Gemeinschaftsschule Wenigenjena : Umgang mit dem Krieg – eine Schule verfasst Empfehlungen

Die Gemeinschaftsschule Wenigenjena in Thüringen hat ein Konzept für den Umgang mit dem Krieg in der Ukraine entwickelt. Die Empfehlungen beruhen vor allem auf den Wünschen und Vorschlägen der Schülerinnen und Schüler. Für Schulleiter Axel Weyrauch gehört es zur Demokratiebildung, dass Kinder und Jugendliche gerade in einer solchen Situation Gehör finden.

Annette Kuhn 11. März 2022 Aktualisiert am 22. August 2022
Schulleiter Axel Weyrauch vor der Gemeinschaftsschule Wenigenjena
Schulleiter Axel Weyrauch will die Gemeinschaftsschule Wenigenjena auch in dieser unsicheren Zeit für die Kinder und Jugendlichen zu einem sicheren Ort machen.
©Annette Kuhn

Im Foyer der Gemeinschaftsschule Wenigenjena im thüringischen Jena geht es an diesem Morgen trubelig zu. Gerade wird ein großes Kuchenbüfett für die große Pause aufgebaut. Schülerinnen und Schüler rücken Tische zurecht, es duftet nach Frischgebackenem. Klassische Schulwelt. Und doch ist an diesem ersten Donnerstag im März 2022 alles anders: Es ist genau eine Woche nach Beginn des Kriegs in der Ukraine.

Und so dient der Kuchenverkauf in der Gemeinschaftsschule Wenigenjena auch nicht dazu, die nächste Klassenfahrt oder das nächste Schulfest zu finanzieren, sondern um Menschen in Not zu helfen. Und: Der Kuchenverkauf hilft auch dabei, durch eigenes Handeln der Ohnmacht ein wenig zu entkommen.

Nicht nur im Moment handeln, sondern langfristig mit der Situation umgehen

Eine gewisse Ohnmacht erlebt auch Schulleiter Axel Weyrauch. „Im Gegensatz zur Pandemie können wir selbst nichts an dieser Situation ändern“, sagt er. Aber er hat in der ersten Woche nach Beginn des Krieges dennoch schon viel in der Schule angestoßen. Ihm geht es vor allem darum, dass die Schülerinnen und Schüler trotz der bedrohlichen Lage ihre Schule als einen sicheren Ort zu erleben. „So dramatisch die Situation ist – wir wollen Ruhe bewahren und in Schritten vorgehen“, so Weyrauch.

Schülerinnen und Schüler sollen in der Schule Raum finden, zu sprechen, Gedanken und Ängste zu teilen, auch um Gemeinschaft und Zusammenhalt zu erleben. Aktionen wie der Kuchenverkauf helfen im Umgang mit dem Krieg. Und auch der Hilfsaktion auf Initiative von Pädagoginnen des Förderzentrums, die mit im Schulgebäude arbeiten, haben sich alle in der Schule – und vor allem auch die Eltern – gleich in den ersten Tagen angeschlossen: Sie haben Sachspenden in der Schule gesammelt, die mit einem Transporter in die Ukraine gebracht wurden.

Kinder haben eine sehr gute Intuition, was für sie wichtig ist.

Dem Schulleiter ist es ein Anliegen, dass die Schule nicht nur in der akuten Lage reagiert, sondern auch langfristig einen Umgang mit der Situation findet. Zwei Schultage nach Kriegsausbruch hat er sich daher mit den Schülersprecherinnen und Schülersprechern der Schule zusammengesetzt, um herauszufinden, was die Kinder und Jugendlichen brauchen und wie die Schule weiter vorgehen soll.

Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler im Zentrum

Die Ergebnisse des Treffens hat er im Anschluss mit der erweiterten Leitung beraten und den Elternsprecherinnen und Elternsprechern vorgestellt. Daraus haben sich dann sechs Empfehlungen für die Arbeit der Schule im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine ergeben. „Die sechs Punkte beruhen in erster Linie auf den Wünschen und Vorschlägen der Schülerinnen und Schüler – wir haben da nicht viel ergänzt“, betont Axel Weyrauch, „Kinder haben eine sehr gute Intuition, was für sie wichtig ist.“

Die sechs Empfehlungen zum Umgang mit dem Krieg in der Schule

  1. Wir sollten alle den Schüler:innen und Klassen den Raum für Gespräche geben, wenn Einzelne oder Klassen dies erkennbar von uns wünschen. Die Schülersprecher:innen haben die Bitte, dass für die Klassen ihre Schule weiterhin ein real und auch emotional sicherer Ort bleibt und wir über die wichtigen Dinge sprechen.
  2. Im ersten Schritt geht es um die Akzeptanz und den Respekt vor den Emotionen, auch mancher aktuellen Sprachlosigkeit und der Unsicherheit der Schüler:innen (und auch Kolleg:innen). Verstärken oder gar herausfordern sollten wir Emotionen nicht.
  3. Eine Klärung von beantwortbaren Fragen und eine altersangemessene Betrachtung von Details eines komplexen Problems hilft den Schüler:innen beim schrittweisen Verstehen bzw. Erfassen. Dafür sollte vor allem im Fachunterricht Raum sein. Relevante Inhalte sind legitime Inhalte, und es gibt dazu auch Lehrplanbezüge. Es ist aktuell auch völlig normal zu sagen, dass wir etwas nicht wissen, wenn es auch so ist.
  4. In den Teams der Klassenstufen 1 bis 6 wird beraten, wie für alle Schüler:innen verlässliche, freiwillig nutzbare Gesprächsmöglichkeiten im Laufe eines jedes Schultags geschaffen werden können (Zeit für die individuelle Sorge, Idee oder den Hinweis auf etwas, was jemandem wichtig ist). In den Jahrgängen 7 bis 11 sollten auch altersangemessene Formate mit diesem Ziel gefunden werden.
  5. Die Krise und die Emotionen dürfen nicht zum bestimmenden Thema eines ganzen Tages werden. Unsere Schüler:innen und auch wir brauchen immer wieder Abstand, körperliche und geistige Bewegung, Erfahrungen erfolgreichen Handelns und Lernens – und auch Lachen, wenn es passt.
  6. Schüler:innen möchten auch handeln und etwas für flüchtende oder in Not befindliche Kinder und deren Familien tun. Dafür werden in den Klassen Ideen entstehen, die auch zwischen den Schülersprecher:innen kommuniziert werden.

Die Schulgemeinschaft will sich nun regelmäßig treffen, um über die sechs Punkte zu sprechen und zu schauen, wo vielleicht nachgesteuert werden muss. Für Weyrauch ist es wichtig, dass die Schule mit großer Offenheit in diesen Prozess geht und die Schülerinnen und Schüler darin beteiligt werden.

Medienkompetenz spielt jetzt eine wichtige Rolle

Außerdem will Weyrauch den Austausch der Schülerinnen und Schüler untereinander fördern. Gerade was die Nutzung und die Gefahren von Medien anbelangt, sieht er großen Bedarf. Es gebe hier eine große Differenz zwischen den Generationen. Eltern und Lehrkräfte wissen oft nur wenig über die Kanäle und Netzwerke, die Kinder und Jugendliche nutzen. Daher sei die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler untereinander gefragt. „Wenn sie sich im Umgang mit sozialen Medien gegenseitig unterstützen und aufeinander achten, kommen Kinder und Jugendliche ein Stück weit selbst in die pädagogische Verantwortung“, so die Überzeugung des Schulleiters.

Das Fachliche ist die eine Seite, genauso wichtig ist aber zu verstehen, was die Situation mit uns macht.

