Deutsches Lehrerforum : Gute Ideen für mehr Demokratie im Schulalltag

Die diesjährige Jahresveranstaltung des Deutschen Lehrerforums fand zu einem brisanten Thema statt: „Haltung zeigen! Demokratie lehren, lernen und leben“ lautete das Motto. Dabei brachten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst ihre Projektideen ein und diskutierten ihre Ansätze mit anderen. Das Schulportal stellt drei Ideen aus der Praxis vor. Bei den ausgewählten Projekten geht es vor allem darum, zu zeigen, mit welchen konkreten Maßnahmen Demokratie im Schulalltag gelebt werden kann.

Florentine Anders / 16. September 2019
Ein Lehrer schreibt Demokratie an die Tafel
Auf dem fünften Deutschen Lehrerforum in Bad Boll drehte sich vom 12. bis 14. September 2019 alles um Demokratiebildung in der Schule.
©dpa

Kommunikationstraining an der Hausbergschule Butzbach: An der Hausbergschule in Hessen gibt es seit vielen Jahren ein Klassensprechertreffen und seit drei Jahren wieder den Klassenrat. Anfangs hatten die Schülerinnen und Schüler wenig zu sagen, wenig Wünsche und Ideen. „Offensichtich waren sie nicht gewohnt, offen ihre Meinung auszusprechen, hatten möglicherweise Angst, etwas zu sagen, das direkt in richtig oder falsch kategorisiert wird” erzählt Sabine Kling-Jetzen, die als Sozialpädagogin die Moderation des Klassensprechertreffens übernahm. „Es ist wichtig, dass sich die Kinder auch mit scheinbar lustigen und unkonventionellen Ideen ernst genommen erleben, dass wir mit ihnen nach ihrem Bedürfnis hinter der Idee forschen und nach umsetzbaren Strategien, die die Schule in ihrem Sinne verschönern“, sagt die Sozialpädagogin.

Seither durchlaufen alle Kinder an der Schule ab der zweiten Klasse ein Training nach den vier Schritten der gewaltfreien Kommunikation von Marshall Rosenberg. Dabei lernen sie, dass ihre Stimme ernst genommen wird. „Unsere Sprache verhindert häufig ungewollt, dass Kinder sagen, was sie wollen“, sagt Kling-Jetzen.

Zuerst lernen die Kinder die sogenannte Giraffensprache

Im ersten Halbjahr der zweiten Jahrgangsstufe lernen die Kinder die sogenannte Giraffensprache, die dabei hilft, Konflikte zu lösen oder sich über unterschiedliche Meinungen zu verständigen. „Die Giraffe hat ein großes Herz, sie kann stacheliges Dornengestrüpp verdauen und hat mit ihrem langen Hals einen guten Überblick“, erklärt Kling-Jetzen. Das heißt, die Kinder lernen, Verständnis für den anderen zu entwickeln, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden sein müssen. Auch die Lehrkräfte lernen durch das Training dazu. „Diese Form der Kommunikation hat die Demokratie an der Schule stark befeuert“, sagt Kling-Jetzen. Inzwischen hätten die Klassensprecherinnen und Klassensprecher keine Hemmungen mehr, ihre Anträge in die Gesamtkonferenz einzubringen. Sei es der Wunsch nach einem Weihnachtsbaum im Winter oder nach einer Wasserrutsche im Sommer.

Beschwerdemanagement an der Elisabeth-Knipping-Schule in Kassel: Eigentlich hatten sich die Studierenden an der Fachschule für Sozialwesen im Unterricht mit Modellen auseinandergesetzt, wie sie im Kita-Alltag die Kinder ermutigen können, ihre Beschwerden einzubringen. Dabei kam die Frage auf, warum es an der Fachschule selbst kein solches Beschwerdemanagement gibt. Also setzten die angehenden Erzieherinnen und Erzieher an ihrer Schule um, was sie im Unterricht gelernt hatten.

Gemeinsam haben Lehrkräfte und Studierende ein klar geregeltes Verfahren in mehreren Stufen entwickelt: „Um zu entscheiden, an welche Instanz ich mich wende, muss ich mir zunächst darüber klar werden, welcher Art meine Beschwerde ist“, erklärt die Lehrerin Juliane Gerber. Handelt es sich um ein persönliches Problem, oder ist es eher ein strukturelles Problem? Dann gilt es zu entscheiden, in welcher Form und in welcher Instanz die Beschwerde eingebracht wird. Es folgt ein Gesprächstermin, in dem Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen werden. Und schließlich gibt es einen verbindlichen Termin, an dem überprüft wird, ob das Problem tatsächlich gelöst wurde.

