Dieser Artikel erschien am 26.11.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Matthias Kohlmaier

Überstunden-Ausgleich : Geld statt Erholung

Weil wegen des Lehrermangels ein Freizeitausgleich unmöglich ist, kauft Sachsen-Anhalt seinen Lehrkräften ihre Überstunden ab. Andere Bundesländer haben ähnliche Probleme.

Deutschlandweit leisten viele Lehrkräfte regelmäßig Überstunden.
Deutschlandweit leisten viele Lehrkräfte regelmäßig Überstunden.
©dpa

Überstunden macht jeder Arbeitnehmer hin und wieder, das gehört zum Berufsalltag. Genauso gehört gewöhnlich dazu, dass diese Überstunden abgefeiert werden, sobald etwas weniger zu tun ist. Bei Lehrkräften sieht das anders aus. Denn selbst wenn Frau Schmidt eine Menge Mehrarbeit angesammelt hat, kann sie sich nicht einfach so zum Ausgleich Freizeit gönnen, weil sonst die 8b am Freitag um 11.30 Uhr keinen Chemieunterricht bekäme.

Das Thema Arbeitszeit ist für Deutschlands Lehrkräfte schon eine Weile ziemlich relevant. Denn die meisten von ihnen arbeiten mehr als sie müssten. Weil die Politik darauf kaum reagiert, verklagen zum Beispiel in Niedersachsen derzeit mehrere Lehrkräfte mit der Unterstützung der Lehrergewerkschaft GEW ihren Dienstherrn. Das ist nachollziehbar, wenngleich besagter Dienstherr auch nicht in allen Fällen ad hoc etwas gegen die hohe Arbeitsbelastung der Pädagogen tun kann.

Das liegt am Lehrermangel, mit dem sich Schulen und Bildungspolitiker herumschlagen müssen. Den haben Letztere durch eine nicht sehr vorausschauende Einstellungs- und Ausbildungspolitik zwar mitzuverantworten, das hilft der Chemielehrerin Frau Schmidt aber natürlich wenig. Denn solange es nicht genug Lehrkräfte gibt, haben die verbliebenen kaum Gelegenheit, ihre angesammelten Überstunden abzubauen. Sachsen-Anhalt versucht nun, die Situation ein wenig zu entspannen. Das Bundesland will seinen Lehrkräften ihre Überstunden quasi abkaufen.

Das soll so funktionieren: Lehrkräfte, die mehr als 80 Überstunden angesammelt haben, haben das Angebot erhalten, jede Stunde Mehrarbeit jenseits der 80 finanziell abgegolten zu bekommen. Im Gegenzug verzichten die Pädagogen auf den ihnen zustehen Freizeitausgleich. Die GEW ist von diesem Vorschlag wenig begeistert. Nicht nur sei der pro Überstunde angebotene Betrag zwischen 23 und 33 Euro – je nach Schulform – viel zu niedrig. Auch sei der Freizeitausgleich gerade für die stark belasteten Kollegen viel wichtiger. „Sich mit dieser Billiglohn-Strategie aus der Verantwortung für sein Personal freizukaufen, kann nicht die Lösung sein. Sie schadet den Kollegien an den Schulen, lässt jeden Fürsorgegedanken vermissen und treibt insbesondere die Zahlen der langzeiterkrankten Kolleginnen und Kollegen weiter nach oben“, sagte Sachsen-Anhalts GEW-Vorsitzende Eva Gerth.

Bei den betroffenen Lehrkräften jedoch scheint das Angebot Gehör zu finden. Von den 500 Pädagogen mit mehr als 80 Überstunden hat sich etwa die Hälfte für die Variante „Geld statt Freizeit“ entschieden, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Dennoch nimmt das Ministerium die Kritik der GEW offenbar an. Der Finanzausschuss habe beschlossen, so der Sprecher weiter, dass von 2019 an sämtliche Überstunden von der ersten an aus dem Personalbudget finanziert werden sollen. Die Lehrkräfte dürfen aber weiterhin frei wählen, ob sie einen finanziellen oder Freizeitausgleich für ihre Mehrarbeit wünschen. Außerdem sollen die von der Gewerkschaft als zu niedrig kritisierten Stundensätze „spürbar und deutlich“ ansteigen, heißt es aus dem Ministerium in Magdeburg.

