Dieser Artikel erschien am 17.10.2018 in DIE ZEIT
Autorin: Hannah Knuth

Schulleiter : „Ich bin der Papa“

In Deutschland fehlen über tausend Schulleiter. Wer den Direktor Bernd Bruns begleitet, versteht, woran das liegt.

Der Schulleiter Bernd Bruns in Dortmund
Der Schulleiter Bernd Bruns in Dortmund
©Marcel Maffei

Er steigt die Treppen von seinem Büro hinab, langsam, macht sich auf den Weg in das Gedränge. Wie jeden Morgen um die Zeit. Bernd Bruns weiß noch nicht, dass vor ihm eine dieser Wochen liegt, in der alles zusammen­kommt. Sein Tag beginnt wie immer.

Er tritt auf den Schulflur, hört das Schreien der Mädchen, das Lachen der Jungen, von irgend­woher wummert ein Bass. Er hört Füße über Flure trampeln, hört Ruck­säcke gegen Kinder­rücken schlagen. Er liebt diese Geräusche. Die nur Schüler machen, wenn sie am Morgen in die Klassen laufen. Frau Pfeiffer, Deutsch­lehrerin, rauscht an Bruns vorbei. „Morgen, Bernd!“ Von der Seite winkt Sven, der Haus­meister. Er habe ein Problem, aber auch gleich eine Lösung. „Mach mal!“, sagt Bruns. Am Treppen­geländer steht Efran, Bruns’ Problem­schüler, der wie alle Schüler in diesem Text einen anderen Namen trägt. Er hat sich vergangene Woche auf dem Pausen­hof gekloppt. Bruns geht auf ihn zu, hält seinen Finger auf dessen Brust. Die beiden grinsen sich an.

„Du machst jetzt keine Scheiße mehr, okay?“

„Ja, Herr Bruns.“

„Du verkackst auch nicht noch mal in Geschichte?“

„Nein, Herr Bruns.“

Bernd Bruns ist Leiter der Anne-Frank-Gesamtschule in Dortmund. Eine Brenn­punkt­schule, mitten in der Nord­stadt. Ein Viertel, in dem jedes zweite Kind von Sozial­leistungen lebt und die Arbeits­losen­quote doppelt so hoch ist wie im Dortmunder Durch­schnitt. Der Stadt­teil macht immer wieder Schlag­zeilen. Gewalt, Prostitution, Drogen. 940 Schüler gehen auf die Anne-Frank-Gesamtschule, 90 Prozent von ihnen haben einen Migrations­hinter­grund.

Der Schulleiter will die Zukunft seiner Schüler beeinflussen

In erster Linie sei er Schulleiter, sagt Bruns, alles andere laufe so nebenher. Er ist auch Schul­entwicklungs­berater, Staats­examens­prüfer, Sprecher der Gesamt­schulen in Dortmund, Beobachter von Schul­leiter­prüfungs­verfahren, Leiter einer Hobby­reise­gruppe, Paten­onkel von drei Kindern. Familie hat er keine. Wollte er nie. Er hatte Frauen an seiner Seite, ein paar sogar, aber eigentlich, sagt er, ging es ihm immer am besten allein. Bruns glaubt, dass man Kraft kanalisieren muss, wenn man etwas bewegen will. Er glaubt, dass er die Zukunft seiner Schüler beeinflussen kann. Dass er sie stark machen kann, ohne dass sie ihn vorher schwach machen.

Bernd Bruns wird diese Woche 36 Gespräche führen, viermal so viele, wie in seinem Kalender eingetragen sind. Lehrer, Schüler, Eltern – sie alle werden etwas wollen. Er wird entscheiden, ob er einen Jungen, der schon von zwei Schulen geflogen ist, an der Schule aufnimmt. Ob er dem Jungen eine Chance gibt oder seine Zukunft verbaut. Er wird bei allem, was er tut, an das Wohl seiner Schüler denken müssen. Aber auch an das der Lehrer, der Eltern, der Schul­verwaltung und der Bezirks­regierung. Es wird einen Not­fall geben. Eine heulende Schülerin wird vor ihm sitzen. Ein verzweifelter Kollege ihn voll­jammern. Er wird einen Streit schlichten müssen. Und an den Geburtstag seiner Schwester denken. Freitag. Er braucht noch ein Geschenk.

