UN-Behindertenrechtskonvention : Inklusion in der Schule – Hürden und Konzepte

Seit 2009 gilt auch in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention und damit das Recht auf inklusive Bildung. Wie wird dieser Anspruch in den Ländern umgesetzt? Das Schulportal hat sich in zahlreichen Artikeln mit dieser tiefgreifenden Reform des Bildungssystems befasst. Im Dossier „Inklusion – wo stehen wir?“sind die Beiträge gesammelt. In diesem Artikel gibt es Antworten auf die wichtigsten Fragen, eine Zusammenfassung aktueller Forschungsergebnisse und ein Pro und Kontra.

Florentine Anders 07. Februar 2022 Aktualisiert am 30. September 2022
Inhalt
Die Debatte um die gemeinsame Schule für behinderte und nichtbehinderte Kinder ist neu entbrannt.
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Wie hat sich die schulische Inklusion in Deutschland seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 entwickelt? Diese Frage wird regelmäßig in empirischen Studien beleuchtet.

Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat zum Beispiel wiederholt die dazu vorliegenden Daten der Kultusministerkonferenz (KMK) analysiert, zuletzt für das Schuljahr 2019/20.

Im September 2021 veröffentlichte das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) eine Studie mit dem Titel „Die Umsetzung schulischer Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention in deutschen Bundesländern“.

Die Untersuchungen belegen: Die Umsetzung der schulischen Inklusion verläuft insgesamt in Deutschland sehr schleppend. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Die jüngste Untersuchung des Inklusionsexperten Hans Wocken in Bayern zeigt, dass es selbst innerhalb der Bundesländer extrem unterschiedliche Entwicklungen bei der Inklusion an Schulen gibt.

Das passt zur aktuellen Befragung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), die am 3o. Mai 2022 veröffentlicht wurde. Demnach fühlen sich Lehrkräfte bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung allein gelassen. Der BLLV bezieht sich dabei auf eine Befragung von 695 Lehrkräften zum schulischen Alltag. Inklusion wird heute nur durch den Einsatz und den pädagogischen Idealismus von Lehrerinnen und Lehrern am Leben gehalten, sagte die Vorsitzende des BLLV, Simone Fleischmann. Inklusion dürfe kein Sparmodell sein, sagte sie ans bayerische Kultusministerium gerichtet.

97 Prozent der befragten Lehrkräfte halten laut BLLV die Inklusion unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für nicht realisierbar. Lediglich von Schulbegleitung, Kollegium und Schulberatung vor Ort fühlten sich die Lehrkräfte unterstützt. Doch es fehle vor allem an Personal, guten Fortbildungsangeboten und Zeit.

Auch Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf werden laut Umfrage bei der Klassenbildung kaum berücksichtigt. So seien inklusive Klassen meist genau so groß wie nicht-inklusive. Lehrkräfte hätten dann nicht mehr Zeit, sich den einzelnen, förderbedürftigen Kindern zu widmen. Der BLLV fordert daher, dass bei Budgetierung und Stundenzuweisung an den Schulen Kinder mit Förderbedarf dreifach gezählt werden. So hätten die Lehrkräfte mehr Zeit, diese Kinder bedarfsgerecht zu fördern.

Der Freistaat hat seit 2011 rund 1.100 neue Stellen für die Umsetzung der Inklusion bereitgestellt, teilte das bayerische Kultusministerium mit. Ein großer Teil dieser Stellen werde mit Lehrkräften für Sonderpädagogik oder Lehrkräften zur Unterstützung von Einzelinklusion besetzt. Ebenso sei das Thema Inklusion fester Bestandteil der Lehrerbildung.

Was bedeutet der Begriff „Inklusion“ in Bezug auf Schule?

„Inklusion“ ist abgeleitet vom lateinischen Verb „includere“. Nach der Definition der UNESCO bedeutet inklusive Bildung, „dass allen Menschen die gleichen Möglichkeiten offenstehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale entwickeln zu können, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen“. Dabei geht es nicht um Integration in ein bestehendes System, vielmehr soll sich das Schulsystem so verändern, dass alle Kinder überall jene Förderung bekommen, die sie benötigen.

Was besagt die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)?

Am 26. März 2009 trat das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Deutschland in Kraft.

