Dieser Artikel erschien am 04.12.2018 auf SPIEGEL ONLINE

Umfrage : Jugendliche zweifeln an Bildungsgerechtigkeit

Junge Erwachsene und Jugendliche geben der deutschen Bildung schlechte Noten: Die Hälfte von ihnen glaubt nicht an Chancen­gleich­heit in Deutschland.

SchülerInnen im Unterricht
Symbolbild
©shutterstock

Der Junge aus der Familie, die von Hartz IV lebt, oder der, dessen Eltern gerade ein neues Haus gekauft haben? Das Mädchen, das allein von seiner Mutter groß­gezogen wird, oder das, das eine Nanny hat? Haben alle von ihnen die gleichen Chancen darauf, gut ausgebildet zu werden? Viele Jugendliche aus Deutschland bezweifeln das, wie eine noch unveröffentlichte Umfrage des Markt­forschungs­instituts Forsa ergab.

Die Studie, die am Mittwoch publiziert werden soll, liegt dem SPIEGEL exklusiv vor. Demnach glauben rund die Hälfte (47 Prozent) der befragten 14- bis 21-Jährigen nicht daran, dass alle Kinder unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft die gleichen Chancen auf eine gute Bildung haben.

Die männlichen Befragten (57 Prozent) glauben dabei eher an Chancen­gleich­heit als die weiblichen Befragten (40 Prozent). Mädchen und junge Frauen empfinden das Bildungs­system in Deutschland demnach als ungerechter als Jungen und junge Männer.

Details zur Umfrage

Doch welche Faktoren spielen für eine gute Bildung eine Rolle? Die Befragten sind der Meinung, dass folgende Punkte Einfluss auf die Bildungs­chancen hätten:

  • die Qualität der Schule und das Können der Lehrer (91 Prozent),
  • die eigene Motivation (90 Prozent),
  • die Unterstützung der Eltern (88 Prozent) und
  • der kulturelle Hintergrund der Eltern oder Erziehungs­berechtigten (49 Prozent).

Laut der Umfrage wünschen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor allem kompetente Lehrer. Diese sollten

  • für den Beruf gut ausgebildet sein (94 Prozent),
  • Probleme lösen können (94 Prozent),
  • sozial kompetent sein (93 Prozent) und
  • die Schüler umfangreich unterstützen (91 Prozent).

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen finden indes, dass digitale Medien wie Smartboards oder Tablets in den Klassen­räumen unwichtig für eine gute Bildung seien (55 Prozent).

Eine Ansicht, die so gar nicht zu den aktuellen Bemühungen der Bildungs­politik passt. So ringt die Bundes­regierung gerade mit den Ländern um den Digital­pakt: Die Schulen sollen fünf Milliarden Euro erhalten, um von 2019 an schritt­weise mit Digital­technik wie Tablets und WLAN ausgestattet zu werden. Doch die Länder drohen, die Vereinbarung im Bundesrat scheitern zu lassen – sie wollen sich nicht in die Bildungs­politik hinein­reden lassen.

Jugendliche glauben nur bedingt an die Inklusion

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden für die Umfrage auch zur Inklusion befragt. Zwar glauben mehr als die Hälfte von ihnen, dass das deutsche Schul­system folgende Schüler gut integrieren könne: diejenigen

  • mit Lernschwächen (80 Prozent),
  • mit Aufmerksamkeits- beziehungsweise Konzentrations­störungen (69 Prozent) sowie
  • Kinder aus sozial schwacher Herkunft (62 Prozent).

Allerdings finden weniger als ein Viertel, dass auch Kinder mit körperlicher Behinderung (23 Prozent) oder mit geistiger Behinderung (18 Prozent) im deutschen Schul­system gut zusammen mit anderen Schülern unterrichtet werden könnten.

Lebenslanges Lernen wird wichtiger

Die Mehrheit der Befragten ist der Ansicht, dass das lebenslange Lernen wichtiger werden werde (71 Prozent). Sie schätzen folgende Fähigkeiten und Kenntnisse als besonders entscheidend für die Zukunft ein:

  • Selbstorganisation (97 Prozent),
  • Höflichkeit und Toleranz (96 Prozent),
  • Kenntnisse der deutschen Sprache (93 Prozent) und
    Fremdsprachen (87 Prozent).