Dieser Artikel erschien am 26.03.2019 auf ZEIT Online
Autorin: Parvin Sadigh

Inklusion : Opfert das Gymnasium!

Zehn Jahre UN-Behindertenkonvention, zehn Jahre Inklusion: Das deutsche Schul­system steht der guten Idee im Weg. Wir brauchen endlich eine Schule für alle.

80 Prozent aller Eltern, deren Kinder eine inklusive Schule besuchen, finden, dass Inklusion ihren Kindern guttut: Klassenzimmer an der inklusiven Sophie-Scholl Schule in Berlin.
80 Prozent aller Eltern, deren Kinder eine inklusive Schule besuchen, finden, dass Inklusion ihren Kindern guttut: Klassenzimmer an der inklusiven Sophie-Scholl Schule in Berlin.
©dpa

Um zu verstehen, was für ein Gewinn gelungene Inklusion für Einzelne und die Gesellschaft sein kann, muss man sich nur den Dokumentar­film Die Kinder der Utopie ansehen, der im Mai ins Kino kommt. Darin kommt vor: eine junge Frau mit Behinderung, die, nachdem sie ihre Ausbildung zur Alten­pflegerin abgeschlossen hat, in einer Behinderten­ein­richtung arbeitet. Sie kann sich schließlich gut einfühlen. Sie weiß doch, wie es ist, angestarrt zu werden. Ein zweiter Protagonist des Films ist ihr ehemaliger Mit­schüler, ein Student ohne Behinderungen. Er glaubt, dass er besser mit seiner Homo­sexualität umgehen konnte, weil er schon früh gelernt hat, dass Menschen anders sein dürfen. Beide haben als Kinder eine Grund­schule in Berlin besucht, an der Inklusion schon vor Jahren selbst­verständlich war. Davon profitieren sie bis heute.

Sie sind damit nicht allein. 80 Prozent aller Eltern, deren Kinder eine inklusive Schule besuchen, finden, dass Inklusion ihren Kindern guttut. Das hat eine soeben erschienene Umfrage von Infas im Auftrag von Aktion Mensch und DIE ZEIT ergeben.

Am heutigen Dienstag ist es zehn Jahre her, dass Deutschland die UN-Behinderten­konvention unter­zeichnet und damit versprochen hat, dass Kinder mit Behinderungen das gleiche Recht auf Bildung in den Regel­schulen bekommen wie alle anderen auch. Damit sie nicht von der Gesellschaft isoliert werden und den für sie best­möglichen Schul­abschluss schaffen können. Grund­schulen leben inzwischen den Gedanken oft schon erfolg­reich, auch wenn es immer noch an Ressourcen und Erfahrung fehlt. Aber sie waren schon immer Schulen für alle.

Inklusion passt nicht zu unserem exklusiven Schul­system

Nach der Grundschule bleibt die Inklusion vielerorts jedoch eine Utopie. Es fehlen über­all ausgebildete Pädagogen, die die Zeit finden, jedem Schüler beizustehen, ob mit oder ohne Behinderung. Nicht einfach zu lösen beim aktuellen Lehrer­mangel. Manche Eltern geben ihre Kinder dann doch lieber in Förder­schulen, weil die mehr Zeit haben oder ziel­gerechter helfen können.

Allerdings passt die Idee der Inklusion auch schlicht­weg nicht zum deutschen Schul­system, das nach meist nur vier Grund­schul­jahren Kinder nach Leistung trennt. Diese Exklusivität wider­spricht dem Inklusions­gedanken prinzipiell. Wer viel leistet, landet auf dem Gymnasium, wer nicht, in den restlichen Schulen mit den vielen Namen. In manchen Haupt-, Sekundar-, Gemein­schafts- oder Gesamt­schulen sammeln sich Kinder aus ungebildeten oder armen Eltern­häusern, Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen, Kinder, die sozial auf­fällig sind und Kinder mit Behinderungen. Als ginge es am Gymnasium um nichts anderes als um gute Noten, an den anderen Schulen nur darum, die Übrig­gebliebenen zu bändigen. An der einen Schul­form kommt im schlimmsten Fall das Soziale zu kurz, an der anderen kann die Leistung auf der Strecke bleiben.