In der UN-Behindertenrechtskonvention werden die existierenden Menschenrechtsabkommen in Bezug auf Menschen mit Behinderungen konkretisiert. Demnach müssen sämtliche gesellschaftlichen Bereiche für die Teilhabe von behinderten Menschen geöffnet werden.

Im Artikel 24 heißt es zur inklusiven Bildung: „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen …“

Zur Umsetzung sollen die Vertragsstaaten unter anderem sicherstellen, dass …
„… Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben“.

Für das unabhängige Monitoring ist das Deutsche Institut für Menschenrechte (DIMR) zuständig.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) leitete daraus in ihrem Beschluss von 2011 Empfehlungen für Schulen ab. Darin heißt es: „Bei allen geplanten Veränderungen und Entwicklungen ist darauf zu achten, dass…

  • … Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen an jedem Lernort ihren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend lernen,
  • die notwendige Qualität und der erforderliche Umfang der Unterstützung für alle Kinder und Jugendlichen gesichert sind,
  • die Zusammenarbeit aller an der Förderung des jeweiligen Kindes bzw. Jugendlichen beteiligten Personen und Einrichtungen gewährleistet ist,
  • sonderpädagogische Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangebote ein qualitativ hochwertiges gemeinsames Lernen ermöglichen.“

 

Was sind „inklusive Schulen“?

In einer inklusiven Schule lernen Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Die Schulen sollen so ausgestattet werden, dass sie jedem Kind gerecht werden können. Da viele Bundesländer überfordert sind mit der entsprechenden baulichen und personellen Ausstattung, werden häufig sogenannte inklusive Schwerpunktschulen für bestimmte Förderbedarfe eingerichtet, in denen dann das entsprechende Fachwissen der Sonderpädagogik gebündelt wird.

Welche Daten beschreiben die Entwicklung der Inklusion in der Schule?

Um die Entwicklung der Inklusion zu beschreiben, nutzt die Wissenschaft vier Variablen, die von Klaus Klemm 2021 folgendermaßen definiert wurden:

  • Förderquote: Sie gibt den Anteil der Schüler und Schülerinnen mit Förderbedarf an allen Schülerinnen und Schülern mit Vollzeitschulpflicht in allgemeinbildenden Schulen der Primar- und Sekundarstufe I an (also der Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufen 1 bis 9 bzw. in einzelnen Bundesländern bis 10) – unabhängig von ihrem Förderort.
  • Exklusionsquote (die KMK benutzt dafür den Begriff ‚Förderschulbesuchsquote‘): Diese Quote gibt den Anteil der Schüler und Schülerinnen mit Förderbedarf, die separiert in Förderschulen unterrichtet werden, an allen Schülerinnen und Schülern mit Vollzeitschulpflicht in allgemeinbildenden Schulen der Primar- und Sekundarstufe I an.
  • Inklusionsquote: Sie gibt den Anteil der Schüler und Schülerinnen mit Förderbedarf, die inklusiv in allgemeinen Schulen unterrichtet werden, an allen Schülerinnen und Schülern mit Vollzeitschulpflicht in allgemeinbildenden Schulen der Primar- und Sekundarstufe I an.
  • Inklusionsanteil: Er gibt den Anteil der Schüler und Schülerinnen mit Förderbedarf, die inklusiv unterrichtet werden, an allen Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf an.“

Wie kommt die Inklusion in den Bundesländern voran?

Eine Untersuchung von Mark Rackles, Ex-Staatssekretär für Bildung in Berlin, im Auftrag der Deutschen Schulakademie und der Bertelsmann Stiftung, hat gezeigt, dass der Inklusionsprozess an Schulen in den vergangenen Jahren ins Stocken geraten ist. Rackles hat Inklusionsquoten, Exklusionsquoten und Förderquoten in den Bundesländern untersucht und sich unter anderem Schulgesetze, Regierungsprogramme und Fortbildungsprogramme angeschaut.

