Dieser Artikel erschien am 03.07.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Gina Thomas

Kleiderordnung an Schulen : Unwürdig und peinlich

Ist die Entscheidung, an britischen Schulen den Hosenzwang einzuführen, nun ein Sieg der Gleich­berechtigung oder eine neue Form von Sexismus? Mit freier Persönlich­keitsentfaltung hat sie jedenfalls wenig zu tun.

Die ersten britischen Schüler wehren sich gegen Hosenzwang und bezeichnen das Rockverbot selbst als eine Form der Sexualisierung.
Die ersten britischen Schüler wehren sich gegen Hosenzwang und bezeichnen das Rockverbot selbst als eine Form der Sexualisierung.
©shutterstock

Lange Zeit durften Mädchen an britischen Schulen keine Hosen tragen. Als das Verbot nach und nach gelockert wurde, feierten Feministinnen einen Sieg für die Gleich­berechtigung. Jetzt werden Mädchen wohl auf die Barrikaden gehen müssen, um das Recht zu erkämpfen, einen Rock zu tragen. Mindestens vierzig Sekundar­schulen haben in dem durch die Trans­gender-Debatte gesteigerten Bestreben nach Geschlechter­gleich­keit bereits verfügt, dass nur noch eine Kleider­ordnung erlaubt ist, nämlich Hosen, wogegen einige Feministinnen einzuwenden haben, es sei typisch, dass wieder einmal die männliche Standard­kleidung obsiege.

Das Rockverbot wird je nach Schule anders begründet. Die eine Schul­leitung verweist auf die Empfind­samkeiten von Trans­gender-Kindern, die sich marginalisiert fühlen könnten durch Kleider, die ihren körperlichen Merkmalen, aber nicht ihrer sexuellen Identität entsprechen. Andere verweisen darauf, dass Röcke „unwürdig und peinlich“ sein könnten für Lehrer und Besucher, wenn Mädchen bei Versammlungen auf dem Fuß­boden sitzen. Schüler aus dem Großraum Manchester wehren sich mit einer Unter­schriften­sammlung gegen den Hosenzwang und bezeichnen das Rockverbot selbst wieder als eine Form der Sexualisierung. Sie fordern, dass Lehrer, die den Anblick eines Kinderbeines als zu erotisch empfinden, auf der Stelle entlassen werden.

Sonderurlaube für Geschlechts­veränderungen

Das Argument, dass sich die Unsitte der heimlichen Fotografiererei unter dem Rock durch die Hosen­vorschrift vermeiden lasse, scheint auf diese jungen Kämpfer für die individuelle Freiheit wenig Eindruck zu machen. Das Rockverbot, das die britische Luft­waffe aus Rück­sicht auf Trans-Soldaten bereits bei Militär­paraden eingeführt hat, steht freilich im Wider­spruch zu den Bemühungen mancher Schulen, den Transgender-Bedürfnissen entgegen­zukommen, indem sie Jungen das Tragen von Röcken erlauben. Arbeitgeber stehen vor einem ähnlichen Dilemma: Die BBC beschäftigt unter ihren mehr als 21000 Angestellten 417 Mitarbeiter, die sich als Transgender bezeichnen, fast als doppelt so viel wie der nationale Durch­schnitt von einem Prozent. Der Sender hat bereits geschlechts­neutrale Toiletten eingeführt, zum Leidwesen vieler Frauen, vor allem Feministinnen, die diese intime Sphäre nicht mit Männern in Frauen­kleidern teilen wollen, selbst wenn diese sich als weiblich fühlen. Die BBC will ihren Trans-Mitarbeitern auch mit Sonder­urlauben für Geschlechts­veränderungs­prozesse entgegenkommen.

Die Verwirrungen der Identitätspolitik dürften wieder in die Schlagzeilen geraten, wenn die Regierung, wie erwartet, dieser Tage ein Beratungs­papier vorlegt über die Anpassung des Geschlechts­identifizierungs­gesetzes an die laut­starken Forderungen der Trans-Bewegung und anderer sexueller Minder­heiten. Welche Ironie, dass die Gesellschaft meint, das Recht auf freie Persönlichkeits­entfaltung durch Bevor­mundung durchsetzen zu müssen. Womöglich wird die nächste Generation vor Gericht gehen, um sich entschädigen zu lassen für die Beeinträchtigung ihrer Weiblichkeit durch den Hosen­zwang in der Schule.

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