Schulen in der Corona-Krise : „Ich möchte keine Ferien”

Kinder, die jetzt weiterlernen wollen, und erschöpfte Lehrer: Wie sich eine norddeutsche Grundschule in der Pandemie einen neuen Alltag erkämpft.

Dieser Artikel erschien am 01.07.2020 in DIE ZEIT
Jeannette Otto
Eine Schülerin während der Corona-Krise
Eine Schülerin während der Corona-Krise
©Getty Images

Ganz am Ende, an diesem letzten Freitag im Juni, als sich die Kinder der Mühlenhofschule mit einem „Schöne Ferien, Frau Janßen!” verabschiedet haben, erzählt nur noch das rot-weiße Flatterband auf dem Hof vom Ausnahmezustand der vergangenen Monate. Erschöpft und erleichtert blickt die Schulleiterin Ulrike Janßen ihren Schülern hinterher, wie sie in der Mittagshitze von Neumünster davonlaufen. Gerade stand sie noch mit der weißen Sprühflasche am Tor und desinfizierte Kinderhände. Was für eine seltsame Abschiedsgeste.

Vor ein paar Wochen hätte Janßen nicht gedacht, dass sie das Schuljahr hier alle gemeinsam beenden, dass jedes Kind ein Zeugnis bekommt, obwohl der Unterricht so lange ausgefallen war. „Kein anderes Jahr hat uns so viel Kraft abverlangt”, sagt Janßen ihrem Kollegium zum Schluss, alle nicken. Es ist gut, dass jetzt Ferien sind, und es ist schlecht, dass jetzt Ferien sind. Für jeden klafft da diese Lücke. Es fehlen Mathestunden, Deutschstunden, Sportstunden. Es fehlen Ausflüge ins Schwimmbad und gemeinsame Erlebnisse. Schule, das ist gerade hier für viele Kinder, die oft aus belasteten Elternhäusern kommen, Heimat und Familie. „Ich will noch bleiben”, hatte die Erstklässlerin Donya gesagt, als sie ihr Zeugnis bekam: „Schule ist doch schön, da kann man schreiben und malen. Ich möchte keine Ferien, das ist langweilig, das ist wie Corona.”

Corona! Die Grundschulkinder aus Neumünster werden dieses Wort nicht mehr vergessen, selbst die Erstklässler wissen schon, wie man es schreibt. Wie überall in Deutschland wurde vor dreieinhalb Monaten auch ihre Schule abgeriegelt. Wie haben sie und ihre Lehrer diese Zeit überstanden? Wie hat sich die Mühlenhofschule, eine gewöhnliche Grundschule in einer 80.000-Einwohner-Stadt nahe Kiel, aus der Krise gekämpft? Und haben Schüler und Lehrer wieder zusammengefunden?

Mittwoch, 13. Mai 2020. Kein Kinderlachen, kein Lehrergemecker. Als sei sie in einen tiefen Schlaf gesunken, liegt die Mühlenhofschule im Zentrum von Neumünster. Dabei sind immerhin die Viertklässler wieder im Haus. Das Kultusministerium von Schleswig-Holstein hat die „zweite Phase der Schulöffnungen” beschlossen, „für Schülergruppen, die die Unterstützung am nötigsten haben”.

Einzeln sitzen die Kinder an ihren Tischen, weit auseinander. Es gilt der Mindestabstand, die Klassen wurden geteilt. Die Schüler dürfen sich nicht begegnen, keine Pause auf dem Hof machen. Ihre Freunde biegen in andere Räume ab, unerreichbar fern. Die Kinder kommen und gehen zu verschiedenen Zeiten. Immer entlang der rot-weißen Linien und Pfeile, die Verbote und Einbahnstraßen kennzeichnen. Tagelang hat Ulrike Janßen zusammen mit dem Hausmeister die geforderten Hygienerichtlinien umgesetzt, Abstände ausgemessen, Markierungen geklebt. Damit niemand die Klinken berührt, stehen alle Türen offen, in den Klassenzimmern, an den Eingängen, bei den Toiletten. Aber draußen sind es zwölf Grad, es zieht durch die Flure und Fenster, viele tragen Jacken – und Masken. „Das ist nicht das, was die Kinder erwarten, wenn sie sich auf die Schule freuen”, sagt Ulrike Janßen. Aber es beschwere sich niemand. „Es ist fast unheimlich, man merkt gar nicht, dass sie hier sind.”

