Initiative „Schule der Zukunft" : „Kinder müssen lernen, Dinge zu tun, die Maschinen nicht können“

Das Leben in die Schule holen und öfter raus ins Leben gehen. Das hat sich die Grundschule Gau-Odernheim zum Prinzip gemacht. Unterstützt wird sie dabei – als eine von 45 Teilnehmern – von der Initiative „Schule der Zukunft“. Das Schulportal hat sich angeschaut, mit welchen Ideen die Schulgemeinschaft ihre Schule lebendiger und damit fit für die Zukunft machen möchte.

Sandra Hermes 18. Oktober 2022
Kinder im Projekt Schule der Zukunft
Auch die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Gau-Odernheim haben sich Gedanken gemacht, wie sie sich ihre Schule der Zukunft vorstellen.
©Lars Rettberg (Deutsche Schulakademie)

Wie arbeitet eigentlich ein Softwareentwickler, wie wird man Planer für Windparkanlagen und wie sieht ein Arbeitstag als Bio-Landwirt aus? Fragen, die die Schüler der Grundschule Gau-Odernheim bald von ihren Eltern beantwortet bekommen. Denn die spannenden Berufe der Eltern gehören nun mal zum Leben der Kinder, und das echte Leben soll künftig eine viel größere Rolle spielen im Schulalltag der rheinland-pfälzischen Grundschule, so ihr stellvertretender Schulleiter Jens Rothenmeier.

Gemeinsam mit 45 anderen Schulen in Rheinland-Pfalz startet seine Schule, die 2013 zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises gehörte, in diesem Herbst in das Projekt „Schule der Zukunft“. Um an der Initiative des Bildungsministeriums teilzunehmen, mussten die Bewerber sich mit einem Projekt vorstellen, das vier Kriterien erfüllt. Es soll die Zukunftskompetenzen der Kinder fördern, nachhaltig, beispielhaft und Teil eines größeren Transformationsprozesses sein. Offenbar eine leichte Übung für die Grundschule Gau-Odernheim, die sich schon vor vielen Jahren aufgemacht hat, das Lernen besser an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten und sie in einem Kinderparlament und auch im Unterricht mehr mitbestimmen zu lassen.

Das Leben als Unterrichtsfach

Den Zuschlag für die Teilnahme an der „Schule der Zukunft“ bekam die Schulgemeinschaft nun für ihre Idee, ein Inklusionsfach LEBEN! ins Leben zu rufen. Gleich ein ganzes Fach? „Ja“, so Rothenmeier, „wir dachten, dass die wichtigen Leute im Bildungsministerium so merken, wie ernst es uns ist. Eigentlich würden wir es gerne noch viel weiterspinnen wollen und LEBEN! zum Inklusionsprinzip für die ganze Schule werden lassen.“

LEBEN! solle alle Kinder und viele, viele Themen inkludieren. Themen, die sonst zu wenig vorkommen im Grundschulalltag. Das war auch die Meinung der Kinder, die fleißig mitgearbeitet haben an der Bewerbung. Und wie wird die Idee nun umgesetzt, nachdem die Schule den Zuschlag bekommen hat? „Es wird vier Projekte geben“, so Rothenmeier. In jedem der jahrgangsübergreifenden Großteams der Schule eins.

Stellvertretender Schulleiter Jens Rothenmeier
©Erwin Sackl

Von der Idee zu vier Projekten

Ein Team will, dass die Schule, an der die Ganztagsschüler schließlich sehr viel Zeit verbringen, mehr zu einem Lebensraum wird und die Klassenzimmer entsprechend umgestalten. Die Räume sollen den Bedürfnissen der Kinder mehr Rechnung tragen und das Erlernen alltagsrelevanter Kompetenzen wie Backen, Handwerken, Erste Hilfe oder Programmieren ermöglichen. „Wir wollen nicht nur Deutsch und Mathe lernen, sondern beim Unterricht stärker mitbestimmen und echte Inhalte erleben“, fordern die Kinder.

Ein anderes Team will mehr rausgehen ins Leben und regelmäßige Spaziergänge unternehmen. Diese können zum Beispiel von Experten begleitet werden. So lernen die Kinder mehr über die Region und knüpfen nebenbei neue Kontakte in der Nachbarschaft.

