Philosophieren in der Grundschule : Junge Denker

In einer kleinen Grundschule im Schwarzwald gehört Philosophieren zum Alltag. Jetzt wurde sie zu einer der besten Schulen Deutschlands gekürt.

Dieser Artikel erschien am 23.09.2020 in DIE ZEIT
Theresa Tröndle
Kinder der Grundschule Schuttertal
Kinder der Grundschule Schuttertal
©Andree Kaiser

Warum ist jeder irgendwie anders? Das Mädchen schließt die Augen. Der dunkle Ton einer Klangschale breitet sich im Raum aus, an der Wand hängt ein hölzernes Kruzifix, daneben ein Zeitstrahl. Nach einer halben Minute streicht das Mädchen seine Haare aus dem Gesicht und sagt: „Wenn alle Menschen gleich wären, hätten alle dieselben Träume. Das wäre traurig.” Mia ist acht Jahre alt, trägt ein rotes FC-Bayern-T-Shirt und philosophiert mit ihren Mitschülern. Seit einem Jahr ist das Nachdenken über die großen Fragen an der Grundschule Schuttertal im Schwarzwald Teil des Unterrichts.

In Mias Klasse hängen die zwei Schulregeln fürs Philosophieren an der Tafel: Alle Gedanken sind möglich. Und: Wenn einer spricht, hören die anderen zu. Bevor Mia mit ihren Mitschülern gemeinsam philosophiert, liest die Lehrerin Marion Wenglein eine Erzählung über das Anderssein vor, in der ein Tier ausgegrenzt auf einem Berg lebt, weil es anders ist, am Ende aber einen Freund findet.

Seit dem vergangenen Jahr ist die Grundschule Schuttertal die erste zertifizierte „Philosophierende Grundschule” in Baden-Württemberg. Philosophieren heißt hier nicht lernen, was etwa Sokrates oder Kant dachten. Wenglein und ihre zwölf Kolleginnen wollen den Fragen der Kinder mit philosophischem Blick begegnen und sie dazu anregen, über Begriffe wie Glück oder Gerechtigkeit zu sprechen.

Den Denkanstoß geben bisher einzelne Geschichten oder Bilder, etwa von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, wenn über Hilfsbereitschaft gesprochen werden soll. Ziel sei es, über Fragen der Kinder spontan im Unterricht nachzudenken, sagt Wenglein später. Wenn es im Sportunterricht Streit gibt, darüber zu sprechen, ob Fußball gerecht ist. Wenn im Sachunterricht über Planeten gesprochen wird, zu überlegen: Was ist Unendlichkeit?

Unter anderem für ihr Philosophie-Konzept hat Schuttertal jetzt als eine von sechs Schulen den Deutschen Schulpreis bekommen. Eine ganze „Schul-Welt” sei Schuttertal, so die Jury, mit einer „gemeinschaftsbildenden Strahlkraft in die Gemeinde hinein und über diese hinaus”.

Knapp 3200 Menschen leben hier nahe der französischen Grenze, fast jeder in einem eigenen Haus. Tagsüber donnern Traktoren durch die Ortsteile, abends trifft man den Nachbarn beim Gießen am Gartenzaun. Nach Lahr, der nächstgrößeren Stadt, braucht man etwa 50 Minuten mit dem Bus. Die meisten der 130 Schüler kommen jeden Morgen zu Fuß in die drei Unterrichtshäuser, knapp zwei Dutzend aber stammen aus anderen Orten. Während auf dem Land viele Schulen schließen, weil die Schüler fehlen, kann die Grundschule Schuttertal seit 2005 in allen drei Ortsteilen der Gemeinde ein Schulhaus halten. Dass hier abseits der großen Städte etwas Besonderes entstanden ist, hat sich herumgesprochen.

