Interview : „Hospitation wird oft als Kontrolle missverstanden“

Rund 500 Lehrkräfte haben sich auf dem Kongress „Nicht mehr allein! Gute Schulen kooperieren“ über Konzepte ausgetauscht, die die Zusammenarbeit im Schulalltag fördern. Wilfried Kretschmer vom Programmteam der Deutschen Schulakademie spricht im Interview mit dem Schulportal über offene Türen, Hospitationen und andere praxiserprobte Ansätze, die zu mehr Kooperation führen.

Florentine Anders / 14. September 2018
Am Regionalen Berufsbildungszentrum RBZ Kiel, Preiträgerschule des Deutschen Schulpreises, gehören gegenseitige Unterrichtsbesuche und Beratungen der Kollegen zur Schulkultur.
©Lars Rettberg (Robert Bosch Stiftung)

Deutsches Schulportal: Lehrkräfte sind häufig noch Einzelkämpfer – das zeigt die jüngste Forsa-Umfrage der Schulakademie. Was sind nach Ihren Erfahrungen Bedingungen in der Schulpraxis, die die Kooperation in den Kollegien fördern?
Wilfried Kretschmer:
Zunächst sind Teamstrukturen förderlich. Damit ist zum Beispiel die Schaffung von Jahrgangsteams oder fachbezogenen Teams gemeint, die sich regelmäßig und verbindlich treffen, um sich abzustimmen. Solche Strukturen sind eigentlich an jeder Schule machbar, viele haben das auch bereits. Ein zweiter wichtiger Punkt sind feste Zeitfenster für diese Treffen – das kann an einem bestimmten Tag in der Woche oder im Monat sein. Einfacher ist das an Ganztagsschulen zu organisieren, weil dort die Lehrkräfte von vornherein längere Zeit an der Schule verbringen. Am besten ist es, wenn dann im Ganztag auch feste Präsenzzeiten für Lehrkräfte an den Nachmittagen vorgegeben sind.

Doch gerade solche Präsenzzeiten scheitern ja oft am Widerstand der Lehrkräfte. Wie kann denn die Bereitschaft dafür gestärkt werden?
Das ist eine Frage der Haltung. Lehrkräfte verstehen sich häufig noch als Halbtagslehrkräfte, die ein bestimmtes Deputat an Unterrichtsstunden haben und sonst die Arbeit zu Hause erledigen, abgesehen von ein paar Konferenzen. Dieses Berufsverständnis ist traditionell so gewachsen, weil es in der Vergangenheit genauso erwartet wurde. Das ist jedoch eine große Barriere für die Kooperation. Wenn wir diese Haltung ändern wollen, dann geht es nur, indem man klar macht, dass Teamarbeit die Arbeit verbessert und auch erleichtert. Die Kooperationszeiten müssen also mit sinnstiftenden Inhalten gefüllt werden. Wenn die Kollegen das Gefühl haben, dort nur ihre Zeit abzusitzen, ist das sehr kontraproduktiv. Beim Austausch der Unterrichtsinhalte gelingt das oft schon gut – echte gemeinsame Unterrichtsgestaltung dagegen ist eher noch selten.

Welche Rolle spielt die Schulleitung dabei? Viele Lehrkräfte wollen sich ja  lieber nicht in die Karten schauen lassen, weil sie sich dann kontrolliert fühlen.
Die Schulleiterin oder der Schulleiter soll und muss sich den Unterricht der Kollegen ansehen. Doch häufig sind solche Hospitationen angstbesetzt, weil sie als Kontrolle missverstanden werden. Das rührt oft aus dem Referendariat, wo die angehenden Lehrkräfte im Unterricht in einer Prüfungssituation sind. Es gibt aber auch Schulleitungen, die Hospitationen als ein administratives Kontrollinstrument missbrauchen. Dabei können gerade solche Unterrichtsbesuche durch die Schulleitung ein Initial für mehr kollegiale Zusammenarbeit unter allen Kollegen sein. Förderlich ist dabei nach meiner Erfahrung, wenn auch die Schulleiterin oder der Schulleiter selbst seinen Unterricht für Hospitationen öffnet und das Feedback von Kollegen auf Augenhöhe sucht.

Welche räumlichen Bedingungen sind für eine kooperative Atmosphäre günstig? Die traditionellen Schulflure mit ihren geschlossenen Türen laden ja nicht gerade dazu ein, in den Unterricht der Kollegen zu schauen.
Ideal ist es erfahrungsgemäß, wenn Schulen räumlich so organisiert sind, dass es Jahrgangscluster gibt, in denen alle Türen offen stehen. Die Schülerinnen und Schüler können sich über die Klassen hinweg austauschen, genauso wie die Lehrkräfte. Die Lehrkräfte haben nicht alle ein gemeinsames großes Lehrerzimmer mit einem langen Tisch, sondern kleinere Arbeitsräume im jeweiligen Jahrgangsbereich, in denen im Jahrgangsteam arbeiten können. Die Realität sieht leider meist ganz anders aus. Eine solche offene Arbeitssituation, in der jede Lehrkraft mitbekommt, wie die Kolleginnen und Kollegen arbeiten, ist selten. Und je mehr Probleme ein Lehrer oder eine Lehrerin hat, desto verschlossener ist in der Regel die Tür. Dabei wäre es gerade da hilfreich, die Tür zu öffnen. Dafür brauchen wir einen Kulturwandel – dafür wollen wir mit dem Kongress „Nicht mehr allein! Gute Schulen kooperieren“ einen Anstoß geben.

Zur Person

  • Wilfried Kretschmer gehört zum Programmteam der Deutschen Schulakademie
  • Er promovierte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena zur Frage der Steuerung von Schulentwicklungsprozessen.
  • Von 1993 bis 2017 war Wilfried Kretschmer Leiter der gymnasialen Oberstufe und Schulleiter der Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule, die 2007 mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet wurde.
  • Seit 2018 ist er Berater des Projekts „Schulen leiten“ des saarländischen Ministeriums für Bildung und Kultur.
  • Als Autor hat er zuletzt als einer der Herausgeber und Autoren am Friedrich Jahresheftes „Kooperation“ mitgearbeitet.
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