Flüchtlinge aus der Ukraine : Jetzt müssen wieder die pensionierten Lehrerinnen ran

Hunderttausende Kinder und Jugendliche aus der Ukraine brauchen bald in Deutschland einen Schulplatz, erwarten die Bildungsminister. So bereiten sie sich vor.

Dieser Artikel erschien am 11.03.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
leeres Klassenzimmer
Die Willkommensklassen sind in der Regel ausgelastet. Für die ukrainischen Kinder müssen neue entstehen.
©dpa

Liubov Weitzenbürger hat erlebt, was bei Feueralarm passieren kann. Die Berliner Lehrerin erzählt, wie die Jugendlichen aus ihrer Klasse zu ihren kleinen Geschwistern im unteren Stockwerk rannten, um sie zu beschützen. Die wiederum saßen wimmernd unter den Tischen. Weitzenbürger hat 2016, während der Ankunft der Flüchtlinge, begonnen, als Willkommenslehrerin in Berlin-Lichtenberg zu arbeiten. Die Kinder kamen aus Syrien und Afghanistan. Zurzeit sind in ihrer Klasse eher Jugendliche aus Polen, Moldawien oder Bulgarien. Wenn nun also ukrainische Kinder aus dem Krieg eingeschult werden, dann weiß sie, wann sie ein Kind im Arm halten muss – und dass bei jedem Schüler und jeder Schülerin alles wieder anders sein kann. Als Russin hat sie den Vorteil, mit den Kindern sprechen zu können. Nur eins ist ihr nicht klar: Wo sollen die Lehrer und Lehrerinnen für die vielen Kinder herkommen? Sie und ihre Kolleginnen arbeiten schon in Vollzeit.

Insgesamt sind bereits jetzt weit über zwei Millionen Menschen aus der Ukraine auf der Flucht. Gut zwei Wochen nach Kriegsbeginn sind fast 100.000 Geflüchtete in Deutschland angekommen. Die Kultusministerkonferenz stellt sich auf “viele hunderttausend Kinder” aus der Ukraine ein, wie die Vorsitzende Karin Prien (CDU) sagte. Auch für Vorschulkinder muss in den Kitas die Möglichkeit zum Deutschlernen geschaffen werden. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2015 sind etwa 200.000 Kinder nach Deutschland gekommen, als Flüchtlinge oder Kinder von Einwanderern.

Auch damals wurden Willkommensklassen eingerichtet. Doch vieles ist heute anders als im Jahr 2015, als die Menschen vor den Kriegen in Syrien, Afghanistan und Irak flohen, viele von ihnen waren junge Männer. Aus der Ukraine fliehen derzeit vor allem Frauen und Kinder. Männer werden an der Ausreise gehindert. Das heißt, Deutschland braucht in wenigen Wochen sehr viele neue Schulplätze, denn auch für geflüchtete Kinder gilt je nach Bundesland nach einigen Wochen bis wenigen Monaten die Schulpflicht. Sie zu integrieren, stellt die Behörden nun vor eine große Herausforderung. Viele kommen derzeit bei Freunden oder Verwandten unter. In welche Städte oder Stadtteile sie ziehen, welche Schulen also besonderen Bedarf für neue Klassen haben werden, lässt sich noch nicht absehen.

Das größte Problem dürfte dabei, wie Weitzenbürger es sagt, der Mangel an Pädagogen sein: Auch ohne die Ankunft der ukrainischen Kinder fehlen in einigen Bundesländern Lehrer und Lehrerinnen. Schulen in Berlin berichten, wie voll die Klassen jetzt schon sind, und dass sie händeringend nach Lehrerinnen und Lehrern suchen. In Hamburg ist die Lage zwar entspannter, aber nicht einfach. Die Hamburger Schulbehörde gibt an, “mit Hochdruck” Lehrkräfte für die Vorbereitungsklassen zu suchen. Immerhin gebe es unter Hamburgs pensionierten Lehrerinnen und Lehrern eine Welle der Hilfsbereitschaft, sagt der Sprecher. Auch der Lehrerverband verweist auf pensionierte Lehrkräfte und auf Studierende, die nun eingesetzt werden sollen. Ein bisschen Entlastung könnten größere Klassen bieten. Weitzenbürger erzählt, an ihrer Schule sei schon angekündigt worden, dass bald 15 statt 12 Schüler in ihrer Willkommensklasse lernen.

