Dieser Artikel erschien am 31.07.2018 in der taz
Autorin: Leonie Gubela

Handy-Verbot : Schöne alte Welt

Frankreich verbannt Smartphones aus dem Unterricht. Das ist realitätsfern. Geschulte Lehrkräfte mit Digital-Kompetenz wären weitaus sinnvoller.

Eine Schülerin schreibt während der Hausaufgabenzeit Nachrichten.
Ein Handy neben dem Englischbuchfällt schneller auf als eins, das heimlich gecheckt wird.
©dpa

Smartphones gelten als ungesund. Sie machen angeblich die Daumen krumm, bremsen die Schwimm­geschwindig­keit der Spermien und lassen die Hals­wirbel erstarren. Konsequent nur, dass die Geräte in vielen Schulen auf der Sünden-Skala ähnlich hoch ein­geordnet sind wie die Kippe hinter der Turn­halle. In Frank­reich sollen sie künftig sogar per Gesetz aus Unter­richts­räumen und von Pausen­höfen verbannt werden. Das Handy­verbot wird an Vor­schulen, Grund­schulen und weiter­führenden Schulen gelten.

Das französische Parlament setzt damit ein Wahl­versprechen Emmanuel Macrons um. Und der feiert sich nun für Fort­schritt auf dem Bildungs­sektor – der aber leider in die falsche Richtung geht. Denn anstatt Zeit und Geld in eine sinnvolle Eingliederung der Geräte ins Curriculum zu investieren, simulieren französische (ähnliche wie auch jetzt schon bayerische) Schüler*innen und Lehrer*innen am Vor­mittag eine schöne alte Welt ohne Smart­phones, die – und das hat sich mittler­weile langsam heraus­kristallisiert – es so wohl nicht mehr geben wird.

Da Schule ja bekanntlich auf die Realität vorbereiten soll, gehören Handys und was man Bereicherndes mit ihnen anstellen kann, auf den Lehr­plan. Ein solches Verbot ist einfach nicht zeit­gemäß.

Vom Hausaufgaben­organiseren über Cloud-Apps, in denen Lehr­material zugänglich gemacht wird, bis hin zu Vokabel­trainern oder einem digitalen Kartei­karten­system: All das ist sinnvoll für den Alltag – wenn die jungen Smart­phone-Nutzer*innen nicht sowieso schon selbst heraus­gefunden haben, dass das Gerät mehr kann als WhatsApp und Insta­stories.

Keine Klassensprecher*in muss sich heute noch selbstlos dazu bereit erklären, Kisten mit Duden oder Brock­häusern aus dem verstaubten Raum neben dem Lehrerzimmer zu holen, wenn die gesamte Schüler­schaft die umfang­reichsten Nachschlage­werke stets in der Hosen­tasche hat. Bleibt der Lehrkraft die sehr wichtige Aufgabe, zu vermitteln, wie die Informations­flut im Netz richtig genutzt und unseriöse Angebote identifiziert werden können.

Kaum vorstellbar, wie zeitgemäß es wäre, Geräte mit einem White­board zu verbinden, um gemeinsam Tafel­bilder zu bearbeiten, Videos oder Audio­dateien vorzu­spielen oder Web­sites an die Wand zu werfen.

Laut einer Studie des Cornelsen-Verlags aus dem Jahr 2015 besitzt ein durch­­schnittliches deutsches Gymnasium lediglich 50 PCs und 25 Note­books, 4 Tablets und 7 White­boards für etwa 880 Kinder und ­Jugendliche. Wie praktisch, dass Schüler*innen diese Defizite in Budget und Ausstattung ihrer Bildungs­einrichtung durch eigenes Equipment ausgleichen können.

Wenn das Smartphone geduldetes Hilfsmittel oder Untersuchungs­gegen­stand im Unter­richt würde, ließe sich sein Umgang sehr viel besser kontrollieren. Geräte gleich neben dem Englisch­buch sind schneller über­blickt als die, die heimlich aus der Tasche gezogen und unter dem Tisch gecheckt werden.

Cybermobbing spielt sich rund um die Uhr ab

Mit dem Handyverbot will die französische Regierung erreichen, dass sich Schüler*innen wieder besser konzentrieren können. Auch Mobbing­fälle sollen verringert werden, wenn das Smart­phone in der Schule verboten ist. Die Begründung: Ohne Handy lässt sich keine Schul­hof­prügelei filmen.

Der Gedanke aber ist paradox: Wenn die Schlägerei schon der Lehrer­schaft entgeht, bleibt das heimlich mit­geführte Smart­phone zum Filmen sehr wahrscheinlich auch unentdeckt. Cyber­mobbing ist zweifels­ohne ein großes Problem. Aber es spielt sich rund um die Uhr ab. Smartphone-Verbote halten Schüler*innen nicht davon ab, nach Schul­schluss Beleidigungen und Gerüchte auf sozialen Netz­werken zu verbreiten.

Umso wichtiger, dass das Thema immer wieder im Unterricht besprochen wird und dafür kompetente Lehrer*innen über die sozialen Mechanismen von Snapchat, Facebook und Co. aufklären und mit den Schüler*innen diskutieren.

Immerhin ist das Smartphone-Verbot eine gute Nachricht für diejenigen, die noch so richtig „old school“ rebellieren wollen: Ist die Pausen­aufsicht mit der Handy­jagd auf dem Schul­hof beschäftigt, raucht sich die Zigarette hinter der Turn­halle gleich viel entspannter.

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