Auf die Idee mit dem Philosophieren kam die Rektorin Susanne Junker über ein Schulentwicklungsprojekt der Region, das Kollegien dabei unterstützt, Partner und Ideen von außen ins Schulleben einzubinden. Die Lehrerinnen fanden beides in der Münchner Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog, einem privaten Bildungswerk, das sich dem Philosophieren mit Kindern verschrieben hat. Das habe gut zur Montessori-Pädagogik der Schule gepasst, sagt Junker. „Wir versuchen jedes Kind einzeln zu sehen und ihm die Möglichkeit zu geben, die Lerninhalte mitzubestimmen.”

Im Klassenzimmer moderiert die Lehrerin mit ruhiger Stimme das Gespräch mit Mia und ihren Mitschülern. Marion Wenglein wiederholt Aussagen und fragt die Kinder, was sie von anderen unterscheidet. Sarah, neun, antwortet: „Ich mag Fußball, die meisten Mädchen hier finden, das ist nur was für Jungs.” Immer wieder sei sie überrascht, wie intensiv die Schüler über Fragen nachdenken, sagt Wenglein. Am Anfang war sie skeptisch. Mittlerweile wisse sie aber, dass sich ein vorgegebenes Curriculum und Philosophieren nicht ausschließen: “In den Gesprächen werden viele Themen des Lehrplans indirekt angesprochen.”

Das Wichtigste beim Philosophieren sei, sich von dem zu befreien, was man als Lehrer im Kopf habe, sagt Wenglein. Man müsse sich auf das Gespräch einlassen, sich inhaltlich raushalten und darauf beschränken, die Gedanken der Kinder mit anderen Worten zu wiederholen. So komme die Klasse am besten ins Reden.

„Philosophieren stärkt die Kinder auf unterschiedlichen Ebenen”

Erste Ideen zum Philosophieren mit Kindern gab es schon in den 1920er-Jahren in der deutschen Reformpädagogik. Weltweit Verbreitung fand die pädagogische Praxis ab den Siebzigerjahren ausgehend von den USA mit der Gründung des Institute for the Advancement of Philosophy for Children durch Matthew Lipman. Der Philosophieprofessor an der Columbia University (New York) hatte beobachtet, wie wenig seine Studierenden eigenständig argumentieren konnten. Er wollte Philosophieren als vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben und Rechnen in der Schule verankern. Dem zweiten Vertreter der Bewegung, Gareth Matthews, ging es weniger um Fachphilosophie wie Lipman als um das freie Gespräch mit Schülern. In Untersuchungen fand er heraus, dass manche Überlegungen von Kindern den Gedanken großer Philosophen in Teilen entsprechen.

„Philosophieren stärkt die Kinder auf unterschiedlichen Ebenen”, sagt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Kerstin Michalik. Die Kinder lernten, die eigene Position zu begründen, Argumente zu prüfen und über Probleme nachzusinnen. Im philosophischen Gespräch würde komplexer gesprochen als im normalen Unterricht, der eher auf Fachinhalte ausgerichtet sei. „Dabei lernen die Schüler, dass es auf Fragen meist eine richtige und eher kurze Antwort gibt”, sagt Michalik. Das aber entspreche oft nicht der Wirklichkeit.

Mia erklärt das so: „Wenn ich im Unterricht sage, dass sechs und fünf acht ist, dann ist das falsch, beim Philosophieren aber kann ich alles sagen.” Am liebsten spricht sie über Gefühle und Tiere. Fragen vergangener Stunden liegen in einer Vitrine im Schulhaus in Schweighausen: Was sind Freunde? Gibt es eine perfekte Natur? Haben Tiere eine Seele?

Dass die Grundschule im Schuttertal so erfolgreich ist, liege nicht nur am Philosophieren, sagt Susanne Junker. Seit 2004 unterrichtet sie an der Schule, seit fünf Jahren als Rektorin. Die Lerngruppen heißen Familienklassen, hier bleiben die Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse zusammen. Nicht aus der Not heraus, weil es zu wenige Schüler gibt, sondern um jedes Kind individuell zu fördern, ohne es dabei ständig mit seinen Alterskameraden zu vergleichen.

