Inklusion : Ein ganzes Kollegium geht auf Lernreisen

Vor acht Jahren hat die Meusebach-Grundschule in Brandenburg ihre Entwicklung zu einer inklusiven Schule begonnen. Vieles haben Lehrkräfte und Schul­leitung dabei eher intuitiv verändert. Seit einem Jahr werden sie durch das Entwicklungs­programm des Deutschen Schulpreises unterstützt. Das Schulportal begleitet die Meusebach-Grundschule bei diesem Prozess.

Florentine Anders / 20. Juni 2019
Katja Stolz unterrichtet an der Meusebach-Grundschule Mathematik und Kunst. Im Rahmen des Entwicklungsprogrammes wird sie sich als sogenannter Peer eine Hamburger Grundschule genauer ansehen.
Katja Stolz unterrichtet an der Meusebach-Grundschule Mathematik und Kunst. Im Rahmen des Entwicklungs­programmes wird sie sich als sogenannter Peer eine Hamburger Grundschule genauer ansehen.
©Sebastian Pfütze

An der Meusebach-Grundschule in Geltow herrscht der Ausnahme­zustand: Fünft­klässler schütten einen Eimer roter Farbe über die Treppe zum Eingang des maroden 80er-Jahre Gebäudes. Ein roter Teppich soll das werden, erklären sie während der Haus­meister die Treppe hektisch mit Flatter­band absperrt. Der 12-jährige Johannes zaubert unter­dessen mit Farb­dosen eine grimmige Comic-Biene an die Fassade. Das Gebäude ist als riesige Streetart-Fläche für die Kinder frei­gegeben. Nebenan nimmt der neue Anbau Gestalt an. Schon im Februar sollen alle Klassen umziehen und dann kann die Sanierung des alten Schul­hauses beginnen.

Die Entwicklung zur inklusiven Schule begann vor acht Jahren

Doch das ist nicht die einzige Veränderung, die sich hier vollzieht. Die viel größere Bau­stelle an der Schule ist die Inklusion: Vor acht Jahren hat das Kollegium wie berichtet beschlossen, eine Schule für gemeinsames Lernen zu werden. Den entscheidenden Impuls hatte damals die Aufnahme eines Kindes mit Down-Syndrom gegeben. Vieles haben Lehr­kräfte und Schul­leitung zunächst eher intuitiv verändert.

Seit einem Jahr bekommen sie Unterstützung durch das Entwicklungs­programm des Deutschen Schulpreises. Das Schulportal begleitet die Meusebach-Grundschule seit Beginn des Schul­jahres bei diesem Prozess. In dem zwei­jährigen Programm werden die Top-20-Schulen und bis sechs weitere Bewerberschulen, die nicht zu den Preis­trägern gehören, in ihrer Schul­entwicklung unter­stützt.

Beraten wird die Meusebach-Grundschule von Bildungs­forscher Hermann Veith von der Universität in Göttingen. „Er stellt vor allem die richtigen Fragen und ist ein guter Beobachter“, sagt die Schul­leiterin Monika Nebel. Am Anfang des Prozesses mussten zunächst Zeiten frei geräumt und Team­strukturen geschaffen werden, um sich überhaupt über Entwicklungs­ziele klar zu werden. Seitdem hat die Schul­entwicklung Fahrt aufgenommen.

Die Eltern wünschen sich mehr Transparenz beim gemeinsamen Lernen

Es folgte eine Befragung aller an der Schule Beteiligten, angefangen vom Kollegium, über die Kinder bis hin zu den Eltern. „Ein Ergebnis war zum Beispiel, dass die Eltern zwar grund­sätzlich das gemeinsame Lernen befürworten, aber kaum Vorstellungen davon haben, wie sich der Unterricht dadurch verändert “, sagt Nebel. Mehr Transparenz und Unterrichts-Dokumentation sind also neue Entwicklungs­ziele, die die Schule für sich identifiziert hat.

„Im kommenden Schuljahr dürfen wir nach Hamburg an die Schule an der Burgweide fahren und uns ansehen, wie das dort funktioniert“, sagt Katja Stolz. Die Lehrerin ist eine der beiden sogenannten Peers der Meusebach-Grundschule, die im Rahmen des Entwicklungs­programm in diesem Schul­jahr ausgebildet wurden.

