Pro und Kontra : Inklusion – Gewinn oder Gefahr?

Kaum ein anderes Thema wird in der Bildungslandschaft so heftig diskutiert wie die Inklusion. Während die einen fordern, die Umsetzung zu bremsen, geht anderen die Inklusion noch längst nicht weit genug. Stefan Osthoff, Lehrer der Matthias-Claudius-Schule in Bochum, schreibt in seinem Beitrag für Das Deutsche Schulportal, warum er und seine Kollegen der Gesamtschule in Bochum inklusiv arbeiten – und das auch unterstützen und mittragen. Der Pädagoge und Publizist Michael Felten dagegen warnt davor, Inklusion durch eine rosarote Brille zu sehen.

Florentine Anders / 02. Mai 2018
Stefan Osthoff, Didaktischer Leiter der Matthias-Claudius-Gesamtschule in Bochum, arbeitet gern inklusiv.
Stefan Osthoff, Didaktischer Leiter der Matthias-Claudius-Gesamtschule in Bochum, arbeitet gern inklusiv.
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Pro Inklusion

Stefan Osthoff ist Didaktischer Leiter der Matthias-Claudius-Schule in Bochum. Das Kollegium der evangelischen Gesamtschule arbeitet inklusiv und findet das auch gut so. In jeder Klasse lernen sechs Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

„Wir haben an unserer Schule aus Überzeugung bereits 1990 mit der Inklusion begonnen. Unsere langjährige Erkenntnis lässt sich so formulieren: Ob Inklusion gelingt, ist in erster Linie eine Frage der Einstellung und Haltung. Erst danach kommen Fragen der personellen und sachlichen Ausstattung.

Unser Verständnis von Inklusion wurzelt in einem Menschenbild, das jeden Menschen unabhängig von seinen Fähigkeiten als gleich wertvolles Geschöpf Gottes wahrnimmt. Gelebte Inklusion wird so als Geschenk und lohnender Wert wahrgenommen, den Menschen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gleichermaßen als Gewinn erfahren können.

Dabei verstehen wir Inklusion als exemplarisches Lernfeld der Schulgemeinschaft auch im Umgang mit Minderheiten und Fremdheit. Sie erstreckt sich neben der Schule auch auf die Begegnungsmöglichkeiten und Erfahrungsräume im außerschulischen Bereich, zum Beispiel in Familie und Freizeit, und betrifft das gesamte Schulleben – nicht nur den Unterricht. Dies gilt vor allem für Pausen, Feiern, Unterrichtsgänge, Klassenfahrten und vieles mehr.“

Ob Inklusion gelingt, ist in erster Linie eine Frage der Einstellung und Haltung. Erst danach kommen Fragen der personellen und sachlichen Ausstattung.
Stefan Osthoff, Matthias-Claudius-Schule, Bochum

„Inklusion braucht positive Einstellungen, und sie verändert auch Einstellungen. Genau das braucht unsere Gesellschaft und deshalb auch unsere Bildungslandschaft. Inklusion ist noch zu wenig prägender Bestandteil unserer Gesellschaft und in unserer Erfahrungswelt und unseren Vorstellungen nicht fest verankert. Sie bedarf deshalb einer Veränderung der Einstellung zu mir und bei allen Beteiligten der Schulgemeinschaft.

Inklusion verändert den Unterricht sowohl der Regelschülerinnen und Regelschüler als auch der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Daraus folgt, dass der Unterricht ausgehend von den Bedürfnissen aller Schülerinnen und Schüler geplant werden muss. Die Unterrichtsplanung nimmt nicht dauerhaft nur eine Lerngruppe in den Blick.

Guter inklusiver Unterricht kann nach unseren Erfahrungen gelingen, wenn es in der Schule gemeinsame verbindliche Standards dafür gibt. Wenn das Phänomen ,Behinderung‘ im Kollegium intensiv aufgearbeitet und die Unterschiedlichkeit positiv wahrgenommen wird. Wichtig ist auch, dass der Unterricht gemeinsam im Team geplant wird. Für die Schülerinnen und Schüler gibt es differenzierte Lernziele und auch verschiedene Unterrichtsmethoden. Stabile pädagogische Bezugspersonen sind ebenso nötig wie die Einführung von Helferprinzipien. Der Stundenplan sollte so organisiert sein, dass Doppelstunden möglich sind.

Und natürlich benötigt erfolgreicher inklusiver Unterricht auch hinreichende personelle und sächliche Ressourcen – doch die Debatte sollte sich nicht darauf beschränken.“


Der Pädagoge und Publizist Michael Felten warnt vor Inklusion um jeden Preis.
Der Pädagoge und Publizist Michael Felten warnt vor Inklusion um jeden Preis.
©privat

Kontra Inklusion

Michael Felten ist Pädagoge und Publizist. Zuletzt veröffentlichte er das Buch mit dem Titel „Die Inklusionsfalle. Wie eine gut gemeinte Idee unser Bildungssystem ruiniert“ (2017). Er warnt vor einer Inklusion um jeden Preis.

