Dieser Artikel erschien am 13.09.2018 auf ZEIT Online
Autor: Parvin Sadigh

#MeToo : Girls Day ja, Teilzeit für Väter nein

Leistung, Mathe und #Metoo: Laut ifo-Bildungs­baro­meter wünschen sich Deutsche Diskussionen über Gleich­berechtigung im Unter­richt, bleiben aber lieber in der Theorie.

Eien Schülerin rechnet an der Tafel
Mädchen glauben oft, sie seien nicht gut in Mathe.
©dpa

#MeToo im Unterricht? Ungleiche Bezahlung? Macht­miss­brauch? Das ifo-Bildungs­baro­meter 2018 hat 4.000 Erwachsene und 1.000 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren nach Geschlechter­themen und Gleich­stellung in der Bildung befragt. Die Ergebnisse zeigen: Schüler­innen wie Erwachsene sind offen für Diskussionen – auch über Sexualität und sexuelle Gewalt – aller­dings nicht für einen gleich­berechtigten Lebens­stil.

Wie die Umfrage zeigt, hält die Mehrheit der Befragten die #MeToo-Debatte für wichtig und richtig – wie zu erwarten sind es mehr Frauen als Männer. 45 Prozent der Frauen und 30 Prozent der Männer sehen sexuelle Belästigung in Deutsch­land als ernst­haftes Problem an. Immer­hin über drei Viertel der Männer und Frauen finden, dass im Schul­unter­richt Themen wie Gleich­stellung, Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung behandelt werden sollen – und zwar auch schon an der Grund­schule. Auch die Jugendlichen wollen #MeToo im Unter­richt. Auch wenn über sexuelle Belästigung deutlich mehr Mädchen reden wollen als Jungen. Vielleicht ein guter Hinweis darauf, wie wichtig es ist, sie für das Thema spätestens in diesem Alter zu sensibilisieren.

Generell sind die Deutschen aufgeschlossen, wenn es um Sexualität im Unter­richt geht. Sexual­kunde solle in der Grund­schule und in der weiter­führenden Schule statt­finden, nur für den Kinder­garten findet sich noch keine Mehr­heit der Erwachsenen. Laut­starke Eltern­proteste, wenn in der Schule etwa über Toleranz gegenüber Homo­sexuellen gesprochen werden soll, spiegeln nicht die Mehr­heits­meinung wider. Sexuelle Vielfalt soll im Unter­richt thematisiert werden, sagen viele der Befragten. Was die Studie nicht beantwortet: Wie verbindlich und in welchen Fächern Geschlechter­gerechtig­keit und sexuelle Belästigung besprochen werden sollten.

Mütter sollen Teil­zeit arbeiten

Erstaunlich wenig offen sind die Deutschen laut ifo-Bildungs­baro­meter hingegen, wenn es darum geht, traditionelle Familien­modelle aufzu­brechen. Ein Grund, warum Frauen weniger verdienen als Männer, ist, dass sie öfter Teil­zeit arbeiten und damit seltener in an­spruchs­volle Jobs oder Führungs­rollen hinein­finden. Aber deutlich mehr als die Hälfte der Befragten (65 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen) finden, dass Mütter weniger als 20 Stunden in der Woche arbeiten sollten, wenn ihre Kinder jünger als sechs Jahre sind. Männer sollten mehr als 30 Stunden arbeiten – das befür­worten beide Geschlechter.

Noch erstaunlicher ist, dass die Zahlen sich bei den Jugendlichen nicht wesentlich unter­scheiden. Knapp 60 Prozent der Mädchen, aber nur knapp 20 Prozent der Jungen wollen später einmal höchstens 20 Stunden pro Woche arbeiten, wenn sie kleine Kinder haben. Etwa 40 Prozent der Mädchen, aber 80 Prozent der Jungen wollen mehr als 30 Stunden arbeiten. Viele Mädchen wollen sich ihren Wunsch­beruf unter anderem danach aus­suchen, ob Teil­zeit möglich ist. Jungen eher nicht. Leider wurde nicht danach gefragt, wie es mit einer Stunden­zahl zwischen 25 und 35 aus­sieht. Vielleicht wäre das Ergebnis gleich­mäßiger aus­gefallen?

Lieber keine Quote

Ein anderer Grund für die schlechte Bezahlung von Frauen ist, dass sie die pflegenden und erziehenden Berufe, in denen man weniger Geld verdient, den technischen und natur­wissen­schaftlichen vor­ziehen. Hier befür­worten viele der befragten Erwachsenen die Maß­nahmen, die bis­lang leider recht erfolglos Mädchen für technische oder natur­wissen­schaftliche Berufe begeistern sollen. Den Girls Day etwa und parallel den Boys Day, um die Jungen umgekehrt für Pflege- und Erzieher­jobs zu interessieren. Auch spezielle Stipendien für Mädchen in Studien­fächern wie Infor­matik, Mathe oder Natur­wissen­schaften würden viele gut­heißen. Für eine Quote etwa an Hoch­schulen ist jedoch nur eine relative Mehr­heit unter den Frauen, da sind die Deutschen noch gespalten.

Nicht überzeugend finden die Befragten es, Mädchen und Jungen zu trennen, weder in reinen Mädchen- oder Jungen­schulen noch im Mathe- oder Sprachen­unter­richt. Die Theorie dahinter ist, dass Schüler­innen in Mathe oder in den Natur­wissen­schaften unbefangener lernen könnten, wenn sie nicht mit Schülern konkurrieren. Umgekehrt soll dasselbe für die Jungen in Sprachen gelten. Wissen­schaftlich belegt ist sie aller­dings nicht. Auch die Jugendlichen über­zeugt dieses Konzept nicht. Höchstens im Sport – hier bliebe gut die Hälfte der Mädchen gerne unter sich. Dabei geht es aber wohl eher darum, ihre pubertierenden Körper nicht dem anderen Geschlecht vor­führen zu müssen.

Jugendliche wollen Noten und ein­heitliche Leistungs­tests

Allerdings glaubt weder die Mehrheit der Erwachsenen noch die der Jugendlichen, dass Mädchen in Schule oder Uni noch benachteiligt werden. Im Beruf ja, aber in der Schule nicht. Obwohl Studien darauf hin­weisen, dass einige Lehrer noch geschlechts­spezifische Vor­ur­teile haben.

Auch andere Fragen jenseits von #MeToo hat das ifo-Bildungs­baro­meter abgefragt. Interessant ist besonders, wie leistungs­orientiert Jugendliche die Schule haben wollen. Sie befür­worten mehr­heitlich Schul­noten und das Sitzen­bleiben. Sie wollen bundes­weite Abschluss­prüfungen und ein­heitliche Vergleichs­tests. Hier ist die Zustimmung unter den Erwachsenen zwar noch deutlicher – aber die Tendenz ist die gleiche.

Ganz anders verhält es sich mit Ganz­tags­schulen. Eltern schätzen es, wenn ihre Kinder betreut sind, während sie arbeiten. Jugendliche fürchten wahr­schein­lich um ihre Frei­zeit – die Mehrheit will jeden­falls nicht, dass Ganz­tags­schulen weiter aus­gebaut werden.

Und noch einen Unterschied gibt es. Während die Erwachsen der Digitalisierung noch gespalten gegen­über­stehen, können sich Jugendliche vor­stellen, fast die Hälfte ihrer Zeit selbst­ständig vor dem Computer zu lernen und mit ihren Lehrern digital zu kommunizieren. Sie wünschen sich außerdem eher eine bessere Aus­stattung der Schulen als kleinere Klassen.

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