Wesentlicher Baustein des Programms sind die gegen­seitigen Hospitationen in den Schulen, die an dem Entwicklungs­programm teil­nehmen. Damit diese gegen­seitigen Besuche so ertrag­reich wie möglich sind, wurden in den vergangenen Wochen an jeder Schule zwei Lehr­kräfte fort­gebildet. Sie haben die Aufgabe an den anderen Schulen zu hospitieren und auch die Besuche in der eigenen Schule vorzu­bereiten. „In den Workshops haben wir die anderen Schulen kennen­gelernt und Fragen formuliert, was wir wo beobachten können“, sagt Stolz. Gleich­zeitig haben die Peers dargestellt, was andere Schulen an der Meusebach-Grundschule lernen könnten und zu welchen Fragen wir von den kritischen Besuchern gern ein Feedback hätten. „In den Workshops haben wir bemerkt, dass unsere eher kleine Schule doch schon eine Menge geschafft hat“, sagt Stolz.

Lehrkräfte schauen sich als kritische Freunde andere Schulen an

Dass sie ausgerechnet an der Hamburger Schule hospitieren dürfen, sei ein regelrechter Glücks­fall, findet Stolz. Jedes Kind arbeitet dort mit seinem eigenen Lernplan und in seinem Lern­tempo. In einer persönlichen Lern­land­karte werden die erreichten Lern­ziele dokumentiert. Darauf wollen die beiden Peers ihr Haupt­augen­merk bei ihrem Hamburg-Besuch im kommenden Schuljahr legen.

Durch das Entwicklungs­programm konnten wir unseren Fokus auf die für uns wichtigen Fragen schärfen.
Monika Nebel, Schul­leiterin der Meusebach-Grundschule in Brandenburg

Die beiden Peers sind aber nicht die einzigen Lehrkräfte, die sich in diesem Schul­jahr fortgebildet haben. Das gesamte Kollegium ist in Klein­gruppen über ein Erasmus-Programm in verschiedene europäische Länder gereist, um sich dort Schulen anzusehen. „Durch das Entwicklungs­programm konnten wir unseren Fokus auf die für uns wichtigen Fragen schärfen“, sagt Monika Nebel. Im August wird sich das gesamte Kollegium zwei Tage lang in einer Tagungs­stätte treffen und sich gegenseitig von ihren Hospitationen im Ausland von Kroatien bis nach Finnland berichten.

Der Musiklehrer Stephan Höfer war an einer Schule in Schweden. „In Schweden ist der Umgang mit Heterogenität schon viel länger erprobt als in Deutschland“, sagt Höfer. Er sei beeindruckt gewesen von den kooperativen Lern­formen der Kinder. „Die Lehr­kräfte verstehen sich eher als Lern­begleiter“, sagt er.

Mehr Anmeldungen als Plätze für das kommende Schul­jahr

Höfer hat in einem Zusatzstudium in diesem Jahr seine Ausbildung zum Sonder­pädagogen abgeschlossen, ebenso wie seine Kollegin Fritzi Rothe. Inzwischen gibt es drei sonder­pädagogische Fach­kräfte an der Schule. Das ist auch nötig. Denn immer mehr Kinder mit speziellen Förder­bedarfen werden an der Schule angemeldet. „Zum kommenden Schuljahr wird erneut ein Kind mit Down-Syndrom in der Meusebach-Grundschule aufgenommen“, sagt Monika Nebel. Die Eltern haben in Werder keine inklusive Schule gefunden und nehmen die Fahrt in Kauf. Inzwischen gebe es viele Anmeldungen auch aus benachbarten Orten. „Wir mussten in diesem Jahr zum ersten Mal einige angemeldete Kinder ablehnen, weil wir nicht genügend Plätze haben“, sagt Nebel.

Auf einem Blick

  • Bis zu 20 Schulen, die sich für den Deutschen Schulpreis beworben haben, aber nicht zu den Preis­trägern gehören, können an einem zwei­jährigen Entwicklungs­programm teilnehmen.
  • Mit dabei sind alle im Rahmen des Wettbewerbs besuchten Schulen eines Jahres, bis auf die Preis­träger, und bis zu sechs weitere Bewerber­schulen, die von den Auswahl­gremien empfohlen werden.
  • Ziel des Programms ist, diese innovativen Schulen in ihrer Weiter­entwicklung zu unter­stützen und zu begleiten. Dazu werden Ziel­vereinbarungen mit den Schulen abgeschlossen.
  • Die Schulen erhalten eine individuelle Prozess­begleitung, tauschen sich in Vernetzungs­treffen aus und nehmen an Seminaren zu aktuellen Themen der Schul­entwicklung teil.

Zu unserer Serie über die Meusebach-Grundschule

Inklusion, ja! Aber wie? Das Schulportal begleitet in einer Langzeit-Reportage die Meusebach-Grundschule auf ihrem Weg zu einer inklusiven Schule. Die Schule nimmt am Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises für exzellente Schulen teil. In dem zweijährigen Programm werden die TOP-20-Schulen unter den Bewerbern, die nicht zu den Preisträgern gehören, in ihrer Weiterentwicklung unterstützt. Im September 2018 startete das Programm für die Grundschule in Geltow.