Karriere im Lehrerberuf : Von der Schulleitung in die Schulaufsicht

Mit 15 Jahren war Carlos Sánchez schon klar, dass er Lehrer werden will. Dass er aber auch mal Schulleiter sein und schließlich in die Schulaufsicht wechseln würde, das hätte er vor einigen Jahren selbst noch nicht gedacht. Dem Schulportal hat der Schuldezernent in der Bezirksregierung Düsseldorf erzählt, wie er dorthin gekommen ist und wie er den Perspektivwechsel erlebt.

Annette Kuhn 08. September 2022
Schuldezernent Carlos Sánchez
Seit 2018 arbeitet Carlos Sánchez als Schuldezernent in der Bezirksregierung Düsseldorf. Für ihn ist es ein Wechsel vom Mikrokosmos zum Makrokosmos Schule.
©Annette Kuhn

Es war im Frühjahr 2016, auf dem Weg zur Bildungskonferenz in Remscheid im Treppenhaus des Rathauses. Gerade ging es noch um das Thema Berufsorientierung, da sprach ihn der für seinen Bezirk zuständige Dezernent an: „Carlos, kannst du dir vorstellen, zu uns ins Schuldezernat nach Düsseldorf zu wechseln?“

Carlos Sánchez war erst einmal überrumpelt. „Ich bin doch glücklich hier an ,meiner‘ Schule“, war sein erster Gedanke. Und er war zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre Schulleiter an der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid, die Position war für ihn noch längst keine Routine. Und als „Schulflüchtling“ verstand er sich schon gar nicht. Aber heute, sechs Jahre später, sagt der 55-Jährige auch: „Natürlich hat mir das Angebot geschmeichelt, und es hat mich gereizt, noch mal etwas anderes zu machen.“

Auf einmal für 15 Schulen zuständig

Tatsächlich hat es dann noch zwei Jahre gedauert, bis Sánchez den Wechsel von der Schule in die Bezirksregierung, von der Schulleitung in die Schulaufsicht vollzog. Er brauchte Zeit für die Entscheidung, und es brauchte erst mal eine geeignete Stelle. Dann musste Sánchez noch eine Qualifizierung und zwei Revisionen durchlaufen. Das erste Beurteilungsverfahren fand beim Abteilungsdirektor Schule der zuständigen Bezirksregierung statt, das zweite dann beim Schulministerium. „Da wird man auf Mark und Bein geprüft“, erinnert er sich.

2018 war es dann so weit: Er wechselte in die Bezirksregierung Düsseldorf als Schuldezernent und ist dort heute im Bergischen Städtedreieck – Wuppertal, Solingen und Remscheid – für 15 integrierte Schulen, also Sekundarschulen, Gesamtschulen und den Schulversuch Primus-Schule in Viersen verantwortlich. Das bedeutet: 15 Schulen, vier verschiedene Schulträger und Bürgermeister, viele verschiedene Strukturen und Bedürfnisse. Außerdem vertritt Sánchez einige Generalien, also Arbeitsbereiche innerhalb der Bezirksregierung. Zu seinen Aufgaben gehören die Stellenbewirtschaftung von Schulen, die Religionslehren und einige Fremdsprachen.

Carlos Sánchez als Schulleiter in Remscheid
Akten häuften sich auf dem Schreibtisch von Carlos Sánchez auch schon in seiner Zeit als Schulleiter der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid.
©privat
Schuldezernent Carlos Sanchez in seinem Büro
Heute hat Carlos Sánchez sein Büro in der Bezirksregierung Düsseldorf - seine alte Schule hat ihren Platz auf der Fensterbank gefunden.
©Annette Kuhn

