Dieser Artikel erschien am 04.09.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Maren Jansen

Ungewöhnliche Weltreise : Lehrer bereist 14 Länder, um Heimat seiner Schüler kennen­zulernen

Seine Schüler kommen aus der ganzen Welt, und sie machten ihn neugierig – auf Albanien, den Kosovo, Iran oder Kuba. Aus­gerüstet mit Tipps startete Jan Kammann eine ein­jährige Reise. Hier erzählt er, was er gelernt hat.

Lehrer Jan Kammann vor den landungsbrücken in Hamburg
Jan Kammann - Ein Lehrer auf Weltreise.
©dpa

Es ist ein wenig schwül, als Jan Kammann in Hamburg auf den Bus nach Bulgarien wartet. Drei Tage wird er unter­wegs sein – so wie seine Schülerin zu Beginn jeder Ferien. Er will nach­erleben, was er in der Schule von seinen Schützlingen erzählt bekommt, das ist sein Ziel.

Kammann unterrichtet Erdkunde und Englisch an einem Hamburger Gymnasium, unter anderem in sogenannten „inter­nationalen Vorbereitungs­klassen“. Dort werden Schüler, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen, ein Jahr lang fit für die Schule gemacht. Nach dem Jahr wechseln sie in eine Klasse, die ihrem Alter entspricht.

Es sind Kinder dabei, die mit ihren Familien vor Krieg geflüchtet sind, aber auch Kinder von Eltern, die von ihren Arbeit­gebern nach Deutschland versetzt wurden. Sie kommen aus Nicaragua und Kuba, Italien und Polen, Albanien, dem Kosovo, Armenien, Iran oder Ghana. Kammann ist von der Viel­falt der Länder fasziniert – so fasziniert, dass er beschließt, sie zu bereisen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kammann, Sie sind ein Jahr lang um die Welt gereist, um die Herkunfts­länder Ihrer Schüler kennen­zulernen. Hat das Ihr Verhältnis zu ihnen verändert?
Kammann: Ich habe mal zwei Jahre in China gelebt, deshalb wusste ich schon vor meiner Reise, wie es ist, in einem fremden Land stark auf seine Mit­menschen angewiesen zu sein. Aber wie hart es für manche Schüler sein muss, einen Abschluss in einer völlig fremden Sprache zu machen, ist mir nun noch deutlicher geworden. Dazu kommt: Ich habe die Reise frei­willig angetreten und musste mich nicht an einer Schule bewähren. Wenn ich mir vor­stelle, ich hätte in dem Alter an ihrer Stelle gestanden – ich wäre wohl gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Wie meistern denn Ihre Schüler die Situation?
Kammann: Erstaunlich gut! Die Schüler, die mich zu der Reise inspiriert haben, haben mittler­weile fast alle das Abitur. Zu den meisten habe ich noch Kontakt. Sie waren von Anfang an sehr neugierig auf die Erfahrungen, die ich in ihren Heimat­ländern machen würde. Ich möchte sie aber nicht darauf reduzieren. Klar, sie kommen von dort, sprechen die Sprachen und verfügen dadurch über ein Wissen, dass sie hoffentlich in Deutschland einbringen können. Aber sie sind ganz normale Absolventen, die nun mit ihrem Abschluss ihren Weg finden werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Schüler denn reagiert, als Sie sich für ein Jahr verabschiedet haben?
Kammann: Für meine Schüler war mein Plan schwer zu fassen. Je näher das Ende des Schul­jahres rückte, desto weniger konnten sie glauben, was ich vorhatte. Aber der Zeit­punkt passte ganz gut: Sie beendeten die zehnte Klasse mit einem mittleren Schul­abschluss, und ich machte mich auf in die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich für jedes Land einen Reise­führer von Ihren Schüler basteln lassen. Konnte der Ihnen helfen?
Kammann: Ja, sehr sogar. Meine Schüler haben Sätze in ihrer Mutter­sprache rein­geschrieben, die ich am Anfang gut gebrauchen konnte, um mich wenigstens mit dem Nötigsten zu versorgen. Außerdem bin ich durch die Reise­führer schneller mit Einheimischen ins Gespräch gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie es nicht ein wenig seltsam, die Schüler zum Basteln zu zwingen für Ihre Reise­lust?
Kammann: Ja, ich hatte schon ein bisschen das Gefühl, sie auszunutzen. Aber die Kids hatten ihren Spaß daran, ihr Wissen mit mir und vor allem mit ihren Mit­schülern zu teilen, und haben das frei­willig gemacht. Es sind es alles kleine Kunst­werke geworden, gespickt mit wertvollen Informationen. Eine Schülerin aus dem Kosovo hatte mir zum Beispiel geraten, immer auf meine Kleidung zu achten. Also habe ich mich in Pristina direkt neu eingekleidet, weil ich in einem ziemlich abgerissenen Zustand dort ankam.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Schüler Ihnen sonst noch bei der Vorbereitung der Reise geholfen?
Kammann: Ja, viele haben mir Kontakte gegeben, um die Sprache besser zu lernen oder Unter­künfte zu finden. Die Mutter einer Schülerin vermittelte mir zum Beispiel auf Kuba eine Spanisch­lehrerin. Sie hatte weder Internet­zugang noch Kopierer, wir haben alles per Hand gemacht. Alles immer wieder neu auf­zuschreiben, anstatt es einfach 20-mal auszudrucken, ist extrem mühselig. Vor der Frau und ihren Kollegen ziehe ich wirklich meinen Hut – zumal sie extrem schlecht verdienen. Da wurde mir meine privilegierte Stellung sehr bewusst. Sie macht die gleiche Arbeit wie ich, kann aber kaum ihren Lebens­unter­halt finanzieren, während ich um die Welt gondele.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Sie überrascht?
Kammann: Eigentlich nicht. Mir ist schon klar, dass es auf der Welt ein großes Ein­kommens- und Reichtums­gefälle gibt. Die unmittelbare Konfrontation damit war aber sehr beeindruckend. Noch viel größere Über­raschungen erlebte ich im Kosovo und im Iran – dort waren die Menschen so unglaublich herzlich und gast­freundlich, wie ich das nicht erwartet hatte. Aufgebrochen war ich mit Bildern im Kopf, die deutsche Medien meistens transportieren: Ayatollah-Staat und ehemaliges Bürger­kriegs­land. Das sind zweifel­los auch Realitäten der Länder, aber das Gesamt­bild ist viel facetten­reicher und vor allem schöner.

