Erste Klasse : Wie sich die Corona-Krise auf den Schulanfang auswirkt

Für die Kinder, die in diesem Jahr in die Schule kamen, war es meist ein abrupter Start. Die Corona-Pandemie hat vorher kaum Begegnungen zwischen Kita und Grundschule erlaubt. Und vielerorts konnten auch keine Einschulungsuntersuchungen stattfinden, um festzustellen, wie weit die Kinder in ihrer Entwicklung sind und wo Förderbedarfe sind. Wie hat sich das auf den Schulanfang ausgewirkt? Das Schulportal hat bei der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen nachgefragt.

Annette Kuhn / 14. Dezember 2020
Schulanfang Lufballon mit Wort Schule und Kindergarten durchgestrichen
Es ist ein großer Sprung für Kinder, wenn sie von der Kita in die Schule kommen. Durch die Corona-Krise kann dieser Übergang erschwert werden.
©Jens Büttner/dpa-Zentralbild

Wer zurzeit mit Monika Triba spricht, hört oft das Wort „normalerweise“. Normalerweise gebe es in den Monaten vor dem Schulanfang viele Begegnungen zwischen den Kitas und der Grundschule, sagt die Leiterin der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen. Normalerweise gebe es immer kurz vor Schulbeginn ein Treffen mit der Schulärztin, um über mögliche Bedarfe der Kinder zu sprechen.

Aber in den vergangenen Monaten war in den Schulen kaum etwas normal. Weil sich Lerngruppen nicht mischen konnten, gab es wenig Austausch zwischen Kita und Schule. Und weil die Amtsärztinnen und Amtsärzte mit der Eindämmung der Corona-Pandemie alle Hände voll zu tun hatten, fanden kaum Einschulungsuntersuchungen statt.

Grundschule am Buntentorsteinweg praktiziert fließenden Übergang

Das hat auch das Schulleben an der Bremer Grundschule durcheinandergebracht. Die Ganztagsschule hat vor zehn Jahren ein Konzept entwickelt, um Kindern einen gleitenden Übergang von der Kita in die Schule zu ermöglichen. Ziel dabei ist es, die individuelle Entwicklung stärker zu berücksichtigen. Eingeschult werden alle Kinder nach den Sommerferien. Aber wenn ein Kind noch nicht reif genug für den Schulalltag ist, kann es im ersten Schulhalbjahr noch zwischen Kita und Grundschule wechseln. Das heißt, es ist zunächst vielleicht nur einige Stunden, Tage oder für bestimmte Fächer in der Schule und verbringt die restliche Zeit noch weiter in der Kita. Nach und nach erhöht sich die Zeit in der Schule. Spätestens zum Halbjahreswechsel ist es dann ganz in der Schule angekommen.

Die Corona-Krise wird auf die Kinder Auswirkungen haben, deren Dimension wir jetzt noch gar nicht absehen können.
Monika Triba, Leiterin der Grundschule am Buntentorsteinweg

So läuft es normalerweise zum Schulanfang. Und normalerweise sind etwa drei bis fünf Kinder in diesem flexiblen Modell. „Aber unser Konzept ist unter Corona kaum durchführbar“, sagt Monika Triba. Es vertrage sich nicht mit dem Prinzip der festen Lerngruppen. Allerdings hätte in diesem Jahr nur ein Kind den flexiblen Übergang gebraucht. Und die meiste Zeit könne es jetzt auch schon in der Schule sein. Triba nennt es einen glücklichen Zufall in diesen Zeiten.

Insgesamt habe sie keine großen Auswirkungen der Corona-Krise bei den jetzigen Erstklässlerinnen und Erstklässlern festgestellt. „Die Kinder, die jetzt in die Schule gekommen sind, hatten ja noch ein relativ normales Kitajahr“, sagt sie, „und auch viele der gegenseitigen Besuche zwischen Kita und Grundschule hatten schon vor den Schulschließungen im März stattgefunden.“ Das Ankommen in der Schule sei in diesem Jahr aber trotzdem anders gewesen.

Weniger Räume für die sozial-emotionale Entwicklung

Das hat die Schulleiterin allein beim Patensystem gesehen: „Die Kinder lernen bei uns in jahrgangsgemischten Gruppen, und die Kinder der zweiten Klasse werden immer Paten für die Erstklässlerinnen und Erstklässler.“ In diesem Jahr habe man deutlich gemerkt, dass die älteren Kinder viel weniger Erfahrung hatten, „die Verlässlichkeit ist noch nicht so da“. Das übertrage sich natürlich auch auf die jüngeren Kinder. Und es gab weniger Raum für die sozial-emotionale Entwicklung. Zum Beispiel fanden in diesem und auch schon im vorherigen Schuljahr weniger Ausflüge statt, bei denen die Kinder hätten lernen können, aufeinander achtzugeben.