Er ist nicht nur Lehrer, sondern auch Manager, Verwalter, Seel­sorger

Bruns, 48, ist Manager, Verwalter, Seel­sorger, Anwalt und Erzieher in einem. Bruns sagt: „Ich bin halt der Papa.“

Die Arbeit eines Schulleiters, so heißt es, gehört zu den wichtigsten Faktoren für den Erfolg einer Schule. In Deutschland gibt es 33.000 allgemein­bildende Schulen, ihre Leiter verantworten die Bildung von über acht Millionen Schülern. Niemand weiß mehr über den Zustand der Schüler. Und trotzdem sind sie nie die­jenigen, die über die großen bildungs­politischen Kurse entscheiden, über Schul­struktur, Digitalisierung, Inklusion. Bernd Bruns muss umsetzen, was die Stadt, der Landes­bezirk, das Bundes­land, die Kultus­minister und die Bildungs­ministerin wollen. Und was Efran, Frau Pfeiffer und Sven, der Haus­meister, wollen. Manchmal, sagt Bruns, geht das nicht Hand in Hand. Forscher nennen das Sandwich­position: Anweisung von oben, Ausführung nach unten. Bruns sagt, er hält zusammen, was geht.

Warum will heute niemand mehr Direktor werden?

Es gibt nicht viele Menschen, die können, was Bernd Bruns macht, und es gibt nicht viele, die das wollen: An über Tausend Schulen in Deutschland fehlt ein Schul­leiter, auch Stell­vertreter werden überall gesucht. Allein in Nordrhein-Westfalen, Bruns’ Bundes­land, waren im März dieses Jahres 734 Schul­leiter­stellen unbesetzt, 939 Stell­vertreter­posten vakant. Und das oftmals seit Jahren. Besonders hart trifft es die Grund­schulen. Der Deutsche Lehrer­verband schätzt, dass an jeder zehnten deutschen Grund­schule die Chef­stelle unbesetzt ist. Früher stand der Posten des Schul­leiters für Macht, Einfluss, Autorität. Heute steht er wochen­lang im Stellen­markt der Lokal­zeitung. Wie kann das sein? Warum will niemand den Job von Bernd Bruns?

Fragt man Bruns, spricht mit Gewerkschaftern, Forschern und Schulleitungs­verbänden, dann sagen sie alle im Grunde das Gleiche: Der Job ist verflucht. Er hat seine Attraktivität verloren und mit ihr seinen guten Ruf. Weil die Bezahlung so häufig in keiner Relation zum Aufwand der Mehr­arbeit steht. Weil der Beruf maximale Verantwortung fordert, aber minimale Anerkennung bringt.

Sein Prinzip: Autorität durch Direkt­heit

Es ist 8.40 Uhr, Bruns läuft vom Lehrerzimmer in den Gebäude­komplex A. Er muss jetzt Lehrer sein, nicht Schul­leiter, aber meistens, das ist die Krux, lässt sich das schwer trennen. In Raum 403 wartet der Leistungs­kurs Geschichte, 12. Klasse. Bruns’ Problem­klasse. So wie er das im Moment sehe, sagt Bruns, schaffe es kaum die Hälfte von denen bis zum Abitur. „Aber ich schleppe die durch, auf Gedeih und Verderb.“ Die Sonne strahlt durch die beschlagenen Fenster, es riecht nach Schweiß. Die Schüler haben Kurz­referate vorbereitet. Restauration. Murat, einst Schüler einer Willkommens­klasse, steht vor einem Flip­chart, er spricht über König Ludwig. „Der war so geschätzt wie bei uns der Prophet.“ Bruns lächelt. So hat er ihnen das beigebracht. Bezüge herstellen. Einordnen. Später wird er sagen, dass er häufig darüber staune, wie wenig seine Schüler heute wüssten. „Da ist Napoleon im Mittel­alter geboren und in Auschwitz ermordet worden.“ Aber hier, hier darf er das nicht zeigen. Weil er ihnen zeigen muss, dass er an sie glaubt. Damit sie das selbst tun, wenn es so viele andere schon nicht tun.

