Gewalt an Schulen : Beschimpft und angegriffen: Eine Lehrerin berichtet

Nach jahrelangem Rückgang steigt die Zahl der gemeldeten Gewalttaten an vielen Schulen laut Polizeistatistik wieder an. Eine Lehrerin berichtet anonym von drastischen Missständen.

Florentine Anders / 07. Mai 2018
Die Zahl der gemeldeten tätlichen Auseinandersetzungen steigt an vielen Schulen.
Die Zahl der gemeldeten tätlichen Auseinandersetzungen steigt an vielen Schulen.
©iStock

Die Aggressionen gehen oft von den Eltern aus

Rita S. arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Lehrerin an einer Grundschule in einer mittelgroßen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Seit einiger Zeit fühlt sie sich in der Schule nicht mehr sicher. Sie berichtet von Übergriffen auf Lehrkräfte, von pöbelnden Eltern und von einer verrohten Sprache bei den Kindern.

Erst kürzlich machte die Spreewald-Grundschule im Berliner Stadtteil Schöneberg Schlagzeilen, weil die Schulleiterin auf eigene Faust einen Sicherheitsdienst engagiert hatte. Kurz darauf erhielt auch die Spandauer B.-Traven-Gemeinschaftsschule einen Wachschutz, nachdem der Schulleiter von zwei schulfremden Teenagern körperlich bedroht und geschubst worden war. In einer Millionenmetropole wie Berlin sind solche Fälle nicht neu. In Berlin-Neukölln haben acht Schulen seit vielen Jahren einen Sicherheitsdienst. Doch auch in anderen Bundesländern berichten Lehrerinnen und Lehrer von ähnlichen Angriffen, selbst in vergleichsweise kleinen Städten.

Auch Lehrerin Rita S. würde einen Wachschutz an ihrer Grundschule begrüßen. Sie will weder den Ort noch den Namen ihrer Schule nennen. Probleme wie die an ihrer Schule würden von der Verwaltung eher unter der Decke gehalten, damit der Ruf der Schule nicht beschädigt werde.

Dabei könne ihre Schule sich eigentlich sehen lassen. Das Kollegium sei engagiert und personell gut ausgestattet. Es gebe Sonderpädagogen und Sozialarbeiter, zudem arbeite die Schule eng mit sozialen Einrichtungen im Kiez und mit der Polizei zusammen. Lange Zeit schien das Präventionskonzept aufzugehen. Doch in den vergangenen drei Jahren habe sich das Blatt gewendet.

Kinder von schulfremden Personen aus dem Unterricht gezerrt

Was hat sich verändert? „Das Problem sind nicht die Schülerinnen und Schüler, sondern die Eltern“, sagt die Lehrerin. Ihre Schule liegt in einer der Plattenbausiedlungen, wie sie in der DDR typisch waren. Günstige Mieten und Leerstand führten dazu, dass nach der Wende hier vor allem Arbeitslose die Wohnungen mieteten. „Wer es sich leisten konnte, zog weg“, erzählt Rita S. Später wurden in den leer stehenden Wohnungen Zuwandererinnen und Zuwanderer und Geflüchtete untergebracht. „Das ergibt eine gefährliche Mischung“, sagt die Lehrerin. Immer häufiger entstanden Streitereien und Konflikte zwischen den Gruppen verschiedener Herkunft im Viertel. Und diese Konflikte werden nun zunehmend in die Schule getragen.

Manchmal seien es auch nur aufgebauschte Gerüchte aus dem Stadtteil, die dann zur Eskalation im Schulhaus führen. „Es kommt vor, dass Eltern im Schulgebäude andere Eltern zur Rede stellen und handgreiflich werden“, sagt Rita S. Auch Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Viertel, die gar keine Kinder an der Schule haben, würden in das Gebäude stürmen, um vor Ort Konflikte, an denen vermeintlich Schülerinnen oder Schüler beteiligt waren, auszutragen. Es sei sogar schon vorgekommen, dass Schülerinnen und Schüler von schulfremden Personen einfach aus dem Unterricht gezerrt wurden.

