Gewaltprävention : Martinschule Greifswald: „Bei uns wird nichts vertuscht“

Die Martinschule in Greifswald ist Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises 2018 – die Jury lobte besonders deren vorbildlichen Umgang mit Inklusion. Fast 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen sonder­pädagogischen Förder­bedarf. Eine der großen Heraus­forderungen der Martinschule ist es, sich mit Konflikten auseinander­zusetzen, die durchaus auch körperlich werden können. Wie die Schule damit umgeht und was ist, wenn mal ein Haus­schuh durchs Klassen­zimmer fliegt, erklärt Schulleiter Benjamin Skladny im Interview.

Antje Tiefenthal / 01. Juni 2018
An der Martinschule starten alle Schüler und Schülerinnen mit einem gemeinsamen Frühstück in den Tag.
An der Martinschule starten alle Schüler und Schülerinnen mit einem gemeinsamen Frühstück in den Tag.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Deutsches Schulportal: Gewalt und Konflikte an Schulen sind ein brand­aktuelles Thema. Mit welchen Formen von Konflikten muss sich die Martinschule Greifswald auseinander­setzen?
Benjamin Skladny: Wir sind eine ganz „normale“ Schule mit ganz normalen Heraus­forderungen. In den oberen Klassen beschäftigen uns Themen wie Essstörungen bei Mädchen – wie möglicher­weise an anderen Schulen auch: Erst fangen zwei, drei Mädchen an, dann ahmen sie Schüler­innen aus anderen Klassen nach. Auch Drogen­probleme spielen eine Rolle. Keine harten Drogen, aber Haschisch oder ähnliches. Typische Rangeleien zwischen Kindern gehören natürlich auch dazu. Wenn zwei Schüler oder Schüler­innen unter­schiedlicher Meinung sind oder sich ein Kind benachteiligt fühlt, geht das relativ schnell.

Mehr zum Thema

  • Das Evangelische Schulzentrum Martinschule Greifswald entwickelte sich in den vergangenen 25 Jahren aus einer „Schule zur individuellen Lebens­bewältigung“ für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen in der geistigen Entwicklung zu einer „Schule für alle“.
  • In der Laudatio für den Deutschen Schulpreis 2018 heißt es über den Hauptpreisträger: „Die Martinschule steht hoffnungs­stiftend für eine inklusivere Gesellschaft.“
  • Hier geht es zum ausführlichen Porträt der Martinschule: http://schulpreis.bosch-stiftung.de

Die Martinschule ist den Weg der umgekehrten Inklusion gegangen: Einst war sie eine Schule für Kinder mit geistigen Behinderungen, heute ist sie eine „Schule für alle“. Was bedeutet das für die Konfliktsituation?
Bei uns lernen Kinder, die sich aufgrund ihres Handicaps nicht immer unter Kontrolle haben und nicht wissen, wohin mit ihrer nicht ausgelebten Aggression. Einige Schüler­innen und Schüler neigen zu Aggressivität. Was macht man mit solchen Kindern? Von der Schule verweisen? Nein! Wir versuchen, jedes Kind mit­zunehmen. Gleich­zeitig muss dieses Kind verstehen, dass aggressives Verhalten nicht in Ordnung ist. Das ist eine Grat­wanderung, die nie zu 100 Prozent klappt. Viele unserer Schüler­innen und Schüler reagieren in solchen Situationen super. Wenn sie sehen, ihr Klassen­kamerad zieht sich jetzt einen Haus­schuh aus, dann wissen sie: Der fliegt gleich durch die Luft. So blöd das jetzt klingt, aber sie ducken sich dann und arbeiten weiter.

Das klingt tatsächlich etwas seltsam …
Ja. Aber das bedeutet, dass sie nicht anfangen, den Hausschuh-Werfer zu verprügeln oder zu beleidigen, weil sie wissen, dass es manchen Kindern in ihrer Klasse schwerfällt, sich anders auszudrücken. Natürlich wird solch ein Vorfall trotzdem unmittelbar bearbeitet.