Aber es fehlen nicht nur die Lehrerinnen: Es gibt Kinder, die ohne ihre Eltern ankommen, manche in Begleitung von Verwandten oder Freunden der Familie, andere ganz allein, manche deshalb, weil ihre Eltern getötet wurden. Viele haben also Schreckliches erlebt, sie brauchen erst psychologische Hilfe, bevor sie lernen können – und auch hier herrscht Mangel. Die Corona-Krise hat die ohnehin hoch ausgelastete Kinder- und Jugendpsychologen und -psychiatrien bereits überfordert.

Eine besondere Schwierigkeit ist, dass der Fortgang des Krieges schwer einzuschätzen ist. Wahrscheinlich hoffen viele Geflüchtete, bald in ihre Heimat zurückzukehren. KMK-Vorsitzende Prien sagte während der Kultusministerkonferenz, Schülerinnen und Schüler sollten Anschluss an das ukrainische Bildungssystem halten. Die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka bat sogar darum, dass die Kinder nach ukrainischem Lehrplan und mit ukrainischen Lehrern unterrichtet werden.

Niemand weiß jedoch, wie lange die Geflüchteten bleiben. Selbst wenn der Krieg in wenigen Wochen zu Ende geht, ist nicht klar, wie die politischen Bedingungen dann sein werden und ob die Menschen zurückgehen können.

Behörden in Deutschland haben sich derweil längst an die Arbeit gemacht, um die Kinder in erprobter Weise in die deutschen Schulen zu integrieren. Sachsen etwa ist auf der Suche nach 200 zusätzlichen Lehrkräften, die befristet Deutsch als Fremdsprache unterrichten können. Hamburg hat einen Krisenstab eingerichtet, der dafür sorgen soll, zumindest genauso viele Kinder in den Schulen aufnehmen zu können wie 2015 und 2016, als eine Million Flüchtlinge Deutschland erreichte. Damals gab es an Hamburgs Schulen 525 sogenannte internationale Vorbereitungsklassen (IVK) und Basisklassen. Aktuell sind es nur noch 225, es braucht also 300 zusätzliche Klassen.

Schnell in die Regelklassen: die Lösung?

In Berlin gibt es derzeit schon 540 Willkommensklassen für rund 6.000 Schülerinnen und Schüler – aber sie sind ausgelastet. Der zuständige Bildungssenat kann bisher nur von 50 zusätzlich geplanten Klassen an berufsbildenden Schulen für Jugendliche ab 16 Jahren berichten. Weitere an allgemeinbildenden Schulen sollen folgen. 50 Klassen wären jedenfalls deutlich zu wenig – zumal in Berlin der Bedarf derzeit am höchsten ist, weil hier die Mehrheit der Menschen aus der Ukraine ankommt.

Allerdings könnte manches auch einfacher werden als 2015. Lehrerinnen für Deutsch als Zweitsprache haben damals noch ihre Unterrichtsmaterialien selbst herstellen und viel improvisieren müssen. Die nötigen Strukturen und Schulbücher sind damals erst geschaffen worden. Seit Corona gibt es sogar digitale Angebote. In den Unis ist es Standard geworden, dass Lehramtsstudierende sich auch mit Deutsch als Zweitsprache beschäftigen müssen. Immer noch würden Experten fehlen, aber immerhin dürfte es an jeder Schule mindestens ein bis zwei Lehrerinnen geben, die sich mit diesem Fach auskennen, sagt der Direktor vom Mercator-Institut für Sprachförderung Michael Becker-Mrotzek.