Im Interview mit dem Schulportal sagte Rackles im Juni 2021: „Mit dem Start der UN-Behindertenrechtskonvention 2006 haben alle Bundesländer einen zehnjährigen Inklusionsprozess eingeleitet. Es wurden Schulgesetze verändert und Aktionspläne verabredet. 2014/2015 kann man dann aber tatsächlich feststellen, dass die Zahlen sowohl für die Inklusionsquote als auch für die Exklusionsquote in vielen Ländern stark abflachen. Es gibt zwar Ausnahmen, aber in der Mehrheit stagniert der Prozess.“

Das Schulportal hat die Untersuchung in einer großen Infografik veranschaulicht. Darin wird deutlich, dass die Inklusionsquote zwar steigt, die Exklusionsquote aber nahezu unverändert bleibt. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die an den Förderschulen unterrichtet werden, hat kaum abgenommen, dafür haben sich die diagnostizierten Förderbedarfe an Regelschulen deutlich erhöht.

Noch kritischer als bei Rackles fällt die Bilanz von Sebastian Steinmetz, Michael Wrase, Marcel Helbig und Ina Döttinger in ihrer Studie „Die Umsetzung schulischer Inklusion nach der UN-Behindertenrechtskonvention in den deutschen Bundesländern“ aus, die im Herbst 2021 vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) veröffentlicht wurde.

Die Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention zur Schaffung eines inklusiven Bildungssystems würden in einer Reihe von Ländern systematisch verletzt, heißt es da. Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz seien weitgehend untätig geblieben oder verzeichnen seit Geltung der UN-Konvention 2009 sogar Rückschritte.

Eine tatsächliche Transformation bestehender Förderschulsysteme in inklusive Regelschulangebote sei bislang nur in Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zu beobachten. Die anderen Länder würden das im internationalen Vergleich weit ausgebaute Förderschulsystem (bisher) nicht zur Disposition stellen und verweisen stattdessen auf das Elternwahlrecht. Die Studie ist im Open Access im Nomos Verlag erschienen.

Die Untersuchung des Bildungswissenschaftlers Hans Wocken in Bayern, die Anfang 2022 veröffentlicht wurde, zeigt allerdings, dass es in den Kommunen große Unterschiede gibt. In seinem Beitrag mit dem Titel „Vom Eigensinn der Kommunen“ beschreibt er die Entwicklung der schulischen Inklusion in sechs Kommunen, drei Großstädten und drei Regionen, die von der bayerischen Regierung zu „Modellregionen Inklusion“ erklärt wurden.

Das Ergebnis: In vier der sechs bayerischen Kommunen ist kein eindeutiger Trend in Richtung Inklusion identifizierbar. Im Gegenteil: Die Exklusionsquoten des vergangenen Schuljahres 2020/21 geben laut Wocken „zu einiger Beunruhigung Anlass“. Fünf der sechs Kommunen haben die Exklusionsquoten durchschnittlich um ein Prozent erhöht.

Schon 2018 beklagte Hans Wocken im Interview mit dem Schulportal einen Etikettenschwindel: „Alle Bundesländer haben tatsächlich die sogenannte Inklusionsquote an den Regelschulen erhöht, während der Anteil der Schüler an den Förderschulen sich kaum verändert hat. Das bedeutet, dass Schüler, die früher allenfalls als Risikoschüler galten, nun mit dem Etikett des sonderpädagogischen Förderbedarfs versehen werden. Die Inklusionsquote ist daher kein verlässlicher Indikator für den Erfolg der Reform, wenn man nicht gleichzeitig auch die Exklusionsquote mitbetrachtet.“

Welche Rolle spielt Inklusion im Lehramtsstudium?

Der Monitor Lehrerbildung bietet einen deutschlandweiten Überblick über die Strukturen des Lehramtsstudium. Die Daten werden in regelmäßigen Abständen in den 16 Bundesländern sowie an lehrerbildenden Hochschulen erhoben. Die Daten zur Inklusion wurden erstmals 2014 und nun 2020 erhoben, 61 Hochschulen und alle 16 Länder beteiligten sich an der Erhebung. Alle Daten dazu finden Sie hier. Handlungsempfehlungen zum Thema Inklusion im Lehramtsstudium wurden im Policy Brief Inklusion am 14. September 2022 veröffentlicht. Kernbotschaft ist die Notwendigkeit einer verpflichtenden Ausbildung von Kompetenzen inklusiver Bildung für alle Lehramtsstudierenden (unabhängig vom gewählten Lehramt), denn das ist noch längst nicht überall der Fall. Dafür sind bundeseinheitliche Standards nötig. Mark Rackles hofft, dass die Ergebnisse des Monitor Lehrerbildung neuen Schwung in die Debatte um Inklusion in der Schule bringen. Für das Schulportal hat er dazu einen Gastbeitrag verfasst.

