Handyfreier Tag : Handynutzung – Wie eine Schule nach einem neuen Weg sucht

Ist es überhaupt noch möglich, das Smartphone aus der Schule zu verbannen? Und wenn ja, wie sinnvoll ist das? Das Kultusministerium Schleswig-Holstein hat die Schulen des Bundeslandes aufgefordert, die Handynutzung im Unterricht einzuschränken und ihre Hausordnungen zu überdenken. Die Gemeinschaftsschule Nortorf reagierte mit einem Experiment: An zwei Tagen sollten alle Smartphones – sowohl die von den Lehrkräften als auch die von Schülerinnen und Schülern – zu Hause bleiben. Funktioniert das? Das Schulportal hat den zweiten handyfreien Tag an der Schule vor Ort begleitet.

Auch am handyfreien Tag sind die digitalen Bildschirme mit den Vertretungsplänen eingeschaltet.
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Plakat dür die Social-Media-Sprechstunde
In der Social-Media-Sprechstunde bietet Hjördis Johannsen zwei Mal pro Woche Beratung an.
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Gemeinschaftsschule Nortorf der Eingang
Die Gemeinschaftsschule Nortorf in Schleswig-Holstein liegt in einem ländlichen Gebiet. Die meisten Kinder kommen mit dem Bus.
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„Ich hab’s überlebt“, sagt der 17-jährige Watomi und lacht. Dabei ist der Schultag noch gar nicht vorbei. Als er nachsehen will, wann die sechste Stunde beginnt, greift er automatisch nach hinten in die Hostentasche seiner Jeans, dorthin, wo normalerweise sein Smartphone steckt. Heute greift er ins Leere.

Schülersprecher Watomi
Schülersprecher Watomi
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Es ist der zweite handyfreie Tag an der Gemeinschaftsschule Nortorf in Schleswig-Holstein. Ob die Schule nach dieser Erfahrung einen solchen Tag wiederholt oder vielleicht sogar das Handy ganz aus der Schule verbannt, ist fraglich. „Wir haben auf jeden Fall gemerkt, wie selbstverständlich das Smartphone in unserem Alltag ist und wie schwer es ist, darauf zu verzichten“, sagt Watomi, der gleichzeitig Schülersprecher der Schule ist.

Allein diese zwei handyfreien Tage durchzusetzen, war alles andere als einfach. Heftige Diskussionen gingen der Aktion voraus. „Auch Lehrkräfte und Eltern haben sich zunächst dagegen ausgesprochen“, erzählt der Schulleiter Timo Off. Denn von Anfang an war klar, dass der handyfreie Tag nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern für die gesamte Schulgemeinschaft gelten soll.

Lehrkräfte fühlten sich unsicher ohne Smartphone im Klassenzimmer. Was, wenn jemand Hilfe braucht? Eltern befürchteten, dass die Kinder ohne Handy den Bus verpassen könnten oder sich nicht melden könnten, wenn ihnen auf dem Weg etwas zustoßen sollte.

Auf dem Schulweg werden Vertretungspläne und Hausaufgaben mit dem Handy gecheckt

Die Bedenken sind nicht so einfach beiseite zu wischen. Die Gemeinschaftsschule des kleinen Städtchens Nortorf liegt in einer ländlichen Region. Etwa 900 Schülerinnen und Schüler lernen hier von der fünften Klasse bis zum Abitur. Zwei Drittel sind sogenannte Buskinder, sie werden auf den Dörfern von Schulbussen eingesammelt, eine Stunde Fahrt ist dabei keine Seltenheit. Die Zeit vertreiben sich die meisten Schülerinnen und Schüler, indem sie Musik hören, auf TikTok Videos schauen, chatten oder durch Insta swipen. Gleichzeitig können sie checken, ob sie Vertretungsunterricht haben oder schnell noch online eine Hausaufgabe bearbeiten. Alles mit dem Smartphone.

Die Gemeinschaftsschule Nortorf hat sich zum Ziel gesetzt, alle digitalen Möglichkeiten, die den Unterricht besser machen und den Schulalltag erleichtern, zu nutzen. Ab der neunten Klasse gilt das Prinzip Bring-Your-Own-Device. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler können selbst entscheiden, ob sie das eigene Tablet benutzen und die Aufgaben digital bearbeiten oder ob sie es vorziehen, mit Stift, Arbeitsblättern und Collegeblock zu arbeiten. Auch Smartphones können im Unterricht genutzt werden, wenn es dem Lernen dient.