Ernst und erwachsen sehen die Kindergesichter heute aus, auch ängstlich. Als seien sie Teil eines wichtigen Experiments, das nicht schiefgehen darf. Wenn sich hier das Virus einnistet, ist alles wieder vorbei, dann sitzen sie erneut isoliert zu Hause, füllen Arbeitsblätter aus, spielen zu viel am Computer und werden vom Rest der Welt einfach vergessen.

Weil auch sie Teil dieses Experiments ist, bewegt sich die Klassenlehrerin der 4a nicht von der Tafel weg. Antje Isermann trägt Maske und hält sich streng an die Vorschrift, nicht zu den Plätzen der Kinder zu gehen. In der sterilen Schule wird alles Menschliche, Nahe und Warme der Infektionsgefahr untergeordnet. „Normalerweise hätten wir uns nach so langer Zeit alle umarmt. Die Kinder sind traurig, das ist ein schlechtes Schuljahr und noch dazu ihr letztes an der Grundschule”, sagt Isermann. Sie muss die Zeit jetzt nutzen, um ihre Schüler für den Übergang auf Gymnasium oder Gemeinschaftsschule vorzubereiten. Schriftliche Division, „ein Riesenbrocken”, können sie noch gar nicht. Gut, dass sie jetzt zumindest wieder an der Tafel erklären kann. „Isi ist die Beste”, sagen ihre Schüler. „Sie hat uns am meisten gefehlt!”. Eine so enge Beziehung zu den Kindern gebe es nur an der Grundschule, sagt Isermann. „Die vertrauen mir, die erzählen mir viel aus ihren Familien, und sie strengen sich an für mich.” Aber mit jeder Woche Fernunterricht ist die Distanz größer geworden. Die Kinder ahnen, dass es nicht mehr so wird wie vorher. Nicht mal ein Abschiedsfoto ist erlaubt.

Schnell ist der Vormittag in der Schule vorbei. Noch ein Sprüher Desinfektionsmittel an der Tür, dann marschieren die Kinder wie kleine Soldaten in 1,50 Meter Abstand durch das Treppenhaus, überholen und toben verboten.

Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass durch die Schulschließungen ein Viertel der rund elf Millionen Schüler in Deutschland mit großen Lernrückständen kämpfen wird, vor allem Kinder an Förderschulen und jene, die schlecht Deutsch sprechen und keine Unterstützung von zu Hause bekommen. An der Mühlenhofschule haben rund 70 Prozent der knapp 200 Kinder einen Migrationshintergrund. Wie viel sie in all den Wochen zu Hause Deutsch gesprochen haben, ist ungewiss. Die Lehrer rechnen mit großen Lücken bei Sprachvermögen und beim Lesen.

Statt einer Umarmung gibt es Desinfektionsmittel

Weil die Kinder der ersten Klasse noch nicht zurück in die Schule dürfen, klappt Antje Isermann in einer Ecke ihres Klassenzimmers den Laptop auf und verbindet sich mit einem Mädchen, das gleich in die Kamera winkt. Im Hintergrund schreit ein Baby. „Nun lies mal vor!”, sagt Isermann schnell. Das Mädchen liest: „Va ve vi vo vu vax vex vix vox vux lava lova liva vino.” Die Silben kommen mit jeder neuen Zeile zögerlicher. „Hast du Reihe vier auch schon geübt? Komm, das schaffst du!” Ausgerechnet jetzt müssen die Erstklässler die schwierigen Buchstaben lernen, x und v, die nicht lautgetreuen. Kinder mit einer anderen Muttersprache sitzen vor den Silben und Wörtern wie vor Rätseln. Die beiden verabreden sich für das nächste Lesetraining: Donnerstag, 11 Uhr.

