Dieser Artikel erschien am 22.11.2019 auf ZEIT Online
Autorin: Judith Luig

Fünf vor acht / Kopftuchverbot : Lasst den Mädchen die Wahl

Die CDU macht vor ihrem Parteitag mal wieder das Mädchenkopftuch zum Thema. Klar, ist ja populär. Und ist ja eh keiner dabei, den es betrifft.

Schülerin mit Kopftuch
©dpa

Vor ein paar Jahren zog ich vom Prenzlauer Berg nach Neukölln. Die Wohnung war toll, wir blickten vom Balkon auf den Kanal und verzierte Haus­fassaden. Nur die Straße war schwierig. Ich fühlte mich unwohl. Ich brauchte ein bisschen, um drauf zu kommen, woran es lag. Eines Tages, als mich eine ältere Frau auf dem Weg zum Markt mit ihrem Einkaufs­trolly anfuhr, wusste ich es. Es waren die Kopf­tücher. Fast alle in der Gegend trugen sie. Alte Frauen, junge Frauen, Mädchen. Nur mein Kopf war nackt.

Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl von Menschen, die Kopf­tücher am liebsten verschwinden lassen würden. In regel­mäßigen Abständen entwickeln sie Ideen, wie das funktionieren kann. Eine davon wird gerade wieder öffentlich diskutiert: Auf ihrem Partei­tag will die Union erneut über ein Verbot von Kopf­tüchern in Kitas und Grund­schulen sprechen. „Das Tragen des Kopf­tuchs macht aus den kleinen Kindern schon erkennbar Außen­seiter“, heißt es in dem Antrag für das Treffen in Leipzig – auf dem vermutlich nicht besonders viele Delegierte mit Kopftuch erscheinen werden.

Bevor ich nach Neukölln gezogen war, hatte ich das Mädchen­kopf­tuch für einen Mythos gehalten. Für eine Erfindung von Gremien wie der Senioren-Union, von der der Antrag stammt. Aber das stimmt nicht. Die Organisation Terre de Femmes hat zwischen Dezember 2018 und Juli 2019 252 Pädagoginnen, Lehrer und Erzieherinnen in Deutschland nach ihren Erfahrungen mit dem Kopf­tuch befragt. Die meisten Antworten kamen aus Berlin. 96 Prozent der Befragten sagten, sie unterrichteten Mädchen unter 18 Jahren mit Kopf­tuch. Man konnte der Umfrage auch entnehmen, dass es tatsächlich schon im Kinder­garten Mädchen gibt, die ein Kopftuch tragen und in der Grund­schule erst recht. Wie viele es sind, darüber gibt es keine Angaben.

Gute Argumente gegen ein Kopftuch

Glaubt man dieser Umfrage, dann hat das Tragen eines Kopftuchs echte Nachteile für die Mädchen. Sie hätten Schwierigkeiten bei der Integration in den schulischen Alltag, sagten die Befragten. Häufig nähmen sie nicht am Sexual­kunde­unterricht und am Sport­unterricht teil; Kopf­tuch­trägerinnen würden außerdem häufig gemobbt oder mobbten andere.

Problematisch ist nach Aussage vieler Befragte vor allem, dass die Mädchen sich nicht freiwillig für das Kopftuch entschieden: Sieben Prozent vermuteten immer Zwang dahinter, 33 Prozent der Befragten schätzten, dass die Mädchen unter 18 es „häufig“ nicht frei­willig trugen, 40 Prozent glaubten, das sei eher „selten“ der Fall. Zwang, Integrations­schwierigkeiten und soziale Probleme – alles gute Argumente gegen ein Kopftuch.

Verständlich also, dass 75 Prozent der befragten Erzieherinnen und Lehrer sich für ein Verbot von Kopf­tüchern in Bildungs­einrichtungen aussprechen. 83 Prozent sagen sogar, „die Verschleierung von Mädchen in jungen Jahren“ beeinträchtige deren persönliche Entwicklung. Terre de Femmes fordert ein Verbot der Verschleierung für alle unter 18 Jahren.

Das Problem haben die Lehrer

Gestern traf ich eine Lehrerin. Eigentlich wollten wir über anderes reden, blieben aber am Kopftuch hängen. Ich fragte sie, wie ihre Erfahrungen mit dem Unterrichten von Mädchen mit Kopftuch seien. Sie hatte eine überraschende Antwort: Nicht die Mädchen seien das Problem, sondern die Lehrer, die sich mit dem Kopftuch unwohl fühlten.

Ich kenne Geschichten von Schülerinnen, die nach Hause geschickt werden, weil sie Kopftuch tragen. Oder eine Sechs im Sport­unterricht in Kauf nehmen müssen, weil sie mit den Nadeln am Kopf und dem wallenden Stoff nicht mitmachen wollen oder dürfen.