Dieser Artikel erschien am 05.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Carolin Gasteiger

„Zukunft der Stadt“: Lehranstalten : „Lernen sollte integrativer Bestand­teil einer Stadt sein“

Wenn Schulen, Bibliotheken und Universitäten nicht mehr als isolierte Institutionen fungieren, sondern kooperieren, wird Lernen effizienter, meint der britische Dozent Les Watson. Aus der SZ-Serie „Zukunft der Stadt“.

Bibliotheken und Universitäten begreifen sich selbst zu wenig als Teil der Lern-Infra­­struktur einer Stadt oder gar einer Gesellschaft.
©Les Watson

Die Welt wird urban. Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben, weil Metro­polen gute Jobs bieten, aber auch Uni­versitäten und ein abwechslungs­­reiches Kultur­­programm. Dazu noch ein eng getaktetes Nah­­verkehrs­­system, die besten Kranken­­häuser und eine gute Internet­­verbindung. Nicht zu vergessen Flug­zeug und Bahn, wenn man mal schnell weg will. Aber wie müssen sich Metro­polen verändern, um einer urbanen Gesell­schaft gerecht zu werden? Damit beschäftigt sich die SZ-Serie „Zukunft der Stadt“. In dieser Folge lesen Sie über Lehr­­anstalten.

Les Watson arbeitet seit mehr als 45 Jahren im Erziehungs- und Bildungs­­bereich, unter anderem als Lehrer und Dozent. Inzwischen berät er Biblio­theken und Informations­­portale in diversen Organisationen, um Lernen flexibler und angenehmer für den Einzelnen zu machen.

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Bibliotheken und Universitäten begreifen sich selbst zu wenig als Teil der Lern-Infra­­struktur einer Stadt oder gar einer Gesellschaft. Immer noch existieren die Biblio­thek, die Schule, die Universität als isolierte Institutionen. Aber Lernen und Bildung haben etwas Integratives. Was wir außerhalb des Klassen­­zimmers erfahren, zählt mindestens so viel wie das, was wir im Klassen­­zimmer lernen. Aus diesem Grund versuche ich, Schülern die beste Umgebung zum Lernen zur Verfügung zu stellen, die nichts mit herkömmlichem Schul­­unter­­richt zu tun hat. In Biblio­­theken merkt man eben­­falls, wie sehr sie dem Institutionellen verhaftet sind: Biblio­thekare helfen zwar, ein bestimmtes Buch zu finden. Aber mehr leider oft auch nicht. Auch Biblio­thekare sollten Erziehung lernen und ihren Kunden bei der Problem­­bewältigung helfen – nicht nur bei der Bücher­suche. Zudem sind wir in Groß­­britannien – und das gilt für viele andere europäische Länder – besessen davon, die Effizienz von Schulen am Leistungs­­grad der Schüler zu bemessen. Aber das blendet die Leistung der Lehrer, das persönliche Bemühen der Schüler und das unter­­schiedliche Umfeld aus, in dem die Schüler lernen.

Im Saltire Centre an der Glasgow Caledonian University finden Studenten unterschiedlichste Arbeitsmöglichkeiten - von Tischen im offenen Raum bis hin zu aufblasbaren Büro-Iglus im hinteren Teil.
Im Saltire Centre an der Glasgow Caledonian University finden Studenten unterschiedlichste Arbeitsmöglichkeiten - von Tischen im offenen Raum bis hin zu aufblasbaren Büro-Iglus im hinteren Teil.
©Les Watson

Was sind die Ursachen für diese Probleme?

Wir hängen zu sehr an alten, teils über­­holten Vorstellungen fest. Vielen – auch Städte­­bauern – fehlen die Vor­­stellungs­­kraft und der Mut, auch mal etwas aus­­zuprobieren. Wir orientieren uns noch zu sehr an den öffentlichen Räumen, die wir kennen und einem Schul­­system, das wir alle selbst durch­­laufen haben, sodass wir nicht offen für Neues sind. Auch die Lehr­­institutionen selbst begreifen noch gar nicht, dass es an ihnen liegt, wie sie den Menschen Wissen vermitteln können. Wir sollten endlich anerkennen, dass die beste Lehre mehr Kunst ist als Wissen­­schaft – und Lernen immer etwas mit persönlichem Bemühen zu tun hat. Viele schrecken davor zurück, auf diesem Feld zu experimentieren. Weil sie im schlimmsten Fall die Bildungs­­lauf­­bahn der Schüler beeinträchtigen.