Sonderschulen abschaffen oder erhalten?

Über die Frage der Sonderschulen wird in Politik und Praxis heftig gestritten. Die strikten Befürworterinnen und Befürworter der Inklusion sehen in der Behindertenrechtskonvention auch einen Auftrag zur Abschaffung der Sonderschulen. Dagegen steht die Argumentation, dass die Sonderschulen Teil des allgemeinen Schulsystems seien – und so auch zur Inklusion beitragen. In Bayern werden Sonderschulen sogar als „inklusive Schulen“ bezeichnet. Die meisten Bundesländer haben sich für die Beibehaltung von Sonderschulen, auch „Förderschulen“ genannt, entschlossen. Sie begründen dies mit dem „Elternwahlrecht“. Die Eltern sollen entscheiden können, welche Schulform für ihr Kind die beste ist.

Mark Rackles (SPD) sagte im Interview mit dem Schulportal auf die Frage, ob Inklusion langfristig nur ohne Sonderschulen gelingen könne: „Nein, davon geht auch die UN-Behindertenrechtskonvention nicht aus. Vermutlich braucht man einen Anteil von 10 bis 20 Prozent der jetzt bestehenden Sonderschulen. Mit der Konvention verpflichten sich die Länder nicht, die Sonderschulen abzuschaffen, sondern den Anteil an Sonderschulen so weit wie möglich zu reduzieren.“

Der Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen sprach sich im Interview mit dem Schulportal vom 27. November 2018 dagegen für einen konsequenten Ausstieg aus dem Förderschulsystem aus. Erst dann könne Inklusion tatsächlich gelingen. „Solange es Förderschulen gibt, wird es Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen geben, die sagen: Wir können dieses behinderte Kind hier nicht unterrichten. Ein echtes Umdenken werden wir erst erreichen, wenn wir den konsequenten Ausstieg aus dem System Förderschule beschließen“, sagte Krauthausen. Er selbst war vor mehr als 30 Jahren Schüler in der Fläming-Grundschule, einer der ersten inklusiven Schulen in Berlin. Damals habe es noch keine fertigen Konzepte gegeben – und trotzdem sei die Geschichte ein Erfolg. Im Dokumentarfilm „Klassenleben“ wird eine Klasse der Fläming-Grundschule ein Jahr lang begleitet. Zehn Jahre später ist erneut eine Dokumentation entstanden. In „Die Kinder der Utopie“ treffen sich die Schülerinnen und Schüler von damals als junge Erwachsene wieder. Das Schulportal hatte Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen und Regisseur Hubertus Siegert getroffen und mit ihnen über die Entstehung des Films gesprochen.

Wie gelingt Inklusion an der Schule?

Inklusive Schulen benötigen eine neue Schulkultur und auch einen veränderten Unterricht. Eine für viele Lehrkräfte neue Herausforderung ist das individualisierte Lernen, und auch Störungen durch Verhaltensauffälligkeiten bringen Lehrerinnen und Lehrer häufig an ihre Grenzen.

Das Schulportal begleitete in einer Langzeit-Reportage die Meusebach-Grundschule im brandenburgischen Geltow auf ihrem Weg zu einer inklusiven Schule. Die Schule nahm am zweijährigen Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises teil. Vor etwa zehn Jahren hat das Kollegium beschlossen, eine Schule für gemeinsames Lernen zu werden. Den entscheidenden Impuls hatte die Aufnahme eines Kindes mit Down-Syndrom gegeben. Seither hat sich vieles verändert. Erfolgreiche Ansätze, die zunächst intuitiv erprobt wurden, hat die Schule weiterentwickelt und verstetigt. Dabei konnte die Schule im Entwicklungsprogramm auch von den Erfahrungen anderer Schulen aus dem Netzwerk des Deutschen Schulpreises lernen.

