Quereinstieg : Lehrerin auf Umwegen – ein Erfahrungsbericht

Viele Bundesländer setzen bei Besetzung von offenen Stellen an Schulen auf den Quereinstieg, denn es fehlt an ausgebildeten Lehrkräften. Freyja Hischer bewarb sich 2015 für den Quereinstieg an einer Berliner Grundschule. Zwei Jahre hat sie berufsbegleitend studiert, jetzt ist sie im Referendariat.

Regina Köhler / 27. August 2018
Erstklässler in einem Klassenraum
An den Grundschulen werden oft Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger eingesetzt, weil ausgebildete Fachkräfte fehlen.
©dpa

Fest steht, sie würde es wieder so machen. Obwohl es auch Tage gab in den vergangenen drei Jahren, an denen sie ziemlich am Ende war. „Einen Punkt, an dem ich aufhören wollte, gab es aber nie“, sagt Freya Hischer. Die 42-Jährige unterrichtet an einer Grundschule in Köpenick. Im Schuljahr 2015 hat sie dort als Quereinsteigerin begonnen. Hischer, die einen Magister in Musik- Theater, Kommunikations- und Medienwissenschaften hat, musste zunächst berufsbegleitend zwei Jahre lang Deutsch und Mathematik auf Lehramt studieren, bevor sie mit dem Referendariat beginnen konnte.

Nur Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger, die bereits die Fächer studiert haben, die an der Schule unterrichtet werden, können direkt ins Referendariat einsteigen. Wenn alles nach Plan läuft, wird Freya Hischer im Sommer 2019 voll ausgebildete Lehrerin sein.

Auf die Herausforderungen im Schulalltag war sie nicht vorbereitet

Freyja Hischer ist Quereinsteigern in Berlin.
©Regina Köhler

Freyja Hischer wollte sich nicht länger von einem Projekt zum anderen hangeln, ohne sicher zu sein, wie es weitergeht. Die Möglichkeit des Quereinstiegs an der Schule war deshalb interessant für sie. „Vorher wollte ich aber wissen, ob ich für diesen Beruf geeignet bin“, sagt sie. Ein halbes Jahr lang habe sie an verschiedenen Schulen hospitiert und auch ein Praktikum an einer Grundschule absolviert. Ihr Fazit: Man kann sich noch so viel vorstellen, die Praxis sieht anders aus. „Ich rate deshalb jedem, der Lehrer werden will, dringend, vorher ein Praktikum zu machen“, sagt Hischer.

Auf die Herausforderungen, die ihr dann tatsächlich im Schulalltag begegneten aber war Freyja Hischer trotz der Praktika nicht vorbereitet. Rückblickend sagt sie, dass es sie anfangs am meisten gefordert hat, sich gegenüber den Kindern durchzusetzen. „Ich hatte zwar Erfahrung mit ehrenamtlicher Jugendarbeit, aber was ich machen soll, wenn ein Schüler massiv den Unterricht stört oder einfach aus dem Klassenraum läuft, das wusste ich nicht.“

Erschwerend sei hinzugekommen, dass sie zunächst nur als Vertretungskraft in Musik eingesetzt war. „Im Musikunterricht haben die Kinder alles rausgelassen, was sich so an Frust angestaut hatte und neue Lehrer werden sowieso erst einmal getestet“, sagt sie über den schwierigen Anfang.

Mehr Sicherheit durch das Lehramtsstudium

Hischer hat damals immer wieder Rat und Hilfe bei ihren Kolleginnen und Kollegen gesucht, die jederzeit ansprechbar waren. Hilfreich war auch das Studium. „Dort  wurden nicht nur fachliche Inhalte vermittelt, sondern auch Didaktik und Methodik“, sagt sie. Das habe ihr bei der Unterrichtsgestaltung sehr geholfen, wie auch die pädagogischen Kenntnisse, die sie während des Studiums erworben habe. Inzwischen fühlt sie sich viel sicherer vor der Klasse. Das hat positive Auswirkungen auf das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler. „Ich kann Situationen mit schwierigen Kindern jetzt professionell managen“, sagt Hischer.

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen hält die 42-Jährige es für dringend geboten, dass jeder, der als Quereinsteiger an die Schule gehen will, zunächst ein Studium absolviert. Was man dort lernt, sei unverzichtbar, um später einen guten Job zu machen, sagt sie. Gegenwärtig gebe es aber keine einheitlichen Festlegungen diesbezüglich, sondern vor allem jede Menge Ausnahmeregelungen.  Viele Bewerber kämen ohne Zusatzstudium sofort ins Referendariat. Fachdidaktik und Methodik müssten sie sich dann selbst aneignen. „Das kann aber nicht jeder gleich gut. Für die Qualität des Unterrichts und den Umgang mit den Schülerinnen und Schülern kann das verheerend sein.“

Hischer räumt ein, dass das Studium sehr anspruchsvoll war, vor allem die höhere Mathematik. „In der Seminargruppe haben wir uns ständig geholfen und Lerngruppen gebildet, weil die Durchfallquote mit jährlich über 50 Prozent für erhebliche Abschreckung gesorgt hat“, sagt sie. Auch die Tatsache, dass man während des Studiums ständig geprüft werde, sei nicht so einfach zu verkraften. Sie habe sich stark unter Druck gefühlt, der im Referendariat noch zugenommen habe. „Die häufigen Unterrichtsbesuche verlangen einem viel ab, man ist ständig auf dem Prüfstand.“ Glücklicherweise liege die schwierigste Zeit nun aber hinter ihr.

Ihre Erfahrungen als Selbstständige bereichern den Schulalltag

Die zum Teil heftigen Diskussionen um die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger an den Schulen sieht Freyja Hischer gelassen. Diese neuen Lehrerinnen und Lehrer würden den Schulalltag bereichern, sagt sie. Als Selbstständige habe sie viel Lebenserfahrung gesammelt. „Ich habe gelernt, mich durchzubeißen, nicht aufzugeben und mir immer wieder Projekte zu verschaffen.“ Diese Erfahrungen würden ihr im neuen Beruf nutzen, vieles davon könne sie auch an ihre Schülerinnen und Schüler weitergeben.

Rückblickend hätte sich Freyja Hischer allerdings eine bessere Begleitung von Seiten der zuständigen Bildungsverwaltung gewünscht. Statt gut beraten zu werden, habe sie zu wenig Informationen erhalten. „Das hat mir den Start ins neue Berufsleben nur noch schwerer gemacht“, sagt sie.

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  • In Berlin  waren zum Schuljahresbeginn rund 2.700 Lehrkräfte eingestellt worden. 738 der eingestellten Lehrkräfte sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Weitere 915 sind Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung, die aufgrund ihrer Abschlüsse für den Quereinstieg eigentlich nicht in Frage kommen.
  • Ein Quereinstieg in den Lehrerberuf ist in Berlin nur möglich, wenn es für das Unterrichtsfach, das dem Studienabschluss des Bewerbers entspricht, einen Bedarf an den Schulen gibt. Voraussetzung ist, dass die Bewerberin oder der Bewerber von einer Schule für eine unbefristete Beschäftigung ausgewählt wurde.
  • Weitere Voraussetzungen sind entweder ein lehramtsbezogener Master of Education oder die Erste Staatsprüfung für das Lehramt oder ein Diplom-, Master- oder Magisterabschluss, der an einer Universität oder Fachhochschule erworben wurde und dem sich mindestens ein Fach der Berliner Schule zuordnen lässt
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