„Inklusion in der Schule – zu lange wurde dieses Thema durch eine rosarote Brille betrachtet, im Sinne oberflächlicher Teilhabegerechtigkeit. Mittlerweile aber bricht sich Nachdenklichkeit Bahn: Außerhalb der viel gepriesenen Leuchtturmschulen sind teilweise chaotische Zustände entstanden, in denen Kinder mit und ohne Behinderungen zu kurz kommen – das hat Eltern unterschiedlichster Couleur aufgebracht. Daneben wagten immer mehr Lehrkräfte, ihre absolute Überlastung zur Sprache zu bringen – in Inklusionsklassen ohne Doppelbesetzung, in überfüllten Förderschulgruppen, als zwischen Schulen pendelnde Sonderpädagogen. Schließlich kommen in der überregionalen Presse verstärkt Experten zu Wort, die davor warnen, ,Gemeinsamen Unterricht‘ übereilt und konzeptlos, unterfinanziert, aber rigide durchzuziehen.

Seit Jahrzehnten gibt es gute Erfahrungen damit, einzelne Schüler mit Behinderungen ,integrativ‘ zu unterrichten. Man könnte sagen: Die Prototypen haben funktioniert, wenn auch nicht zum Nulltarif. Als Serienmodell haben nun aber viele Bundesländer eine Billigvariante namens ,Inklusionsschule‘ geordert – das Ergebnis, vornehm formuliert: ,wohlwollende Vernachlässigung‘ aller Schüler, so der Professor für Psychoanalytische Pädagogik, Bernd Ahrbeck.

Allerdings sind Ressourcen noch nicht mal alles. So wäre es illusorisch, anzunehmen, man könne – wenn nur die Rahmenbedingungen stimmten – alle Kinder durchgängig gemeinsam beschulen, auch solche mit schwersten Entwicklungsstörungen. Kein Land weltweit tut dergleichen. Hierzulande aber propagieren manche gar einen ,neuen Anlauf‘ für ,full inclusion‘ – obwohl dies letztlich das elterliche Wahlrecht hinsichtlich Regel- oder Förderschulbesuch beschneiden würde. Dabei fordert die UN-Behindertenrechtskonvention selbst keineswegs, spezifische Förderinstitutionen abzuschaffen oder gar den Elternwillen zu torpedieren – im Gegenteil.

Die Devise kann nur heißen: Nicht prinzipielle Inklusion um jeden Preis, sondern nur da, wo es für das einzelne Kind sinnvoll ist – und erst dann, wenn die schulischen Gegebenheiten dies tatsächlich zulassen.
Michael Felten, Publizist und Autor

Anliegen der Behindertenrechtskonvention war, allen Menschen mit Behinderung ungehinderten Zugang zum Bildungswesen ermöglichen – zu Recht, denn zahlreiche Länder schlossen behinderte Kinder früher vom öffentlichen Schulbesuch aus. Nun sind aber Deutschlands Förderschulen derjenige Teil des allgemeinbildenden Schulsystems, der bestmögliche Teilhabe gerade durch spezifische Unterstützung herbeiführen soll – und solche besonderen Maßnahmen gelten laut Konvention (Art. 5, Abs. 4) eben nicht als diskriminierend. Außerdem fordert die UN-Konvention, bei allen schulischen Entscheidungen vorrangig das Wohl des einzelnen Kindes zu berücksichtigen (Art. 7, Abs. 2) – Beschulung in einer Förderklasse mit ihrer hohen Schutz- und Unterstützungsfunktion kann also geradezu geboten sein.

Die Devise kann nur heißen: Nicht prinzipielle Inklusion um jeden Preis, sondern nur da, wo es für das einzelne Kind sinnvoll ist – und erst dann, wenn die schulischen Gegebenheiten dies tatsächlich zulassen. Förderschulen hingegen bleiben ein wichtiger, hoch spezialisierter Bildungs- und Entwicklungsort, manchmal nur als flexible Durchgangsepisode. Es gilt, ,dual-inklusiv‘ zu denken (Otto Speck) und nach individuellen Lösungen zu suchen – der plumpe Strukturhammer einer unterfinanzierten Einheitsschule hilft niemandem. Kindheit ist eine besondere Lebensphase des Menschen; man sollte sie weniger gerechtigkeitstheoretisch denn entwicklungspsychologisch betrachten. Nicht eine Schule für alle – sondern für jedes Kind die momentan beste!“

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