Lehrer im ganzen Land mussten viel Kritik einstecken in den vergangenen Monaten. Ideenlos ließen sie sich durch die Krise treiben, hieß es, ohne Kontakt zu den Schülern, ohne Mut zum digitalen Unterricht, ohne Rückmeldung zu den Hausaufgaben. Und dann all die Forderungen nach Samstagsunterricht und verkürzten Sommerferien. Antje Isermann, 49 Jahre, und Ulrike Janßen, 48, macht das wütend. Die beiden Frauen sind norddeutsch genug, um keine großen Worte zu machen. Aber es könnte auch mal jemand sehen, wie sehr sie sich für ihre Kinder einsetzen.

Isermann macht nicht nur Lesetraining per Video, sie gibt auch einem Jungen aus der vierten Klasse Einzelunterricht in Mathe, weil seine Eltern zur Risikogruppe gehören und er nicht in die Schule kommen soll. Janßen ist jeden Morgen um halb sieben im Büro, kopiert, schreibt Elternbriefe, telefoniert, hört sich an, was Ministerium und Schulamt entschieden haben, und kümmert sich um die Versorgung ihrer Erstklässler. Das Schultelefon hat sie auf ihr Handy umgeleitet. Kinder sprechen ihr kleine Texte auf die Mailbox, damit sie hört, wie gut sie lesen können, oder erzählen kleine Geschichten aus ihrem Alltag. Dass gerade die Kleinsten so lange ausgeschlossen bleiben, macht Janßen Sorgen. Lesen und Schreiben lernen im Fernunterricht? Sie muss aufpassen, dass kein Kind den Anschluss verliert. Im leeren Klassenzimmer der 1b, deren Klassenlehrerin sie ist, hängen noch Fotos vom Fasching im Februar, draußen im Flur reihenweise Eulen mit Wichtelmützen. Die Mühlenhofschule vermisst ihre Kinder.

Montag, 25. Mai 2020. Ulrike Janßen war mal wieder die Erste in der Schule. Sie konnte nicht schlafen, so aufgeregt war sie. Kurz nach vier war die Nacht zu Ende. Heute kommen die Erstklässler zurück! Die Grundschulen in Schleswig-Holstein treten damit ein in Phase drei der Schulöffnungspläne. Schnell stellen die Kinder fest: Komisch hier! Das Gesicht ihrer Lehrerin ist hinter der Maske nur halb zu sehen, und statt einer Umarmung gibt es Desinfektionsmittel auf die Hände.

Ulrike Janßen hat in den Nachrichten einen Bericht über Aerosole gesehen. Neueste Forschungen zeigen, dass häufiger als zunächst angenommen das Coronavirus über Kleinstpartikel übertragen wird, die minutenlang in der Luft schweben. Janßen fragt sich, ob die Aerosole nun in ihrem Klassenraum hängen, als unsichtbare Gefahr für alle. Und was eigentlich passiert, wenn ein Kind heftig niesen muss und die Armbeuge nicht trifft? Jeden Tag sind nun rund 80 Kinder im Haus. Montag und Mittwoch die ersten und dritten Klassen. Dienstag und Donnerstag die zweiten und vierten. Am Freitag die Schüler aus der internationalen Sprachvorbereitungsklasse. Janßen ist neben dem Unterrichten nur noch damit beschäftigt, für jede Lerngruppe Zeitpläne für Ankunft und Schulschluss zu schreiben, Räume aufzuteilen, Lehrer so einzusetzen, dass sie nicht auf zu viele Schüler treffen. Doch jetzt will sie von ihren Kindern wissen, was sie erlebt haben in den verrückten Corona-Zeiten. Es war langweilig, sagen sie. Sie durften nicht raus, haben sich mit den Geschwistern ums Handy gestritten. „Ich hab das mit den verliebten Zahlen nicht verstanden”, sagt Tara-Lotte, die bald nach Berlin zieht, „und zu meiner Mutter gesagt: Du bist nicht meine Lehrerin!” Die muslimischen Kinder erzählen vom Zuckerfest, das gerade begonnen hat. Es habe neben Süßigkeiten Verwandtschaftsbesuche und küssende Tanten gegeben. Janßen lässt sich ihr Erstaunen kaum anmerken und sagt eher beiläufig: „Ihr wisst ja, wir sollten alle Abstand halten.” Die Kinder nicken heftig. Und der Schulleiterin wird langsam klar, dass jetzt die Zeit kommt, in der die Widersprüche größer werden und die Hygienepläne der Schule schon bald lächerlich erscheinen könnten. Janßen will nichts falsch machen. Es ist auch ihre Verantwortung, zu verhindern, dass sich an der Schule ein Infektionsherd bildet. „Ich möchte die Vorgaben gewissenhaft umsetzen, aber wenn die Kinder in der Schule etwas völlig anderes erleben als draußen, wird es unlogisch. Wem sollen sie dann glauben?”