Auch gab es weniger Möglichkeiten in diesem Schuljahr, sich auf die individuellen Bedarfe der Kinder im Vorfeld einzustellen. Wegen des Wegfalls der Einschulungsuntersuchungen in vielen Bundesländern konnten Bedarfe und Probleme möglicherweise nicht erkannt werden. Und es gab weniger Rückstellungen, auch wenn dies für die Kinder vielleicht besser gewesen wäre. Ursprünglich sollten die Untersuchungen zwar später nachgeholt werden, aber da es nach dem Sommer wegen der Nachverfolgung der Corona-Infektionen weiterhin keine freien Kapazitäten bei den Gesundheitsämtern gab, konnte auch dieser Termin nicht eingehalten werden.

Schere zwischen den Kindern geht schon beim Schulanfang weiter auseinander

Ursula Carle vom Grundschulverband misst den schulärztlichen Untersuchungen allerdings nicht zu viel Gewicht bei. „Für entscheidender halte ich die Eingangsuntersuchungen bei Schulbeginn durch die Lehrkräfte, damit sie wissen, wo sie im Unterricht ansetzen können“, sagt die emeritierte Professorin für Elementar- und Grundschulpädagogik. Und diese Untersuchungen hätten ja stattfinden können.

Problematischer findet sie, dass wegen der Corona-Krise der Übergang von der Kita in die Grundschule oft abrupt verlief. „Es gab zwar Absprachen zwischen Erzieherinnen und Lehrkräften, aber die Kinder hatten nur wenig Möglichkeiten, Einblick in ihre zukünftige Schule zu gewinnen“, sagt Ursula Carle. Und eine reguläre Verabschiedung hat es auch nicht überall in den Kitas geben können.

„Das hat für Unsicherheit gesorgt“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Grundschulverbandes – nicht nur bei den Kindern, auch bei den Eltern. Sie hat beobachtet, dass einige Eltern aus Angst, ihre Kinder könnten einen schlechten Schulanfang erleben, mit großer Intensität die vorschulische Arbeit übernommen hätten. Andere Kinder wiederum hätten keinerlei Förderung gehabt.

Meine Befürchtung ist, dass etliche Errungenschaften für einen lebendigen, kindgerechten Unterricht jetzt verloren gehen können.
Ursula Carle, stellvertretende Vorsitzende des Grundschulverbandes

Die Bildungsexpertin fürchtet daher, dass die Schere zwischen den jetzt eingeschulten Kindern noch größer wird, als sie ohnehin schon ist. Eine Möglichkeit, diese Heterogenität aufzufangen, sieht sie in jahrgangsgemischten Lerngruppen mit breit gefächerter Differenzierung und flexibler Verweildauer.

Ähnlich wie die Leiterin der Grundschule am Buntentorsteinweg hat Ursula Carle allerdings nicht nur die jüngsten Schulkinder, sondern auch die jetzigen Zweitklässlerinnen und Zweitklässler im Blick. „Viele Lernprozesse, zum Beispiel der sensible Schriftspracherwerb, wurden ja mit den Schulschließungen unterbrochen und ließen sich nicht im Fernunterricht fortführen.“ Auch hier sei jahrgangsgemischter Unterricht von Vorteil.

 Treffen zwischen Kita und Grundschule können vor dem Schulanfang nicht stattfinden

Und sie fürchtet um den Einschulungsjahrgang im kommenden Schuljahr. Die Unterbrechung in der Kita hätte sich auch bei diesen Kindern bemerkbar gemacht, und ein Austausch zwischen ihrer Kita und der künftigen Grundschule könne noch weniger gepflegt werden. Außerdem hätten die Kitakinder vielleicht größere Geschwister, die Probleme mit dem Lernen im Fernunterricht hatten. Diese Ängste und Hürden könnten sich auf die Jüngeren beim Schulanfang übertragen.

„Gerade das kooperative, produktive und spielerische Lernen hat durch die Einschränkungen im Rahmen der Pandemie gelitten“, führt Ursula Carle weiter aus. Sie denkt dabei an Projekte und die Präsentation der kreativen Ergebnisse vor den Eltern und der Schulöffentlichkeit. An die Diskussion unterschiedlicher Lösungswege und Schreibkonferenzen im Unterricht, an Besuche von außerschulischen Lernorten. „Meine Befürchtung ist, dass etliche Errungenschaften für einen lebendigen, kindgerechten Unterricht jetzt verloren gehen können.“

Auch Monika Triba sorgt sich um die zukünftigen Erstklässlerinnen und Erstklässler. Treffen zwischen den Kitakindern und den Lerngruppen der Grundschule am Buntentorsteinweg waren in diesem Schuljahr bislang noch nicht möglich. Was das für die Kinder und ihren Schulanfang bedeutet, kann sie noch nicht abschätzen. Aber sie ist sich sicher: „Die Corona-Krise wird auf die Kinder Auswirkungen haben, deren Dimension wir jetzt noch gar nicht absehen können.“

Konzeptfilm

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der Film zeigt, wie die Grundschule am Buntentorsteinweg die Einschulungsphase gestaltet und wie sie mit den Kitas im Umfeld zusammenarbeitet, um den Kindern einen guten Übergang in die Schule zu ermöglichen.