Außerdem könnten viele der ukrainischen geflüchteten Kinder und Jugendliche leichter in deutschen Schulen ankommen als die von 2015 und 2016. Sie waren nicht jahrelang auf der Flucht vor dem Krieg, so wie es zum Beispiel vielen syrischen Familien ergangen ist. Zehn-, Elf-, Zwölfjährige, die nie in der Schule waren, sind nicht zu erwarten. Möglicherweise können die Kinder auch leichter Deutsch lernen. Die kyrillische Schrift basiert anders als die arabische auf einem Alphabet ähnlich dem lateinischen. Die Kinder haben die Schrift außerdem oft schon mit dem Englischunterricht gelernt. Weitzenbürger sagt allerdings, ihrer Erfahrung nach gleicht sich auch der Nachteil der arabischsprachigen Kinder nach etwa drei Monaten aus.

Die Hoffnung unter anderem der Berliner Bildungsverwaltung ist es, dass einige der Kinder gleich in die Regelklassen eingeschult werden können oder zumindest im Schnitt schneller am normalen Unterricht teilnehmen. In dem Fall werden allerdings auch neue Klassen gebraucht – oder die bestehenden werden sehr voll. Für den schnellen Übergang plädieren aber auch viele Forscher.

Grundschülerinnen sollten für die beste Förderung laut Mercator-Institut für Sprachförderung gleich in den normalen Unterricht eingebunden und etwa in der Hälfte der Zeit in Deutsch gefördert werden. Becker-Mrotzek kritisiert, dass viele Kinder und Jugendliche viel zu lange in den Vorbereitungsklassen feststeckten. Ihnen würde sprachlicher Alltag mit deutschsprechenden Kindern fehlen. Ganz abgesehen vom Fachunterricht. Wichtig sei es nach dem Übergang jedoch, weiter in Deutsch unterrichtet zu werden. Leseleistungen gingen sonst sogar teilweise zurück, weil die Schüler noch nicht genug verstünden.

Eine Chance in dieser Flüchtlingssituation ist, dass die erwachsenen Geflüchteten in Deutschland sofort arbeiten dürfen. Sie stecken nicht in langwierigen Asylprozessen fest. Und die Erzieherinnen und Lehrerinnen unter ihnen könnten – wenn die deutsche Bürokratie es zulässt – zumindest auf Honorarbasis in den deutschen Schulen arbeiten. Laut Becker-Mrotzek hat es sich bewährt, dass Kinder aus dem Ausland nicht nur Deutsch lernen, sondern begleitend auch in ihrer Muttersprache gefördert werden. Das hilft beim fachlichen Lernen und stärkt die eigene sprachliche Identität.

Sowohl die Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger als auch Vertreter verschiedener Kultusministerien weisen auf die Chance hin, geflüchtete ukrainische Lehrerinnen einzustellen. Prien kündigte an, dass man dafür sogar digitalisierte ukrainische Lehrwerke einsetzen wolle. Auch die Lehrergewerkschaft GEW ist dafür: Grundschullehrkräfte, Lehrkräfte für einzelne Fächer, aber auch ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher könnten im Teamteaching eingebunden werden. Also die Klassen größer machen und zu zweit unterrichten.
Ob das aber wirklich schnell geht? Lehrer brauchen hier ein Staatsexamen. Aushilfskräfte, die auf Honorarbasis an Schulen arbeiten, müssen wenigstens ein Führungszeugnis vorlegen. Becker-Mrotzek sagt, auch wenn man viel über die Bürokratie lästern kann, sei eine gewisse Kontrolle und Qualitätssicherung sinnvoll.

Weitzenbürger könnte jedenfalls von einer pragmatischen, unbürokratischen Lösung profitieren. Sie erzählt, sie habe in Westsibirien zwanzig Jahre lang Deutsch an der pädagogischen Hochschule unterrichtet und in Methodik des Fremdsprachenunterrichts promoviert. Sie habe, als sie 2014 nach Deutschland kam, von den deutschen Behörden eine lange Liste bekommen, Zertifikate, die sie nachholen musste, um offiziell als Lehrerin anerkannt zu werden. Sie sagt: “Ehrlich gesagt bin ich immer noch nicht fertig.” Aber sie bekomme jedes Jahr einen neuen Vertrag. Willkommenslehrer werden schließlich gebraucht.