SPIEGEL ONLINE: Die Hälfte der Zeit wurden Sie von Ihrer Freundin begleitet. Hat sich dadurch am Reisen etwas für Sie verändert?
Kammann: Nein. Wir waren schon immer viel zusammen unterwegs. Wir haben uns auf Reisen angewöhnt, schwierige Entscheidungen, bei denen wir leicht unterschiedlicher Meinung sind, durch das Schere-Stein-Papier Verfahren zu lösen. Das funktioniert im Übrigen auch zu Hause sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Schere-Stein-Papier hat viel mit Glück zu tun. Meinen Sie, darauf beruht auch Ihr Leben in Deutschland?
Kammann: Ja, doch, als Lehrer lebt es sich schon recht sorgen­frei. Mir ist klar, dass viele meiner Kollegen im Aus­land deutlich schlechter dran sind, sich zum Teil sogar mit Zweit­jobs über Wasser halten müssen. Ich bin in das deutsche System hinein­geboren worden, als kleiner Fisch unter vielen. Aber Neu­ankömmlinge verstehen viele Dinge hier noch nicht und brauchen auch ein wenig Zeit, um manche Sachen wirklich zu begreifen. Zeit, die die Schüler in ihrem eigenen Empfinden oft nicht haben. In der Schule versuche ich, ihnen all das bei­zubringen, was für uns selbst­verständlich ist. Sie sollen abgesehen vom inhaltlichen Wissen ein gutes Urteils­vermögen entwickeln können.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das im Unterricht?
Kammann: Ich versuche, Themen aus verschiedenen Blick­winkeln zu beleuchten, und ermuntere die Schüler, ihre Gedanken dazu zu teilen. Und ich berichte von meinen Erlebnissen auf der Reise.

SPIEGEL ONLINE: In Agbobloshie in Ghana haben Sie die “Toxic City” besucht, eine riesige Elektro­müll­deponie. In Ihrem Buch schreiben Sie, “das kommt dem Vorhof der Hölle ziemlich nah”. Was hat Sie dorthin getrieben?
Kammann: Im Geografieunterricht hatte ich mit meinen Schülern Handels­kreis­läufe unter­sucht und den Weg einer Jeans nach­voll­zogen. Die Baumwolle kommt aus Indien, gefärbt wird in Marokko – und aus Ghana beziehen viele Hosen­fabrikanten das Metall für Knöpfe und Reiß­verschlüsse. Das hat mich verblüfft. Ein Schüler berichtete mir dann, wie dort unter anderem Metall gewonnen wird. Das musste ich mir ansehen. Als ich dem Taxi­fahrer gesagt habe, wo ich hin will, war er schockiert, dabei liegt der Ort mitten in der Stadt, keine vier Kilo­meter vom Präsidenten­palast entfernt. Ich bin eigentlich vorsichtig mit Metaphern, aber es stank einfach bestialisch. Meine Augen haben gebrannt, ich habe Kopf­schmerzen bekommen. Menschen haben Auto­reifen verbrannt, und ein Zwiebel­händler hat nur ein paar hundert Meter entfernt sein Gemüse verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jetzt erst einmal genug gesehen, oder planen Sie schon die nächste Reise?
Kammann: Ich hatte im letzten Jahr wieder einen inter­nationalen Vorbereitungs­kurs, mit Kids aus 17 verschiedenen Nationen. Die meisten werden das Abitur locker schaffen, wage ich zu prognostizieren. Damit habe ich nun auch wieder viele neue Reise­ziele.

Zur Person

Jan Kammann, Jahrgang 1979, ist in der Nähe von Bremen auf­gewachsen und arbeitet als Lehrer für Englisch und Erd­kunde am Gymnasium Hamm in Hamburg. 2016 machte er ein Sabbat­jahr und bereiste 14 Länder, aus denen seine Schüler stammen.

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