Dieser Artikel erschien am 12.03.2019 in der taz
Autor: Jean-Philipp Baeck, Benno Schirrmeister

Masern-Ausbruch im Kreis Hildesheim : Keine Schule ohne Masern-Impfung?

In einer Schule müssen Kinder der Schule fernbleiben, die nicht gegen Masern geimpft sind. Notwendige Prävention – oder die Tyrannei der Masse? Ein Pro und Contra.

Spritze
Pieks – und schon geht die Schule wieder los
©dpa

Ja,

es ist absolut richtig, dass die Oskar-Schindler-Gesamt­schule in Hildesheim ungeimpften SchülerInnen und Lehr­kräften den Zugang verwehrt. Mehr noch: Dieser Schritt ist zu begrüßen. Vor wenigen Tagen waren an der Schule Masern aus­gebrochen – eine Krank­heit, die in Europa nach dem Willen der WHO eigentlich bis 2020 hätte ausgerottet sein sollen.

Ein Ziel, das absehbar verfehlt wird, weil Masern­infektionen in Europa wieder ansteigen – auch wegen Impf­muffeln und Impf­gegner­Innen. In Nieder­sachsen kam es 2018 zu 18 Masern­fällen, 2019 bereits zu 33 – 24 davon im Kreis Hildesheim.

Masern sind hoch ansteckend, das Virus wird schon beim Sprechen übertragen. Kommt es zu Komplikationen wie einer Gehirn­entzündung, ist die Krank­heit lebens­gefährlich.

Für die Schule in Hildesheim galt es daher, Rechte gegen­einander abzuwägen: das Recht auf Bildung gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Es geht nicht um eine Impf­pflicht durch die Hinter­tür, sondern um einen Schutz vor Infektionen in einem konkreten Fall – gedeckt nach dem Infektions­schutz­gesetz.

Es geht um den Schutz von Unbeteiligten

Dabei ist es einerseits richtig, die Kinder, deren Eltern sich nicht um deren Impfung bemüht haben, vor einer Masern-Ansteckung zu bewahren – ja: sie zu ihrem Glück zu zwingen. Anderer­seits geht es aber auch um den Schutz von völlig Unbeteiligten. Denn Masern haben eine Inkubations­zeit von über einer Woche und sind bereits mehrere Tage lang ansteckend, bevor der erste Haut­aus­schlag auftritt. Ungeimpfte Kinder oder LehrerInnen könnten sich also Masern in der Schule holen und tage­lang noch fröhlich herum­laufen, während sie andere anstecken.

Es wäre verantwortungslos, das zuzulassen. Denn diese Gefahr betrifft eben auch die­jenigen, die nicht frei­willig auf eine Impfung verzichtet haben, sondern denen dies aus medizinischen Gründen verwehrt bleibt. Im Falle des Lebend­impf­stoffes von Masern sind das zum Beispiel alle Säuglinge mindestens in den ersten sechs Monaten. Ihnen hilft nur der sogenannte „Herden­schutz“, wenn rund 95 Prozent der Menschen geimpft sind. Anders als in Skandinavien, ist die Masern­impf­quote in Deutsch­land aber noch ungenügend.

Zu begrüßen ist die strenge Maßnahme der Schule daher auch als ein Signal an die notorischen Impf­gegner­­Innen, die mit ihrer asozialen und anti-aufklärerischen Haltung Menschen in Gefahr bringen.

Jean-Philipp Baeck

Nein,

Masernimpfungen sind zwar sinnvoll. Aber selbst­redend sollten Kinder nicht vom Unterricht aus­geschlossen werden, bloß weil sie keine Masern­impfung haben – weder in Hildesheim, noch in Bremen. Dort ist nämlich, inspiriert – oder eher angesteckt? – durch die süd­ost­nieder­sächsischen Masern­fälle der Vorstands­vor­sitzende der Kassen­ärztlichen Vereinigung, Joachim Herrmann, vorgeprescht und fordert Ungeimpften den Zugang zu Kitas, Schulen, Uni und sogar Arzt­praxen zu verweigern.

So ein Spaßvogel! Wo sollen die sich denn dann impfen lassen? Nein, angesichts von null Bremer Fällen im laufenden und nur zweien im vergangenen Jahr kann es sich bei diesem präventiv­panischen Vorstoß nur um einen Witz gehandelt haben, denn, wenn er schon bei so günstiger Infektions­lage greifen soll, wann könnte der Unterrichts­aus­schluss für ungeimpfte Kinder enden?

Wahr ist: Im Kreis Hildesheim wird anlass­bezogen gehandelt. Bloß was soll das Ziel der Maßnahme sein? Wird man die Sicher­heit der geimpften Mitschüler*innen und Lehr­kräfte relevant erhöhen? Sind die nicht durch die Impfung bereits immun? Hilft es der Allgemein­heit, wenn die von Kita­besuch und Unterricht aus­geschlossenen ungeimpften Kinder die Viren auf offener Straße, im Supermarkt oder auf dem Spiel­platz verbreiten? Sollte man sie nicht besser weg­sperren? Für immer? Oder doch wenigstens für 35 Tage?

Mithilfe von Ängsten werden Bürger­rechte verstümmelt

Diese Vorbeugehaft-Dauer soll ja in Niedersachsens Polizeigesetz, nicht im Gesund­heits­recht, fest­geschrieben werden. Aber das Denken ist das­selbe: Es folgt dem Trend, mithilfe von Ängsten die Menschen- und Bürger­rechte zu verstümmeln – am liebsten die Rechte jener, die der Durch­schnitt als Andere deutet, Minder­heiten also.

Fakten braucht das durchschnittliche Denken nicht: Auch wenn die Masern­impf­quote laut Robert Koch Institut gut ist – 97 Prozent der Erst­klässler sind gegen Masern geimpft – ist es ein Leichtes, die verschwindend kleine Gruppe der Impf­gegner*innen zur Gefahr aufzupimpen. Und schon fragt keiner mehr, ob es gut ist, deren Kindern durch Beschneidung ihres Rechts auf Bildung heimzu­zahlen, dass ihre Eltern einer skurrilen Meinung anhängen.

Die Demokratiet­heorie nennt ein solches Vorgehen „Tyrannei der Masse“. Die moralische Bewertung ist älter und fällt noch leichter: Es ist schäbig.

Benno Schirrmeister