Hospitationsprogramm : Von den besten Schulen Deutschlands lernen

Noch bis zum 10. Mai können sich Schulen für das Hospitations­programm der Deutschen Schulakademie bewerben. Hospitationen sind ein beliebtes Instrument, um bei der Schul­entwicklung Erfahrungen von anderen Schulen zu nutzen. Doch selten gehen diese Einblicke so tief wie beim Hospitations­programm der Deutschen Schulakademie. Jedes Jahr können 150 Bewerberinnen und Bewerber mit einem Stipendium eine Woche lang die Praxis an einer der rund 70 Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises erleben. Was die Beteiligten dabei erwartet, darüber sprach das Schulportal mit Sandra Wille, die bei der Deutschen Schulakademie für das Hospitations­programm verantwortlich ist.

Florentine Anders / 17. April 2019
Schülerinnen arbeiten am Gruppentisch gemeinsam an einer Aufgabe
Auch das Humboldt-Gymnasium Potsdam, Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises, bietet Hospitationen im Rahmen des Hospitationsprogrammes der Deutschen Schulakademie an.
©Theodor Barth (Robert Bosch Stiftung)

Schulportal: Frau Wille, jedes Jahr gibt es für die Hospitationen an den Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises mehr Bewerbungen als Plätze. Dabei müssen die Stipendiatinnen und Stipendiaten viel Zeit investieren. Wie erklären Sie sich die große Beliebtheit?
Sandra Wille: Das Hospitations­programm ist mehr als nur ein Blick über den Teller­rand. Die Teil­nehmerinnen und Teil­nehmer erleben die Gast­geber­schule eine ganze Woche lang – das ist sehr intensiv! Es finden viele Gespräche statt. Sie beobachten fünf Tage den Alltag, das Mit­einander im Kollegium und der Schul­gemein­schaft, den Unterricht, nehmen an Konferenzen und Team­sitzungen teil und lernen die verschiedenen Akteure kennen. Hinzu kommen die Vor- und Nach­bereitungs­zeiten. Der zeitliche Aufwand ist damit tatsächlich vergleichs­weise groß. Aber gerade darin liegt der Erfolg des Programms. Es gibt einen sehr tiefen Einblick. Die Preis­träger­schulen sind dabei sehr offen –  sie bieten einen echten Blick hinter die Kulissen. Ihnen ist es wichtig, nicht nur ein erfolg­reiches Konzept zu präsentieren, sondern auch über den oft schwierigen Weg dorthin zu sprechen. Ein Lehrer sagte nach dem Programm: „Wir haben diese Schule so gut kennen gelernt, als würden wir selbst dort arbeiten“. Viele Teil­nehmende sind nicht nur von den konkreten Konzepten nachhaltig beeindruckt, sondern auch von der Atmos­phäre.

Wie läuft das Hospitations­programm ab? Gibt es ein fest­gelegtes Muster?
Nein, ein Muster gibt es nicht – auch darin besteht die Stärke des Programms. Die Bewerberinnen und Bewerber schreiben ein Motivations­schreiben, in dem sie die Heraus­forderung, die sie an ihrer Schule angehen wollen, beschreiben und was sie von der gast­gebenden Schule in dieser Hinsicht erwarten. Sie suchen sich also schon eine ganz bestimmte Preis­träger­schule aus, die ein Konzept entwickelt hat, das für sie interessant wäre. Bei der Auswahl können auch die Konzept­videos auf dem Schulportal sehr hilfreich sein. Die Preis­träger­schule erhält die Motivations­schreiben und wählt aus diesen zwei Tandems aus – je nachdem, welchen Erwartungen sie am besten gerecht werden können. Dann entwickeln die Gast­geber­schulen einen Hospitations­plan, der pass­genau zugeschnitten ist. Mal ist es für die Hospitierenden wichtiger, intensiv die Team­struktur- und kultur kennen zu lernen oder beim Treffen des Schul­entwicklungs­teams dabei zu sein, mal stehen die Organisation des Ganz­tags, der Ober­stufe oder der Jahr­gangs­mischung im Fokus. Neben einem Rund­umblick ist eine Schwer­punkt­setzung nötig und wichtig – darauf bereiten auch die von der Deutschen Schulakademie zur Verfügung gestellten Materialien vor.

Materialien aus dem Hospitations­programm der Deutschen Schulakademie

Beispiel­wochen­plan (PDF)

Dieser fiktive Beispiel­hospitations­plan ist eine Zusammen­stellung aus Angeboten unter­schiedlicher Schul­preis­träger-Schulen – nicht eine Schule bietet also alles an. Er zeigt auf, was grund­sätzlich möglich ist.

Mögliche Regeln für eine Hospitation (PDF)

Es ist wichtig, im Vorfeld der Hospitation zu formulieren, welche spezifischen Regeln und Gepflogen­heiten im Unterricht und an der Schule gelten und diese gut mit Besuchenden zu kommunizieren. Welche Aspekte das umfassen und wie unter­schiedlich der Umgang aus­sehen kann, zeigt diese Zusammen­stellung.