Über erfolgreiche Modelle zum Umgang mit sogenannten Systemsprengern hatte das Schulportal im April 2019 mit Peter Friedsam gesprochen. „Wir müssen versuchen zu verstehen, warum sich ein Kind so verhält. Dafür müssen wir stärker die Biografien der Kinder anschauen. Jedes Verhalten folgt einer inneren Logik“, sagte Friedsam. Wie das gelingt, lässt sich im Interview nachlesen.

Bereits erprobte und bewährte inklusive Schulkonzepte aus der Praxis sind auf dem Schulportalausführlich beschrieben. Die Martinschule in Greifswald beispielsweise hat sich von einer Förderschule zu einer inklusiven Schule für alle entwickelt. In dem Konzept wird der individualisierte Lernprozess an der Schule beschrieben. Verschiedene Tools stehen zum Download bereit.

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In der Martinschule in Greifswald lernen Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam in individualisierter Form.

Erfolgreiche inklusive Schulen wurden zwischen 2009 und 2019 jährlich mit dem Jakob Muth-Preis ausgezeichnet. Der Preis wurde 2009 ins Leben gerufen. Projektträger war die/der jeweils amtierende Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, die Deutsche UNESCO Kommission und die Bertelsmann Stiftung. Im Jahr 2020 ist der Jakob Muth-Preis im Deutschen Schulpreis aufgegangen. In Schulporträts wird die didaktische und pädagogische Arbeit der Preisträgerschulen in Texten und Filmen abgebildet.

Wird Inklusion auch am Gymnasium umgesetzt?

In Deutschland steht Inklusion im Widerspruch zu einem strukturell selektiven Schulsystem. Gymnasien sind bei der Inklusion häufig außen vor. Obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention für das gesamte Schulsystem gilt, wird die Inklusion in der Regel von allen anderen Schulformen getragen. Laut Bildungsbericht 2018 lag der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Gymnasien im Schuljahr 2016/17 bei 0,3 Prozent.

Schülerinnen und Schüler, die den Anforderungen am Gymnasium nicht gerecht werden, müssen in der Regel nach der Probezeit das Gymnasium verlassen. Bildungsforscher Rolf Werning wies im Interview mit dem Schulportal 2020 auf ungeklärte Fragen hin: „Was passiert mit den Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf Lernen, die als sogenannte ,Inklusionsschüler‘ auf einem Gymnasium sind und dann ihren Förderstatus verlieren, weil sie so gut gefördert und integriert wurden? Als Haupt- oder Realschülerinnen und -schüler dürfen sie nicht auf dem Gymnasium bleiben. Wenn sie die Schule wechseln müssen, passt das aber überhaupt nicht zum Inklusionsgedanken.“

In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder debattiert, wieweit sich das Gymnasium überhaupt an der Inklusion beteiligen sollte. Ist es sinnvoll, dort auch förderbedürftige Kinder zu unterrichten, die das Abitur nicht erreichen werden?

2015 sorgte der Fall „Henri“ für Schlagzeilen. Der Junge mit Down-Syndrom wollte gemeinsam mit seinen Freunden von der Grundschule an ein Gymnasium wechseln, doch die Schule lehnte die Aufnahme ab.

2018 musste sich in Bremen das Verwaltungsgericht mit der Klage einer Schulleiterin beschäftigen, die die Einrichtung einer Inklusionsklasse mit geistig behinderten Kindern an ihrer Schule ablehnte.

2019 fragte das Schulportal seine Leserinnen und Leser: „Sollten im Zuge der Inklusion Gymnasien förderbedürftige Schülerinnen und Schüler aufnehmen, auch wenn sie das Abitur voraussichtlich nicht schaffen?“ Das Ergebnis fiel gemischt aus. 55 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer stimmten mit Ja ab.

Pro und kontra „Inklusion“

Während die einen fordern, die Umsetzung der Inklusion an Schulen zu bremsen, geht anderen die Reform längst nicht weit genug. Im Mai 2018 hatten wir zwei Lehrkräfte gebeten, für das Schulportal ihre Meinung dazu in einem Pro und Kontra aufzuschreiben.