Wenn die sich die Birne zugedröhnt hätten, hätte ich das gerochen.
Bernd Bruns, Schulleiter in Dortmund

Die Tür geht auf, zwei Schüler tappen rein, wortlos, sie wirken abwesend, vielleicht sind sie nur müde. Bruns zieht die Augen­brauen hoch, hebt den Zeige­finger, ruft: „No! No! No! Zehn Minuten!“ Bruns benutzt gerne englische Wörter. Hört er Gerüchte, die er nicht glauben will, über den Flur­funk, den er hasst und liebt zugleich, dann sagt er: „Never ever stimmt das.“

Bruns sagt, das Zuspät­kommen sei das Härteste. Sein größter Konflikt. Weil er so oft froh ist, dass sie über­haupt kommen. Damit sie ihren Abschluss machen, den besten, den sie schaffen. Damit sie eine Chance haben. Bruns glaubt an seine Schüler. Er sagt: „Wenn die sich die Birne zugedröhnt hätten, hätte ich das gerochen.“ Bruns ist erst seit knapp zwei Jahren Schul­leiter in der Nord­stadt. Er will, dass die Schüler, wenn sie einmal fertig sind, im Viertel bleiben. Und es besser machen. Er glaubt, dass die Nord­stadt einmal so sein kann wie Berlin-Kreuz­berg, der Berliner Stadt­teil, der früher ein Problem­kiez war und heute von Studenten und Bio­märkten lebt. „Wir brauchen hier Durch­mischung“, sagt Bruns. „Vorher geh’ ich nicht.“

Die Anne-Frank-Gesamtschule war lange Zeit die verrufenste Schule Dortmunds. Anne Frank – Anne Krank, so redete die Stadt. Gewalt­tätige Schüler, verzweifelte Lehrer, marode Gebäude. Die Schule stand kurz vor der Schließung. Dann pumpten die Bezirks­regierung und die Stadt Dortmund 14 Millionen Euro in die Schule. Komplett­sanierung. Und Bernd Bruns kam. Seither ist alles besser. Lehrer wollen an seine Schule wechseln. Die Anmelde­zahlen sind hoch. Bruns hat in diesem Jahr sogar Schüler abgelehnt. Außerdem habe er jetzt „Bio­deutsche!“. Und es gibt Ausbildungs­projekte, die den Bundes­präsidenten zu Besuch kommen lassen. Bruns wird den Tag nicht vergessen. Es war kühl, seine Hände waren feucht. Alle Kollegen mussten durch den Sicher­heits­check, Bruns hat das Bändchen aufbewahrt. Es war ein großer Tag. Es war der Tag, an dem keiner der Schüler der Anne-Frank eine Jogginghose trug.

Die Schüler mögen ihn

Bruns hat eine Art gefunden, mit den Schülern umzugehen. Wenn sie mit ihm um Noten feilschen, dann sagt er: „Wir sind doch nicht in Kairo auf dem Basar.“ Die Klasse lacht. Bruns hat ihren Respekt. Weil er sie neckt, wie sie ihn necken. Sein Prinzip: Autorität durch Direktheit. Bruns sagt „ey“ und „scheiße“ und „geil“. Er ist auch auf Facebook. „Ich bin da under­cover.“ Einmal teilten Salafisten vor dem Gebäude Flyer aus. Bruns ist hin­gegangen und soll sie, so erzählen es die Schüler, mit einer Selbst­verständlich­keit vom Hof gejagt haben. Demo­kratie sei wehr­haft, sagt Bruns. „Ich lasse mir doch hier nicht den Laden auseinander­nehmen.“