Als Schuldezernent verdient Carlos Sánchez genauso viel wie als Schulleiter

Viele hatten ihm damals zum Karrieresprung und zur höheren Besoldung gratuliert. Carlos Sánchez lacht: „Geld gibt es nicht mehr, als Dezernent bekomme ich das Gleiche wie als Schulleiter.“ Ob der Wechsel in die Schulaufsicht abgesehen vom Monetären ein Karriereschritt ist, darüber habe er lange nachgedacht. Sicherlich trage er jetzt mehr und anders Verantwortung, verantwortlich hat er sich auf allen Stufen seiner Laufbahn gefühlt. Und er betont: „Eine Karriere habe ich nie geplant.“

Aber dass er mal Lehrer werden würde, das war Carlos Sánchez schon in der neunten Klasse klar. Er konnte gut mit Kindern. Er betreute eine Pfadfindergruppe, trainierte Jugendmannschaften im Fußball. „Ich habe eine pädagogische Ader“, sagt er. In der neunten Klasse besuchte Sánchez aber die Realschule. Ein Studium war damit noch weit entfernt.

Sánchez Eltern waren Anfang der 60er-Jahre aus Spanien nach Belecke, einen Vorort von Warstein am Nordrand des Sauerlands, gekommen. Die Eltern arbeiteten im dortigen AEG-Werk. Kinder von „Gastarbeitern“, wie Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten damals genannt wurden, kamen fast nie aufs Gymnasium. Carlos Sánchez schaffte es nach der 10. Klasse auf der Realschule aber doch.

Die Gesamtschule ist die Schulform, die einem die Augen und das pädagogische Herz in alle Richtungen öffnet. Alle Schülerinnen und Schüler sind in der Gesamtschule immer richtig.

Von dort ging es dann zum Studium nach Köln, danach zum Referendariat an ein Gymnasium in Köln. Eigentlich wollte er aber schon damals lieber an eine Gesamtschule. „Die Gesamtschule ist die Schulform, die einem die Augen und das pädagogische Herz in alle Richtungen öffnet. Alle Schülerinnen und Schüler sind in der Gesamtschule immer richtig.“ Wenn Schülerinnen und Schüler schlechtere Leistungen erbringen, müsse man sich als Lehrerin oder Lehrer überlegen, wie man Unterstützung geben kann. „Die Gesamtschule bietet Lehrerinnen und Lehrern qua System die größte Fortbildung.“ Nirgendwo könne man besser pädagogisches Handwerkszeug lernen.

20 Jahre war Carlos Sánchez an der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid

Dass Sánchez dann nach dem Referendariat als Junglehrer der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid zugewiesen wurde, bezeichnet er heute als „das größte Glück, das mir professionell passieren konnte“.

Insgesamt 20 Jahre – seine gesamte Berufszeit als Lehrer – blieb Sánchez an dieser Schule. Er wurde schnell Klassenlehrer, übernahm bald Funktionsstellen, zum Beispiel in der Koordination der Oberstufe, später in der Erstellung des Stundenplans – „Statistik lag mir schon immer“, sagt er. Und er wurde schulübergreifend Fortbildner für Lehrkräfte im Fach Spanisch. Vielleicht habe das schon seinen Blick geweitet, ihn über den Tellerrand der eigenen Schule schauen lassen, sagt er heute.

Auslandsschuldienst oder Schulleitung?

Irgendwann hatte Sánchez die Idee, mit seiner Familie in den Auslandsschuldienst, in ein spanischsprachiges Land zu gehen. Aber noch bevor er sich dem entsprechenden Revisionsverfahren unterzog, stand der Schulleiter vor ihm: „Du musst dich schon entscheiden: Willst du hier stellvertretender Schulleiter werden oder ins Ausland gehen?“

Statt Spanien oder Südamerika blieb es also bei Remscheid. Seit 2005 war Sánchez erst kommissarisch, ab 2007 offiziell stellvertretender Schulleiter, sechs Jahre später wurde er Schulleiter. Die Unterstützung des Kollegiums habe ihn getragen, aber die Zusammenarbeit habe sich durch den Wechsel in die Schulleitung schon geändert. „Auch wenn sich in der Gesamtschule alle duzen – eine flache Hierarchie ist eine Hierarchie“, sagt er. Man müsse als Schulleiterin oder Schulleiter manchmal Entscheidungen treffen, die unpopulär sind. Auf so einer Position brauche es manchmal schon viel Mut, Unerschrockenheit und Standhaftigkeit, sagt er.