Aggressives Verhalten wird nicht geduldet

Und wie geht das Kollegium damit um?
Die Kolleginnen und Kollegen nehmen diese große Herausforderung an. Sie haben einen langen Atem – manchmal einen zu langen Atem. Einige nehmen Dinge hin und sagen: Dann hat der mich halt dreimal getreten und mir Schimpf­wörter an den Kopf geworfen. Dann muss ich mich als Schul­leiter einmischen und sie darauf hinweisen, dass solch ein Verhalten nicht zu akzeptieren ist. Deshalb reflektieren wir diese Situationen und versuchen, das Verhalten abzustellen. Wir dürfen keine Duldsamkeit erreichen.

Warum ist das so wichtig?
Ganz einfach: Andere Menschen haben unsere Toleranz vielleicht nicht. Da kriegt die Schülerin oder der Schüler dann einen vor den Bug geknallt und wird abgelehnt oder ausgegrenzt. Wir müssen dazu beitragen, dass die Kinder und Jugendlichen auch außerhalb der Schule anwenden können, was sie hier im geschützten Raum mit uns schaffen. Trotzdem kommen wir manchmal an unsere Grenzen. Das ist einfach so! Wenn wir es allein nicht schaffen, holen wir uns Unterstützung von Psychologen, vom Jugendamt oder von der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Unser Ziel ist es, gemeinsam Lösungen zu finden, und nicht, gemeinsam Strafen zu verhängen.
Benjamin Skladny, Schulleiter der Martinschule Greifswald

Intensiver Austausch zwischen Schule und Eltern

Welche Rolle spielen die Eltern dabei?
Wir sind auf eine enge Zusammenarbeit mit ihnen angewiesen. Wir halten uns an einen festgelegten Prozess, dazu gehört unter anderem die genaue Dokumentation, Gespräche mit allen Beteiligten und ein regelmäßiger intensiver Austausch. Unser Ziel ist, gemeinsam Lösungen zu finden, und nicht, gemeinsam Strafen zu verhängen. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mit aggressivem Verhalten wie Treten oder Beißen auf Situationen im Schull­alltag reagiert, müssen wir gemeinsam den richtigen Weg finden.

Was passiert, wenn ein Konflikt sich nicht verhindern lässt?
Das kann trotz aller Prävention, regelmäßigen Mitarbeiter­schulungen und Deseskalations­training immer wieder mal passieren. Zunächst versuchen wir, den oder die Betroffene aus dem Setting zu nehmen und ihn oder sie zu beruhigen. Bei uns gilt die Devise „Störungen haben immer Vorrang“!

Können Sie das genauer erklären?
Das bedeutet, dass wir eben nicht warten. Wir haben im Schulalltag zeitlich terminierte Möglichkeiten, einen Konflikt zu lösen. Das sind in erster Linie der tägliche Morgen- und Abschluss­kreis. Die Kinder können in der Gemeinschaft ihre Befindlich­keiten äußern und mit­hilfe der Lehrkraft Probleme ansprechen und Lösungen suchen. Wenn aber etwas im Laufe des Schultags passiert – etwa, wenn Schüler beim Fußballspielen in der Pause aneinandergeraten –, dann nützt es überhaupt nichts, danach mit dem Unterricht weiterzumachen. Das Problem muss unmittelbar auf­gearbeitet werden. Die Lehrkraft zieht sich erst mal mit dem Kind zurück – sie besprechen sich, damit das Kind sich beruhigen kann. Wir werden im kommenden Jahr übrigens einen Time-out-Raum einrichten. Nicht weil wir so viele Konflikte haben, sondern einfach deshalb, weil wir denken, ein eigens dafür eingerichteter Raum ist eine noch bessere Lösung.

Das heißt, im Zweifel muss die Mathearbeit warten?
Ja, zur Not verschieben wir den Test. Nur Abi-Prüfungen würde ich von dieser Regelung ausnehmen, aber ich habe auch noch nicht erlebt, dass das mal zur Debatte stand.

