Integration : Neue Sprache, neue Schule – so integriert sich Arshia

Viele Minderjährige, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, besuchen mittlerweile eine Regelschulklasse. Der 13-jährige Arshia aus Teheran ist einer von ihnen. Dass er neben seiner Muttersprache Farsi nun auch schon gut Deutsch spricht und sich in seiner neuen Stadt Hamburg wohlfühlt, hat er engagierten Lehrern und seinem Lieblingssport zu verdanken.

Sandra Hermes / 05. Mai 2018
Endlich angekommen! Arshia geht gern zur Schule. Noch viel lieber spielt er allerdings Fußball.
Endlich angekommen! Arshia geht gern zur Schule. Noch viel lieber spielt er allerdings Fußball.
©hardt photography

Heute steht „Klatschen“ auf dem Stundenplan. Eine Maltechnik, die viele schon aus dem Kindergarten kennen. Drei, vier dicke Farbkleckse in die Mitte eines Blattes tupfen, einmal falten, drüberstreichen, auseinanderfalten – und der Zufall hat einen Schmetterling oder ein anderes Fantasiegebilde gezaubert. Arshias Bild zeigt etwas, das wie grüne und blaue Blitze aussieht. „Ist Kunst dein Lieblingsfach?“ – „Na ja, macht Spaß“, gibt der 13-Jährige zögernd zu. „Besser als Deutsch oder Mathe“, ergänzt er mit einem entschuldigenden Lächeln. Seine Lehrerin Milana Nudelmann sieht das anders. Sie glaubt, ihr Schützling habe künstlerisches Talent. „Zeichnen, Basteln – alles was mit Handarbeit zu tun hat: Da ist er sehr gut!“

Integration ist Schulalltag

Seit fast einem Jahr geht der Junge aus dem Iran in die jetzige 6e der Gretel Bergmann-Schule im Hamburger Stadtteil Allermöhe. Die Integration von Flüchtlingskindern ist für die Stadtteilschule Alltag. Acht Monate nach seiner Ankunft in Deutschland wurde Arshia hier Ende 2016 in eine Internationale Vorbereitungsklasse (IVK) eingeschult. Derzeit werden in Hamburg 3506 Flüchtlingskinder in Kleingruppen auf die Integration in eine Regelschulklasse vorbereitet. Auch für sie wird bald der normale Schulalltag in einer Hamburger Grundschule, Stadtteilschule oder auf einem Gymnasium beginnen. Seit der Einschulung steht für diese Kinder und Arshia die neue Sprache an der ersten Stelle des Lehrplans. Und für Geflüchtete aus dem Iran bedeutet das, ebenso wie für die Kinder aus arabischen Ländern, nicht nur Vokabeln-Pauken, sondern das Erlernen eines ganz neuen Alphabets.

Ich wünschte mir mehr so gut erzogene Schüler!
Milana Nudelmann, Tutorin an der Gretel Bergmann Schule in Hamburg-Allermöhe

Was ihm geholfen hat, so schnell Deutsch zu lernen? „Mein Fußball“, sagt er überzeugt und kämmt sich mit der Hand den dunklen Pony nach hinten. „Ich hatte ihn in der IVK immer dabei. Wenn ich ihn hin- und herbewegte, konnte ich mich besser konzentrieren.“ Und auch außerhalb der Schule fanden der damals 11-Jährige und seine Familie Unterstützung. Eine deutsche Familie, so erzählt Arshias Mutter, habe ihr und ihren Söhnen in den ersten Monaten geholfen, sich in die neue Sprache hineinzufinden. Seitdem bleiben in Sachen Sprachkompetenz nicht nur Arshia, sondern auch seine Mutter und sein 15-jähriger Bruder am Ball.