Bernd Bruns kommt aus dem Münsterland. Sein Vater war Vor­arbeiter im Tankbau, seine Mutter Drogistin. Er ist der Älteste von drei Geschwistern. In der Schule, sagt er, sei er der Schlechteste von ihnen gewesen. Seine Mutter habe ihn durch das Gymnasium geboxt, er hätte die Ober­stufe fast nicht geschafft. Bruns sagt, er sei ein Beispiel dafür, dass Bildungs­gerechtig­keit funktionieren kann. Wenn man jemanden hat, der sich mit Kraft für einen einsetzt. Er glaubt, dass viele Schul­leiter ihr Potenzial nicht sehen, dass der Alltag, die Anstrengung, die vielen Kämpfe dazu führen, dass sie zu früh aufgeben. Bruns war vor seiner Zeit in der Nord­stadt schon Mitarbeiter im Schulrat, Haupt­schul­leiter, Konrektor, Geschichts­lehrer und Mit­arbeiter einer Zement­fabrik. Sein Rezept heißt: durchhalten.

Bevor Bruns kam, hatte die Anne-Frank-Schule knapp zehn Jahre lang keinen Schul­leiter. Der Stell­vertreter leitete die Schule kommissarisch, er bewarb sich immer wieder auf die Stelle, aber die Bezirks­regierung entschied sich jedes Mal gegen ihn. Der Stell­vertreter klagte, der Prozess dauerte. Ganze neun Jahre. Solange die Klage beim Verwaltungs­gericht vorlag, konnte die ausgeschriebene Stelle nicht besetzt werden. Es ist nicht nur die mangelnde Attraktivität, die dazu führt, dass in Deutschland jahre­lang Schul­leiter­posten unbesetzt bleiben. Es ist auch das System.

Die Defensive ist der größte Feind des Schul­leiters

Weil weder der Stellvertreter noch die Bezirks­regierung nachgeben wollten, lief die Anne-Frank-Gesamt­schule mit jedem Jahr ein Schritt näher auf ihr Ende zu. Was mit einer Schule passiert, wenn ihr jahre­lang der Leiter fehlt, hat Bruns gesehen, als er ankam: Sekretärinnen, die vergrätzt waren, Lehrer, die über­arbeitet waren, ein zerrüttetes Verhältnis zur Stadt. Es fehlte Geld, es fehlte eine Vision. Und dann lag da überall der Müll. Weil die kleinen Dinge liegen bleiben, wenn schon die großen nicht zu schaffen sind.

Wenn der Beruf die Gesund­heit kaputt macht

Am schlimmsten, sagt Bruns, ist, dass man nicht an die Schüler gedacht hat. Er sitzt in seinem Büro, er hat es dekoriert. An den Wänden hängen Weltkarten, Fotos und quietsch­bunte Poster. Es ist hell und hektisch. Als hätte er sich seinen Schul­flur ins Büro geholt. Neben seinem Schreib­tisch steht eine Beton­figur, einen halben Meter hoch. Edvard Munch, Der Schrei. „Hält wach“, sagt Bruns.

Bruns hört häufig von Schulleitern, deren Gesundheit der Beruf kaputt­gemacht hat. Erst Körper, dann Kopf. „Die burnen out“, sagt Bruns. Auch seine Lehrer machen sich Sorgen um ihn. Bruns muss auf seinen Rücken achten, das weiß er. Und auf sein Gewicht. Vor drei Wochen hat er sich bei Weight Watchers angemeldet. Seitdem isst er morgens Quark mit Banane, abends Rucola mit Parmesan. Mittags isst er nichts, weil er nie Zeit findet.