Allerdings ist die Gefahr der Ablenkung groß. Das gestehen auch viele Schülerinnen und Schüler ein. Watomi sieht sein eigenes Nutzungsverhalten kritisch, wenn es um digitale Medien geht. „Ich habe mich bewusst dafür entschieden, in der Schule nicht mit dem eigenen Tablet zu arbeiten“, sagt er. Schließlich seien dort alle Apps verfügbar, nicht nur soziale Netzwerke, auch Spiele. „Mir fällt es unglaublich schwer, Nachrichten unbeachtet zu lassen, ich habe immer den Drang, sofort zu antworten“, sagt Watomi.

Schulleiter Timo Off
Schulleiter Timo Off
©Florentine Anders

Unabhängig von dem Ablenkungspotenzial im Unterricht sieht Schulleiter Timo Off noch ein anderes Problem: „In den Pausen stehen viele Schülerinnen und Schüler allein da, mit dem Handy vor der Nase, statt miteinander ins Gespräch zu kommen. „Warum, welches Bedürfnis wird da befriedigt, was so viel stärker ist als die Schulgemeinschaft?“, fragt Off.

Damit ist er nicht allein. Immer stärker wird debattiert, ob Schulen eher Schutzräume sein sollten in einer Welt, in der digitale Medien omnipräsent sind. Müssen wir handyfreie Phasen schaffen, um unsere Aufmerksamkeit besser lenken zu können? Um das Miteinander zu stärken? Andere Länder, wie etwa die Niederlande oder Großbritannien, versuchen, das Handy aus den Schulen zu verbannen.

Auch Karin Prien (CDU), die Kultusministerin von Schleswig-Holstein, plädiert für ein Handyverbot im Unterricht. Zu Beginn des Schuljahres 2023/24 wurden allen Schulen Schleswig-Holsteins aufgefordert, ihre Regeln für die Handynutzung zu überprüfen oder neu zu erarbeiten. Schülerinnen und Schüler an Grund- und weiterführenden Schulen sollten laut Empfehlung der Kultusministerin ihre Handys nur bei ausdrücklicher Erlaubnis der Lehrkräfte nutzen dürfen.

Die bisherigen Regelungen zur Handynutzung haben sich an der Gemeinschaftsschule Nortorf nicht bewährt

Auch die Gemeinschaftsschule in Nortorf ist somit angehalten, die Handynutzung zu thematisieren. „Die zwei handyfreien Tage sollen dazu dienen, den Gebrauch zu reflektieren und in die Debatte zu kommen. Viele Lehrkräfte haben an diesen Tagen das Thema bewusst mit den Schülerinnen und Schülern besprochen“, sagt Schulleiter Timo Off. Die Schule hat bereits verschiedene Regelungen erprobt – aber keine war bisher zufriedenstellend. Zuerst gab es ein generelles Verbot der Handys, sowohl in Pausen als auch im Unterricht. „Das war sehr schwer durchzusetzen, denn Verstöße gab es ständig. Die Lehrkräfte waren viel damit beschäftigt; gleichzeitig wurden wir immer digitaler, Vertretungspläne und Hausaufgaben wurden auf dem Schulserver IServ abgelegt“, sagt Off. Die Schule entschied sich dann für unterschiedliche Regelungen je nach Klassenstufe. Ältere Schülerinnen und Schüler durften die Smartphones in der Pause und im Unterricht nutzen, jüngere nicht. Das erwies sich ebenfalls als wenig praktikabel, auf dem Schulhof vermischten sich die Jahrgänge.

Aktuell steht in der Schulordnung, dass die Handynutzung „unerwünscht“ ist. „Diese Formulierung hat Tür und Tor geöffnet. Für die Schülerinnen und Schüler ist ‚unerwünscht‘ gleichbedeutend mit ‚erlaubt‘“, sagt der Schulleiter. Es brauche nun dringend eine Änderung.