Unterschiedliche Standorte, ein einheitliches Konzept: Die Vormittage laufen in den drei Schulhäusern ähnlich ab. Nach dem offenen Unterrichtsbeginn arbeiten die Kinder eigenständig in Deutsch und Mathe mit sogenannten Lernspuren – ein Konzept zum Selbstlernen, das die Schule entwickelt hat. Im dazugehörigen Heft dokumentieren die Mädchen und Jungen, was sie schon können.

Im Schulhaus in Dörlinbach sieht das so aus: Ein Junge mit grauem Kapuzenpulli fährt in der ersten Stunde die Linien des Buchstabens K in seinem Schreibheft nach, zwei Mädchen mit blonden Haaren hinter ihm rechnen Minusaufgaben. Wer eine Frage hat, geht zur Lehrerin. Wenn sie mehr Ruhe oder Platz brauchen, können sich die Schüler in einen Nebenraum zurückziehen. Leon hilft hier seinem Mitschüler Leonhard, der ein geistiges Handicap hat, bei einem Arbeitsblatt. Sie zählen Tiere:

„Wie viele Enten siehst du?”

„Ich seh nix.”

„Schau mal beim See.”

„Drei?”

„Genau, super.”

Dass auch Leon Lernschwierigkeiten hat, fällt auf den ersten Blick nicht auf. „Bei uns soll jeder das schöne Gefühl spüren, anderen etwas erklären zu können”, sagt Junker. Das Miteinanderlernen ist auch ein Grund, warum die Schule in den umliegenden Orten so beliebt ist. Mona Kemper etwa, selbst Lehrerin, schickt alle ihre drei Töchter nach Schuttertal, obwohl es in ihrem Ort vier andere Grundschulen gibt. „Schuttertal hat ein starkes eigenes Konzept, das trotzdem in die Norm der Staatsschule passt”, sagt sie.

Doch nicht alle Eltern sind von dem Konzept sofort überzeugt, wenn sie ihr Kind hier einschulen. Manche sind skeptisch, ob die Schüler und Schülerinnen genügend lernen. Deshalb gibt es viele Elterngespräche und regelmäßige Präsentationen des Schulkonzeptes. Vor einigen Jahren gab es zusätzlich eine gemeinsame Montessori-Fortbildung mit den Lehrerinnen.

Im Kollegium hat sich die Idee, dass nicht mehr alle Schüler des gleichen Alters im gleichen Takt den gleichen Stoff lernen, längst durchgesetzt. Während woanders Grundschullehrer fehlen, hat man im Schuttertal eher zu viele. „Wer einmal hier ist, will nie wieder weg”, sagt Rektorin Junker. Weil es in den vergangenen Jahren etwas weniger Schüler gab, musste sie zwei Lehrerinnen wider Willen an Schulen in der Umgebung abordnen. Sobald die Schülerzahlen wieder steigen, will Junker die Kolleginnen zurückholen.

Deutscher Schulpreis

Der Deutsche Schulpreis ist eine Art Oscar für Schulen. Seit 2006 wird er jedes Jahr für herausragende Schulpraxis vergeben. Den Hauptpreis gewinnt in diesem Jahr die Otfried-Preußler-Grundschule in Hannover. Weitere Preise gehen neben der Grundschule Schuttertal an die Berufsbildende Schule Einbeck (Niedersachsen), die Hardtschule Durmersheim (Baden-Württemberg), das Gymnasium Essen Nord-Ost und die Bonner Marie-Kahle-Gesamtschule (beide Nordrhein-Westfalen). Diese Schulen haben sich in einem mehrstufigen Auswahlverfahren durchgesetzt. Sie mussten die Jury sowohl mit ihren Leistungsdaten und ihrer Unterrichtsqualität überzeugen wie auch mit einem guten Schulklima und einer funktionierenden Zusammenarbeit mit Partnern außerhalb der Schule.

Der Schulpreis wird von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung vergeben, unterstützt wird er von der ARD und der ZEIT-Verlagsgruppe. Ausführliche Porträts und Filme von allen Siegerschulen finden Sie hier.