Dieser Artikel erschien am 31.08.2018 in der taz
Autorin: Kaija Kutter

Erst die Schule und dann … : Hausaufgaben – muss das sein?

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat mehr Haus­auf­gaben gefordert. Nun rudert er zurück, aber das Problem einer Schule, die Kindern keine Zeit lässt, bleibt.

Ein Schüler verzewifelt über seinen Hausaufgaben.
Wollen oft schier kein Ende nehmen: Hausaufgaben.
©dpa

Der Schulsenator in Hamburg fordert zu Beginn des Schul­jahrs mehr Haus­aufgaben. Das ist für Familien, die schon heute unter den langen Zeiten leiden, die Schule auch zu Hause noch frisst, wie Benzin ins Feuer gießen. Als Begründung zitiert der Politiker Schul­leistungs­tests. Seit der „empirischen Wende“ um 2000 herum sind Kinder, so scheint es, nur noch für Pisa da.

Genau genommen geht es nun um ein Schul­aufgaben-Minimun, das jedes Kind leisten soll. Kinder haben keine Gewerk­schaft, es fehlt ein Interessen­verwalter, der für sie verhandelt. Und auch manche Eltern, hier als Hilfs­armee vereinnahmt, wünschen sich einen Haus­aufgaben­helfer­streik.

Bis Ende der 1990er-Jahre ging die Grund­schule meist nur bis elf oder halb zwölf. Kinder konnten schon vor dem Mittag­essen Haus­auf­gaben erledigen und den Nach­mittag über spielen. Dann kam die verlässliche Halbtags­grund­schule bis 13 Uhr, die es Müttern ermöglichen sollte, halb­tags zu arbeiten. Dann, ab 2011, wurden alle Hamburger Grund­schulen zu Ganz­tags­schulen. Nun geht die Schule bis 16 Uhr. Dass es Kinder gibt in dieser Stadt, sieht man auf der Straße meist in den Ferien.

Alle Schulformen, auch Gymnasien und Stadt­teil­schulen, erstrecken sich bis in den Nach­mittag. Und es gibt schon Haus­aufgaben oben­drein, an den Gymnasien sowieso, und auch an den Stadt­teil­schulen ist für Klausuren und Vokabel­tests zu üben.

Ganztags­schule und Haus­auf­gaben passen nicht zusammen

Für die Zukunftschancen der Kinder ist es gut, wenn sie schulisch gebildet sind. Aber die Politik überzieht. Ganztags­schule und Haus­auf­gaben­pflicht passen nicht zusammen. Zwar ruderte der Hamburger Schul­senator etwas zurück – es soll jetzt eine Unter­grenze geben, eine Minimum-Haus­auf­gabe von 20 bis 30 Minuten, die möglichst im Schul­all­tag platz finden sollen –, nur funkt der damit wiederum den Pädagogen vor Ort unnötig ins Geschäft.

Die Kinder zu verpflichten, nach einem anstrengenden Schul­vor­mittag ruhig zu sitzen, ist unsinnig. Kind­heit und Jugend hat auch einen Wert an sich. Es ist nicht nur die Warte­zeit zum Erwachsen­werden. Kinder brauchen Räume und Zeit, in der sie selbst ihre Regeln setzen können.

„Es führt zu Störungen wie ADHS, wenn Kinder die Räume für Selbst­regulierung nicht mehr haben“, sagt der Hamburger Sozial­wissen­schaftler Timm Kunstreich. „Die Kinder rebellieren.“ Kinder, die von früh bis spät nach Vorgaben leben, lernen nicht, eigene Ziele zu entwickeln.

Und doch hat der Vorstoß des Senators etwas Gutes, kann die Debatte fruchtbar sein. Denn wir lernen, dass selbst­regulierte Lern­phasen wichtig sind. Dafür braucht man nicht zwingend Haus­aufgaben, das können auch moderne Lern­methoden wie „Log­buch­arbeit“ sein, wie sie die preis­gekrönte Ganz­tags­schule Alter Teich­weg in Hamburg und weitere Reform­schulen schon erfolg­reich anwenden. Und es kommt zur Sprache, dass Haus­aufgaben bei vielen Kindern kontra­produktiv sind, wenn sich Eltern und Kinder am häuslichen Schreib­tisch verkämpfen.

Restrisiko Freizeit

Dass es so weit kommt, liegt an einer Druck­situation. Es wird Auf­stieg durch Bildung versprochen und die Verantwortung für gesellschaftliche Teil­habe dem einzelnen Kind über­lassen. Doch Auf­stieg durch Bildung ist ganz schön schwer. Machen mehr Abitur, ist der Real­schul­abschluss weniger wert.

Und der Senator nutzt nun ein Argument, das Verfechter kindlicher Frei­räume moralisch konfrontiert. Die Kinder aus bildungs­fernen Familien hätten den Nach­teil, wenn die Ganz­tags­schule keine Schul­auf­gaben abfordert. Wobei er 40 Prozent der Eltern mit diesem nicht unproblematischen Adjektiv tauft.

Dem kann man entgegnen: Wir brauchen qualitativ gut ausgestattet Ganz­tags­schulen, die die Kinder aus­reichend individuell fördern. Die Schulen müssen ihren Job machen. Denn die Zeit von Kindern und Jugendlichen ist auch ein kost­bares Gut. Wenigstens ab 16 Uhr sollten wir sie dem Rest­risiko namens Freizeit über­lassen.

Kinder brauchen „Zeit für Dumm­heiten, Zeit für Liebes­kummer, Zeit für Lange­weile“, schrieb Hannah Knuth in der Zeit. Dazu gehöre auch, einfach am Fenster zu sitzen und nach Wolken zu schauen.