Denn wir wollen auch bei wichtigen Dingen mehr mitentscheiden, damit unsere Zukunft toll wird!
Schülerinnen und Schüler der Grundschule Gau-Odernheim

Das dritte Projekt ist das bereits mit dem Deutschen Engagement-Preis ausgezeichnete Kinderministerium (KiMi). Mitbestimmen und das Leben gestalten ist der Grundschule Gau-Odernheim ein wichtiges Anliegen. Und das hat sich nicht die Schulleitung ausgedacht, so Rothenmeier. Die Idee für das KiMi kam von den Schülerinnen und Schülern selbst. „Denn wir wollen auch bei wichtigen Dingen mehr mitentscheiden, damit unsere Zukunft toll wird!“, bringen sie es in der Projektbeschreibung auf den Punkt. Durch eine Präsentation zu ihrem Zukunftsthema bekommen die Kinder einen Expertenstatus. So entstehen im KiMi viele verschiedene Gruppen, in denen Themen wie Tierschutz, Umweltrechte, Geldverteilung oder Weltnachrichten unter die Lupe genommen werden.

Im vierten Großteam steht die Kooperation mit den Eltern im Mittelpunkt. „Wir haben hier eine Weile eine ziemlich elternlose Schule gehabt“, gibt Rothenmeier zu. „Ein jährlicher Elternsprechtag entspricht aber eigentlich nicht unserer Vorstellung. Wir wollen mit den Eltern im dauerhaften Austausch sein, und nicht nur dann, wenn es ein Problem gibt.“ Dazu ist das geplante Elterncafé eine gute Möglichkeit. Die Kinder laden ihre Eltern ein, um ihnen zu zeigen, was sie Besonderes gelernt haben in der Schule. Im zweiten Durchgang wird getauscht, und die Eltern präsentieren den Kindern, was sie gut können. Zum Beispiel ihren Beruf oder ein ungewöhnliches Hobby.

Probieren geht über Studieren

Einen strikten Zeitplan und konkrete Inhalte gibt es noch nicht. Und das ist Absicht. „Zuerst müssen wir unsere Idee ausprobieren, damit wir wissen, wie alles klappt“, so die Schülerinnen und Schüler vom Kinderministerium. Agiler Prozess nennt es ihr stellvertretender Schulleiter. Und genau so sieht es auch Stefanie Hubig (SPD), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin. „Kreativität braucht Freiraum. Unsere Schulen – so ist die Idee der ‚Schule der Zukunft‘ – sollen sich nicht nur den zukünftigen Herausforderungen anpassen, im Gegenteil, sie sollen die Gesellschaft von morgen aktiv mitgestalten.“ Die Schulen, so Hubig, konnten ihre Projekte frei wählen. Die Aufgabe des Ministeriums und der Initiative sei es nun, diese eng zu begleiten und zu beraten, sodass sie am Ende auch die Ziele erreichen, die sie sich selbst gesetzt haben.

Stefanie Hubig (SPD), Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz
©dpa

Weniger Noten – mehr Querschnittsthemen

Darauf hofft auch Jens Rothenmeier. Wenn er künftig gefragt werde, was das Prinzip LEBEN! braucht, um ein voller Erfolg zu werden, geht es ihm nicht in erster Linie um mehr Geld oder Personal. Es gehe vielmehr um mehr Rechtssicherheit, damit neue Unterrichts- und Prüfungsformate entstehen können. Dazu gehöre in seinen Augen auch die Abschaffung der Noten, die die Grundschulkinder im Alltag oft daran hindern, individuelle Potenziale zu heben, authentische Leistungen zu zeigen und ein positives Mindset zu entwickeln.

In bewertungsfreien Räumen würden auch die Lehrerinnen und Lehrer noch mutiger und kreativer, ist Rothenmeier überzeugt. Wenn am Ende nicht ein klassischer Paper-Pencil-Test stehe, könnten viel mehr Inhalte als Querschnittsthemen konzipiert und Lehrplaninhalte reduziert werden. In diese Richtung denken derzeit viele Schulen. Allerdings, so Rothenmeier, bekäme man davon im Schulalltag nicht viel mit. Und genau da kommt nun die Förderung der Initiative durch die Schulaufsicht und das pädagogische Landesinstitut ins Spiel. Alle 45 Schulen haben nun die Gelegenheit, sich regelmäßig zu treffen und ihre Lehrkräfte zielgerichtet fortbilden zu lassen. So können sich die Schulen gegenseitig unterstützen und von Best-Practice-Beispielen lernen. Langfristig sollen noch mehr Schulen zum Netzwerk dazustoßen.