Stefan Osthoff, Didaktischer Leiter der Matthias-Claudius-Gesamtschule in Bochum, arbeitet gern inklusiv.
Stefan Osthoff, Didaktischer Leiter der Matthias-Claudius-Gesamtschule in Bochum, arbeitet gern inklusiv.
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Pro Inklusion

Stefan Osthoff ist Didaktischer Leiter der Matthias-Claudius-Schule in Bochum. Das Kollegium der Gesamtschule arbeitet inklusiv und findet das auch gut so. In jeder Klasse lernen sechs Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Wir haben an unserer Schule aus Überzeugung bereits 1990 damit begonnen und unsere langjährige Erkenntnis lässt sich so formulieren: Ob Inklusion gelingt ist in erster Linie eine Frage der Einstellung und Haltung. Erst danach kommen Fragen der personellen und sachlichen Ausstattung.

Unser Verständnis von Inklusion wurzelt in einem Menschenbild, dass jeden Menschen unabhängig von seinen Fähigkeiten als gleich wertvolles Geschöpf Gottes wahrnimmt. Gelebte Inklusion wird so als Geschenk und lohnender Wert wahrgenommen, den Menschen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gleichermaßen als Gewinn erfahren können.

Dabei verstehen wir Inklusion als exemplarisches Lernfeld der Schulgemeinschaft auch im Umgang mit Minderheiten und Fremdheit. Sie erstreckt sich neben der Schule auch auf die Begegnungsmöglichkeiten und Erfahrungsräume im außerschulischen Bereich, zum Beispiel in Familie und Freizeit und betrifft das gesamte Schulleben, nicht nur den Unterricht. Dies gilt vor allem für Pausen, Feiern, Unterrichtsgänge, Klassenfahrten und vieles mehr.

Ob Inklusion gelingt, ist in erster Linie eine Frage der Einstellung und Haltung. Erst danach kommen Fragen der personellen und sachlichen Ausstattung.
Stefan Osthoff, Matthias-Claudius-Schule, Bochum

„Inklusion braucht positive Einstellungen, und sie verändert auch Einstellungen. Genau das braucht unsere Gesellschaft und deshalb auch unsere Bildungslandschaft. Inklusion ist noch zu wenig prägender Bestandteil unserer Gesellschaft und in unserer Erfahrungswelt und unseren Vorstellungen nicht fest verankert. Sie bedarf deshalb einer Veränderung der Einstellung zu mir und bei allen Beteiligten der Schulgemeinschaft.

Inklusion verändert den Unterricht sowohl der Regelschülerinnen und Regelschüler als auch der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Daraus folgt, dass der Unterricht ausgehend von den Bedürfnissen aller Schülerinnen und Schüler geplant werden muss. Die Unterrichtsplanung nimmt nicht dauerhaft nur eine Lerngruppe in den Blick.

Guter inklusiver Unterricht kann nach unseren Erfahrungen gelingen, wenn es in der Schule gemeinsame verbindliche Standards dafür gibt. Wenn das Phänomen ,Behinderung‘ im Kollegium intensiv aufgearbeitet und die Unterschiedlichkeit positiv wahrgenommen wird. Wichtig ist auch, dass der Unterricht gemeinsam im Team geplant wird. Für die Schülerinnen und Schüler gibt es differenzierte Lernziele und auch verschiedene Unterrichtsmethoden. Stabile pädagogische Bezugspersonen sind ebenso nötig wie die Einführung von Helferprinzipien. Der Stundenplan sollte so organisiert sein, dass Doppelstunden möglich sind.

Und natürlich benötigt erfolgreicher inklusiver Unterricht auch hinreichende personelle und sächliche Ressourcen – doch die Debatte sollte sich nicht darauf beschränken.“


Der Pädagoge und Publizist Michael Felten warnt vor Inklusion um jeden Preis.
Der Pädagoge und Publizist Michael Felten warnt vor Inklusion um jeden Preis.
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Kontra Inklusion

Michael Felten ist Pädagoge und Publizist. Zuletzt veröffentlichte er das Buch mit dem Titel „Die Inklusionsfalle. Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“ (2017). Er warnt vor einer Inklusion um jeden Preis.