Er guckt auf die Uhr, er muss jetzt dringend los, muss zu einem Treffen mit anderen Schul­leitern aus Dortmund, Herne und Bochum. Ein Vortrag über berufliche Orientierung. Auf dem Weg muss er das Jugendamt anrufen, das darf er nicht vergessen. Bruns hat seine Tasche schon über der Schulter hängen, den Auto­schlüssel in der Hand, da kommt eine Ober­stufen­schülerin rein­gelaufen, aufgebracht, die Tränen rollen. Sie hat eine Klausur verhauen, und jetzt, glaubt sie, schaffe sie das Abitur nicht. Bruns schließt kurz die Augen. Er kann eigentlich nicht bleiben, aber er kann jetzt auch nicht gehen. Er legt Schlüssel und Tasche wieder ab, redet drei­ein­halb Minuten auf sie ein. Nimmt ihr die Angst, macht ihr Mut. Bis sie wieder lacht. Dann hastet er zum Auto. Er wird jetzt zu spät kommen. Er flucht.

In der Aula einer Dortmunder Schule stehen die Schul­leiter schon zusammen. Sie kennen Bernd Bruns, man hört ja im Umfeld über­all von ihm, von seinem Erfolg. „Der aufstrebende Schulleiter, willkommen“, begrüßt ihn eine Teil­nehmerin. Ein anderer Schul­leiter tritt heran, er wolle sich vor­stellen, er arbeite in Herne, er habe schon so viel gehört. „Wir können gerne Du sagen, ich bin der Bernd.“ Nach dem Vortrag kommt ein Kollege zu ihm, ein anderer Schul­leiter aus der Nordstadt. Ob es Bruns auch so ergehe wie ihm? Die Polizei habe die Kriminellen vom Nord­markt verdrängt, und nun stünden sie bei ihm vor dem Hof. Er laufe morgens durch Marihuana-Wolken, überall liege Müll. Der Schul­leiter klingt verzweifelt, immer wieder greift er in die Keks­packung hinter sich. Er plane Krisen­sitzungen, aber ihm höre ja niemand zu. Er bekomme auch seit Wochen keinen Ersatz für seine kranke Sekretärin. Bruns hört ihm zu, aber sein Blick flüchtet durch den Raum.

Er hasst jammern. Er kann es nicht ab.

Man muss den Druck auch nach oben ablassen.
Bernd Bruns, Schulleiter

Bruns glaubt, die Defensive ist der größte Feind des Schul­leiters. Die ständige Problem­beschreibung, der Glaube, man selbst könne nichts verändern, auch wenn man es noch so sehr wolle. Das mache Schul­leiter kleinmütig. Bruns weiß, dass das System manchmal unzulänglich ist. Aber wenn man den Job macht, weil man ihn machen will, dann darf man sich dem System nicht ergeben. „Man muss den Druck auch nach oben ablassen“, sagt Bruns. Und man muss sich vernetzen. Muss Kontakte und Für­sprecher haben, in der Verwaltung und Regierung. Deswegen ist Bruns auch ständig außer Haus, geht zu Schul­veranstaltungen, eröffnet Podien. Schul­leitung ist Net­working, sagt Bruns. „Ich habe Glück, dass ich das machen kann, weil ich den Klein­kram nicht machen muss.“

Anruf über die Frei­sprech­anlage. Seine Sekretärin. Kleinkram. Jemand aus der Verwaltung versuche schon den ganzen Tag, ihn zu erreichen. Es gehe um den Problem­schüler, der an die Anne-Frank-Schule wechseln soll. „Ich bin gleich da“, sagt Bruns. Sein Auto steht vor dem Borsig­platz im Stau. Er ist einen Umweg gefahren. Er will sich das jetzt noch mal anschauen, was der Kollege da beschreibt. „Krass“, sagt er, als er den Müll sieht.