Nach drei Stunden, ein bisschen Deutsch und Mathe, ist der Unterricht schon wieder vorbei. „Leider ist morgen keine Schule”, ruft Janßen. „Erst Mittwoch wieder.” Die Kinder bekommen Aufgaben für den Dienstag, die Lehrerin sammelt Hefte ein, die sie bis Mittwoch kontrollieren will. Verwirrte Gesichter.

Als die Kinder auf dem Heimweg sind, setzt sich die Schulleiterin auf einen der viel zu kleinen Stühle und sagt: „So kann das doch nicht weitergehen bis zu den Sommerferien, es kostet so viel Logistik, alle Schüler jeden Tag zu erreichen.” Auch konnte sie heute beobachten, was die vielen Wochen ohne Präsenzunterricht mit den Kindern gemacht haben. Einige haben viel geschafft und vorgelernt, bei anderen „fange ich wieder von vorne an”. Ein Mädchen, das plötzlich Kauderwelsch redet, wenn es auf Deutsch etwas erzählen soll. Ein Junge, der die Lehrerin nicht mehr versteht, weil zu Hause nur Türkisch gesprochen wird. Ein anderer, der müde und abwesend auf seinem Platz saß.

Abstand halten bis zum Schluss

Janßen erinnert sich an den 13. März, einen Freitag, den letzten richtigen Schultag vor dem großen Corona-Durcheinander. Zwanzig Minuten vor Unterrichtsschluss zeigt ihr ein Kollege eine Eilmeldung auf seinem Smartphone. Die Schulen werden dichtgemacht. Die Kinder – fassungslos, untröstlich, verstört. Viele weinen. Sie verstehen nicht: Wer darf das, einfach ihre Schule schließen?

Janßen weiß noch, wie sie in eine Art Schockzustand fiel, am Wochenende immer wieder dasaß und vor sich hinstarrte. All die Pläne für den Rest des Schuljahres – zerplatzt. Alles, was sie und die Kollegen an Zeit und Ideen in Projekte, Ausflüge, Wettkämpfe und Klassenfahrten gesteckt hatten – uninteressant. Schlimmer noch war die Ungewissheit, wie sie im Lockdown ihre Schüler erreichen konnte. 200 Kinder, von denen sie nicht wusste, wann sie sie wiedersehen würde. Die plötzlich zu Hause saßen, in engen Wohnungen und oft mit Eltern, die sie beim Lernen kaum unterstützen können. Janßen wusste, wie sehr die Familien auf die Verbindung zur Schule angewiesen waren. Schnell startete das Kollegium eine neue Internetseite, nach zwei Wochen stand eine Lernplattform. In jeder einzelnen Familie riefen die Lehrer an, redeten, erklärten, suchten für jeden Schüler eine passende Lösung fürs Lernen ohne Schule. Später, nach Ostern, hielten sie jede Woche Sprechstunden auf dem Schulhof ab. Zeit, um Kinder und Eltern für ihr Durchhalten zu loben, sie zu motivieren weiterzumachen, sich ihren Frust anzuhören. Janßen stand manchmal zwei Stunden im kalten Nieselregen.