Schaut man sich an, wie Inklusion bewertet wird, zeigt sich eine ähnliche Spaltung. In der Umfrage von Infas glaubt die Mehr­heit der Befragten zwar, dass Inklusion das Soziale fördert. Aber die Hälfte denkt, dass die Leistungen darunter leiden. Mehr als drei Viertel der Befragten sagen, dass ein inklusives Schul­system zu mehr Toleranz, Engagement und einem besseren Mit­einander in der Gesell­schaft führen könne. Aber etwa 50 Prozent finden, dass leistungs­starke Kinder damit ausgebremst würden. Zwar glauben 64 Prozent der Eltern ohne Erfahrung mit Inklusion, dass ein solches Schul­system immerhin die leistungs­schwachen Schüler zu einem guten Abschluss führen könne, aber nur 48 Prozent der Eltern bestätigen das, die inklusive Schulen erlebt haben.

Inklusion geht nicht als Sparprogramm

Inklusion ist also ein Grund mehr für leistungsbewusste Eltern, ihr Kind am Gymnasium unter­zu­bringen. Dort werden Schülerinnen und Schüler noch immer weitgehend davon verschont oder bekommen es nur mit der harmloseren Version der Inklusion zu tun: leistungs­starke Schülerinnen und Schüler mit körperlichen oder gering­fügigen geistigen Behinderungen oder Kinder, die in vielen Fächern doch wieder getrennt unter­richtet werden. Das ist nicht über­raschend: Wenn man Grund­schüler mit Dreien und Vieren auf dem Zeugnis nicht auf­nehmen will, wie will man da geistig behinderte Kinder integrieren, die keine Chance haben, das Abitur zu bestehen? Zwar ist es politisch erwünscht, aus Sicht der Gymnasien ist es trotzdem falsch.

Dabei lernt am Gymnasium längst nicht mehr nur eine kleine, wohl­erzogene Elite. In einigen Bundes­ländern besuchen schon mehr als 50 Prozent aller Kinder das Gymnasium. Soziale und psychische Probleme wie Mobbing, Magersucht, Internet­sucht und ein breites Leistungs­spektrum gibt es hier auch. Nur fehlen oft die Zeit und die Experten, darauf einzugehen.

Das Gymnasium ist selbst längst eine Gemein­schafts­schule

Warum sollen wir also den Grundgedanken der Inklusion nicht zu Ende denken? Ja, das Gymnasium abzuschaffen ist in Deutschland eine noch größere Utopie als die Inklusion selbst. Aber in Wirklichkeit ist es sowieso längst eine Gemein­schafts­schule geworden, die sich öffnen muss für individualisiertes Lernen, für Sozial­arbeiter und Psychologen. Warum sollten also nicht gleich alle Schüler gemeinsam lernen bis zur 10. Klasse? Und warum sollten die Schulen nicht das Beste aus beiden Welten zusammenführen: Mathe, Englisch, Deutsch auf höchst­möglichem Niveau für jedes Kind. Und gleich­zeitig erkennen, dass Leistung und die spätere Karriere nicht der einzige Weg zum Glück sind. Schüler können stolz beobachten, wenn sie jemanden mitreißen konnten zu Höchst­leistungen, dem das vorher niemand zugetraut hat. Oder demütig anerkennen, wenn Zählen lernen ein Riesen­erfolg für einen Mit­schüler ist, während man selbst gerade die Differenzial­rechnung verstanden hat.

Im Sparprogramm wird es allerdings nicht funktionieren, ob mit oder ohne Gymnasium. Barriere­frei­heit und Räume, die individualisiertes Lernen ermöglichen, kosten Geld. Eine Lehrkraft, die allein vor 30 sehr unter­schiedlichen Schülern steht, muss scheitern. Teams aus Gymnasial- und Förder­lehrerinnen, aus Erziehern, Sozial­arbeiterinnen, Pflegern, Integrations­helfern und Psychologinnen müssen zusammen­arbeiten, um jedem Kind gerecht zu werden. Einer begeisterten Lernerin genauso wie einem Jugendlichen mit Behinderungen oder einem, der gerade in einer heftigen pubertären Krise steckt. Das wäre echte Inklusion.