Teamarbeit stärken : „Kooperation entsteht nicht dadurch, dass man sich einfach nur zusammen­setzt“

In Zeiten allgegenwärtiger Vereinzelung während der Corona-Pandemie rückten die Kollegien vieler Bewerber­schulen um den Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial virtuell enger zusammen und verstärkten ihre Zusammen­arbeit. Bildungs­forscherin Cornelia Gräsel erklärt, mit welchen innovativen Ansätzen Teamarbeit und Kooperation lang­fristig gelingen können – und warum sich Entlastungs­effekte nicht sofort einstellen.

Tomke Giedigkeit 26. April 2021 Aktualisiert am 10. Mai 2021
Frauen beim Brainstormen
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Deutsches Schulportal: Der Deutsche Schulpreis 20|21 Spezial zeigt, dass Team­teaching und kollegiale Unterrichts­hospitationen an Bedeutung gewinnen. Wird Unterricht zukünftig transparenter gestaltet werden?
Cornelia Gräsel: Teamteaching wenden erst zwei bis zehn Prozent der Schulen an – und das auch nicht immer als echte Kooperation im Klassen­zimmer. Bei den verschiedenen Möglichkeiten der Teamarbeit denke ich persönlich, dass sich Lehrende weiter den neuen Formen der Kooperation öffnen werden. Aber auch wenn viele Lehr­personen in der Unterrichts­gestaltung bereits transparenter geworden sind, ist es noch nicht Standard, dass Lehrende wissen, woran ihre Kolleginnen und Kollegen arbeiten, oder dass es einen organisierten Austausch von Unterrichts­materialien gibt.

„Es ist noch nicht Standard, dass Lehrende wissen, woran ihre Kolleginnen und Kollegen arbeiten, oder dass es einen organisierten Austausch von Unterrichtsmaterialien gibt.

Wieso sehen sich Lehrende im Schulalltag häufig noch immer als „Einzelkämpfer“?
Seit den 70er-Jahren wird im Rahmen des Autonomie-Paritäts-Musters in der soziologischen Forschung angenommen, dass Lehrpersonen stark dazu neigen, ihren Beruf von anderen Erwachsenen abzugrenzen. Ich denke aber, dass sich bereits etwas geändert hat: Aktuelle Studien zur Lehr­kooperation zeigen, dass Lehrpersonen offener geworden sind.

Und die Konzepte der Bewerber­schulen verdeutlichen, dass verstärkte Zusammen­arbeit in Teams Lehrende gerade in Ausnahme- und Krisen­situationen wie diesen entlasten kann.
Ja, es gibt Evidenz für die Entlastung von Lehrenden durch funktionierende Teamarbeit. Aber wichtig zu wissen ist, dass die Arbeits­belastung zu Beginn der Kooperation zunächst hoch und der Nutzen noch gering ausfällt. Diese erste Hürde kann die Gruppe einfacher bewältigen, wenn alle das Vertrauen haben, lang­fristig von dieser Zusammen­arbeit zu profitieren. Erst nachdem sich die Gruppe gefunden hat und eigene Arbeits­routinen geändert wurden, zeigen sich die positiven Entlastungs­effekte der Teamarbeit – zum Beispiel, indem ich auf die Unterrichts­entwürfe aus dem Kollegium zugreifen kann. Neben der konkreten Arbeits­entlastung kann die Zusammen­arbeit in Teams auch psycho-emotionale Belastungen reduzieren – ähnlich dem Effekt einer Selbst­hilfe­gruppe.

Von digitaler Unterrichtshospitation hin zu von Lehrkräften organisierten Mikro-Fortbildungen: Die Bewerber­schulen des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial haben sehr vielfältige Kooperations­möglichkeiten aufgezeigt. Welche Grundvoraussetzungen müssen an einer Schule erfüllt sein, damit Teams gut arbeiten können?
Die Schulleitung spielt eine extrem große Rolle. Dazu gehört unter anderem, dass die Schulleitung Zeiten und Räume zur Verfügung stellt, um Teamarbeit in die Arbeitszeit zu integrieren. Darüber hinaus muss die Schulleitung natürlich selbst kooperativ handeln und Kooperation aktiv vorleben. Außerdem spielen die individuellen Voraussetzungen der Lehrpersonen eine Rolle: Studien zeigen, dass tendenziell jüngere Lehrerinnen Kooperation gegenüber aufgeschlossen sind. Und ich denke tatsächlich, dass junge Lehrpersonen an Schulen viel bewegen können.

Studien zeigen, dass tendenziell jüngere Lehrerinnen Kooperation gegenüber aufgeschlossen sind.

Gibt es bestimmte Schulformen, an denen mehr miteinander kooperiert wird?
Im Vergleich ist die Kooperation an Grundschulen besonders eng. Auch an Gesamtschulen wird häufiger in Jahrgangs­teams und ähnlichen Strukturen kooperiert. Am wenigsten ausgeprägt ist die Kooperation hingegen an Gymnasien. Dabei ist interessant, dass sich diese Studien­ergebnisse nicht nur im deutschen Raum finden, sondern international unter Berücksichtigung entsprechender Schulformen ähnlich sind.

