäuden wären aufwendige Umbauten nötig.

Wie gefährlich sind Aerosole im Klassenzimmer?

Eine Untersuchung der Charité und der TU Berlin hat verglichen, wie stark Kinder und Erwachsene beim Atmen, Sprechen und Singen Aerosole übertragen. „Kinder im Grundschulalter emittierten beim Sprechen eine Anzahl von Partikeln in der Größenordnung wie Erwachsene beim Atmen, und beim Singen emittierten sie ähnlich viele Partikel wie Erwachsene beim Sprechen”, sagte der Phoniater Dirk Mürbe, Direktor der Klinik für Audiologie und Phoniatrie an der Charité. Die Anzahl der Aerosole hänge stark von der Lautstärke ab.

Mürbe zufolge bedeutet das aber nicht, dass Schulunterricht oder Chorproben und -konzerte unabhängig von der Infektionslage und ohne Beschränkungen stattfinden können. Allerdings sei je nach äußeren Umständen wie Größe des Raumes, Anzahl und Aufenthaltsdauer der Kinder sowie den Lüftungskonzepten mehr möglich als bisher praktiziert, betonte er bei der Vorstellung der Studie im Mai.

Was ist beim Lüften zu beachten?

Solange es draußen warm ist, lässt sich leicht für frische Luft im Klassenraum sorgen: Die Fenster bleiben einfach durchgehend geöffnet, und die Viruslast in der Luft bleibt gering. Wenn die Temperaturen aber im Herbst wieder sinken, können die Fenster nicht dauerhaft geöffnet bleiben. Auch mit „Zwiebellook“ – mehrere Kleidungsschichten übereinander getragen – lässt sich dem Problem nur bedingt begegnen. Vielmehr braucht es dann eine sinnvolle Lüftungsstrategie.

„Lüften bleibt das A und O“, sagte Stefanie Hubig (SPD), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin und KMK-Präsidentin schon im Herbst 2020. Durch regelmäßiges Lüften soll vor allem die Aerosolbelastung in den Räumen verringert werden. Aerosole enthalten potenziell Viren, sie breiten sich beim Ausatmen, Sprechen, Singen oder Husten in der Raumluft aus. In Klassenzimmern, in denen zum Teil mehr als 30 Menschen sitzen, ist die Aerosoldichte schnell sehr hoch, wenn nicht ausreichend gelüftet wird.

©Umweltbundesamt

Das Umweltbundesamt (UBA) hat daher eine Handreichung zum richtigen Lüften in Klassenzimmern für die KMK erarbeitet. Demnach soll es innerhalb einer 45-minütigen Unterrichtsstunde eine Unterbrechung zum Stoßlüften geben. Nach 20 Minuten werden alle Fenster dabei für 3 bis 5 Minuten weit geöffnet. Kippstellung oder nur ein einziges Fenster zu öffnen reichten nicht aus, so das Umweltbundesamt. Zwischen den Unterrichtsstunden empfiehlt das UBA das Querlüften, das heißt, alle Fenster und die Tür bzw. gegenüberliegende Fenster werden über die Dauer der gesamten Pause geöffnet.

„Lüften ist die einfachste und wirksamste Maßnahme, um Viren aus der Luft in Klassenzimmern zu entfernen. Unsere Handreichung soll den Schulen helfen, richtig und möglichst effektiv zu lüften“, sagte UBA-Präsident Dirk Messner bei der Vorstellung der Handreichung.

Was ist, wenn sich die Fenster nicht öffnen lassen?

Alle Schulen haben schon im vergangenen Jahr die Handreichung des Umweltbundesamtes zum richtigen Lüften bekommen und sie umgesetzt – soweit dies möglich war. Das ist aber offenbar nicht überall der Fall, denn es lassen sich gar nicht in allen Schulen die Fenster öffnen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat zum Beispiel zu Beginn des Schuljahres 2020/21 in seinem Bundesland eine Abfrage gestartet, ob es bauliche Mängel gibt. Das Ergebnis: Etwa 10 Prozent der 5.500 Schulen in Nordrhein-Westfalen haben Probleme beim Belüften. In etwa 500 Schulen lassen sich etwa 10 Prozent der Fenster nicht so öffnen, dass ein Stoßlüften möglich ist.

Was bringen CO2-Ampeln?

Eine CO2– oder Luftgüteampel gibt an, wie hoch der Kohlendioxid(CO2)-Gehalt im Raum ist. Jeder Mensch stößt beim Ausatmen CO2 aus. In geschlossenen Räumen, in denen viele Menschen sitzen, ist der Sauerstoffgehalt schnell aufgebraucht. Das Messgerät zeigt an, wann dies der Fall ist. Bis 1.000 parts per Million (ppm) ist die Luft noch in Ordnung. Wird dieser Wert überschritten, springt die Ampel von grün auf gelb, und bei einer Konzentration von 2.000 ppm schließlich auf rot. Spätestens dann erklingt auch ein Signal und es sollte gelüftet werden.

Der CO2-Gehalt sagt zwar eigentlich nichts über die Virenlast in der Luft aus, aber er ist ein Indiz für den Grad der Kontamination der Luft durch Aerosole. Wenn die Luft in einem Raum verbraucht ist, steigt nämlich auch die Aerosolbelastung – und damit auch das Infektionsrisiko.

Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte den Schulen im Herbst 2020 daher die Nutzung der kostenfreien App „CO2-Timer“ der Unfallkasse Hessen empfohlen.

Welche Schutzmaßnahmen gegen die Übertragung von Viren durch Aerosole gibt es noch?

Mit dem Lüften oder mit Luftfiltern wird die Infektionsgefahr durch Aerosole im Raum gesenkt. Das unmittelbare Risiko einer Tröpfcheninfektion zum Beispiel durch einen engen Kontakt mit anderen Personen im Raum bleibt allerdings bestehen. Die meisten Schulen planen daher, zu Beginn des neuen Schuljahres zunächst wieder eine Maskenpflicht im Schulgebäude und teilweise sogar im Unterricht einzuführen. Alternativ gibt es Empfehlungen, Plexiglasscheiben zwischen den Plätzen der Schülerinnen und Schüler im Klassenraum aufzustellen.

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  • Wissenschaftler des Hermann-Rietschel-Instituts der TU Berlin haben untersucht, wie sich Aerosole in einem Klassenzimmer ausbreiten und dazu ein interessantes Video erstellt.
  • Innerhalb weniger Minuten können sich demnach Aerosole im ganzen Raum ausbreiten. Sie werden dann von allen anderen Personen im Raum eingeatmet.
  • Martin Kriegel, der Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts, hat in seinen Untersuchungen ein hohes Infektionsrisiko in Klassenzimmern ausgemacht, weil die Schülerinnen und Schüler hier meist dicht zusammensitzen und die Fenster nicht immer vollständig geöffnet werden können.