Mittwoch, 10. Juni 2020. Seit zwei Tagen ist die Schule wieder voll. Alle sind zurück, alle von der ersten bis zur vierten Klasse. Wie früher, vor der Corona-Angst, sitzen sie in ihren Klassenzimmern eng zusammen – Mindestabstand aufgehoben. Aber draußen, da gilt er noch, im Treppenhaus und auf den Toiletten. Lehrer kontrollieren, dass immer nur ein Schüler aufs Klo geht. Auch die Pausen werden streng bewacht. Kein Huckepack, kein Raufen, keine Umarmung. Die 1b darf nicht der 1a begegnen und die 4a nicht der 4b. Durch Sportplatz und Pausenhof gehen lange rot-weiße Bänder. Der Alltag wird immer absurder.

„Corona ist jetzt zu Ende!”, ruft ein Erstklässler am Ende von Ulrike Janßens Unterricht. Die Schulleiterin lacht ein bisschen verzweifelt auf, schaut auf das abstandslose Gewusel in ihrer Klasse und ist immer noch überrascht: „Jetzt sind wir also wirklich alle wieder da.”

Freitag, 26. Juni 2020. Es ist noch nicht einmal acht Uhr, da hat sich Ulrike Janßen schon eine Goldmedaille verdient. Viertklässler haben sie ihr überreicht, als Dankeschön kurz vor dem Abschied von der Grundschule. Lehrer und Kinder haben sich bunt angezogen, tragen Blumengirlanden um den Hals, farbige Strähnen im Haar. Ein Sommertag, der sich so leicht und frei anfühlt, als habe es die Corona-Krise nie gegeben. Doch Janßen wird auch in den Ferien viel Zeit in der Schule verbringen.

Gerade heute hat das Bildungsministerium verkündet, weitere 74 Millionen Euro für die Digitalisierung der Schulen und mehr Personal bereitzustellen. Nach den Ferien soll der Unterricht für alle Schularten und Jahrgänge normal stattfinden. Janßen braucht mehr Lehrer, 15 hat sie, viele in Teilzeit, drei Stellen sind schon lange unbesetzt. Sie beschäftigt Quereinsteiger und Studierende, zwei Assistenzkräfte gehören zur Risikogruppe, sie werden für unbestimmte Zeit ausfallen. Janßen wird Bewerbungsgespräche führen, Konzepte für das neue Schuljahr schreiben und hoffen, dass die Digitaloffensive des Landes ihrer analogen Schule endlich einen WLAN-Anschluss bringt, Tablets für die Kollegen, vielleicht sogar Smartboards für die Klassenzimmer. Alles, was die Lehrer im Fernunterricht angeboten haben, ging über ihre eigenen Geräte, über Datenverkehr, den sie selbst bezahlten. Die hybride Schule, wie sie sich Bildungspolitiker wünschen, die jederzeit zwischen Präsenz- und Fernunterricht wechseln kann, ist für die Mühlenhofschule technisch noch lange nicht machbar.

In der 4a gibt es jetzt Zeugnisse. Antje Isermann geht mit einem guten Gefühl aus ihrer Klasse, den wichtigsten Stoff hat sie im Endspurt noch geschafft. Einzeln kommen die Kinder und setzen sich zu ihr. Es ist dieser exklusive Moment, auf den sie so sehr gewartet haben. Zwei, drei Minuten, in denen Isermann ihnen ein letztes Mal Mut macht. Und Sätze sagt wie: Du kriegst das hin! Streng dich an, auf dem Gymnasium sind viele! Ruf mich an, wenn das Leben gemein zu dir ist.

Jungs und Mädchen fangen an zu weinen. Auch die Lehrerin kann kaum noch sprechen. Isermann kennt das, am Ende der vierten Klasse schluchzen immer alle. Es ist der Abschied, den sie nicht ertragen, aber vielleicht ist es heute noch viel mehr, um das sie trauern. Das viel zu kurze Schuljahr, all das, was sie nicht mehr gemeinsam erleben durften, die Abschlussfahrt, die Ausflüge, das letzte Fest, alles, was ihnen verboten wurde, was man ihnen einfach zugemutet hat.

Die Kinder gehen nach draußen, sehen durch die verheulten Augen ihre Eltern hinter dem Zaun. Sie laufen einzeln, hintereinander, sie rennen nicht, sie rangeln nicht, sie halten Abstand bis zum Schluss. Das haben sie gelernt.