Einige Bewerberschulen haben während der Pandemie feste Zeiten für Abstimmungen und Fortbildungen geschaffen. Was ist darüber hinaus wichtig, um in der Schule effektiv miteinander zu kooperieren?
Es wird allgemein unterschätzt, dass Kooperation gestaltet werden muss. In Projekten habe ich häufiger erlebt, dass sich die Lehrpersonen mit einer ungefähren Idee von Teamarbeit und einem Ziel zusammensetzen, aber niemand möchte die Teamsitzung moderieren. Die Gleichheits­idee, in der sich keiner hervorheben möchte, ist bei vielen Lehrpersonen besonders ausgeprägt. Dabei braucht es jemanden, der als Leitungs­person das Gespräch führt und strukturiert.

Die Herausforderungen der Pandemie haben an einigen Schulen zu einer neuen Rollen­verteilung geführt: Schülerinnen und Schüler oder angehende Lehrkräfte der Bewerber­schulen haben aufgrund ihres IT-Wissens mehr Verantwortung in den verschiedenen Teams ihrer Schulen übernommen. Bedeutet Teamarbeit auch zukünftig Kompetenz vor Hierarchie?
Manchmal bringt Hierarchie auch nützliche Qualifikation mit: Beispiels­weise kann eine erfahrene Schulleitung Gruppen­prozesse und Arbeits­atmosphären unter Umständen besser erzeugen als ein junger Referendar. Aber prinzipiell ist innerhalb der kooperativ arbeitenden Gruppe die Idee „Kompetenz vor Hierarchie“ gültig. Das betrifft auch eine offene Gesprächs­kultur und das Setzen und Akzeptieren von Grenzen – gerade auch unabhängig von Hierarchien. Was gemischte Teams aus Lehrpersonen und Beschulten betrifft, halte ich es für extrem wichtig, dass Schülerinnen und Schüler an ihren Schulen mitwirken und ihre Perspektiven einbringen. Allerdings vertrete ich auch die Sichtweise, dass die Lehr­personen­rolle in einer Schule einfach eine andere ist als die der Schülerinnen und Schüler. Denn die einen benoten die anderen, unabhängig vom Grad der Partizipation durch die Beschulten.

Viele Bewerberschulen haben die pandemiebedingte virtuelle Schule als Chance für mehr und flexiblere Kooperation genutzt. Sollte daher auch nach Corona virtuelle Teamarbeit im analogen Schul­all­tag erhalten bleiben?
Zukünftig bietet sich ein Wechselspiel von Präsenz und virtueller Teamarbeit an. Dabei spielt das Grounding – also der Start einer Kooperation – eine besondere Rolle und sollte nach Möglichkeit in Präsenz stattfinden. Ein kleines Lächeln oder andere weiche Faktoren wie Gerüche lassen sich virtuell einfach nicht wahrnehmen. Aber genau diese Nähe braucht ein Team, um untereinander Sympathie und daraus resultierendes Vertrauen zu entwickeln, das dann auch in virtuellen Sitzungen eine Zeit anhält, bevor es einer erneuten „Auffrischung“ in Präsenz bedarf.

Die Bewerberschulen des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial haben gezeigt, dass verstärkte Teamarbeit den Schulalltag bereichern kann und Belastungen von Lehrkräften, Lernenden und Eltern reduziert. Ganz konkret: Welchen ersten Schritt raten Sie Schulen, die zukünftig mehr Teamarbeit fördern möchten, um die schuleigenen Kompetenzen bestmöglich zu nutzen?
Eine Kooperation entsteht nicht dadurch, dass man sich einfach nur zusammensetzt. Die Gruppe muss Regeln ausarbeiten und realistische Ziele vereinbaren. Eine wirklich gute Gruppen­moderation kann dabei schon viel ausmachen. Vielleicht gibt es in der Schul­gemeinschaft Leute, die eine Coaching-Ausbildung haben? Oder die Schule kauft entsprechende Expertise ein. In jedem Falle würde ich sehr deutlich darauf achten, dass man Teams nicht unmoderiert vor sich hinarbeiten lässt.

In der Broschüre zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial finden Sie die ausführlichen Laudationes der Jury und Porträts der Preisträgerschulen. Außerdem werden hier zentrale Erkenntnisse der Bewerberschulen im Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie zusammengefasst.

Zur Person

Welche Rolle spielen Teamarbeit und Kooperation bei der Schulentwicklung? Das ist eine Fragestellung, die Cornelia Gräsel am Wuppertaler Institut für Bildungs­forschung der School of Education erforscht. Dabei verknüpft sie Erkenntnisse aus Psychologie und Pädagogik, um unter anderem die Zusammenarbeit von Lehrpersonen, aber auch innovative Unterrichts­gestaltung und Gelingens­bedingungen für die Digitalisierung von Schulunterricht zu untersuchen.

Cornelia Graesel
©Uwe Schinkel

Die Gewinner stehen fest

Sehen Sie hier die Aufzeichnung der Preisverleihung.

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