Dieser Artikel erschien am 05.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Verena Mayer

Interview am Morgen: Sexuelle Gewalt unter Minderjährigen : „Kinder mit schwerwiegendem Fehlverhalten brauchen sehr enge Grenzen“

Wie reagieren Schulen, Eltern und Behörden, wenn ein Kind ein anderes Kind vergewaltigt? Klaus Seifried war jahr­zehnte­lang Schul­psychologe und Lehrer. Er weiß, was traumatisierten und von Gewalt­erfahrungen geprägten Kindern hilft.

Nahaufnahme eines Kinderauges
Kinder, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind, haben oft posttraumatische Belastungsstörungen, mit denen nicht nur ihre Familien umgehen müssen, sondern auch die Lehrer in der Schule.
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Zwei Elfjährige, die ihr Opfer fest­halten, während ein Zehn­jähriger sexuelle Handlungen an ihm vornimmt. Ein schwerer Fall von sexueller Gewalt unter Kindern hat Eltern, Lehrer und Politiker in ganz Deutschland schockiert – und er wirft Fragen auf. Wie kann es zu einer solchen Tat kommen? Und wie kann man sie verhindern? Inzwischen weiß man, dass drei Jungen aus Flüchtlings­familien beteiligt waren. Informationen der SZ zufolge stammen alle drei aus äußerst schwierigen sozialen und familiären Verhältnissen. In den Familien gibt es psychische Probleme oder schwere Krank­heits­fälle, ein Kind wächst ohne Mutter auf und mit einem Vater, der es nicht will, ein Junge wird von seinen Eltern stark vernachlässigt. Manche Eltern sind Analphabeten oder können kaum Deutsch, die Kinder haben teil­weise in Massen­unter­künften gelebt. Wie geht man mit solchen Kindern um, wenn sie in die Schule kommen? Klaus Seifried vom Berufs­verband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) war selbst 26 Jahre lang Schul­psychologe in Berlin und weiß, warum Kinder zu Tätern werden und wie die Schulen am besten damit umgehen.

SZ: Was steckt dahinter, wenn Kinder andere Kinder sexuell miss­brauchen?
Klaus Seifried: Das kann viele Gründe haben. Kinder haben selbst Gewalt oder Miss­brauch erlebt oder gesehen und ahmen dies nun nach. Oder Kinder, die in ihren Familien keine Grenzen erfahren, probieren aus, wie weit sie gehen können. Bei Kindern und Jugendlichen mit Flucht­erfahrungen wieder­um gibt es das Phänomen der moralischen Enthemmung. Wenn man etwa auf der Flucht oder in einem Lager gelernt hat, dass man sich nur durch Aggression durch­setzen und am Leben erhalten kann. Aller­dings sind Vergewaltigungs­rituale oder sogar eine reale Vergewaltigung, wie im Berliner Fall, bei Zehn­jährigen die absolute Ausnahme.

Der Haupttäter galt an seiner Schule als „emotional-sozial auffällig“. Hätte man da nicht früher Verdacht schöpfen müssen?
Studien des Robert-Kochs-Instituts zufolge zeigen heute 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen Verhaltens­auf­fällig­keiten und psychische Auf­fällig­keiten. Der Umgang damit ist an vielen Schulen pädagogischer Alltag, es ist der Kern der Erziehungs­arbeit. Grund­sätzlich ist es sinn­voll, wenn Lehr­kräfte auch diese Kinder auf eine Klassen­reise mit­nehmen, weil eine Reise andere Erfahrungen ermöglicht. Die Kinder können sich besser sozial einfügen als im Unter­richt, in dem sie vielleicht Sprach­defizite, Leistungs­probleme, Konzentrations­schwierig­keiten oder Versagens­ängste haben.

20 bis 30 Prozent der Flüchtlings­kinder sind Schätzungen zufolge von sogenannten Trauma­folge­störungen betroffen. Wurde dieses Problem an deutschen Schulen unter­schätzt?
Mit Sicherheit haben wir das Problem unterschätzt. Traumatisierte Schul­kinder ziehen sich zurück, sind unkonzentriert, haben Flash­backs von der Flucht­erfahrung, sind schwerer sozial integrier­bar. Dazu kommt: Therapeutische Maß­nahmen sind nur schwer zu bezahlen, scheitern an Sprach­barrieren oder werden von den Eltern abgelehnt.

Warum das?
Psychologisch-therapeutische Angebote sind etwa im arabischen Raum nur wenig bekannt und akzeptiert. Aber die Schulen haben große pädagogische Anstrengungen vollbracht, um Kinder und Jugendliche aus Flüchtlings­familien zu integrieren. Nur wenige sind zum Glück in dieser Form aggressiv und auf­fällig. Das liegt auch daran, dass die Schule Flüchtlings­kindern Alltags­erfahrungen bietet, die ihnen Halt geben. Wenn sie nur mit ihren Eltern in Warte­stellung passiv in der Unter­kunft sitzen, verstärkt das die Probleme und kann zu einer Re-Traumatisierung führen. Die größten Probleme bereiten unbegleitete Jugendliche.

Wie sieht es mit den Lehr­kräften aus, sind sie auf solche Kinder über­haupt eingestellt?
Viele sind sehr souverän, manche haben Schwierig­keiten mit verhaltens­auffälligen Kindern. Lehrer brauchen daher Beratung in Form von Fall­besprechungen und Super­vision, durch Sozial­arbeiter und Schul­psychologen. Leider ist Deutschland im inter­nationalen Vergleich dies­bezüglich sehr schlecht aufgestellt.

Können Sie das an Zahlen festmachen?
Ja. Im Bundesdurchschnitt kommt ein Schul­psychologe auf etwa 7.000 Schüler­innen und Schüler, in Städten wie Kopenhagen oder Zürich ist das Verhältnis etwa 1 zu 800, es gibt also fast an jeder Schule einen Schul­psychologen oder eine Schul­psychologin. Da besteht dringender Nach­hol­bedarf. Auch deutsche Kinder und Jugendliche müssen schließlich Scheidungen der Eltern verarbeiten, haben Leistungs­probleme in der Schule, leiden unter Prüfungs­ängsten, Pubertäts­krisen oder Drogen­sucht.

Der für die Tat verantwortliche Junge soll jetzt aus dem regulären Schulsystem herausgenommen werden. Ist das der richtige Weg?
An erster Stelle steht für mich der Opferschutz. Der zehn­jährige Junge, der miss­braucht wurde, muss jetzt pädagogische Hilfen bekommen und, falls notwendig, eine Psycho­therapie. Auch die Angehörigen und Mit­schüler brauchen unter Umständen Unter­stützung. Anderer­seits ist es auch wichtig, dafür zu sorgen, dass der Täter nicht dauer­haft straf­fällig wird.

Wie erreicht man das?
Die Hauptverantwortung liegt nicht zuerst bei der Schule, sondern bei den Eltern. Kinder mit schwer­wiegendem Fehl­verhalten brauchen sehr enge Grenzen, klare Strukturen und eine starke Bindung an eine Person, die als Autorität akzeptiert wird. Das ist im Einzel- und Klein­gruppen­unter­richt leichter möglich. Trotzdem hat auch ein solches Kind Anspruch auf Bildung, und es muss die Möglichkeit haben, sich zu stabilisieren und sich sozial zu integrieren.