„Ich mache für die Schüler Überstunden, nicht für mein Bankkonto“

Da mittelfristig kaum genügend Lehrkräfte zu finden sein werden, um die Schulen so auszustatten, dass entweder weniger Überstunden anfallen oder diese wenigstens mit Freizeit ausgeglichen werden können, bleibt der Schritt in Sachsen-Anhalt eine Notlösung. Derweil haben fast alle Bundesländer mit ganz ähnlichen Problemen zu kämpfen. Der grundsätzliche Umgang mit Überstunden von Lehrkräften ist dabei vielerorts recht ähnlich geregelt.

Als Überstunde ist gewöhnlich jede gehaltetene Unterrichtsstunde definiert, die über das veranschlagte Kontingent hinausgeht. Je nach Schulform und Bundesland halten Deutschlands Lehrer zwischen 22 und 28 Wochenstunden. Zumeist erwartet die Politik von den Lehrkräften dabei eine gewisse Bereitschaft zu Überstunden, etwa wenn sie für erkrankte Kollegen einspringen müssen. Ob in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg – bis zu drei zusätzlich zum eigentlichen Deputat gehaltene Unterrichtsstunden pro Monat sind per Gesetz mit der normalen Besoldung abgegolten.

Fallen mehr Überstunden an, sollen diese alsbald mit Freizeit ausgeglichen werden. Weil das nicht nur in Sachsen-Anhalt der angespannten Personalsituation wegen nicht klappt, schreibt etwa das NRW-Schulministerium auf Anfrage: Da Freizeitausgleich „im Schuldienst in der Regel nicht möglich ist, weil dadurch Unterrichtsausfall an anderer Stelle verursacht würde, wird Mehrarbeit überwiegend vergütet“. Ähnlich verhält es sich in den anderen Bundesländern.

Wer allerdings bei Lehrkräften nachfragt, bekommt sinngemäß meist zur Antwort: Natürlich fallen viele Überstunden an. Danach freinehmen ist unmöglich und ein Antrag auf finanziellen Ausgleich extrem bürokratisch. Oder wie es eine Lehrerin aus Baden-Württemberg formuliert: „Ich mache für die Schüler Überstunden, nicht für mein Bankkonto.“

Interessant dabei: Wenn Lehrkräfte Klassenfahrten organisieren und begleiten, wenn sie viele Elterngespräche und Korrekturen zu erledigen haben, wenn Konferenzen und die Zeugniserstellung anstehen, müssen sie damit zurechtkommen. „Diese dienstlichen Aufgaben stellen keine Mehrarbeit dar“, schreibt das Ministerium in NRW. Und zwar egal, wie viel Zeit die Pädagogen dafür zusätzlich zu Vor- und Nachbereitung des laufenden Unterrichts investieren müssen.

Dass solche Regelungen den Lehrberuf kaum attraktiver machen, weiß man gewiss auch im Kultusministerium in Sachsen-Anhalt. Vielleicht versucht man dort auch deshalb, den hiesigen Lehrkräften zumindest mit maximaler Aufrichtigkeit zu begegnen. „Es bringt ja auch nichts, wenn wir Lehrkräften versprechen, dass sie ihre Überstunden abgleiten dürfen – im nächsten Schuljahr ist dann die Personalsituation aber weiterhin angespannt und ein Freizeitausgleich unmöglich. Das ist einfach eine Frage der Ehrlichkeit“, sagt der Sprecher des Ministeriums. Und: „Wenn Freizeitausgleich schon nicht möglich ist, sollen die Lehrkräfte zumindest finanziell von ihrer Mehrarbeit profitieren.“

Im vergangenen Schuljahr haben die etwa 16.000 Pädagogen Sachsen-Anhalts in Summe übrigens 220.000 Überstunden angehäuft.

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