Hjördis Johnsen, Lehrerin für Religion, Biologie und Naturwissenschaften, hat die handyfreien Tage genutzt, um sich selbst und ihre Schülerinnen und Schüler zu befragen. Am ersten der beiden Tage hat sie bewusst auf alle digitalen Medien im Unterricht verzichtet. Um in das Thema „Tod und Sterben“ einzuführen, hatte sie eine Urne mitgebracht und gut sichtbar vorn auf dem Pult präsentiert.  „Normalerweise hätte ich auf dem Activeboard das Foto einer Urne gezeigt, aber dieser reelle Gegenstand hat das Thema für die Schülerinnen und Schüler viel begreifbarer gemacht“, sagt sie.

Am zweiten handyfreien Tag, drei Wochen später, hat sie den Unterricht gestaltet wie immer – mit Activeboard und Tablets. „Mir fehlte auch die Vorbereitungszeit“, gesteht sie. „Andererseits war es eine gute Gelegenheit, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, wann die Nutzung digitaler Geräte sinnvoll ist und wann nicht.“

In der Social-Media-Sprechstunde suchen Jugendliche, die ihre Handynutzung nicht im Griff haben, Hilfe

Johnsen ist sensibilisiert für die Gefahren der Handynutzung. Sie betreut die Social-Media-Sprechstunde, die die Schule im August nach dem Vorbild der Waldschule Hatten eingeführt hat. Schülerinnen und Schüler können sich hier Rat holen, wenn sie Verstörendes in den sozialen Medien gesehen haben, wenn sie sich in Chats ausgegrenzt fühlen oder wenn sie im Netz von Fremden angemacht werden. Nicht selten kommen auch Schülerinnen und Schüler, die sagen, dass sie ihre Handynutzung nicht im Griff haben, dass sie beispielsweise viel zu lange auf TikTok hängen bleiben und allein da nicht rauskommen, erzählt Johnsen. „Ein Handyverbot würde hier wenig nutzen. Im Gegenteil. Die Kinder sprechen über diese Probleme nicht mit ihren Eltern, weil sie befürchten, dann das Handy abgeben zu müssen.“

Hjördis Johnsen
©Florentine Anders

In der Sprechstunde erarbeitet Johnsen gemeinsam mit der Schülerin und mit dem Schüler einen Plan. Sie formulieren ein Ziel, verschiedene Schritte und mögliche Störfaktoren auf dem Weg. „Nicht ich bin es, die die Ratschläge gibt, wir überlegen gemeinsam, welche Schritte zum Ziel führen könnten“, sagt sie.

Für Jugendliche, die tatsächlich ein problematisches Nutzungsverhalten haben, ist so ein handyfreier Tag nicht hilfreich, findet sie. Sie habe beobachtet, wie Auseinandersetzungen auf dem Schulhof aggressiver wurden. Und einige hätten sich lieber gleich morgens krankgemeldet.

Als Johnsen in ihrer 11. Klasse am Ende des zweiten handyfreien Tages die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Einschätzung zu der Aktion fragt, sagten die meisten, sie fänden ein Handyverbot sinnlos, ja weltfremd.

„Wir suchen nach Formeln im Internet, haben unsere Hausaufgaben dort, genauso wie das 49 Euro-Ticket. Wir haben doch gerade erst angefangen, die Vorzüge der Digitalisierung in der Schule zu nutzen“, sagt eine Schülerin. Die anderen stimmen ihr zu. Die meisten haben ungeachtet des handyfreien Tages wie immer ihr privates Tablet und das Smartphone mit in der Schule.

Eine Schülerin, die sich in der Diskussion zurückgehalten hat, sagt hinterher leise: „Ich habe den handyfreien Tag richtig genossen. Es war eine gute Erfahrung.“ Morgens habe sie sich nach dem ersten Aufwachen noch mal umgedreht und weitergeschlafen, weil sie eine Freistunde hatte. Normalerweise hätte sie sofort auf die Nachrichten geschaut und wäre hellwach gewesen. An diesem Tag war der Chat stumm, dafür gab es mehr Gespräche in den Pausen.

Nach dem handyfreien Tag werden sich die Lehrkräfte in einem Schulentwicklungstag zum Thema Handyordnung verständigen. Auch Schülerinnen und Schüler bilden dann die Lehrkräfte fort und klären auf, wie und wofür sie Instagram und Co nutzen.

Das Stimmungsbild der Schülerinnen und Schüler wird Watomi einfangen, zuerst wird es eine Umfrage geben, natürlich mit dem Handy. Auf Instagram will er mit den anderen in die Diskussion kommen. „Das ist der Kanal, wo wir die Schülerinnen und Schüler am besten erreichen“, sagt er.