Verena Pausder : „Kinder brauchen mehr Freiheit für eigene Lösungen und Wege”

Die Digitalexpertin Verena Pausder hält Homeschooling nach den Ferien für unzumutbar. Die Vermittlung von Fachwissen sei wichtig, der Fokus müsse aber woanders liegen.

Dieser Artikel erschien am 24.06.2021 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Zwei Schüler bauen mit Holzklötzen ein Modell.
An der Grundschule auf dem Süsteresch ist der Unterricht in eine „Selbstlernzeit“ und in eine „Trainings­zeit“ eingeteilt.
©Lars Rettberg (Robert Bosch Stiftung)

Vergangene Woche fand unter dem Motto “Lasst uns Zukunft in die Schule bringen” der Hackathon #wirfürschule statt. Veranstalterin war unter anderem die Unternehmerin und Expertin für digitale Bildung, Verena Pausder. 2.500 Menschen nahmen teil, darunter Start-up-Unternehmer, Schülerinnen und Lehrkräfte. Es wurde gemeinsam an konkreten Schulprojekten gearbeitet und ein “Zielbild für die Schule von morgen” diskutiert. Pausder sagt, Schule sollte nicht mehr das Fachwissen ins Zentrum stellen. Ziel der Schule sollte es vor allem sein, die Kinder zu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen und ein selbstbestimmtes Leben zu leben.

ZEIT ONLINE: Frau Pausder, die Kultusminister wollen die Schulen nach den Ferien wieder für alle öffnen. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, es könne auch Wechselunterricht nötig werden. Er hat das inzwischen zwar relativiert. Sicher ist aber, dass die Eltern fürchten, dass die unsichere Situation nie aufhört. Was glauben Sie, sollte über die Sommerferien geschehen, damit danach Schule verlässlich stattfindet?

Verena Pausder: Ich halte es für richtig, dass die KMK an ihrem Plan festhält, Präsenzunterricht anzubieten. Jetzt wäre allerdings Zeit, zu organisieren, was man dafür braucht. Wenn zum Beispiel keine verlässlichen Lüftungsgeräte für alle Klassenräume angeschafft werden können, sollten nach den Ferien wenigstens CO2- und Aerosol-Messgeräte vorhanden sein, die anzeigen, wann gelüftet werden muss.

Und es müssen alle Szenarien vorher festgelegt werden. Vielleicht mit einem Ampelsystem: Im Niedriginzidenzfall bis x Fällen schaltet sie auf grün, es können Masken abgelegt werden und auch Klassenfahrten und Schulfeste wieder stattfinden. Wenn die Inzidenz aber stark ansteigt, die Ampel rot wird, muss etwa jedes Kind am besten täglich getestet werden, Maske tragen, in Kleingruppen bleiben. In der Schweiz werden Pooltests in den Schulen verwendet. Mehrere Kinder spucken in einen Topf. Nur wenn die Auswertung positiv ist, werden sie einzeln getestet. Das spart Unterrichtszeit und Geld – und es verschafft Sicherheit. Aber das muss man jetzt über den Sommer vorbereiten.

ZEIT ONLINE: Falls es also doch wieder zu Wechselunterricht oder gar Schulschließungen kommt: Sind die Schulen digital inzwischen so gut ausgestattet, dass Videokonferenzen und Lernplattformen überall zuverlässig funktionieren?

Pausder: Nein, die Digitalisierung muss dringend weiter vorangetrieben werden. Noch immer sind nur 1,5 Milliarden von 6,5 Milliarden Euro aus dem Digitalpakt in den Schulen angekommen. Ich höre von Schulleitern: “Ich habe vor neun Monaten einen Medien-Entwicklungsplan eingereicht, weiß aber nicht, wann das Geld kommt.” Das sollte jetzt endlich ausgeschüttet werden. Der Breitbandausbau muss vorangehen. Nur 20 Prozent der Schulen haben wirklich schnelles Internet. Das brauchen sie aber für die Zukunft, nicht nur für möglichen Wechselunterricht. Langsames Internet bedeutet, dass die 8b nicht mit einer 3-D-Software im Matheunterricht arbeiten kann, wenn die 8a gerade ein Video anschaut.

ZEIT ONLINE: Eine Studie hat gerade gezeigt, dass die Kinder im ersten Lockdown so gut wie nichts gelernt haben. Danach wurde der Distanzunterricht aber deutlich besser, oder?

Pausder: Ja, viel besser, aber die Qualität war sehr unterschiedlich. Manche Lehrkräfte haben sich weiterhin geweigert, Videounterricht anzubieten, andere hatten keine Chance wegen der schlechten Ausstattung. Ich kenne keine Zahlen, aber ich schätze, 50 Prozent der Kinder hatten einigermaßen guten Distanzunterricht, die anderen haben nur Materialien per E-Mail gesendet bekommen. Positiv ist, dass es seit dem vergangenen Sommer viel mehr Onlineweiterbildungen für Lehrkräfte gibt, um nicht nur den Distanzunterricht in Videokonferenzen zu machen, sondern besonders auch im Präsenzunterricht gezielt digitale Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern zu fördern. Distanzunterricht sollte hoffentlich bald nicht mehr nötig sein, weil er Ungleichheit verstärkt. Denn wie viel ein Kind vom Distanzunterricht mitnimmt, hängt vor allem davon ab, wie viel Unterstützung es zu Hause bekommen kann.

ZEIT ONLINE: Soziale Gerechtigkeit soll auch laut dem “Zielbild für die Schule von morgen”, das bei Ihrem Hackathon diskutiert wurde, im Fokus stehen. Wie würden Sie diese Schüler unterstützen wollen? Sommerschulen? Nachhilfe?