Aber natürlich überlässt die Schule das Thema Medienkompetenz nicht allein den Schülerinnen und Schülern. Die Vermittlung von Medienkompetenz sei immer – nicht nur in der aktuellen Situation – von der ersten Klassenstufe an eine zentrale, noch nicht erfüllte Aufgabe der Schule, findet Axel Weyrauch.

Im Unterricht altersgerecht die Hintergründe des Krieges und der Folgen für alle zu beleuchten ist eine Aufgabe, auf die keine Lehrkraft vorbereitet ist. Aus Sicht des Schulleiters braucht es dafür Zeit, mehrperspektivisches Herangehen, und es muss weit über die reine Geschichtsvermittlung hinausgehen. „Das Fachliche ist die eine Seite – genauso wichtig ist aber zu verstehen, was die Situation mit uns macht“, sagt Weyrauch. Als wichtige Aufgabe von Schule betrachtet er es, dass sich Schülerinnen und Schüler der Situation nicht ausgeliefert fühlen, sondern ins Handeln kommen und die Situation begreifen. Im ersten Schritt helfe im Umgang mit dem Krieg der Kuchenverkauf, aber dabei dürfe es nicht bleiben.

Kinder und Jugendliche in ihrem demokratischen Handeln stärken

Der Schlüssel für die Verarbeitung liegt für den Schulleiter in der Demokratiebildung. „Schülerinnen und Schüler müssen lernen, wie demokratische Prozesse ablaufen, und selbst in ihrem demokratischen Handeln gestärkt werden.“ Auch darum ist ihm so wichtig, dass die Schülerschaft bei der Bewältigung dieser Situation stark miteinbezogen wird. „Die Stimme der Schülerinnen und Schüler findet oft zu wenig Gehör.“

Was Axel Weyrauch jetzt außerdem Sorgen bereitet, ist, dass die neue bedrohliche Lage Kinder und Jugendliche in einer Verfassung trifft, in der sie noch mit den psychosozialen Folgen der Pandemie zu kämpfen haben. „Bei vielen Schülerinnen und Schüler haben schon die coronabedingten Einschränkungen für Entwicklungsverzögerungen gesorgt“, beobachtet er, das sei eine schwierige Ausgangslage für die Bewältigung der neuen Herausforderung.

Eine hohe Belastung auch für die Lehrkräfte

Und auch um seine Lehrkräfte macht sich Weyrauch Sorgen – vor allem für die jüngere Generation. Für sie sei ein Krieg unvorstellbar gewesen, viele haben auch nicht mal über ihre Eltern Berührung mit Kriegsgeschehen gehabt. Nun müssten sie in zweifacher Hinsicht reagieren: sowohl als Pädagoginnen und Pädagogen, aber auch als Eltern ihren eigenen Kindern gegenüber.

Es sind viele Aufgaben, die alle Lehrkräfte und der Schulleiter gerade zu bewältigen haben. Bei Axel Weyrauch hat die Zeit zum Kuchenkauf an diesem Donnerstag daher nicht gereicht. Die große Pause ist schon vorbei, das Büfett wieder abgebaut – und kein Kuchenkrümel mehr übrig. Es wird aber nicht die letzte Aktion gewesen sein, in der die Schule versucht, aktiv mit der derzeitigen Lage umzugehen und die Gemeinschaft in dieser herausfordernden Zeit zu stärken.

Wie gehen Sie an Ihrer Schule mit der Situation um?

Wir freuen uns, wenn Sie mit uns Ihre Pläne und Konzepte teilen, wie Sie im Unterricht und im Schulalltag mit der Kriegssituation umgehen.

  • Wie thematisieren Sie den Ukraine-Krieg mit Ihren Schülerinnen und Schülern?
  • Wie vermitteln Sie Ihren Schülerinnen und Schülern Sicherheit?
  • Wie gehen Sie als Lehrkraft mit Ihren eigenen Ängsten um?

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