Es kommt vor, dass Eltern im Schulgebäude andere Eltern zur Rede stellen und handgreiflich werden.
Rita S., Grundschullehrerin in Mecklenburg-Vorpommern

„Wenn sich dann Lehrkräfte einmischen, werden sie übel beschimpft oder sogar körperlich angegriffen“, sagt die Lehrerin. Die Schülerinnen und Schüler würden sich das respektlose Verhalten von den Erwachsenen abgucken, dadurch sinke auch insgesamt die Hemmschwelle für Gewalt an der Schule. Ausdrücke wie „Schlampe“ gegenüber Lehrerinnen seien keine Seltenheit, sogar Drohungen wie „Ich bring dich um!“ würden ausgesprochen.

In Niedersachsen stiegen die registrierten Schulstraftaten um 32 Prozent

Die Wahrnehmung von Rita S. deckt sich mit der Statistik der Polizei. Ende April meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass mehrere Bundesländer für 2017 einen spürbaren Anstieg von Gewalt und Kriminalität registrierten. Das überraschte, denn über viele Jahre waren die Gewaltvorfälle an der Mehrzahl der deutschen Schulen rückläufig. Bundesweite Zahlen will das Bundeskriminalamt demnächst vorlegen, doch einzelne Bundesländer haben bereits ihre Statistik veröffentlicht.

So stieg im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen die Zahl der registrierten Straftaten an Schulen im Vergleich zum Vorjahr um fast 5 Prozent auf 22.900 an. Die Zunahme war laut Landeskriminalamt vor allem auf Gewaltdelikte zurückzuführen, während Fälle von Diebstahl sogar zurückgingen.

In Niedersachsen stiegen die Schulstraftaten im Vergleich zum Vorjahr sogar um 32 Prozent. Besonders hoch war der Anstieg bei den Körperverletzungen mit plus 29 Prozent. In Baden-Württemberg gab es bei der Schulkriminalität ein Plus von 5 Prozent, und auch in Schleswig-Holstein, Brandenburg und Thüringen erhöhte sich die Zahl der gemeldeten Straftaten an Schulen.

Eine Erklärung für den Wiederanstieg der registrierten Gewaltvorfälle an Schulen gibt es von den Landeskriminalämtern noch nicht. Möglich ist nach Angabe von Expertinnen und Experten, dass auch ein verändertes Meldeverhalten der Schulen dafür mitverantwortlich ist und die Polizei schneller eingeschaltet wird.

Grundschule wird zum Schutz nach Unterrichtsbeginn verriegelt

Die Grundschullehrerin Rita S. fühlt sich allein nicht mehr in der Lage, bei handfesten Auseinandersetzungen zwischen ihren Schülern einzuschreiten. Bereits Zehnjährige könnten in der Wut viel Kraft entwickeln, sagt sie. Und nicht selten seien Gegenstände wie Stöcke oder Scheren mit im Spiel. Obwohl es eigentlich vom Dienstherr verboten sei, trage sie auch im Klassenraum immer ihr Handy bei sich, um im Notfall schnell Hilfe rufen zu können. Nach den jüngsten Übergriffen eines Elternteils sei die Schule nun nach Unterrichtsbeginn geschlossen. Besucherinnen und Besucher müssten klingeln und würden dann vom Sekretariat eingelassen. „Das ist schade, denn damit nehmen wir auch den Eltern, die an der Entwicklung ihrer Kinder interessiert sind, die Chance, ohne Hemmschwelle mit den Lehrerinnen und Lehrern in Kontakt zu bleiben“, sagt die Lehrerin.

Zahlen und Fakten

Mehrere Bundesländer registrierten in den Landeskriminalämtern 2017 laut Deutscher Presse-Agentur einen Anstieg von Gewalt und Kriminalität an Schulen:

  • In Nordrhein-Westfalen beispielsweise stieg die Zahl der gemeldeten Straftaten an Schulen im Vergleich zum Vorjahr um fast 5 Prozent auf 22.900 an.
  • In Niedersachsen stiegen die Schulstraftaten im Vergleich zum Vorjahr sogar um 32 Prozent. Besonders hoch war der Anstieg der gemeldeten Körperverletzungen mit plus 29 Prozent.
  • In Baden-Württemberg gab es bei der Schulkriminalität ein Plus von 5 Prozent.
  • In Brandenburg gab es eine Zunahme der gemeldeten schweren Körperverletzungen an Schulen um 44 Prozent.
  • Thüringen registrierte 2202 Straftaten an Schulen. Das waren 157 mehr als im Vorjahr.
  • In Bayern gab es 8356 Fälle von Schulgewalt, 540 mehr als im Vorjahr.
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