Jede Beschwerde wird dokumentiert

Jede Beschwerde muss an der Fachschule dokumentiert werden. Eine Einschränkung gilt bei personenbezogenen Beschwerden. Hier wird der Vorgang nur dokumentiert, wenn alle Beteiligten einverstanden sind. Zu Beginn jedes Schuljahres werden die neuen Studentinnen und Studenten über das Beschwerdeverfahren aufgeklärt. „Das wirkt sich positiv auf das gesamte Schulklima aus“, sagt Juliane Gerber. Die Studierenden würden sich ernst genommen fühlen, es gebe weniger Gemecker, dafür eher konstruktive Kritik.

Demokratie leben mit Debattierclub und Schülerzeitung: Mai Ma und Katharina Ringler kamen vor einem Jahr als Teach First Fellows an die Grundschulen in den sächsischen Kleinstädten Pirna und Hohenstein-Ernstthal. Schülerinnen und Schüler, die sich auf dem Schulhof wegen ihrer Herkunft oder wegen festgefahrener Rollenbilder untereinander ausgrenzten, stellten die Fellows immer wieder vor Herausforderungen. Also haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, demokratische Werte im Schulalltag zu bewahren und zu fördern. Dafür haben die beiden Fellows einen Koffer an Methoden zusammengestellt, den sie auf dem Deutschen Lehrerforum 2019 vorgestellt haben.

Abstimmung über Methoden im Unterricht mit roten und grünen Karten

„Es sind viele kleine Dinge im Schulalltag, die einfach umzusetzen sind“, sagt Mai Ma. Dazu gehört es beispielsweise, möglichst viel Verantwortung an die Schülerinnen und Schüler abzugeben, sei es bei der Überprüfung der Anwesenheit oder bei der Pausenaufsicht. Die Schülerinnen und Schüler würden sich so stärker beteiligt fühlen.

Auch bei der Unterrichtsgestaltung können die Kinder mitbestimmen. Die Lehrkräfte lassen die Klasse über bestimmte Methoden mit roten und grünen Karten abstimmen. An der Karl-May-Grundschule in Hohenstein-Ernstthal gibt es einen Debattierclub, in dem die Kinder lernen, ihre Meinung zu formulieren. Die Schülerinnen und Schüler haben sich sogar schon mit dem Bürgermeister getroffen, um ihn von ihrer Idee zu überzeugen, Obstbäume in der Stadt zu pflanzen.  An der Grundschule Pirna-Sonnenstein haben die Kinder die Schülerzeitung als Forum entdeckt, um ihre Anliegen und Ideen zu formulieren.

Mehr zum Thema

  • Auf dem fünften Deutschen Lehrerforum in Bad Boll drehte sich vom 12. bis 14. September 2019 alles um Demokratiebildung in der Schule.
  • Lehrerinnen und Lehrer aus ganz Deutschland diskutierten miteinander, wie Schülerinnen und Schülern demokratische Werte vermittelt und eine demokratische Haltung und Kultur im Schulalltag gelebt werden können.
  • Diese zwölf Projekte zum Thema „Haltung zeigen! Demokratie lehren, lernen und leben” werden aus dem Projektfonds des Deutschen Lehrerforums mit jeweils 1.000 Euro gefördert: Lernen mit Achtsamkeit, Siebold-Gymnasium, Würzburg; Bürger-Brunch der Gruppe KraftART, Berufskolleg Kreis Höxter, Brakel; Bunt, freundlich und friedlich, Hausbergschule Butzbach; Demokratie (er-)leben, Luisenschule Kassel; Interaktive Internetseite über Hagen in der NS-Zeit, Rahel Varnhagen Kolleg, Hagen; Macht der Worte – Haltung, Hip-Hop und Demokratie, Kopernikus Gymnasium Lintorf, Ratingen; Mutbotschafter*innen werden, 4. Aachener Gesamtschule, Aachen; SchülerzeuX – Ein Schülershop als Lernort von Organisation und demokratischer Zusammenarbeit, Georg-Forster-Gesamtschule, Wörrstadt; Aufbau einer Schulimkerei, Käthe-Kollwitz-Schule, Wetzlar; Das Toleranzfestival der RBG Hildesheim, Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim; Das Unterrichtsfach „Verantwortung”, Ganztags-und Gemeinschaftsschule G.E. Lessing, Salzwedel; WIR für Vielfalt und Toleranz, Schönwerth-Realschule Amberg