Was sind häufige Frage­stellungen, mit denen die Stipendiaten an die Preis­träger­schulen kommen?
Die Interessen der Stipendiatinnen und Stipendiaten sind sehr heterogen. Häufig kommen aber beispiels­weise Fragen nach der Organisation der Jahr­gangs­mischung, nach der Rhythmisierung des Schul­tags, nach Partizipations­strukturen des Kollegiums und von Schülerinnen und Schülern. Die Schulen interessieren sich oft für ganz bestimmte Konzepte und Materialien, zum Beispiel zum selbst­organisierten Lernen, wie Log­bücher, Portfolio­arbeit, Kompetenz­raster, Leit­fäden für Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche. Es gibt auch speziellere Anfragen, wie zum Beispiel zum Thema „Technik für Mädchen“.

Indem sie aber auch den All­tag der Schule erleben, stoßen die Teil­nehmerinnen und Teil­nehmer oft auch auf Dinge, die sie vorher gar nicht im Fokus hatten. Dazu zählt zum Beispiel die räumliche Gestaltung. Nach meiner Einschätzung aus Gesprächen und Berichten dürfte die Umgestaltung von Klassen­zimmern, aber auch des Lehrer­zimmers eine recht häufige Direkt­maß­nahme nach der Hospitation sein. Auch Team­strukturen werden oft nach der Hospitation angepasst oder neu eingeführt. Ein Stipendiat aus dem vergangenen Jahr sagte: „Die Hospitation verändert nicht die Schule, aber sie verändert definitiv das Denken und die Schwer­punkt­setzung der Hospitierenden.“ Die Deutsche Schulakademie versucht mit dem Hospitations­programm Rahmen­bedingungen zu schaffen, unter denen dieses Umdenken konstruktiv für die Schul­entwicklung genutzt werden kann, zum Beispiel durch die explizite Einbindung der Schul­leitungen als Teil­nahme­voraus­setzung für das Hospitations­programm.

Die Hospitation verändert nicht die Schule, aber sie verändert definitiv das Denken und die Schwer­punkt­setzung der Hospitierenden.

Nach dem Programm treffen sich alle Stipendiatinnen und Stipendiaten und deren Schul­leitungen noch einmal zwei Tage in der Nähe von Berlin. Was bringt die Nachbereitung?
Nach der einen Woche Hospitation kommen die Stipendiatinnen und Stipendiaten meist mit einem Berg an Ideen zurück an ihre Schule. Doch oft ist es schwer, die entstandenen Impulse im All­tags­stress ins Kollegium und in die Praxis zu bringen. Die Nach­bereitungs­treffen sind sehr hilf­reich, um die verlorenen Fäden wieder auf­zunehmen und sich noch mal klar zu machen, was in welcher Form verändert werden kann. Dabei geht es auch darum, sich das richtige Maß vorzunehmen: Was kann und ist das Kollegium gerade bereit zu leisten, was braucht es dazu und wie gehen wir es an? Dabei hilft der Input erfahrener Referentinnen und Referenten.

Profitieren auch die gastgebenden Preis­träger­schulen von dem Programm?
Auf jeden Fall. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sind ja nicht nur Besucher, sondern interessierte und engagierte Kolleginnen und Kollegen. Teilweise nutzen die Preis­träger­schulen auch für sich den Blick von außen und geben den Gästen zum Beispiel für die Hospitation im Unterricht eine Beobachtungs­frage mit. Das Feedback können sie dann für ihre eigene Unterrichts­entwicklung nutzen. In den Gesprächen zwischen den Kolleginnen und Kollegen der gast­gebenden und der hospitierenden Schule findet oft ein gewinn­bringender pädagogischer Aus­tausch statt – das tut allen Beteiligten gut. Oft ist das auch motivierend, weil die Preis­träger­schulen durch die Augen der Gäste wieder sehen, dass vieles, was sie für selbst­verständlich halten, sehr besonders ist. In einigen Fällen entsteht eine echte Beziehung und die Schulen tauschen sich auch nach dem Ende des Hospitations­programms weiter aus.

Mehr zum Thema

  • Die Deutsche Schulakademie vergibt jährlich 150 Hospitations­stipendien an den rund 70 Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises.
  • Die Ausschreibung richtet sich an Schulleitungen, Lehrkräfte und pädagogische Mit­arbeiter und Mit­arbeiterinnen aller Schul­arten.
  • Falls die Schulleitung nicht Teil des Hospitations­-Tandems ist, gilt ihre zusätzliche Teil­nahme am zweitägigen Stipendiaten­treffen als Bewerbungs­voraus­setzung.
  • Jede Stipendiatin und jeder Stipendiat erhält einen pauschalen Förder­betrag von 500 Euro für Reise- und Über­nachtungs­kosten.
  • Bewerbungen für das Hospitations­programm 2019 sind bis zum 10.5.2019 über diese Seite möglich.