Pausder: Ich bin nicht dafür, Kinder in den Ferien dreimal die Woche zur Mathenachhilfe zu schicken. Aber sie sollten nach den Ferien erstens bevorzugt in der Schule unterrichtet werden, sofern es wieder Wechselunterricht gibt. Dazu sollten Lehrer und Lehrerinnen mithilfe der Eltern jetzt schon Listen erstellen, wer gut zu Hause lernen kann und Unterstützung hat, und wer hingegen täglich in der Schule sein muss oder möchte. Zweitens sollten sie Bildungsgutscheine für Hilfen beim Lernen bekommen, online oder auch offline von Institutionen, die ihre guten Angebote erweitern können, wie etwa das Chancenwerk.

Digitale Programme können viel individueller Wissen vermitteln

ZEIT ONLINE: Könnte die Digitalisierung auch helfen?

Pausder: Ja, und zwar besonders gut. Programme etwa vom Chancenwerk sind gerade für Schüler und Schülerinnen konzipiert, die von Anfang an benachteiligt waren, weil sie etwa zu Hause kein Deutsch sprechen oder ihnen Grundlagen in Mathe fehlen. Sie erhalten digitale Lernförderung, um gezielt Lernschwächen zu bearbeiten. Das Programm reagiert dann nicht nur auf falsch oder richtig, sondern erkennt genau, wo die Kinder falsch abgebogen sind. Wenn sie zum Beispiel Verben oft falsch konjugieren, bekommen sie genau die Erklärungen und Übungen angeboten, die sie brauchen, um den Anschluss zu finden. Mit unterschiedlichen Lernprogrammen kann die Schule viel individueller Kompetenzen vermitteln, je nach Wissensstand und Interessen. Und die Lehrkräfte haben Zeit gewonnen, um jeden Einzelnen besser zu coachen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen mit #wirfürschule Schulen neu erfinden, weniger Fachwissen, mehr Motivation zum Lernen erzeugen. Aber wünschen sich nicht gerade alle die alte Schule zurück?

Pausder: Ja, das beobachte ich auch. Aber warum wollen wir das? Deutsche Schulen waren überall Mittelmaß, ob in den Pisa-Studien, in der digitalen Bildung und Ausstattung. Ihnen wurde immer mehr drauf geladen: neue Fächer, neue Inhalte, der Ganztag, die Digitalisierung. Immer mehr Kinder haben psychische Probleme durch den Druck in der Schule. Warum entlasten wir nicht erst einmal alle? Wir haben beim Hackathon gefragt: Wie viele Klassenarbeiten, wie viele Noten brauchen wir wirklich? Gibt es nicht andere Möglichkeiten, die Kompetenzen abzufragen?

Warum bearbeiten wir in der Schule nicht die großen Themen? Kinder wären viel motivierter, wenn sie projekt- und problembezogen zum Klimawandel, zu Nachhaltigkeit oder zum Unternehmertum arbeiten. Und mehr entlang ihrer Lebenswelt: Wer in der Stadt lebt, muss nicht unbedingt genau das Gleiche machen wie der, der in den Bergen lebt. Schule würde weniger Fachwissen eintrichtern, aber die Kinder wären trotzdem besser auf die Welt vorbereitet.

ZEIT ONLINE: Aber kommen nicht auch wieder nur die privilegierten Kinder mit selbstständiger Projektarbeit gut klar, weil sie mehr Basiswissen und mehr Anregungen von den Eltern haben?

Pausder: Nicht unbedingt. Wir haben zum Beispiel in Brennpunktschulen ein Roboterprojekt veranstaltet. Die Schüler und Schülerinnen sollten einen Parkour bauen und den Roboter durchfahren lassen. Die Lehrer waren erstaunt, wie lernschwache oder introvertierte Kinder, die sie gar nicht mehr erreicht hatten, in die Arbeit versunken waren und aufblühten.

ZEIT ONLINE: Die Corona-Krise könnte ein Anlass sein, hier weiterzudenken. Nur wer sich selbst organisieren und motivieren konnte, kam einigermaßen gut durch die Zeit der Schulschließungen.

Pausder: Ja, die Leine war länger in der Krise. Viele Schülerinnen haben erzählt: Endlich konnte ich es mal so machen, wie ich wollte. Sie haben berichtet, dass sie länger an Aufgaben gearbeitet haben als vorgeschrieben, wenn sie gerade richtig drin waren im Thema. Aber natürlich hatten die Kinder, die einsam waren, sich zu Hause nicht konzentrieren konnten oder sicher fühlten, weder die Kraft noch den Raum dafür. Innerhalb der Schule kann man daran anknüpfen und Kindern mehr das Ziel als den Weg vorgeben. Wenn etwa das Thema Ozeane bearbeitet wird, können sich die Schülerinnen und Schüler, anstatt eine Klassenarbeit zu schreiben, eine eigene Präsentation ausdenken. Eine, die gern redet, macht einen Podcast. Ein schüchterner Schüler dreht lieber ein Video, weil er nicht gerne selbst vor der Klasse steht. Ein Dritter macht eine Collage auf Papier, weil ihm das Künstlerische mehr Spaß macht. Wir haben gerade, wenn die Welt komplexer wird, die Tendenz, die Leine sehr kurz zu halten, damit wir den Kindern Sicherheit geben. Aber aus meiner Sicht sollten wir sie selbstbestimmter lernen lassen und ihnen mehr Freiheit geben, ihre eigenen Lösungen und Wege zu finden. Das bereitet sie am besten auf die Welt nach der Schule vor.