Was wäre die Lösung?

Zunächst würde ich Politik und Bildungs­­bereich trennen, weil das Feld zu wichtig ist, als dass Politiker mit Bildung spielen sollten. Das müssen die über­nehmen, die sich damit aus­kennen. Dann würde ich den Fokus von der Institution auf das Individuum verlagern (also auf Schüler und Lehrer). Und zuletzt würde ich ein Lernen forcieren, das Zusammen­­arbeit und Problem­­lösung verlangt und Ressourcen unter­schiedlicher Institutionen bündelt. Was birgt das für Möglich­­keiten, wenn etwa Universitäten oder Biblio­theken mit Museen zusammen­­arbeiten würden? Das passiert noch kaum. Der Forscher und Autor John Seely Brown hat einmal gesagt: „Jegliches Lernen basiert auf Konversation.“ Daran glaube ich ganz fest. Und diese Konversation kann ganz unter­­schiedlich aus­sehen – von den Gedanken, die ich mir in meinem Kopf mache über ein Buch, das ich lese, eine Vorlesung bis hin zur Gruppen­arbeit mit Mit­schülern.

Genau in diese „Konversationsräume“ sollten Städte investieren und sie so flexibel wie möglich gestalten. Manche arbeiten gern in offenen Räumen, andere im Café und wieder andere bevor­zugen abgeschlossene Arbeits­bereiche. Wir brauchen mehr hybride Räume, die man je nach Bedarf umwandeln kann. Der Psychologe Loris Malaguzzi hat einmal gesagt, Kinder entwickeln sich zunächst durch Inter­­aktionen mit ihren Eltern und Lehrern, dann mit Gleich­­altrigen und schließlich mit ihrer Umgebung. Anstatt Kinder also ins Klassen­­zimmer zu setzen, sollten sie draußen experimentieren und Erfahrungen machen. Eines meiner ersten Projekte hieß Learning Café und das haben die Studenten geliebt. Die Umgebung von Bildungs­­ein­richtungen kann Lernen entscheidend beeinflussen. Das sollten Städte­­planer und Architekten von Lehr­­anstalten berück­sichtigen. Der Schlüssel zu innovativerem Lernen sind aber nicht Vor­­schriften, der Schlüssel ist unsere Vor­­stellungs­­kraft.

Les Watson empfiehlt flexible Arbeits- und Lernorte - unter anderem dieses aufblasbare Büro-"Iglu", das Intimität und Ruhe suggeriert, aber doch offen im Raum steht.
Les Watson empfiehlt flexible Arbeits- und Lernorte - unter anderem dieses aufblasbare Büro-"Iglu", das Intimität und Ruhe suggeriert, aber doch offen im Raum steht.
©Les Watson

Wo gibt es das schon als bestes Beispiel für die Zukunft?

Im Saltire Centre an der Universität von Glasgow etwa ist jede Etage auf unter­­schiedliche Kommunikations- und Konversations­bedürfnisse ausgelegt. Im Erd­geschoss ist alles offen und wie in einer Markt­­halle gestaltet, nach oben hin wird es immer ruhiger. Im obersten Stock­­werk flüstert eine Stimme „Schschhhh“, wenn man den Raum betritt. Hier wird wirklich Ruhe verlangt. Aber es gibt eben auch andere working spaces. Der Guardian beschreibt das Centre als einen „futuristischen, aber menschen­­freundlichen Ort des Lernens“.

In Hereford im Westen Englands wird es bald eine neue Universität geben, deren Campus über die ganze Stadt verteilt sein wird. In bestehenden Gebäuden, die dann umfunktioniert werden. Vor­lesungen wird es nicht geben, statt­dessen lernen die Studenten in Gruppen und in Projekt­arbeit.

Ihre verrückteste Idee, die wenig kostet?

Vielleicht nicht die verrückteste, aber die erste, die mir in den Kopf kommt: Statt Biblio­theken in Schulen anzubieten, lasst uns Schulen in Bibliov­theken verlagern. Wir müssen die Barrieren zwischen den bestehenden Institutionen nieder­­reißen und sie mit­­einander vermischen. Als Empfehlung an alle Städte­­planer: Kommt in die Gänge und berücksichtigt, wie Erziehung und Lernen im 21. Jahr­­hundert funktioniert, und fördert in euren Entwürfen Lernende und ihr Lernen!