Die Skills von morgen heute lernen

Sich vernetzen, in Teams arbeiten, sich Unterstützung holen, wenn man allein nicht weiterkommt. Das sind auch genau die Kompetenzen, die Schüler künftig brauchen. Mit welchen Herausforderungen ein heutiger Erstklässler am Ende seiner Schullaufbahn konfrontiert sein wird, kann heute noch kein Lehrer genau vorhersehen. Umso wichtiger, so Stefanie Hubig, „dass wir unsere Schülerinnen und Schüler zu selbstbewussten, resilienten, flexiblen und selbstbestimmten jungen Menschen machen, die den Mut haben, für ihre Ideen – und auch für unsere Demokratie – einzustehen“.

Damit unsere Kinder für eine Zukunft in einer sich stetig wandelnden Welt gerüstet sind, betont Rothenmeier, müssen sie „lernen, Dinge zu tun, die Maschinen nicht können“. Auch Fachwissen bleibe wichtig, es müsse aber wirklichkeitsnah sein und immer die Praxis mit in den Blick nehmen – das LEBEN eben. Was für ein Lerneffekt, wenn man auf dem Bio-Bauernhof des Klassenkameraden sieht, wie die Milch in die Flasche kommt, wenn einem ein Vater erklärt, wie man die Software für eine App entwickelt, und ein anderer der Klasse vor Ort zeigt, wie Windkraft eigentlich funktioniert. Und wenn das Projekt nicht ganz so rund läuft wie geplant? Das gehöre dazu, findet der stellvertretende Schulleiter. „Auch mal zu stolpern, aber dann wieder aufzustehen und zuzugeben, okay, das war jetzt nicht ganz so gut.“ Auch das gehört schließlich zum Leben.

Konzept an der Grundschule Gau-Odernheim

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Die rheinland-pfälzische Grundschule Gau-Odernheim beschloss schon vor Jahren, dass sich an ihrer Schule etwas Grundsätzliches ändern sollte. Die Schülerinnen und Schüler sollten aktiv an der Schulentwicklung mitarbeiten und ihre Lernwege weitestgehend selbst bestimmen. Der Gedanke dahinter: Es braucht Menschen in unserer Mitte, die sich alltäglich einbringen, damit unsere Gesellschaft funktionierend gestaltet werden kann. Wie das geht, zeigt dieser Film. Und hier lesen Sie mehr zum Konzept dahinter:

Das Projekt

  • Das Projekt „Schule der Zukunft“ wurde von der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Bildungsministerin Stefanie Hubig ins Leben gerufen.
  • Zum Start der Schulentwicklungs-Initiative im Herbst 2022 sind 45 Schulen dabei, weitere sollen folgen.
  • Die Schulen haben sich mit einem konkreten Projekt beworben, bei dem sie nun gezielt unterstützt werden. Einzige Vorgabe war, dass die eingereichten Ideen Zukunftskompetenzen fördern, nachhaltig sind, einen größeren Transformationsprozess anstoßen und beispielhaft wirken.
  • Begleitet werden die Schulen durch Eins-zu-Eins-Gespräche im Bildungsministerium, Weiterbildungen und regionale Treffen der Teilnehmer.
  • Weiteren Input zur Schule der Zukunft liefern Townhalls zu unterschiedlichen Schulentwicklungsthemen. Eingeladen sind nicht nur die Teilnehmer, sondern auch andere interessierte Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern und Großeltern.
  • Die Schulen sollen mit ihren Projekten als Leuchtturm wirken und andere Schulen inspirieren. So soll die „Schule der Zukunft“ nicht nur einen Effekt auf die Teilnehmer haben, sondern als wachsendes Netzwerk in ganz Rheinland-Pfalz wirken.
  • Ziel ist es, die Schulen und ihre Schüler fit zu machen für die Herausforderungen einer Welt, die sich durch Klimawandel, Digitalisierung und demographischen Wandel immer schneller und grundlegender verändert.