Schneller Wechsel in die Regelschulklasse

Nach gut einem halben Jahr Buchstaben, Wortschatz und Grammatik war bereits die Basis gelegt. Zusammen mit einer Klassenkameradin aus Afghanistan wechselte Arshia im Sommer 2017 aus der IVK in die Regelschulklasse, wo er auch weiterhin regelmäßige Sprachförderung erhält. „Eigentlich könnte ich schon in die Siebte!“, betont er. Denn die meisten anderen 13-Jährigen sind schon ein Jahrgang über ihm.

Fußball ist mein Leben!
Arshia aus Teheran, seit zwei Jahren in Hamburg

Eine ganz bewusste Entscheidung der Schule, so Milana Nudelmann, seine „Tutorin“ – so heißen die Klassenlehrerinnen an der „Gretel“. Das Jahr sei wertvoll für ihn und gebe ihm Zeit, seinen Wortschatz und seine Aussprache zu verbessern. Optisch wirkt der groß gewachsene Junge tatsächlich wie der größere Bruder der meisten seiner Klassenkameraden. Aber es habe für ihn viele Vorteile, in dieser Jahrgangsstufe zu lernen, so Nudelmann. Da er schon im Iran die Schule durchgängig bis zur fünften Klasse besucht hat, bringe er eine breite Allgemeinbildung mit. Und wenn es dann um Themen gehe, die Arshia schon kennt, bringe er sogar seiner Lehrerin noch etwas bei, erzählt diese lächelnd. „Letztens ging es im Fach Gesellschaft um die Persischen Kriege. Da war Arshia sehr aufmerksam und korrigierte mich, wenn ich die Namen der persischen Könige nicht richtig aussprach.“ Sie lacht. „Er ist ein Sonnenschein! Ein sehr höfliches Kind mit einem strahlenden Lächeln! Und er grüßt einen auch unbefangen, wenn man ihn zufällig außerhalb der Schule trifft. Ich wünschte mir mehr so gut erzogene Schüler!“

Arshia ist mit seiner Familie aus Teheran nach Deutschland geflüchtet. Der 13-Jährige geht in Hamburg zur Schule.
Arshia ist mit seiner Familie aus Teheran nach Deutschland geflüchtet. Der 13-Jährige geht in Hamburg zur Schule.
©hardt photography
Die Gretel-Bergmann-Schule in Hamburg-Allermöhe: Hier geht Arshia zur Schule, hier lernt er Deutsch sprechen.
Die Gretel-Bergmann-Schule in Hamburg-Allermöhe: Hier geht Arshia zur Schule, hier lernt er Deutsch sprechen.
©hardt photography
Der Kunstunterricht macht Arshia Spaß. Seine Lehrerin Milana Nudelmann ist überzeugt: Der Junge hat künstlerisches Talent.
Der Kunstunterricht macht Arshia Spaß. Seine Lehrerin Milana Nudelmann ist überzeugt: Der Junge hat künstlerisches Talent.
©hardt photography
Aktuell werden in Hamburg 3506 Flüchtlingskinder in Kleingruppen auf die Integration in eine Regelschulklasse vorbereitet – eines von ihnen ist Arshia.
Aktuell werden in Hamburg 3506 Flüchtlingskinder in Kleingruppen auf die Integration in eine Regelschulklasse vorbereitet – eines von ihnen ist Arshia.
©hardt photography

Kicker aus aller Welt

Die Sprache ist nicht alles, wenn es um die Integration in eine neue Gesellschaft geht. Neben seiner positiven Ausstrahlung und seiner Höflichkeit kann der Junge aus Teheran auch noch mit einem anderen Talent punkten: Er spielt Fußball. Und zwar so gut, dass sein Trainer ihn schon nach kurzer Zeit in die C-Jugend holte, berichtet Arshia stolz. „Fußball ist mein Leben!“ Zweimal pro Woche fährt er zum Training ins Billtal-Stadion im Hamburger Stadtteil Bergedorf. In seiner Mannschaft kickt er mit Kindern aus aller Herren Länder. So ist das in einer Großstadt. Auch wenn er gern für immer hierbleiben möchte – es sei nicht alles toll in Hamburg, sagt er. Was ihm nicht gefällt? Er hätte nicht gedacht, dass Deutschland so rassistisch ist, gibt Arshia unumwunden zu. Einige Sprüche müsse er sich schon mal anhören, erzählt er. „Aber das geht hier rein und da raus!“, winkt er ab und zeigt auf seine Ohren. Eine Einstellung, die ihm sicher hilft, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Respekt für jede Geschichte