Der Morgen- und der Abschlusskreis gehören zu den festen Ritualen an der Martinschule.
Der Morgen- und der Abschlusskreis gehören zu den festen Ritualen an der Martinschule. Sorgen und Probleme können die Kinder dann direkt ansprechen.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Kein Unterrichtsausfall: Kollegium springt kurzfristig ein

Was passiert währenddessen mit den unbeteiligten Kindern?
Das Klären solcher Situationen kann natürlich eine halbe Stunde oder länger dauern, aber das ist nicht schlimm. Der Unterricht geht dann selbst­verständlich weiter. Wir reagieren schnell, lassen Unterrichts­phasen vertreten oder sortieren neu. Andere Lehr­kräfte springen ein, die die Kinder kurz­fristig mit den Nachbar­klassen oder -Teams vernetzen oder sie beim selbstständigen Arbeiten betreuen.

Welche Methoden haben Sie installiert, um innerhalb des Kollegiums möglichst gut mit Konflikten umzugehen?
Wir arbeiten mit verschiedenen Verfahren, die auch an anderen Schulen gängig sind. Ein Beispiel ist die kollegiale Fallberatung, die zweimal jährlich in unseren Konferenz­plänen steht. Eine Kollegin oder ein Kollege stellt dabei eine Situation vor, die wir gemeinsam beraten. Wenn nötig, können wir diese Fall­beratung sehr schnell spontan durchführen. Denn es ist wenig sinnvoll, damit ein halbes Jahr zu warten. Wir müssen zügig handeln. Das gilt für die Schüler­schaft genauso für das Kollegium. Außerdem haben wir die Möglichkeit der Super­vision. Gibt es Bedarf, wendet sich die Kollegin oder der Kollege an die Schul­leitung, und wir versuchen, schnellst­möglich einen Supervisor zu uns zu holen.

Fast die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen an der Martinschule haben sonderpädagogischen Förderbedarf.
Fast die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen an der Martinschule haben sonderpädagogischen Förderbedarf. Für ihren vorbildlichen Umgang mit Inklusion ist die Greifswalder Schule mit dem Deutschen Schulpreis 2018 ausgezeichnet worden.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Geheime Sorgen sind in der Kummerbox gut aufgehoben

Und welche Möglichkeiten haben die Schülerinnen und Schüler?
Mediation ist ein großes Thema für uns. Kinder werden seit einigen Jahren zu Konflikt- und Mediations­helfern ausgebildet, und die Lehrkräfte unter­stützen sie dabei. In den Klassen­stufen fünf bis sieben gibt es außerdem Sozial­kompetenz­tage. Dabei lernen die Kinder in Rollen­spielen die Perspektive des anderen kennen und diskutieren gemeinsam Lösungs­strategien. Wer sich trotz aller Ehrlich­keit und Offen­heit nicht traut, seine Sorgen anzusprechen, kann diese anonym der Kummerbox mitteilen.

„Offenheit“ ist ein gutes Stichwort …
Genau. Denn egal, wie schlimm der Konflikt ist – es wird bei uns nichts vertuscht. Wir gehen transparent und offen damit um. Natürlich erzählen wir nicht jedem Unbeteiligten alles, wir halten uns selbst­verständlich an den Daten­schutz. Es darf aber nicht weggesehen werden.

Trotzdem ist das sicher kein leichtes Unterfangen.
Richtig. So schmerzhaft dieser Prozess vielleicht ist – weil dann alle sagen: „Und so was gibt es an der Martinschule?“ –, es hilft nichts. Es kann immer geschehen – auch bei uns! Es gibt Konflikte, es passieren Gewalt­aus­brüche. Ich kann sagen: Ja, Konflikte sind ein Thema für uns, immer wieder! Aber wir sind auf einem guten Weg. Wir bearbeiten das gemeinsam.

Auf einen Blick

• Mit der Verleihung des Deutschen Schulpreises 2018 an das Evangelische Schulzentrum Martinschule in Greifswald ist die Bewerbungs­phase für die Auszeichnung im kommenden Jahr gestartet.
• Ab sofort – und noch bis zum 15. Oktober – können sich Schulen für den mit 270.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2019 bewerben.
• Alle Informationen über die aktuelle Ausschreibung gibt es auf der Website des Deutschen Schulpreises: http://schulpreis.bosch-stiftung.de

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