Kommunikationskultur : Wie Schulen mit Eltern in der Krise kooperieren

Ob die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern während der Corona-Krise gelingt, hängt vor allem davon ab, welche Kommunikationskultur in den Schulen gelebt wird. Wer schon vor der Krise den Austausch mit den Eltern über die reine Gremienarbeit hinaus gepflegt hat, kann nun leichter Kontakt zu den Familien halten. Insbesondere an Grundschulen spielt das jetzt eine große Rolle, weil jüngere Kinder beim Lernen zu Hause mehr Unterstützung brauchen. Wie ein guter Austausch aussehen kann, zeigt das Beispiel der Franz Leuninger Schule in Hessen.

Annette Kuhn / 14. Mai 2020
Eltern und Kinder beim Homeschooling
Wochenlang die Kinder beim Lernen zu Hause anzuleiten und nebenbei zu arbeiten, ist besonders für Eltern jüngerer Kinder eine große Herausforderung. Um durchzuhalten ist eine gute Kooperation zwischen den Eltern und den Lehrkräften unerlässlich.
©Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern ist im Konzept der Franz Leuninger Schule im hessischen Mengerskirchen fest verankert. Gerade jetzt in der Corona-Krise spielt diese Beziehung eine zentrale Rolle. „Als die Schulschließung beschlossen wurde, haben wir uns im  Kollegium zusammengesetzt und besprochen, wie das Homeschooling laufen kann, damit Eltern dadurch möglichst wenig belastet sind“, erzählt Schulleiterin Nicole Schäfer. Dem Team der Grundschule, die 2018 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, sei wichtig gewesen, alle Kinder und Eltern mitzunehmen – keiner sollte während der Krise verloren gehen.

„Von vielen Ideen mussten wir uns daher gleich verabschieden“, sagt Nicole Schäfer, „wir sind noch sehr analog unterwegs.“ Da zwar die meisten, aber eben nicht alle Kinder über digitale Endgeräte verfügen, da nicht alle Elternhäuser Zugang zu WLAN oder zu einem Drucker haben und da auch die Eltern, die die technische Ausstattung haben, nicht mit einer Vielzahl an E-Mails der verschiedenen Lehrkräfte und dem ständigen Ausdrucken von Arbeitsblättern überfordert werden sollten, war schnell klar, dass digitaler Unterricht für die Schule nicht umsetzbar ist. Digital gibt es daher nur ergänzendes Material, zum Beispiel in Form von Erklärvideos.

Lernmaterial stimmen die Lehrkräfte aufeinander ab

Für alle Schülerinnen und Schüler haben die Lehrkräfte während der Schließung alle zwei Wochen Tüten gepackt, die Wochenplan, Übungsmaterialien und Anregungen für kreative Aufgaben enthalten. „Und wir denken dabei auch immer an die Eltern“, sagt die Schulleiterin, „daher haben die Lehrkräfte auch schon mal eine Tafel ,Merci‘ als Dankeschön oder, in der letzten Tüte, eine Bastelanleitung für die Kinder zum Muttertag hineingesteckt.“

Die Aufgaben und Wochenpläne haben die Lehrerinnen und Lehrer untereinander abgesprochen und aufeinander abgestimmt. Genutzt werden für den Unterricht bereits bewährte Formate, mit denen die Schülerinnen und Schüler auch bislang schon in der Schule gearbeitet haben und bei denen sie zum Beispiel aus verschiedenen Schwierigkeitsgraden wählen können. So will die Schule sicherstellen, dass die Kinder sich selbstständig zurechtfinden und die Eltern sofort einen Überblick bekommen.

Inzwischen hat sich vieles in der Grundschule eingespielt. Die Lehrerinnen und Lehrer telefonieren einmal pro Woche mit den Eltern, und in diesen Gesprächen bekommen sie Rückmeldungen, was beim Lernen zu Hause gut und was weniger gut läuft, und auch welche Bedürfnisse und Probleme die Kinder und Eltern haben.

Feedback-Kultur ist nicht an allen Schulen selbstverständlich

Nicole Schäfer ist sich sicher, dass der engmaschige Kontakt die Zusammenarbeit mit den Eltern erleichtert – selbstverständlich ist so eine Feedback-Kultur allerdings nicht. Das hat das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise gezeigt. Nur 38 Prozent der befragten Lehrkräfte gaben hier an, dass sie Rückmeldungen der Eltern zum Lernen zu Hause einholen wollen.

Dabei sei eine gute Kommunikationskultur zwischen Eltern und Schule besonders an Grundschulen sehr wichtig, so die Überzeugung von Maresi Lassek, der Vorsitzenden des Grundschulverbands. In den Grundschulen laufe der Kontakt zu den Kindern ja noch viel stärker über die Eltern als an weiterführenden Schulen. Und die Eltern von Grundschulkindern seien im Fernunterricht meist stärker eingebunden als Eltern älterer Schülerinnen und Schüler, denn jüngere Kinder bräuchten mehr Zuwendung beim Lernen.

Zu Wort melden sich vor allem die bildungsnahen Eltern.
Maresi Lassek, Vorsitzende des Grundschulverbands

Das bringt Eltern häufig in Konflikt zu ihrer eigenen Berufstätigkeit. In einer Umfrage für die Vodafone Stiftung gaben 43 Prozent der befragten Eltern an, dass es für sie schwer sei, die nötige Zeit zur Unterstützung des Lernens ihrer Kinder aufzubringen. 73 Prozent sagten sogar, dass sie über eine längere Zeitspanne mit dem Lernen zu Hause Schwierigkeiten hätten. Und in einer Umfrage, die die Deutsche Telekom Stiftung in Auftrag gegeben hat, gaben nur 44 Prozent der Eltern von Grundschulkindern an, dass das Homeschooling gut laufe. Unter den Eltern, deren Kinder auf dem Gymnasium sind, sagten das 61 Prozent, bei Real- oder Hauptschule waren es immerhin noch 47 Prozent. Abhängig ist die Zufriedenheit in dieser außergewöhnlichen Situation vor allem auch von der Unterstützung durch die Lehrkräfte. In der Grundschule fühlen sich demnach nur 31 Prozent der Eltern gut unterstützt, in der Realschule sind es 38 Prozent, im Gymnasium 46 Prozent und in der Hauptschule 48 Prozent.