„Inklusion in der Schule – zu lange wurde dieses Thema durch eine rosarote Brille betrachtet, im Sinne oberflächlicher Teilhabegerechtigkeit. Mittlerweile aber bricht sich Nachdenklichkeit Bahn: Außerhalb der viel gepriesenen Leuchtturmschulen sind teilweise chaotische Zustände entstanden, in denen Kinder mit und ohne Behinderungen zu kurz kommen – das hat Eltern unterschiedlichster Couleur aufgebracht. Daneben wagten immer mehr Lehrkräfte, ihre absolute Überlastung zur Sprache zu bringen – in Inklusionsklassen ohne Doppelbesetzung, in überfüllten Förderschulgruppen, als zwischen Schulen pendelnde Sonderpädagogen. Schließlich kommen in der überregionalen Presse verstärkt Experten zu Wort, die davor warnen, ,Gemeinsamen Unterricht‘ übereilt und konzeptlos, unterfinanziert, aber rigide durchzuziehen.

Seit Jahrzehnten gibt es gute Erfahrungen damit, einzelne Schüler mit Behinderungen ,integrativ‘ zu unterrichten. Man könnte sagen: Die Prototypen haben funktioniert, wenn auch nicht zum Nulltarif. Als Serienmodell haben nun aber viele Bundesländer eine Billigvariante namens ,Inklusionsschule‘ geordert – das Ergebnis, vornehm formuliert: ,wohlwollende Vernachlässigung‘ aller Schüler, so der Professor für Psychoanalytische Pädagogik, Bernd Ahrbeck.

Allerdings sind Ressourcen noch nicht mal alles. So wäre es illusorisch, anzunehmen, man könne – wenn nur die Rahmenbedingungen stimmten – alle Kinder durchgängig gemeinsam beschulen, auch solche mit schwersten Entwicklungsstörungen. Kein Land weltweit tut dergleichen. Hierzulande aber propagieren manche gar einen ,neuen Anlauf‘ für ,full inclusion‘ – obwohl dies letztlich das elterliche Wahlrecht hinsichtlich Regel- oder Förderschulbesuch beschneiden würde. Dabei fordert die UN-Behindertenrechtskonvention selbst keineswegs, spezifische Förderinstitutionen abzuschaffen oder gar den Elternwillen zu torpedieren – im Gegenteil.

Die Devise kann nur heißen: Nicht prinzipielle Inklusion um jeden Preis, sondern nur da, wo es für das einzelne Kind sinnvoll ist – und erst dann, wenn die schulischen Gegebenheiten dies tatsächlich zulassen.
Michael Felten, Publizist und Autor

Anliegen der Behindertenrechtskonvention war, allen Menschen mit Behinderung ungehinderten Zugang zum Bildungswesen ermöglichen – zu Recht, denn zahlreiche Länder schlossen behinderte Kinder früher vom öffentlichen Schulbesuch aus. Nun sind aber Deutschlands Förderschulen derjenige Teil des allgemeinbildenden Schulsystems, der bestmögliche Teilhabe gerade durch spezifische Unterstützung herbeiführen soll – und solche besonderen Maßnahmen gelten laut Konvention (Art. 5, Abs. 4) eben nicht als diskriminierend. Außerdem fordert die UN-Konvention, bei allen schulischen Entscheidungen vorrangig das Wohl des einzelnen Kindes zu berücksichtigen (Art. 7, Abs. 2) – Beschulung in einer Förderklasse mit ihrer hohen Schutz- und Unterstützungsfunktion kann also geradezu geboten sein.

Die Devise kann nur heißen: Nicht prinzipielle Inklusion um jeden Preis, sondern nur da, wo es für das einzelne Kind sinnvoll ist – und erst dann, wenn die schulischen Gegebenheiten dies tatsächlich zulassen. Förderschulen hingegen bleiben ein wichtiger, hoch spezialisierter Bildungs- und Entwicklungsort, manchmal nur als flexible Durchgangsepisode. Es gilt, ,dual-inklusiv‘ zu denken (Otto Speck) und nach individuellen Lösungen zu suchen – der plumpe Strukturhammer einer unterfinanzierten Einheitsschule hilft niemandem. Kindheit ist eine besondere Lebensphase des Menschen; man sollte sie weniger gerechtigkeitstheoretisch denn entwicklungspsychologisch betrachten. Nicht eine Schule für alle – sondern für jedes Kind die momentan beste!“