Im Schuldezernat ist die Luft noch dünner, es gibt mehr Gegenwind vonseiten der Schulen.

Und noch mehr braucht er diese Eigenschaften jetzt. „Im Schuldezernat ist die Luft noch dünner, es gibt mehr Gegenwind vonseiten der Schulen.“ Früher habe er entschieden, welche Lehrerin oder welcher Lehrer in eine Klasse kommt, heute entscheidet er über Schulen. Also zum Beispiel, welche Schule zur Inklusionsschule wird und welche Kinder dann auf diese Schule kommen.

Kein klassischer Tagesablauf

Geändert hat sich auch sein Alltag: Als Schulleiter war Carlos Sánchez meist der Erste, der kam, und der Letzte, der die Schule wieder verließ. In den oft zwölf Stunden dazwischen hat er viele Gespräche im Schulleitungsteam, mit Lehrkräften, mit Eltern, mit Schülerinnen und Schülern oder mit Schulleitungen anderer Schulen geführt. Er hat Pläne geschrieben und zwischendurch selbst unterrichtet.

Als Schuldezernent gibt es keinen „klassischen“ Tagesablauf. Etwa drei Tage in der Woche ist er unterwegs, vor allem an Schulen, wo er zum Beispiel Schulentwicklungsgespräche oder Revisionsverfahren durchführt oder manchmal auch „Feuerwehrmann spielt“, wie er die Rolle als Konfliktmanager beschreibt, die er auch häufig einnehmen muss. Oder er hat Gespräche mit Schulträgern, mit den Dezernenten der anderen Bezirksregierungen oder im Ministerium.

Als Schuldezernent braucht er den Blick für den Makrokosmos Schule

Die Zeit, die er im Büro verbringt, geht hingegen doch eher klassisch zu. „Da gibt es noch den Aktenbock, der über die Flure geschoben wird“, erzählt Carlos Sánchez. Und er ist dann viel am Telefon. Alles, was schulisch Solingen, Wuppertal oder Remscheid betrifft, wird meist zu ihm durchgestellt. „Neulich hatte ich eine Schülerin am Ohr, die gefragt hat, wie das denn mit Hitzefrei in der Oberstufe sei“, erzählt er. Oder es rufen Eltern an, die nach einem Umzug noch keinen Schulplatz für ihr Kind haben.

Was ihn reizt an seiner Aufgabe? Da muss er nicht lange überlegen: „Das ist der intensive Austausch auf Augenhöhe mit den anderen Dezernenten. Wir machen alle das Gleiche, nur für unterschiedliche Regionen. Wir waren ja alle Schulleiterinnen und Schulleiter, bringen ähnliche Erfahrungen mit und reden nicht über Wolkenkuckucksheim.“ In der Schule sei er hingegen immer der gewesen, der am Schluss allein die Entscheidungen treffen musste.

Und ihm gefällt auch, dass er noch mal einen ganz anderen Blick auf Schule hat. Vom Mikrokosmos Schule zum Makrokosmos Schule. „Jetzt schaue ich nicht mehr nur auf ,meine‘ Schule, nicht mal nur auf ,meine‘ Schulform.“ Auch wenn er für die Gesamtschule brenne – Verantwortung trage er als Schuldezernent für das Gesamtsystem Schule in einer Region. Und darum geht es auch bei seinem nächsten Termin – er muss los zur Regionalkonferenz Remscheid.

Für ihn heißt das: Makrokosmos mit einem bisschen Mikrokosmos, denn immerhin geht es dabei auch um „seine“ alte Schule.