Viele Eltern haben aus eigener Erfahrung Angst vor der Schule

Die Bedürfnisse der Eltern sind allerdings unterschiedlich. „Zu Wort melden sich vor allem die bildungsnahen Eltern. Sie suchen den Kontakt zu den Schulen, fragen nach, wenn keine oder aus ihrer Sicht zu wenige Aufgaben kommen, und wenden sich an die Öffentlichkeit, wenn sie sich mit der Doppelbelastung von Homeschooling und Homeoffice überfordert fühlen“ , sagt Maresi Lassek. Aber es gebe auch viele Eltern, besonders mit bildungsfernerem Hintergrund, die keinen Kontakt zur Schule suchen und sich nicht äußern, wenn es Probleme gibt. „Einige Eltern haben aus eigener schlechter Erfahrung Angst vor der Schule, viele empfinden Scham, weil sie ihrem Kind nicht die erwartete technische Unterstützung, die Lernbegleitung oder nicht einmal einen ruhigen Arbeitsplatz bieten können oder weil sie sich sprachlich nicht gewachsen fühlen“, führt die Vorsitzende des Grundschulverbands weiter aus. Haben Schulen dagegen schon vor der Corona-Krise mit den Eltern eine Kommunikationskultur, die über reine Gremienarbeit hinausgeht, gepflegt und so eine Vertrauensbasis geschaffen, könnten sie diese Eltern jetzt problemloser erreichen und ihnen Hilfsangebote machen.

Umfrage: Zwei Drittel der Lehrkräfte erreichen nur einen Teil ihrer Schülerschaft

Maresi Lassek beobachtet aber auch viel Kreativität vonseiten der Schulen in der Ausgestaltung des Fernunterrichts – und vor allem darin, die Beziehungen zu Kindern und Eltern aufrechtzuerhalten. Sie nehmen Kontakt auf in Videokonferenzen, in Telefonaten zu einer fest vereinbarten Zeit oder, ganz analog, indem Lehrkräfte persönlich Arbeitsmaterialien bei den Familien vorbeibringen oder Eltern und Kinder das Material in der Schule abholen. „Hier ergeben sich dann immer Gespräche an der Tür oder am Fenster, bei denen es auch für Eltern viel leichter ist, ihre Sorgen und Nöte zu äußern“, so Lassek.

Hilfreich sei außerdem, wenn es Schulen gelingt, die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht zu stärken: „Wenn die Eltern sehen, dass die Kommunikation zwischen Lehrkräften und Kindern gut funktioniert, ist das auch für sie eine große Entlastung“, so die Beobachtung von Maresi Lassek.

Nur wenn alle an einem Strang ziehen und kooperieren, haben wir eine realistische Chance, gut durch die Krise zu kommen.
Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrats

Eine gute Kommunikation ist auch für Stephan Wassmuth ein ganz wichtiger Aspekt, damit das Lernen zu Hause funktioniert. „Nur wenn alle an einem Strang ziehen und kooperieren, haben wir eine realistische Chance, gut durch die Krise zu kommen“, sagt der Vorsitzende des Bundeselternrats. Er hat aber den Eindruck, dass dies an vielen Schulen über die Zeit der Schulschließungen zunehmend besser gelingt. Und er wünscht sich, dass auch nach der Krise „Eltern gehört werden und mehr Mitspracherecht bekommen“.

Lehrkräfte wünschen sich mehr Zeit für die Arbeit mit Eltern

Damit ist er nicht allein. Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), fordert eine grundlegende Debatte über die Erziehungspartnerschaft an Schulen. Sie verweist allerdings auch darauf, dass Lehrkräfte mehr Zeit bräuchten, um Eltern stärker einzubinden. In einer aktuellen BLLV-Befragung von Lehrerinnen und Lehrern in Bayern wünschen sich das 90 Prozent der Befragten.

An der Franz Leuninger Schule in Mengerskirchen ist eine starke Elternarbeit kein Zukunftsmodell, sondern schon jetzt Realität. Wenn Nicole Schäfer am 18. Mai die Schule – wie es für alle hessischen Schulen vorgesehen ist – wieder für den Präsenzunterricht öffnet, werden zunächst nur die Viertklässler im Haus sein. Erst zwei Wochen später dann auch tageweise die anderen Jahrgangsstufen.

Obwohl das bereits ein großer Organisationsaufwand ist, will die Schulleiterin dabei unbedingt auch die Bedürfnisse der Eltern mit einbeziehen, damit der eingeschränkte Schulbesuch der Kinder für sie eine Entlastung bedeutet. Nur so sei ein Durchhalten möglich, und nur so könne die Motivation aufrechterhalten werden.

Mehr zur Schule

  • Die Franz Leuninger Schule liegt im hessischen Mengerskirchen, einer kleinen Gemeinde westlich von Gießen. Sie ist eine Grundschule mit Ganztagsangebot.
  • Das Motto der Schule ist ein afrikanisches Sprichwort: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“
  • Diesem Motto entsprechend hat die Schule ein kommunales Netzwerk initiiert, das Familien im ländlichen Raum auf vielfältige Art und Weise unterstützt.
  • Zum Konzept der Schule:
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