„Das war scheiße. Aber als Mensch bist du okay.“

Einmal hatte einer seiner Schüler eine schwere Verletzung am Kinn, Bruns fragte nach. Das sei eine Schnitt­verletzung, antwortete der Schüler, ganz unglücklich. Soso, sagte Bruns. „Bei mir hieß das früher Messer­stecherei.“ Bruns glaubt, dass die Schüler ihm häufig was vormachen. Aber dass er sie meistens durch­schaut. „Die merken das auch“, sagt er. „Wenn man die gar kocht, knicken die irgend­wann weg.“

Bruns ist am Parkplatz angekommen, drei Lehrerinnen warten auf ihn. Sie müssten sich „kurz auskotzen“, sagt die eine. „Meine 10er haben heute auf den Klos geraucht.“ Eine andere erzählt vom Streit im Lehrer­zimmer. Bruns muss eigentlich – endlich – seine Mails checken. Aber er muss jetzt auch zeigen, dass er da ist.

19 Uhr: Elternabend, der letzte Termin für den Tag

Schulleiter sein, meint Bruns, sei „reine Beziehungs­arbeit“. Manchmal, abends, steht er zu Hause vor seinem System­brett. Er stellt es auf den Küchen­tisch und verteilt darauf hölzerne Figuren. Eins für den Stell­vertreter, eins für die Schüler­vertretung, eins für die Eltern, die Lehrer und ihn. Die Figuren stehen je nach Sach­frage anders zueinander. Bruns wandert dann langsam um den Tisch herum, sein Körper schlängelt sich an den Stühlen entlang. Er schaut von jeder Seite einmal auf das Brett. Geht in die Hocke, kneift ein Auge zu. Es ist toten­still, nur Bruns’ Wanduhr schlägt. Er sieht jetzt jede Partei mit ihren Interessen. Wer steht wie zu wem? Bruns sagt, er löse die Probleme an der Schule erst, wenn sie vorher auf seinem Ess­tisch standen.

Es ist mittlerweile kurz vor 19 Uhr. Letzter Termin für den Tag: Bruns muss die Eltern der 11. Klassen empfangen. Info-Abend zum Abitur. Die Eltern aus der Nordstadt hätten Hemmungen im Umgang mit der Schule. Ehrfurcht vor dem System. Er müsse jetzt Bildungs­nähe herstellen, sagt Bruns. Die Eltern sitzen schon, als Bruns nach vorn schreitet und aus dem Stand heraus ein Plädoyer für das Abitur hält. Für die Kraft der Bildung, für die Zukunft, die sie bringt. Er wedelt in der Hand mit einem imaginären Abitur­zeugnis. „Es gibt viele Knicke im Leben“, sagt er, „aber gemeinsam können wir sie glätten!“ Er steht dort, als hätte er den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als diese Rede vorzubereiten.

Nach fünf Minuten ist er fertig, die Oberstufen­lehrer über­nehmen. Bruns macht sich aus dem Staub. Er hat es heute nicht geschafft, mit dem Jugend­amt zu telefonieren, da muss er morgen dran denken. Aber er will den Jungen, das ist klar. Vielleicht holt er sich damit ein Problem mehr an seine Schule, Bruns weiß das. Aber soll man den Jungen deshalb abschulen? „Dann gibt ihm doch keiner mehr eine Chance.“

Bruns erinnert sich an seinen Schul­leiter. Als er 16 war, fuhren sie als Klasse einmal nach Prag. Bruns und die anderen kauften heimlich spitze Jagd­messer. Der Schul­leiter fand das heraus, die Schüler wurden bestraft. „War auch richtig“, sagt Bruns. Aber der Schul­leiter hat ihn darauf­hin über Monate aufgezogen. Ihm keine Chance gegeben, seinen Fehler wieder­gut­zu­machen. Das war nicht das einzige Mal, sagt Bruns. „Er war nachtragend.“ Seither glaubt Bruns, dass die große Kunst des Schul­leitens darin liegt, zu sagen: „Das war scheiße. Aber als Mensch bist du okay.“