In der Klasse selbst gebe es ihres Wissens kein Mobbing, so Nudelmann. Die Schülerinnen und Schüler hätten es den Kindern aus den IVK-Klassen leicht gemacht und sich schnell mit ihnen angefreundet. „Für mich haben die Kinder gewissermaßen keine Nationalität“, erklärt sie. „Wir alle zusammen sind eine Schule. Jede und jeder hier haben ihre/seine Geschichte. Und die respektieren wir.“ 19 der 25 Schülerinnen und Schüler aus der 6e haben einen Migrationshintergrund. Die meisten wurden jedoch hier geboren und können teilweise ihre eigene Muttersprache nicht mehr. Ihre Familien stammen aus Russland, Rumänien, Polen, der Türkei, Benin, dem Iran, Indien, der Ukraine, Albanien, Afghanistan, Syrien und Mazedonien. „Nach einer bestimmten Zeit kommt die Integration an einen Punkt“, so die Tutorin, „an dem man sich nicht mehr fragt, woher jemand kommt. Da zählt nur die Gegenwart – besonders für die Kinder.“ Aber natürlich habe jede und jeder auch mal Probleme. Besonders die Kinder, die ihre Fluchterfahrungen verarbeiten müssen oder einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben. „Für unsere Klasse ist ein Team aus zwei Tutoren, einer Sozial- und einer Sonderpädagogin zuständig. Hat ein Kind Schwierigkeiten oder ist mal traurig, kann es sich jederzeit einen Termin bei uns holen und mit uns sprechen“, erklärt Nudelmann.

Die Wege entstehen beim Gehen.
Milana Nudelmann, Tutorin an der Gretel Bergmann Schule in Hamburg-Allermöhe

Lernen ohne Druck und mit guten Vorbildern

Sicher hilft es Arshia und den anderen auch, dass ihre Lehrerin selbst vor einigen Jahren nach Deutschland eingewandert ist. Die gebürtige Ukrainerin unterrichtet seit 2016 an der Gretel Bergmann Schule Russisch, Kunst und Gesellschaft. „Ich spreche fünf Sprachen – aber Deutsch ist die schwerste“, gibt sie lächelnd zu und zuckt mit den Schultern. „Man darf eben nie aufgeben. Die Wege entstehen beim Gehen!“ Den Eltern vieler Flüchtlingskinder gibt sie häufig den Rat: „Verlangt nicht zu viel von euren Kindern! Sie brauchen Zeit!“ Die Eltern seien oft ungeduldig und wünschen sich nach den Strapazen der Flucht nur das Beste für ihre Kinder. Dabei sehen sie häufig nicht, was die Kinder schon alles geleistet haben. Ein Schulsystem ohne Druck und mit dem Fokus auf selbstbestimmtem Lernen sei vielen Einwanderern zudem noch fremd. „Da hilft es auch bei der Elternarbeit, wenn ich das Gespräch zum Beispiel auf Rumänisch oder Russisch führen kann“, so Nudelmann.

Und Arshia? Wie stellt er sich seinen weiteren Lebensweg vor? Künstler oder doch lieber Fußballer? „Profifußballer natürlich!“, antwortet er mit Nachdruck und denkt dabei eher an seinen Lieblingsverein Real Madrid und weniger an die Bundesligavereine seiner neuen Heimatstadt. Und wenn das nicht klappt? „Dann will ich Arzt werden. Aber ein guter. Einer, der für alle da ist!“ Er wippt nervös auf den Zehenspitzen und schaut immer wieder aus dem Fenster. Was er jetzt vorhat? „Na, Fußball spielen mit meinen Freunden und dann zum Training!“

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